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Fans & Fiktionen – Es war einmal…

von Sanja Döttling

DeviantArt bestreitet einen Teil seines Seiten-Traffics mit Fan Arts, auf archiveofourown.org sammeln sich Fan-Autoren aus der ganzen Welt, und der Blog-Seite Tumblr ist die Fan-Spielweise schlechthin – mit gemalten Bildern, manipulierten Fotos, Freunden und Fanfiction. Heute sind Fan Comunities im Internet zuhause, doch ihre Geschichte beginnt lange vor der virtuellen Realität.

Wo beginnen?

Den Anfang der Media-Fan-Bewegung zu finden, ist nicht ganz einfach. Seit dem Anfang des Geschichten-Erzählens werden Ideen übernommen, geklaut, verändert und in neue Kontexte gestellt – also genau das, was heutige Media-Fans mit ihren geliebten Büchern oder Serien tun. In ihrem Essay „Achontic Literature“ unterscheidet Abigail Derecho, Doktorantin an der Nothwestern University, drei verschiedene Definitionen von Fan Fiction und damit auch drei verschiedene geschichtliche Startpunkte:

1. Fan Fiction gibt es seit der ersten Geschichte und bis heute; Fan Fiction sind dabei sowohl Geschichten von Fans innerhalb der Community als auch von Autoren, die sich eines bekannten Stoffes bedienen. (Wie zum Beispiel Wolfgang Holbeins Roman „Thor“, der sich mit den Geschichten der Edda beschäftigt.)

2. Fan Fiction sind Produkte einer konkreten Fan Culture, die als solche entweder 1920, mit den ersten Sherlock Holmes-Clubs und Jane-Austen-Societies, oder 1960, mit den ersten Star-Trek-Fanzines, also Zeitschriften von Fans für Fans, begannen. Sie enthielten Hintergrundinformationen und Fanfiction.

3. Fan Fiction müssen zwischen der ersten, sehr weiten Variante und der zweiten, zu engen Variante angesiedelt werden. Derecho schlägt deshalb vor, besondere Merkmale von Fanfiction herauszuarbeiten, um sie von Literatur abgrenzen zu können; für sie ist Fan Fiction „Archontic Literature“.

Wie immer liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Im Zusammenhang dieser Serie erscheint es allerdings sinnvoll, die zweite Definition zu bevorzugen, da das Feld der Media-Fans so eng gehalten werden kann.

Von Science-Fiction zu Star Trek

In ihrem Essay „A Brief History of Media Fandom“ gibt Francesca Coppa eine kurze Übersicht über die Entwicklung der Fan Communities seit 1930 und damit seit dem ersten FanZine. Das hieß „The Comet“ und war eine Zeitschrift, die von und für Leser von Science Fiction-Stories produziert wurde. Bekannte Autoren wie Ray Bradbury veröffentlichten hier ihre ersten Geschichten. Ende der 30er Jahre fanden die ersten Fantreffen – Conventions – statt. In dieser Zeit etablierte sich auch der Fan-Jargon mit ausdrücken wie „fanboy“ oder „con“.

Von den SF-Lesern war es nur ein kleiner Sprung zu den ersten Media-Fans; erst die Serie The Man frum UNCLE und dann, mit ungleich größerem Echo: „Star Trek“. Jetzt waren es auch die Frauen, die anfingen, Fanaktivitäten zu übernehmen. Während Gene Roddenberry, Erfinder der Serie, die Copyrightverletzungen durch Fans ignorierte, begannen sich FanZines zu vermehren. Die ersten Beziehungs-Fanfiction wurden geschrieben. Schnell grenzten sich SF-Fans von den Trekkies, also den Star Trek Fans, ab; die blieben fortan unter sich.

Plötzlich ging es in den Geschichten weniger um den Science-Fiction-Hintergrund; die Beziehungen und Freundschaften der Charaktere rückten immer mehr in den Vordergrund der Fanfiction. Die ersten Mary Sues – weibliche Über-Charaktere, die alles können – tauchten auf und kommandierten die Männer herum. Die nächste große Teilung innerhalb der Autoren betraf den Unterschied zwischen K&S-Geschichten (Kirk und Spock in freundschaftlicher Beziehung) und K/S-Geschichten, auch als Slash bekannt – sie waren romantischer Natur.

Männliche Helden und weibliche Fans = schwul

Neue Fernsehserien wie Starsky and Hutch und The Profesionals zogen Ende der 70er das Augenmerk der Fans auf sich. Diese sogenannten „Buddy Shows“ hatten ganz bestimmte Bausteine, die sie für Fans von den oben genannten Beziehungs-Geschichten attraktiv machten: Die beiden Hauptprotagonisten waren

a) Problem-Löser und Abenteurer

b) standen außerhalb der Mainstream-Gesellschaft

c) und waren voneinander abhängig.

Das machte es den (weiblichen) Zuschauern leicht, homoerotische Untertöne in Beziehungen zu interpretieren. Ein weiterer technischer Fakt verstärkte diese Interpretation. In Coppas Essay zitiert sie Camille Bacon-Smith mit den Worten:

„When actors are shot in sufficient close up for the viewer to read facial expressions clearly, they cannot maneuver appropriate social distances and still look at each other while they are speaking…. so actors portraying friends consistently break into each other’s spheres of intimate space.“

Ein Science-Fiction-Blockbuster belebte das tot geglaubte Genre ebenfalls: Star Wars. Damit begann die Zeit der diversen, sich voneinander abgrenzenden Fandoms.

Damals war alles besser (selbst Film und Fernsehen)

Fortsetzungen und neue Filme, wie Indiana Jones oder Blade Runner, erweiterten in den 80er Jahren den Horizont für Fans.  Der Blick richtete sich nun auch nach England; die BBC ist bis heute offener Geheimtipp unter Fans. Damals wie heute inspirierte die Serie Doctor Who viele Fans. Auch im amerikanischen Fernsehen tat sich etwas: In Serien wie Hill Street Blues wurde eine komplexere Erzählstrategie eingeführt. Die ersten weiblichen Heldinnen eroberten die Leinwand und machten den Weg für fem slash – Fanfiction mit lesbischen Paaren – frei. Die ersten Crossover-Geschichten wurden entwickelt: Sie vereinen verschiedene Charaktere aus unterschiedlichen Serien.

Fans und Internet: Ein Traumpaar

Anfang der 90er Jahre begann der Siegeszug der Fan Communities im Internet. Schon immer bedienten sich Fans den einfachsten und billigsten Verbreitungsmitteln, da ihre Tätigkeit rein ehrenamtlich und unbezahlt war. Nun also zogen die Fans zum Austausch ins sogenannte Usenet, einen Zweig des Internets, der lange vor dem WWW existierte. Es folgt einer Ähnlichen Strukturen wie Web-Foren heutzutage und diente dem weltweiten Austausch von Fans in jeweiligen Gruppen. Bald darauf folgten die ersten Mailing-Listen und Archive. Zum ersten Mal konnten sich Slash-Fans offen austauschen und wurden teil des Fan-Mainstreams, verließen also ihre frühere „Schmuddel-Ecke“.

Neue Serien wie Buffy, X-Files, Highlander und Xena eroberten die Bildschirme. Der Zugang zu Fan-Archiven wurde leichter. Immer mehr Leute konnten sich virtuell austauschen. Zu den reinen Media-Fans gesellten sich Comic-, Musik- und Anime-Fans zur Koexistenz im Internet.

Postmoderne Fan Community

Im neuen Jahrtausend verändert sich die Fan-Landschaft im Internet so rapide, ist so groß und unübersichtlich geworden, dass es kaum möglich ist, sie in ihrer Gänze zu erfassen. Seit 1998 ist fanfiction.net wohl die größte Sammlung internationaler Fan Fiction zu allen Fandoms. Die Zahl der Geschichten geht in den Millionen-Bereich. Fast 600,000 Geschichten gibt es allein zum Fandom Harry Potter. Daneben sind die neuen gewählten Stars: Herr der Ringe, Twilight, Naruto und Inuyasha, Star Wars und Supernatural.

Blog-Seiten wie LiveJournal.com und heute tumblr.com mit seiner Re-Blog-Mentalität sind zu Treffpunkten für Fans geworden. Die Verlegung der Fan-Aktivitäten ins Internet beeinflussen die Verbreitung, Rezeption, Produktion, Interaktion und Demografie des Publikums. Fans werden jünger, weil das Web frei zugänglich ist und kostenlos. Manche Fans lesen Fanfiction, ohne sich in der Community zu beteiligen – sie werden Lurker oder Schwarzleser genannt. Inzwischen wandern die Fanfiction aus dem Internet zurück in die Handtasche: E-Book-Reader lassen den Unterschied zwischen Buch und Fanfiction, zumindest in Erscheinungsbild, verschwimmen.

Quellen:

– Hellekson, K., Busse, K. 2006; Fan Fiction in the Age of the Internet

A (very) brief History of Fanfic, Super Cat.

– Fotos: Sanja Döttling

 

 

 

Was Facebook weiß.

von Sebastian Luther

Wenn Maximilian Schrems sich bei Facebook einloggt, dann entbehrt das nicht einer gewissen Ironie. Schrems dürfte wohl für den Social Network Giganten einer der unbeliebtesten User sein. Er hat es geschafft, Facebook zu Dingen zu zwingen, die Zuckerbergs Unternehmen aus Eigeninitiative nie getan hätten. Schrems hat den Spieß umgedreht. Er weiß nun, was Facebook über ihn weiß – und was es über uns alle weiß, stellt es sogar online.

Schrems vs. Facebook

Der Jurastudent Maximilian Schrems aus Wien hat im Juni letzten Jahres von seinem Recht Gebrauch gemacht, das alle User dank der europäischen Datenschutzgesetze haben. Er fordert Facebook auf, ihm eine Kopie aller Daten zu schicken, die das Unternehmen über ihn erhoben hat. Zunächst weigert es sich, versucht ihn abzuwimmeln und ihn mit einem Bruchteil dessen, was er fordert, seinen Login-Daten, abzuspeißen. Doch Schrems will es wirklich wissen, legt mehrfach Beschwerde bei der irischen Datenschutzkommission ein, die für Facebook zuständig ist, da es seinen europäischen Firmensitz auf der grünen Insel hat. Mehrere Wochen und einige Pannen später, bekommt er zum ersten Mal eine CD zugeschickt, 1.222 PDF Seiten, die sein Facebook-Leben protokollieren. Was sich nach viel anhört, ist in Wahrheit noch lange nicht alles, was über ihn gespeichert wurde. So fehlen beispielsweise immer noch Informationen über seine geklickten „Like“ Buttons auf Facebook- und Firmenseiten und andere Nutzungsstatistiken. Über seine Internetseite ruft Schrems zur Aktion gegen das soziale Netzwerk auf, um es in seine Schranken zu verweisen und Datenschutzregen zu etablieren, die tatsächlich beachtet werden. Für den Server seiner Homepage fallen gleichzeitig die einzigen Kosten für ihn an – 9,90 € im Monat. Wenn er gewinnt, drohen dem Datenstaubsauger Verluste in Millionenhöhe, da wahlloses Sammeln, Speichern und Verkaufen nicht mehr möglich wäre. 44.000 User haben bereits ihre Daten beantragt, was Facebook jetzt schon dazu veranlasst hat, Konsequenzen zu ziehen und ein Downloadtool zu installieren, dass den Zugang zu den Daten erleichtern soll. Schon bei flüchtiger Betrachtung entpuppt sich die vermeintliche Geste von Facebook als eine virtuelle Nebelkerze, da wieder nur wenig Daten zugänglich gemacht werden und der gesamte Prozess verschleppt werden soll. Abgesehen davon hat Schrems bereits jetzt schon der Nutzergemeinde einen ungeheuren Dienst erwiesen, indem er der ominösen Drohnung „Facebook weiß alles“ ein tatsächliches Konterfei verliehen hat und sich allmählich Einblicke in die Unternehmenspraktiken auftun.

Facebook weiß, wann wir gerne posten.

An diesem Punkt stellt sich offensichtlich die Frage, was Facebook mit den Daten über seine 845 Millionen Nutzer überhaupt anstellt. Neben dem immensen Werbepotential, dass die Nutzer generieren, nutzt Facebook seine Daten nämlich auch zur Forschung über Vernetzung, Kommunikation und Informationsaustausch. Die Ergebnisse, die Facebook auf der Seite seines Forschungsteams zugänglich macht, verraten erstaunlich viel über unsere Gewohnheiten und Verhaltensweisen, sogar über die Welt an sich.

So kann man auf dieser Karte die Umrisse von Ländern und Kontinenten erkennen, alleine auf Basis von Facebook Freundschaften. Auch darüber, wie Nutzer via Facebook an Informationen gelangen, haben die Forscher interessante Ergebnisse zu Tage gefördert, und ein Phänomen skizziert, das der US-amerikanische Soziologe Mark Granovetter „The Strength of Weak Ties“ nannte. So interagieren Facebook-Nutzer zwar, wenig überraschend, nur mit einem kleinen Teil ihres gesamten Freundeskreises regelmäßig, bekommen neue Informationen aber wesentlich häufiger von „weak ties“, also denjenigen, mit denen sie nur selten Kontakt haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese neue Information später auch vom engen Freundeskreis geteilt wird, ist relativ gering, weshalb die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nutzer selber die Information teilt, 10-fach größer ist. Bei engen Freunden ist es hingegen unwahrscheinlicher, dass ich deren Inhalte teile: Hier gilt nur die sechsfach erhöhter Wahrscheinlichkeit. Via Facebook ist die Netzgemeinde zudem auch näher zusammen gerückt. 1929 äußerte der ungarische Autor Frigyes Karinthy die Idee, dass zwei Menschen, die einander völlig unbekannt sind, sich über höchstens sechs „Ecken“ kennen, was Stanley Milgam 1960 bestätigte. Mittlerweile ist diese durchschnittliche Distanz innerhalb Facebooks auf 4,74 Ecken bzw. Sprünge von Freund zu Freund gesunken. Der durchschnittliche Facebooknutzer unter 25 ändert sonntags am ehesten seines Beziehungsstatus, hat ca. 190 Freunde und postet zwischen elf Uhr abends und vier Uhr morgens die meisten negativen Kommentare, was insgesamt nur die Spitze des Datenberges darstellt, den Facebook durchforstet.

Für die Forschung geeignet?

Was Facebook da veröffentlicht, ist jedoch mit großer Skepsis zu genießen, meint der Tübinger Professor für Medienwissenschaft, Guido Zurstiege: „Bei einem Unternehmen, das Forschungen und Untersuchungen über sich selbst beziehungsweise seine eigenen Kunden anstellt, muss man die Unabhängigkeit der Ergebnisse immer hinterfragen“. Zudem besteht die Motivation Facebooks für diese Forschung letztlich nicht darin, einfach nur Informationen zu generieren, sondern Geld zu verdienen, indem Werbe- und somit Gewinnpotential maximiert wird. Auch den Nutzen für die kommunikationswissenschaftliche Forschung betrachtet er mit Vorsicht, da es fraglich ist, wie mit Problematiken, wie etwa Fake-Accounts, umgegangen wurde und die Ergebnisse in Punkto Reliabilität somit zweifelhaft sind. Eine Zusammenarbeit mit Facebook kann er sich nicht vorstellen: „Die fände niemals auf  Augenhöhe statt“, da die externen Forscher jederzeit vom Gusto des Unternehmens abhängig wären – so Zurstiege. Denn spätestens seit Maximilian Schrems wissen wir wie schwer es ist, mit dem blauen Riesen auf Augenhöhe zu verhandeln.

Foto: flickr/ pshab (CC BY-NC 2.0)

Homosexualität in Film und Fernsehen

Lindenstraße, Bauer sucht Frau und natürlich viele US-Produktionen: Überall gibt es homosexuelle Charaktere. Aber welchen Entwicklung durchlief das schwule Fernsehen? Und sorgen homosexuelle Figuren für mehr Toleranz in der Gesellschaft?

Der Skandal endet nie

Nach sechs bis acht Wochen soll das Publikum den Skandal vergessen haben. Aber für die Betroffenen gilt: Der Skandal endet nie. Und durch das Internet nimmt nicht nur die Verbreitung zu, sondern auch die Erinnerung.