Bastelanleitung für einen Katastrophenbericht

von Sandra Fuhrmann

Sie war eine wilde Lady, die Tod, Armut und Zerstörung hinterließ. Kaum zog der Wirbelsturm Sandy in Richtung New York, wirbelte er auch durch die Berichterstattung der internationalen Presse. Ein wenig vergessen blieb dabei Haiti, das bereits zwei Tage vor New York von dem Wirbelsturm heimgesucht wurde. Purer Zufall? Nein – vielmehr ein klassisches Beispiel für typische Mechanismen und Faktoren, die die Themensetzung in den Medien beeinflussen.

Ein Frankenstorm zu Halloween

Ein kleiner Rückblick zu den Medienberichten der letzten Wochen. Montag, 29. Oktober: Der Wirbelsturm Sandy trifft auf die Küste New Yorks. Bereits Tage zuvor wurde der „Frankenstorm“, groß in den amerikanischen Medien angekündigt. Prophezeiungen über die Störung  der Präsidentenwahlen und Halloween machten die Runde. „The next climate wake-up call?“, titelte die amerikanische Nachrichten-Website Politico am 24. Oktober. Als der Sturm dann auf die Ostküste der USA trifft, überbieten sich die Medien mit dramatischen Katastrophen-Berichterstattungen.

Die Süddeutsche berichtete im im Nachhinein, wie der ABC-Reporter Sam Champion den Beginn des Sturms unbehelligt im Süden von Manhattan verbringt, während sich sein Kollege Matt Gutman am Strand von North Carolina in einem Ganzkörperregenmantel in die Fluten stürzt. Für die US-Medien war der Sturm ein voller Erfolg. Er bescherte hohe Quoten und hohe Werbeeinnahmen.

Nur wenige Tage zuvor..

Während in den USA das große Bangen beginnt und über die Maßnahmen zur Vorbereitung auf die große Katastrophe berichtet wird, zieht Sandy ihre Spur durch die Karibik. Mindestens 69 Menschen kostet der Sturm in Kuba, Jamaika und Haiti das Leben. Durch Erdrutsche und Erdbeben stürzen Häuser ein und begraben die Bewohner unter sich. Besonders das vermutlich ärmste Land Mittel- und Südamerikas oder gar der Welt wird schwer getroffen: Sandy zerstört die Zeltstädte, die für die Opfer des Erdbebens vor zwei Jahren errichtet wurden. In Europa jedoch hören wir davon nur wenig. Zu sehr sind die Medien auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen und die befürchtete Verwüstung New Yorks konzentriert.

Als Sandy die Ostküste der USA hinter sich gelassen hat, wird auch hier das Ausmaß der Verwüstung deutlich: 102 Menschen verlieren ihr Leben. Der Sturm richtet einen Schaden von geschätzten 50 Milliarden US-Dollar an, zerstört Häuser, Stromnetze und mehr. Über mangelnde Berichterstattung aber kann sich hier niemand beschweren.

Auch die Philippinen werden in diesen Tagen nicht verschont: Am 28. Oktober werden die Inseln von einem Sturm heimgesucht, den es in dieser Stärke seit sieben Jahren nicht mehr gegeben hat. Son Tinh, ein Taifun der Stärke drei zieht schließlich weiter über Vietnam nach China. In den westlichen Medien wird jedoch nur wenig über Sandys großen Bruder berichtet. Alle Aufmerksamkeit gilt den USA.  Die sinkende Nachbildung der Bounty vor der US-Küste scheint quotengünstiger als leidende Asiaten. Aber warum ist das so?

Der Mythos ist schon länger tot

Versuch nicht, weiß zu schreiben„, so der Titel eines in diesem Jahr veröffentlichten Buchs von Charlotte Wiedemann. Die Journalistin kritisiert, wie Themen von Redaktionen gezielt aus Gründen den Quotensteigerung ausgewählt werden. In der Tat interessieren uns manche Themen einfach mehr ans andere. Die USA sind uns politisch und kulturell näher als Entwicklungsländer in der Karibik. New York interessiert uns mehr als der Vietnam. Flutwellen vor dem Hintergrund der Skyline einer Weltmetropole machen einfach mehr her als überschwemmte Zelte. Was wir in den Medien zu sehen, hören oder lesen bekommen ist weder Zufall noch ist es in Wahrheit objektiv. Dem Mythos der Objektivität im Journalismus kann dieser nicht gerecht werden – und vielleicht will er es auch gar nicht zur.

Schon früher haben sich Medientheoretiker mit diesem Problem befasst. So untersuchte schon Tobias Peucer im Jahr 1960 die Frage nach den Kriterien bei der Nachrichtenselektion. Derartige Überlegungen mündeten später in der Geschichte der Nachrichtenforschung in eine Nachrichtenwerttheorie. 1965 stellten Johan Galtung und Marie Holmboe Ruge dafür eine Liste von zwölf Selektionskriterien auf, die sie als Nachrichtenfaktoren bezeichneten. Zwei Beispiele für diese Faktoren sind etwa der Bezug zu Elite-Nationen, also Nationen, die im Weltgeschehen eine bedeutende Rolle einnehmen, oder die Konsonanz, also wie sehr ein Ereignis Erwartungen und Wünschen des Publikums entspricht. Spätere Theoretiker führten diese Gedanken weiter. Joachim Friedrich Staab schließlich bezog in die Überlegung mit ein, dass der Journalist bestimmten Ereignissen aktiv solche Selektionskriterien zuschreibt, um sie zu Meldungen verarbeiten zu können. Grund dafür ist, dass er sich bereits im Voraus die Folgen überlegt, die die Publikation einer Meldung haben wird. Erhofft er sich also gute Quoten von einem Ereignis, wird er dieses eher auswählen, um es zu publizieren.

Es sei an dieser Stelle nicht bestritten, dass es sehr wohl Unterschiede im Streben nach Objektivität bei unterschiedlichen Medienunternehmen geben mag. Und wollen wir das Wort Objektivität lieber einmal ausklammern, so kann man es Ausgewogenheit in der Berichterstattung nennen. Zudem ist es vielleicht etwas ungerecht, alles nur auf die Medien zu schieben. Es liegt nun einmal in der Natur von uns Menschen, dass wir bei bestimmte Wörtern eher einen zweiten Blick auf die Schlagzeile werfen, dass wir gewisse Bilder länger anschauen als andere und uns für manche Themen mehr interessieren, weil sie uns aus bestimmten Gründen mehr ansprechen. Hier also ein schönes Schlusswort von Bernd Hagenkord, dem Leiter der deutschsprachigen Sektion von Radio Vatikan in Rom: „Wenn die Menschen aufhören würden, die Geschichten von Kapitän Schettino zu lesen, dann würden die Medien sie auch nicht mehr bringen.“

 

Fotos: flickr/zokuga (CC BY-NC 2.0); flickr/un_photo (CC BY-NC-ND 2.0)

 

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