Die Macht der Studien

von Alexander Karl

Studien sind im Journalismus sehr verbreitet: Sucht man bei Google nach „Studie Gesundheit“, stößt man etwa beim Hamburger Abendblatt auf  die Meldung „Studie zeigt: 15 Minuten Sport am Tag ausreichend„. Oder aber die konkreten Zahlen folgen gleich nach der Überschrift, wie etwa bei stern.de. Dort heißt es:  „Nur 14 Prozent der Deutschen leben gesund. […]“

Aber: Wie vertrauenswürdig sind solche Studien? Und tut sich der Journalismus einen Gefallen damit, so stark auf Studien zu setzen?

Das NDR-Medienmagazin ZAPP hinterfragte nun kritisch, ob die Synthese von Journalismus und Studien nicht teilweise abstruse Formen annimmt. So erklärte die Statistikerin Katharina Schüller im Beitrag: „Zahlen, Statistiken und Studien haben etwas Objektives, was Belastbares, sie suggerieren, dass da etwas gemessen worden ist und gezählt und nicht nur einfach geschätzt oder gemeint.“

Pressemittelungen statt Primärquelle

Konkret befasste sich der Beitrag mit den aktuellen Studine zur Internetabhängigkeit der Deutschen und dem Glücksreport. So recherchierte ZAPP etwa, dass in der Internetabhängikeits-Studie nirgendwo die Zahl 560.000  – also die in den Medien oftmals genannte Zahl der Abhängigen – auftaucht. Stattdessen heißt es: „Auf Grundlage des Cut-offs von 28 ergibt sich eine geschätzte Prävalenz für das Vorliegen einer Internetabhängigkeit von 1,5% (Frauen 1,3%, Männer 1,7%).“ Erst das Bundesgesundheitsministerium brachte laut ZAPP die Zahl 560.000 in Umlauf.

Das gleiche gilt für den Glücksreport: Zum einen, so kritisiert ZAPP, ist der Begriff  „Glück“ nicht hinreichend definiert, zum anderen wurde vielmehr nach der Zufriedenheit der Deutschen gefragt.

 

Journalismus und Recherche

Die Grundkritik des ZAPP-Beitrags ist wohl, dass Journalisten zu wenig recherchieren – und nur selten selbst in die zitierten Studien gucken, statt nur Pressemitteilungen zu übernehmen. Dies kreidete das Journalistik Journal bereits vor zwei Jahren an. Dort heißt es: „Zeitnot und Arbeitsverdichtung beherrschen den redaktionellen Alltag, Journalisten verzichten auf Überprüfungsrecherchen und aufwändige Recherche-Methoden, die rasche Verarbeitung von PR-Informationen ersetzt journalistische Kerntätigkeiten.“

Wie wichtig aber eine fundierte Recherche ist, liefert der Bericht des Magazins sofort mit:

Wie wichtig gerade Quellencheck und Faktenkontrolle sind, zeigte der „Spiegel“-Reporter Markus Grill am Beispiel der Pharmaindustrie bei der „Netzwerk Recherche“-Fachkonferenz „Quellen finden und öffnen“. Es gebe beispielsweise eine systematische Unterwanderung von Selbsthilfegruppen durch Pharmakonzerne, als Experten getarnte PR-Agenten der Pharmafirmen oder medizinische Studien, deren wissenschaftlicher Wert fragwürdig sei. Die Zuverlässigkeit der Quellen sei daher stets zu kon­trollieren.

Doch gerade die kürzlich von Stefan Niggemeier gescholtene Online-Ausgabe des stern hat die eingangs genannte Studie zur Gesundheit der Deutschen kritisch beleuchtet. Dort heißt es in der Unterüberschrift: „Nur 14 Prozent der Deutschen leben gesund. Der Rest ernährt sich schlecht, bewegt sich kaum, raucht, trinkt, hat Stress – so das Ergebnis einer neuen Studie, die aber mit Vorsicht zu genießen ist.“

Wieso die Studie mit Vorsicht zu genießen ist, folgt im Artikel. Denn in der Studie der Deutschen Krankenversicherung und der Deutschen Sporthochschule Köln wird gezeigt, dass Hauptschulabsolventen angeblich gesünder leben als höher Gebildete – und widerspricht somit anderen Studien. Doch die Autorin scheint sich die Studie genauer angesehen zu haben und stellt fest, dass die Definitionen – etwa von Gesundheit und Stress – problematisch sind. Und schlussendlich lohnt sich natürlich auch ein Blick auf die Auftragsgeber der Studie.

Doch dies scheint im journalistischen Alltag nicht Usus zu sein. Die Leipziger Journalismus-Forscher Marcel Machill, Markus Beiler und Martin Zenker legten 2008 mit dem Buch ‚Journalistische Recherche im Internet‘ eine Studie vor, die zeigt, dass Journalisten relativ wenig auf Primärquellen setzen, sondern Wikipedia und Berichte der Konkurrenz zur Recherche heranziehen.

Doch wie sollte ein Journalist nun recherchieren?  Das Journalistik Journal leitet aus der Leipziger Studie folgende Handlungsempfehlungen ab:

Dazu zählen sie beispielsweise die Sensibilisierung der Journalisten für PR-Inhalte, die Schaffung von spezialisierten Rechercheteams, die kontinuierliche Evaluation der Arbeitsabläufe in den Redaktionen, eine gezielte Weiterbildung für effiziente Recherche-Strategien und die feste Verankerung der Online-Recherche in der Journalisten-Ausbildung.

 

Foto: o-zero / photocase.com

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