Desinformationen beim Klimawandel. Wie geht man mit Falschinformationen auf sozialen Medien um?

– Dr. Felix Schilk im Interview

Von Jacob Spiegl

Ein Link in der WhatsApp Familiengruppe, eine fragwürdige Person im Feed auf Instagram oder TikTok, oder vielleicht sogar ein Freund. Teils haben alle etwas gemeinsam und das ist die Verbreitung von Desinformationen. In Bezug auf den Klimawandel kann das nicht nur zur Verharmlosung des Problems führen, sondern außerdem das Ausbremsen von Klimaschutzmaßnahmen begünstigen.
Im ersten Teil des Artikels geht es um Klimwandelleugnung, die Akteure dahinter und wie Desinformationen im digitalen Zeitalter funktionieren. Dr. Felix Schilk gibt seine Einschätzung.

Zur Person:

Dr. Felix Schilk ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Institut für Medienwissenschaften in Tübingen. Er ist Teil des Teams des Forschungsprojekts “Rechte Immersion und engagierte Öffentlichkeiten.” Dieses untersucht den Einfluss rechter Lebenswelten und Weltanschauungen auf Personen. Im Vordergrund stehen verschiedene mediale Strukturen und Strategien. Konkret wird erforscht, wie rechtsextremes Wissen an alltagsweltliche und wissenschaftliche Anschauungsweisen anschließt, diese politisch instrumentalisiert und Resonanz in der Bevölkerung erzeugt. Auch Klimawandelleugnung hat hiermit Berührungspunkte.

Medienkonsum und Desinformation beim Klimawandel

Die meisten von uns sind tagtäglich einer großen Informationsflut ausgesetzt. Scrolling in Sozialen Medien ist längst nicht mehr nur reine Beschäftigung aus Langeweile. Viele nutzen Apps wie Instagram, TikTok oder Telegram als Nachrichtenquelle. Das Mediennetzwerk Bayern gibt an, dass mehr als die Hälfte der Gen Z Social Media dazu nutzen würde, um informiert zu bleiben. Aber auch bei den über 35-Jährigen seien es 2025 mehr als 35 % gewesen.
Allerdings werden uns auch immer wieder Inhalte in die Timeline gespült, die eher fragwürdiger Natur sind und sogar Desinformationen enthalten. Durch neue Möglichkeiten wie KI wird es jedoch teils immer schwerer, diese zu erkennen. Das kann gefährlich für aktuell wichtige Themen wie den Klimawandel sein. So können Maßnahmen ausgebremst werden. Durch die platzierten Narrative die dann in der Mitte der Gesellschaft resonieren, profitieren laut Deutschlandfunk besonders fossile Energiekonzerne, die über Personen dann auch wieder den Anti-Windkraft Netzwerken Vernunftkraft nahestehen. Doch wie genau funktioniert das alles?

Was genau ist Klimwandelleugnung?

Schilk: Klimawandelleugnung würde ich als rhetorische Strategie titulieren. Darunter fallen verschiedene Modelle bzw. verschiedene Typologien. Ich würde zum Beispiel zwischen einer Leugnung des Klimawandels, einer Skepsis gegenüber den Folgen des Klimawandels und einer Skepsis gegenüber der Effektivität der diskutierten Maßnahmen unterscheiden.

Wer profitiert von der Leugnung?

Schilk: Das Thema des Klimawandels ist ein sehr von Macht durchzogenes Feld. Es geht um Interessen und um Einschränkungen. Wenn wir davon ausgehen, dass der Klimawandel ein relevantes, akutes politisches Thema ist, dann muss es Maßnahmen und Regulierungen geben, die dann bestimmte Akteure betreffen. Die wiederum haben Interessen, die dadurch beschränkt werden. Für die Akteure ist es dann natürlich attraktiv, diese Regulierung auf verschiedene Art und Weise argumentativ anzugreifen.
In diesem Rahmen existiert ein gewisses Geschäftsmodell, eine Art kommunikative Dienstleistungen, die von wirtschaftlichen Interessengruppen nachgefragt wird. Es gibt z.B. Blogs, Zeitschriften, Thinktanks, die diesen Positionen Raum geben, die unter anderem auch eine gewisse Nähe zur fossilen Industrie haben.

Wie springen Desinformationen dann auf den Adressaten über?

Schilk: Desinformationen funktionieren deshalb so gut, weil sie so bereitwillig geteilt werden. Desinformation meint, dass dem Inhalt eine Täuschungsabsicht zugrunde liegt. Das heißt, dass die Personen hinter der Desinformation nicht zwangsläufig an der Richtigkeit der Information interessiert sind, sondern sie als ein Mittel nutzen, um den Diskurs zu verschieben, zu verunsichern und um Gehör für bestimmte Interessen zu schaffen.
Das stößt auf ein Publikum, das diese Desinformation aufnimmt, bearbeitet, weiterträgt und da kann es sein, dass es bei Menschen an Vorstellungen und an Denkweisen andockt, die sie ohnehin schon haben und das dann glauben.

Wer ist betroffen und wie funktioniert Desinformation?

Schilk: Erstmal könnte man sagen, dass alle Menschen für Desinformationen anfällig sind, denn sie bedienen ein Identitäts-Bedürfnis. Wir alle haben ein Glaubenssystem, also Vorstellungen und Weltdeutungen. Wenn diese in der Realität bestätigt werden, ist das für uns angenehm. Wir suchen dann dafür Argumente und Belege. An diesem Mechanismus dockt Desinformation an. Sie liefert Anekdoten und scheinbare Belege, die unsere Weltsicht bestätigen.
Das heißt, anfällig für Desinformationen sind immer die Leute, deren Welt durch so eine Desinformation bestätigt wird.

Was hat sich mit sozialen Medien verändert?

Schilk: Durch das Internet, durch die Sozialen Medien haben wir derzeit einen Medienwandel, der die klassische Informationsverbreitung verändert. Aufgrund der – in Anführungsstrichen – „Demokratisierung” der Medienproduktion fallen die klassischen Redaktionen, die medialen Gatekeeper weg. Es ist für die breite Masse leichter, an Informationsproduktion und Informationsverbreitung teilzunehmen. Allein die Zunahme der Beteiligten macht es schon schwer, dieses Feld zu professionalisieren.
Das zeigt sich zum Beispiel auch bei der Monetarisierung von Medienproduktionen. Man kann als Streamer, als YouTuber, Mikroinfluencer, oder Podcaster Content produzieren und verkaufen. Sie sind dadurch autodidaktisch, das heißt, die Kontrollinstanzen fallen weg und darin steckt auf jeden Fall eine Gefahr.
Ein Qualitätsmerkmal des Mediensystems, wie es noch vor Social Media stärker existiert hat, ist die Institutionalisierung. Da sind Strukturen von journalistischen Ausbildungen, Redaktionen mit gewissen Abläufen und Prüfmechanismen, die verschiedene Prozesse durchlaufen. Dadurch kommt am Ende vielleicht nicht immer die richtige Information raus, aber zumindest wird der Informationsfluss verlangsamt und stärker kontrolliert.

Quellen zum Nachschlagen und Weiterlesen

  • Zu Dr. Felix Schilk: https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/philosophie-rhetorik-medien/institut-fuer-medienwissenschaft/institut/personen/schilk-felix-dr/
  • Zum Forschungsprojekt Rechte Immersionen und engagierte Öffentlichkeiten: https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/philosophie-rhetorik-medien/institut-fuer-medienwissenschaft/institut/lehrstuehle/lehrstuhl-fuer-transformationen-der-medienkultur/rechte-immersion-und-engagierte-oeffentlichkeiten/
  • Nachrichtenquelle soziale Medien: https://mediennetzwerk-bayern.de/netzwerkwissen-social-media-nachrichtenquelle-generation-z/#top
  • Klimawandelleugnung und Auswirkungen: https://www.deutschlandfunk.de/klimawandel-leugnung-klimaschutz-verhindern-100.html
  • Thema Vernunftkraft: https://energiewinde.orsted.de/energiepolitik/anti-windkraft-netzwerke-lobbyismus-vernunftkraft-eike-taktiken-gegenmittel
  • wuerttemberg.de/documents/30713/759126/Prebunking%20und%20Debunking.pdf
  • Mehr zu Desinformationen: https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/desinformation/