Kontrollverlust, der keinen schert

von Natascha Löffler

Nachrichten über Prism und die NSA überfluten seit langem die Medien. Fest steht: Der amerikanische Geheimdienst NSA hat direkten Zugriff auf Massen von Daten der großen Internet-Firmen, ermöglicht durch ihr Programm „Prism“. Das Ziel ist es, möglichst viel von dem mitzubekommen, was Menschen miteinander reden und austauschen; Kontrollverlust auf hohem Niveau. Doch die Aufregung von Politik und Nutzern ist gering.

 

Nicht nur die Internet-Firmen…

Google, die beliebteste Suchmaschine weltweit, liefert wohl nicht nur den Nutzenden, sondern auch der amerikanischen Regierung zuverlässig und schnell Massen an Ergebnissen und Informationen, die diese dankbar empfangen.

Doch diese Informationen und Daten sind nicht nur der NSA schnell zugänglich, sondern in einem gewissen abgeschwächten Rahmen auch dem Normal-Nutzer verfügbar.

„Where we once sent love letters in a sealed envelope, or stuck photographs of our children in a family album, now such private material is despatched to servers and clouds operated by people we don’t know and will never meet”, schreibt Freedland in seinem Beitrag zur aktuellen Debatte. Die Informationen verschwinden zum einen in den riesigen Datenspeichern der Firmen, zum anderen werden sie auch von uns völlig fremden Personen benutzt; wie, das weiß keiner. Die Folge: Kontrollverlust!

 

Out of control?

Seemann, einer der Verfechter dieses Phänomens, thematisiert in seinem Blog den zunehmenden Kontrollverlust über Daten und Inhalten im Internet – dem Einzelnen entgleitet die Kontrolle über Informationen, ohne dass dieser es überhaupt merkt. Gründe hierfür seien die sich immer weiter ausbreitende Masse an Daten, die sich durch die Vielzahl an Aufzeichnungssystemen verstärkt, die Agilität der Daten, begünstigt durch sinkende Transaktionskosten sowie die steigende Verknüpfbarkeit von Daten – der Algorithmus sortiert und selektiert effektiv.

Daten sind überall, umgeben uns. Keiner weiß genau, welche Daten und vor allem wie diese Daten von den Algorithmen, den Gatekeepern von heute, verarbeitet werden. Und nicht nur die Macht der Algorithmen ist für manche beängstigend, sondern der Verlust der Kontrolle über die eigenen Daten; denn wer genau ist derjenige, der nach mir im Internet sucht? Und wer benutzt meine Daten, vielleicht auch kommerziell?  Es ist nicht mehr entscheidend, an welchem Ort – oder in welcher Website – Informationen über mich stehen, sondern entscheidend ist vielmehr, wer mehr über mich erfahren möchte und mit welchem Ziel.

 

„Der Andere“

„Die neue Öffentlichkeit ist der Andere“, lautet die These. Der Andere, der für uns Unbekannte, ein Phantom, das um uns schwebt und zuschlägt, ohne dass wir die Möglichkeit haben, dies zu merken. Der Andere steht uns gegenüber und nutzt das Internet, um Informationen zu generieren und zu verarbeiten, alles ermöglicht durch die Grenzenlosigkeit des Internets. Doch wie viele Informationen darf dieser Andere über uns erlangen? Oder wird die Freiheit des Anderen eingegrenzt, wenn seine Filtersouveränität gestrichen und ihm somit ein Mehr an Informationen vorenthalten wird?

Das Ziel des Internets und seiner Firmen wie Google oder Facebook kann und darf nicht sein, dass alle Tore sorglos aufgemacht werden und die Kontrolle für den Nutzer über seine Daten ganz verschwindet, wohin auch immer. Sobald die Filtersouveränität, alle Ansätze der Kontrolle negierend, zuschlägt, und es dem Empfänger ermöglicht, selbst zu entscheiden, welche Informationen relevant und welche nicht relevant sind, entsteht Kontrollverlust. Unaufhaltbar.

 

Datenklau. Und niemand hört hin.

Wie selbstverständlich nutzen wir das Internet, vielfältig, einfach und schnell, ohne sich groß Gedanken machen zu müssen. Ja, das Internet bietet enorme Möglichkeiten – und genau so viele Möglichkeiten des Überwachens. Doch diese Überwachung, die durch die NSA sowie „dem Anderen“ tagtäglich geschieht, ohne dass wir es überhaupt merken, ruft eben keine Entrüstung aus. Die Medien plappern vor sich hin, Schlagzeilen von Prism, der NSA und Snowden überhäufen die virtuellen und wirklichen Titelseiten. Aber: Keine Entrüstung bei dem normalen Nutzer des Internets.

Und keinen Widerstand von der Politik. Merkel gibt sich zaghaft, sagt erst nichts, schickt dann ihren Innenminister Friedrich vor, der von den USA aber auch keine näheren Informationen bekommt. Prism ist ja schließlich auch geheim und als „top secret“ klassifiziert. Ja, was will man dann auch machen? Übrig bleibt eine Reaktion der Gleichgültigkeit in der deutschen Politik. Eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Kontrollverlust, in jeglicher Hinsicht.

 

Vielgestaltig!

Die Internet-Firmen dementieren, für den amerikanischen Geheimdienst eine Hintertür offen zu lassen. Eine sinnvolle Taktik, wenn man bedenkt, dass die Privatsphäre des Nutzers eine immense Schädigung davon getragen hat. Der Nutzer kann sich die Dimensionen dieser Überwachung im Internet wohl nicht einmal ansatzweise vorstellen. Die Frage ist, ob er sich dies überhaupt vorstellen möchte. Dank „Big Data“ werden die Daten auch nicht allzu schnell gelöscht werden. Der Kontrollverlust in einer gigantischen Dimension ist die Folge, von Datenschutz kann nicht mehr die Rede sein – dabei ist es egal, ob die Informationen dem amerikanischen Geheimdienst (oder dem anderer Staaten) zur Verfügung stehen, kommerziell von Internet-Firmen benutzt werden oder eben doch der „Nachbar von nebenan“ mehr über mich wissen möchte. Kontrollverlust ist da, nur das Phantom des Anderen ist vielgestaltig.

 

Foto: flickr.com/Marsmettn Mallahassee (CC BY-NC-SA 2.0); flickr.com/thierry ehrmann (CC BY 2.0)

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