Ein Lexikon schafft sich ab!

von Nicolai Busch

Es ist das Ende einer Ära: Nach 244 Jahren wird der Druck der Encyclopedia Britannica aufgrund gesunkener Verkaufszahlen innerhalb der letzten Jahre komplett eingestellt. Der Verlag möchte sich in Zukunft ausschließlich auf den eigenen Online-Auftritt, sowie auf die Vermarktung seiner E-Learning Angebote und Apps konzentrieren. Das bisher weltgrößte, analoge Lexikon feiert die Anpassung an das digitale Zeitalter. Die vollständige Digitalisierung der Bestände sei “nur ein weiteres historisches Datum in der Entwicklung des menschlichen Wissens“, lässt man stolz verkünden.

Wissen als Kapital einer Wissensgesellschaft

“Some people will feel sad about it. But we have a better tool now. The Web site is continuously updated, it’s much more expansive and it has multimedia.” – Jorge Cauz, Präsident der Encyclopaedia Britannica Inc.

Keine Zeit für Nostalgie? Nun, sicherlich nicht allzu viel, denn natürlich sind wir eine Wissensdienstleistungsgesellschaft, wir sind Wissensarbeiterinnen und -arbeiter, wir sind Teile von Wissensnetzwerken und wir rufen Wissen aus Wissensdatenbanken ab. Unsere Existenz basiert auf  Informationstechnologie. Das heißt, wir konsumieren, verarbeiten, kombinieren, transformieren, repräsentieren, modellieren, visualisieren, kopieren, speichern und bewerten nicht allein die Information, sondern unbewusst auch die Technologie, das Medium. The medium is the message. Das Medium Internet begeistert uns! Das Medium Buch? Immer weniger.

Mensch + Internet + freie Information = Knowledge Society. So einfach ist das. Dachte sich auch Encyclopedia Britannica, wo bereits Mitte der 70er Jahre mit der Digitalisierung der Wissensbestände begonnen wurde, bevor man 1994 die erste eigene Website schaltete und ab 2011 fleißig mit Apple kooperierte. Vermeintlich seit nun knapp vierzig Jahren im Fokus: Der freie Zugang zu Information und Bildung für Jedermann. Diesem prominenten Slogan des Netzzeitalters darf man als interessierter Leser der Encyclopedia Britannica nur bedingt Glauben schenken. Kosteten die bereits erschienenen 32 Bände in Druckausgabe satte 1400 Euro, so beläuft sich der Jahresbeitrag zur unbegrenzten Nutzung von www.britannica.com doch immerhin noch auf etwa 53 Euro. Viva la Revolution digital! Nicht so vorschnell. Denn obwohl die Internetnutzung weiter zunimmt, nutzen etwa 27% der in Deutschland lebenden Personen kein Internet. Es sind vor allem ältere, bildungsferne und einkommensschwache Bevölkerungsschichten. Für sie ist bereits der Zugang zum Netz nicht frei, sondern teuer. Zu teuer. Und das obwohl gerade diese sozialen Gruppen von Wissensangeboten stark profitieren würden.

Warum uns Wissen kostet

Was trotzdem auffällt: Schwinden die technischen Grenzen des publizierenden Mediums, sinkt erst einmal auch der Wert der Botschaft (bzw. des Wissens) am Markt. Ein beinahe paradoxer Zusammenhang, der darauf schließen lässt, dass sich www.britannica.com aus marktstrategischen Gründen dazu gedrängt sah, Wissen im Gewand exklusiver Multimedialität anzubieten. Denn nur durch die zusätzliche Bereitstellung von Videos und interaktiven Illustrationen, sowie durch die Kooperation mit EBSCO Information Services und anderen Online-Diensten ist es Encyclopedia Britannica im Netz heute noch möglich, lexikalisches Wissen als hochwertiges Immaterialgut vergleichsweise teuer zu verkaufen.

Sinn und Zweck des innovativen Geschäftsmodells von Encyclopedia Britannica erscheinen letztendlich noch fraglicher, wenn man sich der Regeln dieses künstlichen Wissensmarktes vergewissert. Dieser wirbt mit der enormen Vervielfältigung und Erleichterung der Zugriffsmöglichkeiten auf dokumentiertes, menschliches Wissen, fördert aber gleichzeitig die Ungleichverteilung von Wissen in den Gesellschaften weltweit.

Multimediale Gleichgültigkeit

Noch etwas anderes fällt auf: Im Netz ermöglicht uns Schrift, symbolische Welten zu kreieren und zu erkunden, ein digital visualisiertes Gemälde vermittelt ganz sicher irgendeinen Eindruck und auch Musik überliefert Gefühle scheinbar mediumsunabhängig. Was wir aber manchmal vergessen, ist, dass sich in den virtuellen Welten des Internets all diese unbeschreiblichen Abstraktionen und Metapherwelten von Schrift, Bild und Ton bis zur Unkenntlichkeit vereinigen, “was zu einer Universalität von Zwecken, ja, einer Indifferenz gegenüber jedweder Intention führt“, so Prof. Dr. Hans-Dieter Kübler in seinem Werk „Mythos Wissensgesellschaft“. Während wir durch diesen multimedialen Zirkus tanzen und den vermeintlichen Mythos informationeller Selbstbestimmung leben, können wir oftmals gar nicht anders, als unsere Gleichgültigkeit gegenüber der akademischen oder künstlerischen Absicht einer Information zu verdrängen. Wenn uns heute der medientechnische Optimismus eines Marshall McLuhan begeistert, dann doch auch, weil wir, die Bürger “globaler Dörfer“, uns damit abgefunden haben, dass sich die eigentliche Bedeutung von schriftlich vermitteltem Wissen durch die Multimedialität des Internets mehr oder weniger völlig auflöst.

Auch in Zukunft werden sich nur wenige Sammler der goldenen Letter auf dem Kunstoffeinband, sowie des bildungsbürgerlichen Hochgefühls der Sicherheit beim Anblick der 32 gedruckten Bände im Regal erfreuen können. Viele andere wird man auf kunterbunten Websites Lernen und Gedankenarbeit mit medialem Edutainment verwechseln lassen. Es bedarf deshalb Wissensdatenbanken, die aufgrund ihrer Kostenfreiheit weniger multimedial und exklusiv, jedoch aus unverfälscht gemeinnütziger Absicht Wissen vermitteln und den geistigen Austausch fördern. Es bedarf einer größeren Anzahl spenden-finanzierter Enzyklopädien, wie Wikipedia, die den Marktplatz der Ideen vor allem als öffentlichen Raum gestalten, um Wissen kostenfrei wissenswerter zu machen.

Foto: flickr/Mike Licht, NotionsCapital.com (CC BY 2.0) , flickr/Alexander Speckmann (CC BY-NC-SA 2.0)

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