„Stereotypen werden unabsichtlich von den Medien bestärkt“

von Lina Heitmann

 

„Die Menschlichkeit sollte zuerst kommen.“ Professor Dr. Madhavi Reddy von der University of Pune ist dieses Semester als Rotating Chair of India, eine Gastprofessur durch die Indische Botschaft und den Indian Council of Cultural Relations, an der Universität Tübingen. Sie sprach mit media-bubble.de über ihr Seminar „Media & Morality“.

media-bubble.de: Sie sind seit einem Semester in Tübingen. Wie gefällt es Ihnen?

Madhavi Reddy: Gut, es gefällt mir mit den Studenten hier, und es läuft sehr gut in dem Kurs.

mb: Erzählen Sie uns von dem Kurs, er heißt „Medien und Moral“…

Madhavi Reddy: Ich fand es interessant zu sehen, wie die Medienethik und die Moral beim Medienkonsum zusammenkommen. Letzte Woche haben wir den Beispielfall WikiLeaks diskutiert und darüber gesprochen, wie wir WikiLeaks als eine moralische Kraft sehen können. Denn wenn man den gesamten WikiLeaks Fall anguckt, so wird er für manche Gruppen als Kampagne gegen die USA gesehen, weil viele Berichte gegen die USA waren. Auf der anderen Seite deckt es aber bestimmte Dokumente auf, was für jede demokratische Gesellschaft notwendig ist.

mb: Sehen Sie bei den Moralvorstellungen aus der deutschen Perspektive große Unterschiede zu Indien?

Madhavi Reddy: Ich betrachte Moral von einer Kultur zu einer anderen Kultur. Zum Beispiel sind die Filme in Indien komplett anders. Ich gucke hier hin und wieder deutsches Fernsehen, und der Content, der hier ausgestrahlt wird, ist vollkommen anders. Natürlich spielt die kulturelle Moral dabei eine Rolle. Die kulturelle Perspektive ist immer unterschiedlich. Gestern habe ich im deutschen Fernsehen eine Reality-Serie gesehen, wie ich sie mir niemals in Indien vorstellen könnte. Ein Mann kommt und bittet eine Frau um einen Gefallen, sie weist ihn zurück und wie sie ihn zurückweist ist im Prinzip die Reality-Serie.

mb: Wissen Sie welche Serie das war?

Madhavi Reddy: Ich weiß es nicht, sie spielte in Berlin, ich weiß den Namen wirklich nicht, aber diese Art von Serie könnte nie in Indien ausgestrahlt werden. Manche Probleme, die wir in Indien haben, sind vollkommen anders als in Deutschland, besonders in Bezug auf Ethik. Ich stelle das anhand von meiner persönlichen Erfahrung dar: In Indien kann ich nicht abends alleine einen Film in einer Spätvorstellung sehen, weil angenommen wird, dass eine Frau nicht alleine in eine Spätvorstellung gehen sollte. Sie würde nicht als sogenannte richtige “indische Frau” gelten. Aber hier in Deutschland wäre das glaube ich kein Problem, also ist es nicht nur der Content, sondern auch die Aktivität; der Medienkonsum kann auch als moralisch oder unmoralisch gesehen werden.

mb: Eine Zielsetzung Ihres Kurses ist, dass Studenten sich mit ihren persönlichen Glauben, Instinkten und Vorurteilen zum ethischen Umgang der Medien auseinandersetzen.

Madhavi Reddy: Ich betrachte Vorurteile im Sinne der typisierenden Natur der Medien, viele Stereotypen werden unabsichtlich von den Medien bestärkt. Mädchen sollten so sein, Jungs sollten so sein, oder ein “typisches” Verhalten von Männern wird gezeigt. Die Geschlechterrollen sind in indischem Content vorgeschrieben. Man kann nicht weggehen vom Stereotypischen. In den Soaps in Indien, besonders im Fernsehen, werden immer noch die Archetypen dargestellt. Der Glaube ist noch, dass die Frau das Zentrum der Familie ist, sie soll geduldig sein und so weiter. Die typischen Eigenschaften werden ihr zugeteilt und sie soll diese Rolle spielen. Wenn sie aus diesem typischen Rahmen fällt, dann wird sie als nicht-indische Art von Frau, als “un-Indian” gesehen. Diese Verhältnisse müssen verstanden werden, sowohl aus der indischen als auch aus der deutschen Perspektive.

mb: Glauben Sie, dass mit der Globalisierung und dem Internet, da Content in anderen Ländern einfacher verfügbar wird, solche unterschiedlichen Moralvorstellungen sich mehr und mehr aufheben werden?

Madhavi Reddy: Ich stimme Ihnen zu, was Content-Verfügbarkeit angeht. Heutzutage hat jeder weltweit Zugang zu vielen Arten von Content. Aber wenn ich das Beispiel Indien nehme, hat nur die jugendliche städtische Bevölkerung einen Internetzugang. Ein kleiner Anteil der städtischen Bevölkerung hat also Zugang zum Internet. Dort ist die Informationsflut noch ein neues Phänomen, Jugendliche machen verschiedene social networking Profile auf, es ist noch eine Anfangsphase, eine aufregende Phase. Die neuen Nutzer können noch nicht über die Ethik urteilen, sie gehen erst einmal begeistert mit dem Informationsflow, der ihnen entgegenkommt, um.

mb: Es gibt doch auch in Indien junge Erwachsene, die mit amerikanischen Serien wie Friends aufgewachsen sind – wie beeinflusst globaler Content die kulturellen Moralvorstellungen?

Madhavi Reddy: Das stimmt, mit privaten Kanälen und Satellitenkanälen hat man nicht nur den indischen Content, sondern man hat auch Zugang zum globalen Content. Aber ein prozentual sehr kleiner Anteil der Menschen schaut den globalen Content, zum Beispiel Big Bang Theory sehen wenige Jugendliche in den indischen Metropolen, ein oder zwei Prozent. Friends war auf jeden Fall eine beliebte Serie, auch in Indien. Aber man kann sich in Deutschland kaum vorstellen was für eine Breite an Kanälen wir in Indien haben. Der Kabelfernsehkunde hat 450 Kanäle. In 450 Kanälen, ja, da hat man auch internationalen Content, aber man hat so eine breite Auswahl weil Indien ein sehr diverses Land ist. Jeder Staat hat seine eigenen offiziellen Sprachen und dazu auch jeweils Fernsehkanäle. Zum Beispiel lebe ich in einem Staat, der Andhra Pradesh heißt, wo man sieben Nachrichtenkanäle hat, die nur in Telugu ausgestrahlt werden, einer offiziellen Sprache. So können Sie sich vorstellen, wie es bei 28 Staaten ist. Man kann all diesen Content nicht wirklich ignorieren und nur den globalen Content sehen.

mb: Wenn wir annehmen, dass in Ihrem Kurs einige der Studenten Journalisten werden wollen, was wünschen Sie sich, das bei ihnen zur Ethik in den Medien hängenbleibt?

Madhavi Reddy: Ich sage nicht, dass Moral etwas ist, das man erst pflegen sollte sobald man Journalist wird. Moral ist sehr menschlich, etwas, das man als Mensch einfach hat. Man muss es als Mensch pflegen, sobald man für sich selbst verantwortlich ist, nicht erst wenn man in den Beruf geht. Solange man seine eigenen Moralvorstellungen hat, sollte die Abwägung der Konsequenzen von dem Menschen selbst, nicht von den professionellen Ordnungen, entschieden werden. Wie man selbstständig fühlt sagt mehr aus, als ein journalistischer Code; das funktionert nicht so gut.

mb: Also sollte jeder sich selbst regulieren?

Madhavi Reddy: Ja, Selbstregulierung ist der beste Weg.

mb: Wenn das immer funktioneren würde, dann bräuchte man ja keinen besonderen Pressekodex.

Madhavi Reddy: Wir haben das in dem Kurs auch am Beispiel des Fotojournalismus diskutiert. Das berühmte Foto mit dem Geier, das im Jahr 1994 den Pulitzer Preis gewonnen hat – wie hat der Fotograf das Bild gemacht, wenn das Opfer da liegt und zum Opfer eines Geiers wird? Ist es menschlich, das zu tun? Als Professioneller hatte der Fotojournalist Recht, er hat den Pulitzer gewonnen, aber er hat seine Glaubwürdigkeit als Mensch verloren. Die Menschlichkeit sollte zuerst kommen.

mb: Vielen Dank.

 

Das Interview wurde ursprünglich in englischer Sprache geführt. Übersetzung ins Deutsche: Lina Heitmann.

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