Der kleine Hobbit auf großer Reise

von Selina Juliana Sauskojus

Peter Jacksons erster Teil der Hobbit-Trilogie muss nach dem Erfolg des Herrn der Ringe erst einmal beweisen, dass er dem vorab zugeschriebenen Kultstatus standhalten kann. Das ganze mit mehr Technik, mehr Opulenz und – mehr Zwergen.

Hausfriedensbruch mit abenteuerlichen Folgen

Bilbo Beutlin (Martin Freeman) führt ein beschauliches Leben in seiner Hobbithöhle im Auenland. Bis zu dem Tag, an dem eine Horde Zwerge in sein geruhsames Heim eindringt, dieses verwüstet und dem kleinen Pfeifenraucher dann noch eröffnet, dass er nun zu einem Abenteuer aufzubrechen habe. Der frisch gekürte Meisterdieb, der so gar nicht auf Abenteuer aus ist, soll die dreizehn anwesenden Zwerge und den Zauberer Gandalf (Ian McKellen) begleiten, um den Einsamen Berg zurückzugewinnen.
Ehe Bilbo sich versieht, muss er sich mit Trollen, Orks und Goblins rumschlagen – und Gollum (Andy Serkis), einem alten Bekannten aus der Vorgänger-Trilogie.

Braucht man das wirklich?

Geplant war ursprünglich, dass sich Guillermo del Toro (Pans Labyrinth, Hellboy) in den Regiestuhl setzt. Doch aufgrund des ständigen Drehaufschubs räumte er den Posten und überließ das Feld Peter Jackson. Dieser kündigte an, es werde drei Teile geben.
Kritiker stellten im Vorfeld die Frage: braucht man wirklich drei Teile, um das doch sehr dünne Buch „Der Hobbit“ zu erzählen? Es roch nach Überambition, nach einem Film, der gedreht wurde um Geld zu machen. Doch Peter Jackson als größter aller Mittelerde-Fans nimmt die Vorlagen ernst und nutzt die knapp drei Stunden des ersten Films, um seine Fans mit allen technischen und erzählerischen Raffinessen zu begeistern.

Um seine Tolkien-Verfilmungen abzurunden, beschloss der gebürtige Neuseeländern den dritten Teil der Hobbit-Trilogie als Bindeglied zwischen dem Hobbit und dem Herrn der Ringe zu nutzen. So einfach wurde ihm dies aber nicht gemacht. Da es ihm aus rechtlichen Gründen nicht möglich war, den Stoff des Buches „Silmarillion“ zu nutzen, mussten die Drehbuchschreiber kreativ werden. Deutlich wird diese Gratwanderung, als Gandalf Bilbo von den fünf großen Zauberern erzählt. So nennt er sich selbst, Saruman und Radagast sowie zwei blaue Zauberer, deren Namen er anscheinend vergessen hat. Der Grund für Gandalfs Vergesslichkeit liegt hauptsächlich darin, dass die beiden blauen Zauberer im Silmarillion Erwähnung finden, nicht jedoch im Stoff, der für den Film freigegeben war. Ein dramaturgischer Stolperstein ist dies jedoch nicht, eher ein charmanter Seitenhieb auf jene, die die Rechte am Silmarillion nicht herausrücken wollten.

Eine kreative Leistung war ebenfalls die Einführung des Antagonisten Azog. Dieser nimmt in der Buchversion kaum Raum ein. Im Film sorgt die Figur, die nach einer Niederlage in einer Schlacht auf Rache an Zwergenfürst Thorin Eichenschild aus ist, für Spannung und den nötigen Drive. Zusätzlich beschert sie dem Zuschauer die opulentesten Schlachtszenen, die man je gesehen hat. Die Schlacht in Moria, eine Zwischensequenz, um den Konflikt zwischen den Kontrahenten zu erklären, wird zu einem visuellen Erlebnis.

Erstaunlich ist prinzipiell die Art und Weise, wie die Schlachtszenen choreografiert sind. Vor allem die Befreiung der Zwerge aus der Hand der Goblins im Nebelgebirge macht dem Zuschauer so viel Spaß, dass man sich gar nicht satt sehen kann. Da sitzt jeder Schritt, jeder Schwert- oder Axtschlag. All dies in einem epischen Szenario, dem Goblin-Reich, das auf der Leinwand, nicht zuletzt Dank der High Frame-Technik, unendlich weitläufig wirkt.

Überraschend sind auch ganz neue Szenen, wie der Rat zwischen Elrond (Hugo Weaving), Galadriel (Cate Blanchett), Saruman (Christopher Lee) und Gandalf, in denen die Sprache auf ein heraufziehendes Grauen kommt. Wer den Herrn der Ringe kennt, weiß, um welches Grauen es sich handelt. Es ist also nicht nur Fan-Schmeichelei, die Peter Jackson hier antreibt, sondern immer wieder das Verknüpfen der beiden Geschichten.

Neue Gesichter, alte Bekannte

Nicht minder genau wie die Regiefrage, wurde die Zusammenstellung des Castes betrachtet. Es gelang Jackson sowohl frische Gesichter zu gewinnen wie auch altbekannte. Martin Freeman (bekannt aus Per Anhalter durch die Galaxis) bekam die Rolle des Bilbo Beutlin. Diese füllt er so gut aus, dass einem immer wieder ganz warm ums Herz werden mag, wenn er sich mal wieder gegen die sturen Zwerge behauptet – oder es zumindest versucht. Die Rolle des schusseligen Helden liegt dem Engländer einfach, das hat er schon in vorigen Rollen bewiesen. Die Reise des Hobbits manifestiert sich auch in dessen Charakter: Zu Beginn ist es die Naivität, die ihn auszeichnet, gepaart mit allen anderen Charaktereigenschaften, die ein Hobbit so hat. Die hat er am Ende des ersten Teiles auch noch, hinzu kommt allerdings eine gewisse Ernsthaftigkeit. Freemans Spiel führt dem Zuschauer diese Entwicklung vor Augen, uns zwar eine sehr subtile und liebenswerte Weise.

Auch die Leistungen der Zwergendarsteller, insbesondere von Richard Armitage (Thorin Eichenschild) sind bemerkenswert. Das Ensemble harmoniert, das sieht man sofort. Und jeder Darsteller verleiht seiner Figur Charakter. Dies ist im Buch leider nicht wirklich gegeben. So überrascht auch, dass es auch Zwerge gibt, die nicht so wie Gimli aussehen: Da gibt es blonde Zwerge, Zwerge ohne Bart und ja, man will es kaum für möglich halten, auch attraktive Zwerge.

Und immer wieder lockt die Technik

Im Hobbit verwendet Peter Jackson erstmals die sogenannte „High Frame“-Technologie. Ist der Zuschauer vor allem an 24 Bilder pro Sekunde gewöhnt, muss er sich nun umstellen auf 48 Bilder. Dies ist Neuland, nicht nur für die Produktion, sondern auch für den Kinogänger. Die Bildabfolge ist doppelt so schnell, dadurch entstehen viel schärfere Bilder. Der Zuschauer erkennt die feinen Linien auf dem Pergament, jede Falte im Gesicht des älteren Bilbos. Als absolut realitätsnah wird die neue Technik angepriesen, aber hyperreal trifft es  wohl eher.

In einem Fantasy-Blockbuster macht die Verwendung der neuen Technik definitiv Sinn. High Frame und 3D erzeugen schlichtweg eine Opulenz, die der Zuschauer bisher nicht gesehen hat. Dass man dabei auch visuell mehr bekommt, als man gewohnt ist, ist dem gesamten Genre zuträglich. Fraglich ist aber, ob die Technik nur ein Genre revolutionieren kann oder das gesamte Kino. High Frame kann vermutlich ohne 3D kaum wirken. Abseits von Fantasy oder Science Fiction wird die Technik einen schweren Stand haben. Die Zukunft der Technologie wird in den Blockbustern liegen, nicht im Erzählkino. Das ist kein Fehler, sondern eine Bereicherung.

Fast wie nach Hause kommen

Nach Veröffentlichung wurden viele kritische Stimmen laut: Eine unerwartete Reise käme nicht an den Vorgänger heran. Es sei alles zu fantastisch, zu opulent, zu kalkuliert. Doch Peter Jackson gelang das Kunststück, Mittelerde treu zu bleiben, und sich doch nicht selbst zu kopieren. Natürlich kennt man die Figuren. Natürlich hat man viele Schauplätze schon gesehen. Und natürlich kommt Der Hobbit nicht ganz so ernst daher wie Der Herr der Ringe. Doch all das lädt dazu ein, diese Welt wieder- und neu zu entdecken. Die Zwergenschar um Bilbo ist nicht weniger gut als die Gefährten um Frodo. Sie ist anders und doch so ähnlich, dass man sie liebgewinnen muss. Die kleinen Verweise auf die Zukunft Mittelerdes – ein dunkler Schrecken, der sich langsam hereinbricht, ein Saruman, dem man jetzt schon nicht recht trauen mag und natürlich der Ring und dessen Vorbesitzer – da ruckelt man schon aufgeregt auf seinem Kinosessel hin und her und freut sich, dass man doch ein Teil des Ganzen sein darf. Am Ende bleibt einem da nur noch ein zufriedenes: Ja, Mister Jackson, dafür wurde Kino gemacht.

 

THE HOBBIT – AN UNEXPECTED JOURNEY, Neuseeland, Vereinigtes Königreich, USA 2012 – Regie: Peter Jackson. Buch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro. Kamera: Andrew Lesnie. Mit: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Andy Serkis. 169 Minuten.

Foto: flickr.com/erjkprunczyk (CC BY-NC-SA 2.0)

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