Vorhang auf für Anna Karenina

von Marina Hänsel

Joe Wright haucht Lew Tolstois tragischer Liebesgeschichte neues Leben ein. Theater im Film war schon seit Lars von Triers Experimentalfilm Dogville (Dänemark, 2003) ein umstrittenes Thema – die einen nannten es Kunst, die anderen verschmähten es regelrecht in den Kinos. Wenn sich nun ein renommierter Regisseur wie Joe Wright auf den schmalen Grat zwischen realistischem Filmemachen und Theatralik wagt, dürfen wir gespannt sein. Bereits in Atonement (dt. Abbitte, 2001) bewies der Brite ein Feingefühl für offene Dramaturgie, parallele Handlungsstränge und vor allen Dingen Plansequenzen. Mit Anna Karenina präsentiert sich der engagierte Filmemacher in der selben Tradition – und vielleicht sogar einen Ticken besser.

„Soviel Herzen, Soviel Arten von Liebe.“

– Wie viel Wahrheit in den Worten von Lew Tolstoi steckt, offenbart sich in drei ineinander verflochtenen Liebes – und Leidensgeschichten der russischen Highsociety des 19. Jahrhunderts. Fürst Stepan Oblonski (Matthew MacFadyen) als untreuer Ehemann der liebenswerten Dolly (Kelly MacDonald) ist Dreh und Angelpunkt von gleich zwei weiteren Liebeleien: Zum einen dient er als Verbindungsmann zwischen Dollys jüngerer Schwester Kitty Schtscherbazkaja (Alicia Vikander) und dem freiheitsliebenden Gutsbesitzer Kostja Ljewin (Domhnall Gleeson), der sich nichts mehr wünscht als die Hand der heiratswilligen Dame. Diese ist jedoch geblendet von dem hübschen Graf Wronski (Aaron Taylor-Johnson), der ihr ebenfalls zugetan ist – zumindest solange, bis er in einem Zug auf Stepans Schwester trifft: Anna Karenina (Keira Knightley). Als gut situierte Ehefrau des allseits geachteten Staatsbeamten Alexej Karenin (Jude Law), führt Anna ein beschauliches, wenn auch etwas zurückgezogenes Leben. Erst die Begegnung mit Wronski offenbart ihr eine Welt, von der sie zuvor kaum zu träumen gewagt hatte. Gefangen im Netz der Intrigen des russischen Adels, den Fesseln ihrer Ehe und ihres Gewissens, entflammt einer leidenschaftliche Affäre zwischen den beiden. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer: Geblendet von ihrer Liebe, gesteht und verteidigt die junge Anna ihre Beziehung vor Alexej; will sogar eine Scheidung erwirken. Und während die Leute um sie herum zu tuscheln beginnen, verfällt die gefallene Frau dem Morphium und schließlich dem Wahnsinn. Wie ironisch präsentiert sich hier die eigentliche Tragik des Werkes: Der Zug, in welchem die unglückliche Affäre einst ihren Lauf nahm, zieht sich als Symbol durch den gesamten Film und erfasst die schöne Anna schließlich, als sie sich der Verzweiflung wegen vor die Lokomotive wirft.

Der Meister am Werk

Joe Wrights Anna Karenina erstrahlt mit ineinander gleitenden Bühnenbildern, opulenter Choreographie und virtuosen Plansequenzen – die anfängliche Materialität zwischen Theater und Film verschwimmt bald zu einer homogenen Symbiose: Die Bühne wird Realität; die Künstlichkeit der russischen Adelsgesellschaft wird bittere Wirklichkeit. Um den Schleier der Illusion erst zu erzeugen, bediente sich Wright einem gewagten Konzept: Er drehte tatsächlich einen Großteil der Szenen innerhalb eines alten Theaters im englischen Shepperton. Für die sinnbildlichen Zugfahrten und Panorama-Shots wurden eine Modelleisenbahn und Puppenhäuser verwendet. Einzig dem idealistischen Ljewin ist es erlaubt, die Bühne zu verlassen, womit sein authentischer und einfacher Charakter noch weiter aus der unwirklich anmutenden Adelsgesellschaft heraus gehoben wird. Es ist also kaum verwunderlich, dass ausschließlich ihm ein Happy End gegönnt wird: in Form der ersehnten Heirat mit Kitty.

Trotz Wermutstropfen gelungen

Nach den Hauptrollen in Joe Wrights Atonement und Pride & Prejudice (dt. Stolz und Vorurteil, 2005) ergatterte Keira Knightley neben Jude Law (Der talentierte Mr. Ripley, Sherlock Holmes) erneut das Zepter in Anna Karenina – eine der wenigen vom Regisseur tatsächlich vorgesehenen Besetzungen. Eigentlich sollten James McAvoy (Atonement, X- Men: First Class), Benedict Cumberbatch (Atonement, Gefährten) und Cate Blanchett (Wer ist Hanna?, Elizabeth) in der Literaturverfilmung glänzen. Alles Schauspieler, die bereits zuvor mit dem britischen Regisseur zusammen gearbeitet hatten. Sie lehnten jedoch ab. Obwohl diese Starbesetzung dem Film sicherlich eine interessante Note gegeben hätte, müssen sich die Zuschauer keineswegs ärgern: Auch mit der finalen Rollenverteilung beweist Joe Wright ein gutes Gespür für Charakter und Inszenierung.

Fazit

Joe Wright gelingt das Experiment des theatralischen Films. Anna Karenina zeugt erneut von dem Feingefühl und dem eifrigen Perfektionismus des britischen Filmemachers.

 

Anna Karenina, Vereinigtes Königreich/Frankreich 2012 – Regie: Joe Wright. Drehbuch: Tom Stoppard (nach der Romanvorlage von Lew Tolstoi). Produktion: u.a. Tim Bevan, Paul Webster. Musik: Dario Marianelli. Kamera: Seamus McGarvey. Kostüm: Jacqueline Durran. Mit: Keira Knightley, Aaron Taylor-Johnson, Jude Law, Matthew MacFadyen, Domhnall Gleeson, Alicia Vikander. Länge: 130 Minuten.

 

Fotos: © Focus Features

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