Wenn das Imperium zurückschlägt
Wie Andor von Widerstand und dem Zerfall von Wahrheit erzählt
Von Simon Kinzler
Was passiert, wenn Gewalt zur „Notwendigkeit“ erklärt und Wahrheit zur Verhandlungssache wird? Andor zeigt Star Wars auf eine Weise wie man es noch nie sah. Der Aufstieg des Imperiums nicht als plötzlicher Umsturz, sondern als schleichender Prozess aus Kontrolle, Vertuschung und politischer Gleichgültigkeit. Die Serie erinnert daran, dass Star Wars nie unpolitisch war und heute relevanter als je zuvor sein könnte.
Warnung: In diesem Artikel kommt es zu Spoilern zur Serie Andor: A Star Wars Story.
Neben Lichtschwert-Duellen, Weltraumkriegen, heroischen Momenten und vielen weiteren Abenteuern, war Star Wars schon immer sehr politisch. Das „böse“ Imperium gegen die Helden im Film, die Rebellenallianz. In einem Gespräch zusammen mit dem Regisseur James Cameron verrät der Schöpfer George Lucas, woran die gegenüberliegenden Seiten inspiriert sind. Vor allem der Vietnam Krieg inspirierte den damals 27-jährigen. Aus den Amerikanern wurde in Star Wars das galaktische Imperium und aus den Vietkong die Rebellenallianz. Der Film positioniert sich klar auf Seite der Rebellen, welche gegen die Kolonialisierung und die gewalttätige Herrschaft des Imperiums sind. Star Wars versteht sich ursprünglich also als eine Allegorie auf den Vietnamkrieg mit deutlicher US-Kritik. Die Grundgeschichte rund um Star Wars beinhaltet somit schon immer um ein allgegenwärtiges anti populistische und vor allem anti koloniale Message.
Star Wars
1977 erschuf George Lucas das große SciFi Epos, Star Wars. Heute, fast 50 Jahre später bildet es das fünft größte Medien-Franchise der ganzen Welt. Nur Pokémon, Hello Kitty, Winnie the Pooh und Mickey Mouse sind größer.
Was genau ist in Andor nun neu?
Im Kern geht es in Andor um die Entstehung von Widerstand gegen ein System. Während die originalen Star Wars Filme die Existenz einer organisierten Widerstandsgruppe bereits voraussetzen, setzt die Serie vor dieser Zeit an. Sie zeigt wie ein System, also in dem Fall das Imperium, seine eigenen Gegner radikalisiert. Am besten sieht man dies an der Hauptfigur Cassian Andor selbst. Eingeführt wurde die Figur in Rogue One, dem Anschlussfilm von Andor. Dort besitzt er bereits die Position eines Captains und ist eine wichtige Führungsperson der Rebellenallianz. In der Serie ist er noch weit entfernt davon. Er ist zwar negativ gegenüber dem Imperium eingestellt, für dessen Gegenseite arbeitet er allerdings anfangs nur gegen Bezahlung. Er handelt also nicht aus Überzeugung, sondern aus Alternativlosigkeit. Erst nach einer willkürlichen Inhaftierung in ein Arbeitslager verändert sich seine Einstellung zum System und er erlebt das Imperium als totalen Apparat. In seiner Gefangenschaft lernt er, nur im kollektiv kann man ein unterdrückendes System stürzen, indem er das gesamte Gefängnis bei einem Ausbruch befreit. Andor ist kein Märchen über Helden, sondern ein Drama über Macht, Kontrolle und die Entstehung von Widerstand. Genau darin unterscheidet es sich vom restlichen Widerstand.

Quelle: Andor: A Star Wars Story: Staffel 2, Folge 8 „Wer bist du?“: 19:59 Die Ghormaner singen ihr Volkslied auf dem Plaza der Hauptstadt. Danach kommt es zum geplanten Massaker vom Imperium.
Wo finden sich Bezüge zu unserer Welt?
Der Höhepunkte der zweiten Staffel, ist das Massaker von Ghorman. Ein vom Imperium von langer Hand vorbereiteter Genozid. Bevor man dies als Zuschauer/in jedoch sieht, wird man dem Volk, welches auf Ghorman lebt, erst einmal vertraut gemacht. Das Volk der Ghor erinnert durch seine Kleidung und seine fiktive Sprache an französischen Widerstand während des zweiten Weltkriegs. Nicht ohne Grund wurden deshalb hauptsächlich Schauspieler/innen mit französischer oder schweizer Herkunft für die Bürger/innen gewählt. Ähnlich wie auch beim französischen Widerstand, definiert sich der Aufstand der Ghormaner durch einen gemeinschaftlichen Aufstand, anstatt einzelner Heldenfiguren, die für eine Revolution kämpfen. Bei einer friedlichen Demonstration gegen die Herrschaft des Imperiums werden anschließend die Ghormaner Opfer eines gezielten Genozids und unterliegen dem Imperium gnadenlos. Das Massaker erinnert an historische Gewaltakte wie das Blutbad auf dem Marsfeld oder dem Peterloo-Massaker, bei welchen staatliche Gewalt gegen friedliche Proteste eskalierten und einen Bruch zwischen Macht und Bevölkerung herbeiführten.
Es gibt aber auch sehr aktuelle Realitätsbezüge in der Serie. Beispielsweise erinnert die wahllose Inhaftierung von Cassian an die ICE-Verhaftungen, welche derzeit in den USA stattfinden. Offiziell richten sich die ICE-Einsätze „gegen jeden, der mutmaßlich gegen die Einwanderungsbestimmungen des Landes verstoßen hat, vor allem gegen Personen, die eine Bedrohung für die nationale und öffentliche Sicherheit darstellen.“ Die vergangenen Monate in den USA zeigen jedoch, dass nicht nur Menschen, die eine Bedrohung darstellen, inhaftiert und abgeschoben werden. Migranten werden zum Teil wahllos inhaftiert und in Internierungslager gebracht, die wie Zelt-Städte aufgebaut sind. Zwar werden die Inhaftierten nicht wie die in Andor für Zwangsarbeit missbraucht, parallelen zur oft wahllos wirkenden Inhaftierung gibt es trotzdem. Vor allem der Zeitraum der Veröffentlichung der zweiten Staffel verstärkt den Eindruck von Parallelen zum Einsatz von ICE in den USA.
Am deutlichsten berührt Andor unsere Gegenwart dort, wo die Serie vor dem Verlust einer objektiven Realität warnt. Nach dem grauenhaften Massaker an den Ghormanern wird das Geschehen in den Medien in der gesamten Galaxis nur als ein Zwischenfall dargestellt. Die Unruhen und der Aufstand werden so geframt, dass eine Reaktion des Imperiums notwendig war. Die Verantwortung wird somit komplett auf die Ghormaner geschoben und es kommt zu einer Täter-Opfer Umkehr. Als Reaktion darauf erhebt Senatorin Mon Mothma im Parlament ihre Stimme gegen das Imperium. In ihrer Brandrede adressiert sie den Verlust der Wahrheit und die Gefahr, die daraus unweigerlich entsteht. „Die Distanz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was bekanntlich wahr ist, ist zu einem Abgrund geworden. Von all dem {…} ist der Verlust einer objektiven Realität vielleicht der Gefährlichste. Der Tod der Wahrheit ist der ultimative Sieg des Bösen.“ Sie spricht über den Vorfall auf Ghorman und bezeichnet ihn, als das, was er auch war: „Dieser Saal hat seinen Halt an der Wahrheit schließlich auf der Ghorman-Plaza verloren. {…} Was gestern auf Ghorman geschah, war ein ungerechtfertigter Völkermord! Ja! Völkermord! Und diese Wahrheit wurde aus diesem Saal verbannt!“ Während ihrer Rede wird immer wieder gezeigt, wie imperiale Angestellte des Senats versuchen ihre die Übertragung dieser zu unterbrechen. Am Ende ihrer Rede gelingt es ihnen auch, doch die Übertragung hat bereits die ganze Galaxis erreicht. Die Wahrheit über die Geschehnisse auf Ghorman wurde ans Licht gebracht und die erste Saat des Widerstands gegen das galaktische Imperium wurde gesät.

Quelle: Andor: A Star Wars Story: Staffel 2, Folge 9 „Willkommen bei der Rebellion“: 30:43 Der Höhepunkt von Folge 9: Senatorin Mon Mothma adressiert den vertuschten Völkermord auf Ghorman vor dem gesamten Senat.
Was Andor beschreibt, ist kein rein fiktionales Szenario. Auch in der realen Politik zeigt sich, wie staatliche Gewalt durch offizielle Sprachregelungen relativiert oder umgedeutet wird. So wurden etwa nach ICE-Einsätzen in Minneapolis widersprüchliche Darstellungen verbreitet, bei denen Behörden von Sicherheitsmaßnahmen sprachen, während Zeugenaussagen und Aufnahmen ein anderes Bild zeichneten. Wie in Andor entsteht Macht dort, wo Narrative wichtiger werden als überprüfbare Tatsachen und Wahrheit verhandelbar wird.
Vor was warnt uns also die Serie?
Andor erzählt keine ferne Zukunft, sondern spiegelt Mechanismen, die auch in unserer Realität wirken könnten: staatliche Gewalt, politische Gleichgültigkeit und der Kampf um Wahrheit. Die Serie warnt davor, wie schnell Realität zur Deutungssache werden kann. Die Star Wars Geschichte wirkt in diesem Zusammenhang weniger wie Science-Fiction als wie eine Warnung vor einer Gegenwart, in der Wahrheit verhandelbar wird.


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