Der Freund eines Freundes hat erzählt…

von Sebastian Luther

Vor kurzem hat mir ein Freund tatsächlich eine Geschichte vom Freund eines Freundes erzählt. Er wurde nachts von der Polizei angehalten und ermahnt, er sei zu schnell gefahren. Sein sturztrunkener Beifahrer soll daraufhin ins Handschuhfach den Befehl geschrien haben, dass der Maschinenraum weniger Kohlen nachlegen soll. Bald darauf hörte ich die Geschichte ein weiteres Mal an anderer Stelle, was mich misstrauisch werden ließ. Der Blick ins Internet durch die Suchmaschinenbrille klärte mich schnell über die wahren Gegebenheiten auf.

Münzen, Spinnen und geklaute Nieren

Es handelt sich um eine moderne Sage, einen „urban myth“. So steht sie etwa auf der Webseite german-bash.org, auf der im Dezember 2009 ein Chatprotokoll gepostet wurde, das genau die selbe Geschichte erzählt und mittlerweile stolze 3000 Facebook-Daumen hat. Der ein oder andere geneigte Leser mag sie also auch schon einmal gehört haben. Von urbanen Legenden gibt es wahrscheinlich tausende, von denen es einige sogar in die Zeitungen schaffen. Die britische Zeitung „Sunday Mercury“ druckte im Dezember 2000 die Meldung von George Turklebaum, der fünf Tage lang tot am Schreibtisch in seinem New Yorker Büro gesessen haben soll, ohne dass es jemandem auffiel. Im Herbst 2001 tauchten Geschichten vom „dankbaren Araber“ im Netz auf, der den Finder seiner verloren gegangen Brieftasche eindringlich davor gewarnt haben soll, in den nächsten Tagen ein Flugzeug zu besteigen. Vor dem Oktoberfest 2009 wurde der Mythos in abgeänderter Form wieder erzählt, diesmal mit der Warnung, das Oktoberfest nicht zu besuchen. Auch bekannt sind die Geschichten von Geldstücken, die vom Empire State Building fallen und Menschen erschlagen, von Überfällen mit Betäubungsmittel, um Opfern die Nieren zu entnehmen, oder einfach nur, dass wir im Laufe unseres Lebens acht Spinnen im Schlaf verschlucken. Oder?

FOAF-Tales

Gemeinsam haben diese Geschichten, dass sie oft in leicht abgewandelter Version erzählt werden und deren vermeintlich zuverlässige Quelle meist der „Freund eines Freundes“(Friend Of A Friend) ist, der die Geschichte erlebt/gesehen/gehört haben soll. Im Kern eines urbanen Mythos steckt zudem oft eine moralische Botschaft, weshalb sie sich Menschen entweder zu Herzen nehmen, oder weiterzählen, um anderen zu helfen. So nähern sie sich stark einer anderen Gattung von Geschichten an, um deren Wahrheitsgehalt wir wesentlich besser Bescheid wissen: den Märchen. Was Digital Natives aber wohl kaum noch vom Bildschirm aufblicken lässt, konnte vor ein paar hundert Jahren die Menschen noch in Angst und Schrecken versetzen, da noch kaum einer Kannibalen, gefährliche Raubtiere oder ferne Länder gesehen hatte und Sagen über sie nicht bestätigt oder widerlegt werden konnten. An solchen Sagen manifestiert sich damals wie heute die Sehnsucht, dem eigenen Kulturkreis zu entfliehen, Faszinierendes zu erleben, terra incognita zu betreten. Heute ist die placebohafte Erfüllung, als natürlicher Feind der Sehnsucht, nur ein paar Mausklicks entfernt, weshalb sich an urbanen Legenden neben viel Unsinn, Befürchtungen oder Hoffnungen vermutlich auch eine Art Meta-Sehnsucht, eine Sehnsucht nach der Sehnsucht, widerspiegelt. Wir wollen verführt werden, wir wollen etwas glauben und wir wollen es nicht sofort googlen können. In diesem Sinne kann man die Position des amerikanischen Professors Jan Brunvand verstehen, der urbane Legenden jahrelang erforscht hat und ihnen einen ähnlich hohen Stellenwert wie Märchen in unserer Gesellschaft einräumt. Auf dessen Webseite findet sich neben einem interessanten FAQ auch der Link zur Seite http://www.snopes.com/, auf der sich unzählige Mythen finden. Wer also demnächst eine Geschichte erzählen will, die er vom Freund eines Freundes gehört hat…

Foto: flickr/ infomatique (CC BY-SA 2.0)

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