400 Zeichen-Journalismus

von Lina Heitmann

Vor ein paar Tagen kaufte Yahoo Summly, eine App, die Nachrichtenartikel zusammenfasst und mithilfe eines Algorithmus kürzt. Yahoo hat vor, den Algorithmus in eigenen Apps zu benutzen und gezielt an Smartphone-Nutzer zu vermarkten. Die Internetfirma, die schon lange nicht mehr als “hip” gilt, will durch die gezielte Vermarktung an Smartphone-Nutzer versuchen, den Technologiemarkt zurückzuerobern.

Kurze Artikel

Viel berichtet wurde darüber, dass Nick D’Aloisio, der siebzehnjährige Erfinder der Startup-Firma, durch den Verkauf plötzlich Multimillionär wurde. Aber was bedeutet die hohe Wertschätzung von Summly (angeblich zahlte Yahoo 30 Millionen US Dollar) für den Journalismus? Summly steht für gleich zwei Entwicklungen: einerseits die der immer kürzer werdenden Nachrichten, und andererseits die eines automatisierten Journalismus.

Neu ist die Verkürzung von Nachrichtenartikeln nicht – Time hat als resümierende Zeitschrift für Geschäftsmänner, die nicht viel Zeit haben, angefangen, und The Week arbeitet auch heute noch auf Basis der Zusammenfassung. Aber auf Smartphones wird die Verkürzung exponentiell vorangetrieben. Was sich verändert ist auf jeden Fall, wie wir unsere Zeit nutzen. Dadurch, dass wir ständig vernetzt sind, ist es beispielsweise möglich und durchaus üblich an der Bushaltestelle oder vor Seminarbeginn die letzten Neuigkeiten zu lesen – jedoch meist nur in Überschriften- oder Tweetformat, wobei Letzteres bekanntlich auf 140 Zeichen beschränkt ist.

Summly-Artikel sind 400 Zeichen lang. Die Gefahr besteht wohl darin, dass man sich mit diesen kurzen Zusammenfassungen zufriedengibt. Aber die Zeit für längere Artikel haben wir ja weiterhin: am Frühstückstisch, am Wochenende, auf längeren Bahnfahrten, etc. Und Platz für lange Reportagen ist im Internet ja genug! Oftmals ist im Internet eine Tiefe möglich, die selten gedruckt wird.

Mit Hyperlinks zum Hintergrundbericht

Nimmt man Twitter als Beispiel, so gelangt man über kurze Tweets tatsächlich oftmals auf längere Artikel – entweder durch die Tweets einer Zeitung selbst oder über Empfehlungen. Ein Beispiel: folgender Tweet führt zu diesem fünf Seiten langen Artikel über Londons zentrale Rolle in der internationalen Geldwäsche.

Die Studie The State of the News Media 2013 bestätigt diese Erfahrung: Wer hauptsächlich über soziale Medien Nachrichten liest, verfolgt mit hoher Wahrscheinlichkeit (77%) die Geschichte über den geteilten Link. Das heißt: Überschriften und kurze Zusammenfassungen reichen nicht aus, und die Nutzer wissen das auch.

Für einen Konsumenten ist das breite Journalismusangebot im Internet zur Zeit ideal, schreibt bei Slate Matthew Yglesias. Tatsächlich ist es einfacher denn je die Nachrichten in verschiedensten Zeitungen, Onlinemagazinen und Blogs aus dem In- und Ausland zu verfolgen. (Dieses Überangebot ist aber wohl auch genau das, was einen Nachrichtenaggregator wie Summly wertvoll macht – wer hat regelmäßig Zeit, das ganze Internet zu lesen?) Aber die Realität des Journalismus sieht trotzdem nicht gut aus. Mit weniger Ressourcen kann weniger Berichterstattung und weniger Spezialisierung finanziert werden, sodass sowohl die Breite als auch die Tiefe des Journalismus leidet. Wenn dieser Trend weiter bergab geht, gibt es für einen Nachrichtenaggregator – und für Nachrichtenleser, die Menschen am Frühstückstisch – einfach weniger (gutes) Material.

Denn richtigen Journalismus ersetzen kann eine App nicht. Der Journalismus muss finanziert und geschätzt werden. Inzwischen haben Zeitungen auch begriffen, dass ihr Inhalt nicht nur in gedruckter Form einen Wert hat, sodass auch im Internet verschiedene Bezahlmöglichkeiten existieren. Die New York Times, Die Welt und das Hamburger Abendblatt benutzen beispielsweise Bezahlschranken (allerdings mit unterschiedlichem Erfolg). Wenn Konsumenten den Journalismus auch in seiner Online-Form genug wertschätzen um für ihn zu bezahlen, gibt es noch einen Schimmer Hoffnung – vorausgesetzt der Journalismus ist von einer Qualität, für die man gerne zahlt.

Automatisierter Journalismus

Yahoo hat sich mit Summly nicht nur Kürze gekauft. Die andere Seite des Dienstes ist die Automatisierung durch den Algorithmus. Tatsächlich ist automatisierter Journalismus nicht ganz neu. Beispielsweise nutzt das Wirtschaftsmagazin Forbes in seinem Onlineauftritt einen Dienst, der sich “Narrative Science” nennt. Hier werden Datenbanken zu kleinen Artikeln und Geschichten zusammengefasst. Doch auch das automatisierte Herstellen von Geschichten dürfte den Journalismus nicht ersetzen, egal wie geschickt – denn zum wirklichen Journalismus gehört mehr. Trotzdem können Zusammenfassungen von Datenbanken so auch ganz ohne körperliche Nachrichtenschreiber gemacht werden – beispielsweise bei der Finanzberichterstattung, wenn es vor allem darum geht Datenbanken und Statistiken in Textform zu bringen.

Dabei gibt es aber Gefahren, die darüber hinausgehen, dass weniger Menschen gebraucht werden um die Datensätze zu Nachrichten zusammenzufassen. Die automatisch erstellten Berichte können an verschiedene User angepasst werden. Das Onlinemagazin Slate beschreibt die Gefahr dabei folgendermaßen: Man stelle sich zwei Nachrichtenleser mit unterschiedlichen Interessen, Einstellungen und Leseniveaus vor – der eine liest, sagen wir mal, vor allem Die Zeit, und der andere Bild, und Google kennt diese und weitere Präferenzen ja ganz gut. Erhalten die beiden dann verschiedene Artikel? Die Gefahr ist nicht nur, dass sie unterschiedliche Artikel empfohlen bekommen, sondern dass für die beiden Leser vom Niveau und Inhalt her ungleiche Artikel erstellt werden – jeder fühlt sich gleich informiert aber sieht nur eine auf sich persönlich zugeschnittene Berichterstattung.

Noch sind wir nicht so weit. Um sich zu retten, muss sich der Journalismus von solchen Angeboten differenzieren und das tun, was er am besten kann: originell, investigativ und kritisch berichten. Gleichzeitig müssen die Nutzer sich aktiv tiefgehend informieren und außerdem eine Kompetenz zur kritischen Selektion beweisen, die im digitalen Zeitalter wertvoller ist als jemals zuvor.

Foto: flickr.com/Andy Field (CC BY-NC-SA 2.0), flickr.com/401(K) 2013, (CC BY-SA 2.0)

 

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