Schluss mit weiblicher Bescheidenheit! Caroline Wahl als Vorbild für Frauen in der Literaturlandschaft
Ein Kommentar
Von Paula Albrecht
Wenn eine junge, erfolgreiche Autorin offen davon spricht, dass sie gerne „eine der bekanntesten Autorinnen Deutschlands“ werden möchte, liegt der Shitstorm schon spürbar in der Luft. Die Stimmen werden laut, die sich fragen, wie sie es denn nur wagen könne. Dass sie offensichtlich zu viel wolle. Und überhaupt, mit welchem Recht sie als privilegierte Frau über Armut und Alkoholismus schreibe.
Die eigentliche Frage, die sich daraus ergeben sollte, ist, warum dieser Anspruch bei einer jungen Autorin so vehement infrage gestellt wird. Die Antwort lautet: Die Gesellschaft ist noch immer nicht bereit für junge, erfolgreiche Frauen.
Dabei sprechen die Zahlen der Autorin für sich. Drei Jahre, drei Bücher, eine Romanverfilmung, Millionen verkaufte Exemplare, eine riesige Fanbase, zahlreiche Lesungen und Podcast-Auftritte: Caroline Wahl ist mit gerade einmal 30 Jahren eine der erfolgreichsten Autorinnen Deutschlands.
Ihr jüngster Roman „Die Assistentin“ erschien im August 2025 und belegte direkt in der ersten Verkaufswoche Platz 1 der Bestsellerliste. Bereits ihre vorherigen Werke „22 Bahnen“ und „Windstärke 17“ sorgten für große Aufmerksamkeit, der Debütroman wurde sogar fürs Kino verfilmt. Doch neben viel Lob begegnet ihr immer wieder harsche Kritik. Ein genauer Blick darauf zeigt exemplarisch, wie Frauen in der Literaturbranche auch heute noch internalisierter Misogynie und sexistischen Bewertungsmaßstäben ausgesetzt sind.
Persönliche Attacken unter dem Deckmantel der Literaturkritik
Auf den ersten Blick könnte die Kritik an Caroline Wahls Debütroman „22 Bahnen“ nach einer inhaltlichen Bewertung aussehen. Der Roman erzählt die Geschichte von Tilda, ihrer kleinen Schwester Ida und ihrer alkoholkranken Mutter, die unter prekären Bedingungen leben, wobei der Fokus weniger auf der Armut selbst als auf der Schwestern-Beziehung liegt. Doch gerade dieser Armutsaspekt stößt kritischen Stimmen sauer auf, die sich diesbezüglich Repräsentation bei der Autorin wünschen. Im nächsten Schritt wird Caroline Wahls eigener Wohlstand kritisiert und dabei u.a. ihre Vorliebe für schnelle, teure Autos als unpassender Lifestyle einer Autorin angekreidet, die über Armut schreibt. In den sozialen Medien mündet diese Argumentation schnell in einen Shitstorm, der Wahl vorwirft, aus den Geschichten über arme Menschen eigenen Profit zu schlagen. Was zunächst als Kritik an mangelnder Repräsentation erscheint, entlarvt sich beim näheren Hinsehen als problematische Vermischung von Autorin und Werk.
Eine Vermischung, der weibliche Autorinnen deutlich häufiger ausgesetzt sind als ihre männlichen Kollegen. Wie viele Morde und Kriminalfälle hat Sebastian Fitzeck selbst erlebt? Mit welcher persönlichen Erfahrung schreibt Ferdinand von Schirach über sexualisierte Gewalt an Frauen und beansprucht damit die Darstellung weiblicher Lebensrealitäten?
Kaum ein erfolgreicher männlicher Künstler muss sich jemals rechtfertigen, ob seine Biografie ihn zur literarischen Darstellung bestimmter Themen legitimiert. Diese Kritik ist also viel mehr auf persönlicher Ebene anzusiedeln und zeigt patriarchale Strukturen und Geschlechterklischees des Literaturbetriebs auf, die es so schon im 19. Jahrhundert gab.
Doppelmoral und internalisierte Misogynie: Wie schreibende Frauen kritisiert werden
Bereits im 19. Jahrhundert wird deutlich: Frauen werden anders rezensiert als Männer.
Erst einmal wurden sie viel weniger rezensiert und blieben lange Zeit weitestgehend unsichtbar, da weibliche Literatur als „trivial“ und „unwichtig“ galt. Wenn männliche Kritiker sich dann doch weiblichen Texten mehr oder weniger stiefmütterlich annahmen, wurde oftmals behauptet, dass sie damit nichts anfangen können. Ein „Ich verstehe es nicht“ ist hierbei jedoch eher in ein „Ich will es nicht verstehen“ zu übersetzen, woraus eine Tradition patriarchaler Ignoranz gegenüber weiblichen Themen in der Literatur entstand. Eine Studie aus 2018 macht deutlich, wie stark literarische Aufmerksamkeit noch immer geschlechtlich verteilt ist. Männer rezensieren vor allem Männer: Zwei Drittel aller Rezensionen widmen sich den Werken männlicher Autoren, denen zugleich mehr Platz und Tiefe in der Kritik eingeräumt wird. Rezensionen von weiblichen Autorinnen hingegen werden häufiger unterrepräsentiert und vernachlässigt.
Dass Frauen in der Literatur schlichtweg anders bewertet werden, lässt sich ganz deutlich an der britischen Schriftstellerin Emily Brontë und ihrem Klassiker „Wuthering Heights“ zeigen. Das Werk erschien 1847 zunächst unter dem männlichen Namen Ellis Bell. Die frühen Rezensionen konzentrierten sich auf die düstere Brutalität, die schockierende Gewalt und die schonungslose Darstellung des Bösen, sodass Kritiker bewundernd von einem „großen Autoren“ sprachen. Als jedoch bekannt wurde, dass tatsächlich eine Frau hinter dem Werk steckte, veränderte sich die Wahrnehmung des Textes grundlegend. Plötzlich rückte vor allem die Liebesgeschichte zwischen zwei Figuren in den Mittelpunkt, der Roman wurde aus einer ganz anderen Perspektive gelesen, ohne, dass sich Brontës Text auch nur um ein Komma veränderte.
Zusätzlich begannen Kritiker, das Werk seitdem verstärkt mit der Lebensrealität der Autorin zu verknüpfen und um einiges schärfer zu beurteilen, da sie mit ihrem Schreiben deutlich von den gesellschaftlichen Erwartungen, die ihr als Frau gestellt wurden, abwich. Diese Doppelmoral („Double Standard of Content“) ist nun auch viele Jahre später bei Caroline Wahl aufzufinden: Sie wird scharf attackiert und erhält moralische Vorwürfe, wie sie kaum ein männlicher Autor in vergleichbarer Position erhalten hätte. Ihr Werk wird mit ihrer Persönlichkeit so verflochten, dass den Kritikern Begriffe wie Kunstfreiheit und Imaginationsfähigkeit abhanden gekommen scheinen. Damit wird in einem zweiten Schritt die Degradierung von weiblicher Kunst und zugleich die Degradierung von weiblicher Lebensrealität vollzogen.
Weibliches Selbstbewusstsein als Provokation
Die französische Autorin Françoise Sagan wurde in den 50ern als „Monster“ abgewertet, weil sie neben ihrer Schriftstellerinnen-Tätigkeit einen Hang zu Drogen, Glücksspiel, wechselnden Geliebten und schnellen Autos hatte. Letzteres wird auch heute, über 70 Jahre später ein Grund zur Verachtung bei Caroline Wahl. Man erwartet sowohl inhaltlich den „zärtlichen Blick“ der Autorin als auch eine bescheidene, demütige und zurückhaltende Persönlichkeit. Bloß nicht zu viel sein, zu viel wollen, zu viel erwarten.
Und genau darauf hat Caroline Wahl keine Lust. Die junge Autorin ist selbstbewusst, ehrgeizig und weiß, was sie will. Und das sagt sie auch ganz offen, z.B. im Podcast von Hotel Matze: „Ich möchte eine der bekanntesten Autorinnen Deutschlands sein.“ Ihre Enttäuschung, nicht für den deutschen Buchpreis nominiert worden zu sein, äußert sie auf Instagram. Auf der Frankfurter Buchmesse sagte sie über ihr viel diskutierten Buch „Die Assistentin“, sie fände es „geil, dass [sie] jetzt polarisiere“ .
Dass diese Aussagen so viele Kritiker*innen stört und provoziert, verdeutlicht nochmals, wie tief internalisierte Misogynie in uns steckt. Denn genau diese lauten, erfolgreichen und selbstbewussten Frauen wie Caroline Wahl, die sich nicht an patriarchale Vorstellungen halten, indem sie demütig und bescheiden gegenüber ihrem eigenen Erfolg agieren, bedrohen das von patriarchalen Strukturen durchzogene Literaturwesen. Um diese Bedrohung im Keim zu ersticken, werden die Attacken gegen Autorinnen wie Wahl umso persönlicher und härter, je mehr Einfluss die Autorinnen haben.
Zitat von Wahls Instagram-Caption (28.09.2024)
„ich stehe seit was weiß ich wie vielen wochen mit meinen beiden ersten romanen oben auf den bestseller-listen, 22 bahnen wird pflichtlektüre neben fucking bertolt brecht, ich wäre doch ein hornochse, wenn ich sowas sagen würde wie ich hab so viel glück und bin so dankbar und kneift mich mal bitte jemand! […] ich kann und liebe schreiben wie wenig andere dinge sonst auf dieser welt, ich bin ehrgeizig und mutig. und ich bin stolz. Und wenn ich nur ein mädchen dazu ermutige, ihre träume und ziele laut auszusprechen und mutig zu sein, dann hat sich dieses ganze erfrischende theater schon gelohnt.”
Caroline Wahls Reaktion als Hoffnungsschimmer am Literaturhimmel
Anstatt die teils harsche Kritik still und unkommentiert hinzunehmen, bezieht Caroline auf ihrem Instagram-Kanal aktiv und transparent Stellung. Sie nutzt damit bewusst einen Raum, der Autor*innen neue Möglichkeiten eröffnet, sich jenseits traditioneller Feuilletonkritik zu äußern. Die Literaturkritikerin Miriam Zeh spricht davon, dass die sozialen Medien die Literaturkritik nachhaltig verändern könnten, hin zu einer Haltung, in der Kritiker*innen so schreiben, als säßen die Autor*innen direkt gegenüber.
Statt sich vom Shitstorm zum Schweigen bringen zu lassen, transformiert Caroline Wahl ihre Kritik immer wieder in produktive Energie. In ihrem Schreiben kanalisiert sie zentrale Gefühle wie Wut und Frustration. So lässt sie ihre weiblichen Protagonistinnen in all ihren Büchern wütend, laut und zornig auftreten – female rage als legitime Antwort auf patriarchale Strukturen sozusagen.
„Man wird wahrscheinlich in allen meinen Büchern wütende Protagonistinnen treffen, weil die Wut bei mir so eine zentrale Emotion ist.“ (Caro Wahl im Podcast bei Hotel Matze am 2.05.2025).
Paradoxerweise bestätigt die öffentliche Reaktion auf ihre Person genau das, was Wahl in „Die Assistentin“ beschreibt. Ausgerechnet zum Erscheinungszeitpunkt des dritten Romans, der patriarchalen Machtmissbrauch und Übergriffe in der Verlagsbranche thematisiert, wird sie selbst mit eben jener Misogynie konfrontiert, die sie literarisch offenbart.
Die Kritik an der Autorin wird so unfreiwillig zum Beweis ihrer patriarchalen Strukturen und zeigt deutlich, wie notwendig Stimmen wie die von Caroline Wahl sind, die diese Strukturen nicht nur benennen, sondern ihnen auch öffentlich widersprechen.
Quellen:
- Podcast Hotel Matze: https://www.youtube.com/watch?v=_zbqX7USL9g
- Russ, Joanna (1983): How to Supress Women’s Writing. With a new foreword by Jessa Crispin. Austin: University of Texas Press Austin: https://www.jstor.org/stable/10.7560/316252
- Seiferts Artikel in: Pohl, Peter C./Schuchter, Veronika (2021): Das Geschlecht der Kritik. Studien zur Gegenwartsliteratur. München: Richard Boorberg Verlag:
https://pocketbook.de/de_de/downloadable/download/sample/sample_id/3937288/?srsltid=AfmBOorcU-8n3sVxoCC1BCPRLn8BJPGjTDwUj6WEHkZUUogi9JhB2sMD - Pilotstudie Universität Rostock (2018): Zur Sichtbarkeit von Frauen in Medien und im Literaturbetrieb: http://www.frauenzählen.de/docs/Literaturkritik%20und%20Gender_08_09_18.pdf
- Deutschlandfunk: https://www.deutschlandfunkkultur.de/caroline-wahl-die-assistentin-102.html



