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Endlose Leinwände und digitale Comics

Autor: Marius Lang

Illustration: Henrike Ledig

Mit dem Wandel der Technologie geht immer auch ein Wandel der Medien einher. Der Film hat sich seit seinen Anfängen in einem konstanten Zustand der Veränderung befunden, stets beeinflusst von neuen Technologien zur Produktion, Speicherung und Sendung an die Adressaten. Von den ersten bewegten Bildern der Gebrüder Lumière über den Tonfilm, den Farbfilm, Fernsehen, VHS, DVD und schließlich das Internet und Portale wie Netflix, immer haben technische Neuerungen den Film mit beeinflusst. Dies ist bei dem Medium des Comics nicht anders. Neuere Methoden der Zeichnung, Kolorierung und des Drucks haben den Stil des Comics geprägt und verändert. Und auch das Internet mit all seinen Schwierigkeiten und neuen Möglichkeiten für das Medium trägt dazu bei, dass sich Verlage, Künstler und Leser von Comics immer mehr mit diesem Feld auseinandersetzen. Digitale Comics sind das Stichwort: Einige sehen in ihnen ein Problem, ein Risiko für die Industrie. Andere bleiben optimistisch und sehen gleichermaßen neue Möglichkeiten für die Kunst und den Vertrieb und damit auch für die Leser. Eine gesunde Einstellung, erst recht in einem Medium, dass gerade dieser Tage die Basis gewaltiger Franchises in Film und TV bildet.

Panels auf dem Bildschirm

Nun stellt sich die Frage, was genau Digitale Comics eigentlich sind. Unter diesem Begriff kann man viele verschiedene Formen des Mediums verstehen. Webcomics, die zumeist exklusiv im Netz einsehbar sind, sind dabei eine der populärsten Inkarnationen. Allerdings zählen auch digitale Versionen von Comics dazu, die oft zusätzlich in gedruckter Form erhältlich sind oder waren. In seinem Buch Reinventing Comics befürwortet Scott McCloud, dass wir unser allgemeines Verständnis von Comics nicht in der gleichen Form auf digitale Comics übertragen können, insbesondere, weil digitale Comics nicht denselben Regeln folgen müssen, denen sich das Print-Format unterwerfen muss. So funktionieren viele digitale Comics nicht auf dem Papier oder lesen sich, wenn sie denn in gedruckter Form erscheinen, teilweise oder gänzlich anders. Vielen Zwängen, denen sich klassische Comics unterwerfen müssen, können digitale Comics durchbrechen. Das eigentlich übliche Konzept, nachdem Comics ihre Erzählung Seite pro Seite staffeln müssen, um den Leser zum umblättern zu bewegen, ist in digitaler Form nicht gegeben. Stattdessen könnten diese Comics ihre Panels ewig nebeneinander legen, ein Konzept, welches McCloud als „infinite canvas“ bezeichnet. Digitale Comics stellen somit Künstler wie Autoren, Verlage und sogar den Leser vor andere, neue Herausforderungen, bringen aber auch völlig neue Möglichkeiten des Storytellings und Lesevergnügens mit sich, mit denen es zu experimentieren gilt.

Konzept der Zukunft?

Neue Möglichkeiten bringen oft eine Sache mit sich: Ängste. Auch digitale Comics sind davon nicht ausgenommen. Eine große Angst, die vor allem große Verlage herumtreibt, ist die Furcht vor Profitverlust. Oft vorgehalten ist die Angst, dass digitale Comics die Verkäufe von gedruckten Comics deutlich mindern würden, dass illegale Downloads und Online-Piraterie zunehmen würden. Diese Ängste haben viele der großen Verleger, insbesondere MARVEL, DC Comics oder Image Comics davon abgehalten, bereits früh auf den Zug aufzuspringen und ihre Produkte auch oder teilweise exklusiv online zu vertreiben. Dabei waren die Möglichkeiten bereits sehr früh vorhanden. 2007 wurde die Online-Plattform ComiXology gegründet, ein cloudbasierter Vertrieb digitaler Comics. 2014 wurde der Betrieb von Amazon.com aufgekauft. Dieser Tage bietet die Website eine breite Auswahl an digitalen Comics an, sowohl von großen Herausgebern als auch von kleineren Independent-Verlagen und freien Künstlern und Autoren. Die digitalen Comics sind oft günstiger als ihre gedruckten Ausgaben und der Erfolg von E-Readern und Tablets als ernstzunehmende Alternative zu Büchern spricht ebenfalls dafür, einen ernsthaften Blick auf digitale Comics als Alternative zum gedruckten Comic zu werfen. Doch auch in einer anderen Hinsicht sind digitale Comics für die Welt von besonderer Bedeutung. Was man nicht vergessen darf ist, dass Comics auch Kunst sind. Kunst, die es zu erhalten gilt.

Viele Comics werden im Print nie neu aufgelegt oder sind nur in teuren Kollektionen noch aufzufinden. Doch die digitale Revolution ermöglicht es uns als Lesern, Comics zu rezipieren, die möglicherweise seit Jahren schon nicht mehr gedruckt werden, da ein Vertrieb auf Papier nicht veritabel wäre. Da viele Kosten, für Papier und Druck etwa, bei digitalen Comics wegfallen, stellen diese für Verlage eine durchaus profitable Möglichkeit dar, Comics der Vergangenheit für die Nachwelt und künftige Leser  zu erhalten. Ein weltweit und simpel zugänglicher Tresor, gefüllt mit Geschichten aus der Vergangenheit.

Endlose Leinwand, endlose Möglichkeiten

Es ist freilich schwer zu sagen, was die Zukunft noch für neue Technologien mit sich bringt, die eventuell die Comicwelt erneut revolutionieren. Wichtig ist es, diesen neuen Technologien ihre Chance zu geben und somit möglicherweise neue Wege zu finden, die Welt des Storytellings in Comics neu auszulegen. Ängste, dass das gedruckte Werk deswegen aussterben würde, sind hierbei zwar verständlich, aber sollten niemals im Weg stehen, neue Wege zu gehen und neue Ideen auszutesten. Stattdessen sollten Verlage, Autoren und Künstler sich damit auseinandersetzen, wie man den gedruckten Comic auch in der Zukunft erhalten kann, in Koexistenz mit digitalen Werken. Bücher sind schließlich nicht verschwunden, nur weil E-Books existieren. Und Digitale Comics geben Künstlern neue Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Viele Webcomic-Künstler sind dieser Tage so erfolgreich wie bekannte Comicautoren, eine Leistung, die sie im hart umkämpften Printgewerbe vielleicht nie erreicht hätten.

Digitale Comics haben noch einen weiten Weg vor sich. Doch es ist für alle Beteiligten, Produzenten wie Konsumenten, wichtig, diesen Weg mitzugehen. Scott McCloud sagt, wir sollten digitale Comics mit anderen Augen betrachten als ihre gedruckten Gegenstücke. Doch er bleibt dabei optimistisch, sieht die Möglichkeiten und weniger die Schwierigkeiten. Er plädiert dafür, dass man neue Technologien nutzen sollte, neue Wege der Kunst zu erschließen. Und mit einem Klick können wir völlig neue Comic-Welten betreten.

Empfehlung:

Reinventing Comics: How Imagination and Technology Are Revolutionizing an Art Form – Von Scott McCloud (2000)

Ein Leben in Panels

von Marius Lang

illustriert von Henrike Ledig

Jedes Comic beinhaltet Teile der Persönlichkeit des Autors. Doch die persönlichste Art von Comics ist wohl das biographische oder autobiographische Comic. Oft unabhängig von den großen Verlegern stellen sie in Bildern und Sprechblasen die Leben realer Persönlichkeiten, sei es der Autor selber, jemand der dem Autor nahe steht oder jemand, den der Autor selber eigentlich gar nicht kennt. Doch jeder hat ein Leben geführt, welches sich anbietet, grafisch durch Bilder begleitet zu werden. Die Frage ist, warum sich ein Autor hier entscheidet, diese Lebensgeschichte als Comic, statt als schlichtes Buch festzuhalten und was diese Geschichten in ihrer Form so einzigartig macht.

Ein Comictrend?

11655580_10204289429411711_1980131261_nBiographische Comics und Graphic Novels sind nicht etwa eine Seltenheit. Der deutsche Comicautor Reinhard Kleist etwa veröffentlichte unter anderem Biographische Comics über Johnny Cash und Fidel Castro. David Small erzählt in Stitches die Geschichte seiner Kindheit, samt Krebserkrankung und mehr als düsteren Verhältnis zu seiner Mutter. Und auch im Bereich der Web-Comics hat die Biographische Comickunst ein festes Standbein. Der deutsche Comiczeichner und -autor Felix „Flix“ Görmann veröffentlicht seit vielen Jahren (mehr oder weniger) regelmäßig auf seiner Website (http://derflix.de/) ein Comictagebuch. Auch seine held-Trilogie ist hat autobiographische Züge, schweift allerdings, wie eine Hommage an die Comickunst an sich, schon bald ins absurde ab. Die wohl interessantesten Graphic Novels mit biographischem Charakter sind Art Spiegelmans legendäres Meisterwerk Maus – A Survivor‘s Tale und Marjane Satrapis Persepolis. Anhand dieser beiden Beispiele soll diese besondere Ausprägung des Mediums auch näher untersucht werden.

Das Leben des Vaters

Beginnen wir mit Maus. Das Comic wurde in einzelnen Kapiteln zwischen 1980 und 1991 in dem Inependent-Comic-Magazin RAW veröffentlicht. 1986 wurden dann die ersten fünf Kapitel unter dem Titel Maus – My Father Bleeds History veröffentlicht, 1991 gefolgt von den anderen fünf Kapiteln, unter dem And Here my Troubles Began. Spiegelman erzählt hierbei nicht etwa nur seine eigene Geschichte, sondern vor allem die seines Vaters, Vladek Spiegelman, und dessen Überlebensgeschichte als polnischer Jude durch den Horror der Konzentrationslager von Dachau und Auschwitz. Unterbrochen wird die Geschichte von einer Rahmenerzählung in den Jahren 1978-1970, in denen Art seinen Vater zu dessen Leben interviewt. Das Comic ist einerseits ein Denkmal an den menschlichen Willen zu überleben und andererseits eine Form, das eher schlechte Verhältnis Arts zu seinem Vater aufzuarbeiten.

Was nun war der ausschlaggebende Grund für Spiegelman, die Geschichte seines Vaters in Comic-Form zu erzählen. Zunächst gibt es da den einfachsten Grund: Spiegelman ist nun mal grafischer Erzähler. Mit einer festen Vergangenheit in der Independent-Comicszene seiner Zeit wäre dies wohl der erste Grund sich für diese Art der Narration zu entscheiden. Dies allein ist jedoch zu einfach. Viel wichtiger ist die Bedeutung der Möglichkeiten, die das Comic als Medium für eben diese Geschichte bietet. Graphisches Storytelling bietet zusätzliche Möglichkeiten, eine Geschichte zu charakterisieren. Im Falle von Maus ist dies besonders auffällig. Die Zeichnungen sind simpel gehalten. Farben sind abwesend, alles ist in Schwarz und Weiß gehalten, was der Story ein starkes Spiel mit Kontrasten, Schatten und Dunkelheit erlaubt. Doch die wichtigste bildliche Eigenschaft ist die, die dem Comic ihren Namen gegeben hat. In Art Spiegelmans Holocaust-Geschichte werden Juden als Mäuse, Nazis und nichtjüdische Deutsche als Katzen, Amerikaner als Hunde und Polen als Schweine dargestellt (eine graphische Entscheidung, die auf extreme Kritik aus Polen gestoßen ist). Die auffälligsten Unterschiede zwischen den Figuren sind dabei jedoch nur die Köpfe und Schwänze der Figuren, der Rest sieht ausgesprochen menschlich aus. Dieser graphische Kniff erlaubte es Spiegelman, neben der offensichtlichen Katz-und-Maus-Analogie, etwa einen Juden, der versucht, sich als Pole auszugeben, mit einer Schweinemaske darzustellen. Auch eine gewisse Problematik dieser Darstellung wird an anderer Stelle thematisiert: Art Spiegelmans Frau, eine, als Gefallen für Arts Vater zum Judentum konvertierte, gebürtige Französin wird durchweg als Maus dargestellt. Art stellt jedoch die Frage, ob er sie nicht eigentlich als Frosch darstellen sollte, wie Franzosen im Comic ansonsten gezeichnet sind.

Es ist das Spiel mit den bildlichen Möglichkeiten des Mediums, die das Comic für Spiegelman zur logischen Wahl für die geschichte seines Vaters machte. Das Leben und Überleben des Vladek Spiegelman konnte so um einen weiteren wichtigen medialen Kanal erweitert werden. Heute gilt Maus als die Graphic Novel, die den Trend biographischer Comics vielleicht nicht begründet hat, ihm aber Schwung verliehen hat.

Mehr als 1000 Worte

Ähnlich verhält es sich in Persepolis der iranischen Zeichnerin und Autorin Marjane Satrapi. In Frankreich in vier jährlichen Ausgaben zwischen 2000 und 2003 erstmals veröffentlicht erzählt das Comic die Geschichte von Marjane Satrapis Kindheit und Jugend im Iran in Zeiten der isalmischen Revolution und der Einrichtung des Gottesstaats. Anders als im Falle von Maus ist die zentrale Narration jedoch eine Geschichte aus erster Hand und aus Sicht der Erzählerin. Ähnlich wie Art Spiegelman entschied sich auch Satrapi dazu, nur mit Schwarz und Weiß zu arbeiten. Auch hier unterstreicht die Optik die Narration, die Kontraste spiegeln Satrapis Konflikt mit ihrer eigenen Heimat, die sie so sehr liebt wieder. Das Bild sagt immer mehr als 1000 Worte. Somit ist es nicht verwunderlich, dass Satrapi sich ebenfalls für das Comic als Medium ihrer Geschichte entschied. Ein weiterer Aspekt ist wohl, dass durch die Bilder gewisse Geschichten besser oder zumindest persönlicher transportiert werden, können. Wie auch bei Art Spiegelman und Maus ist es Satrapis Zeichenstil, der ihrer Geschichte eine weit größere, persönliche Note verleiht, als es bloße Wörter könnten. Es hilft, eine Bindung zur Narration aufzubauen, sich in die Autorin hineinzuversetzen und geben ein Bild in ihre Gefühlswelt preis, wie sie mit einer imaginären Gottesfigur redet, Konflikte durchmacht, nach Österreich auf die Schule geht, heiratet und sich scheiden lässt. Alles wird untermalt von den graphischen Möglichkeiten des Mediums.

Und diese Möglichkeiten, die blanke Erzählung vom Leben mit Bildern, persönlichen Stilmitteln und ähnlichem zu versehen, sind der Hauptgrund, warum sich so mancher Comickünstler früher oder später entschließt, sein Leben oder das Leben eines anderen mit Bildern zu versehen, in Panels zu pressen und mit der Welt zu teilen. Und wie diese beiden Beispiele jedem Leser zeigen werde, sind dies oft auch die besten Geschichten.

Empfehlungen:

Maus – Art Spiegelman

Persepolis – Marjane Satrapi

held – Flix

CASH: I See A Darkness – Reinhard Kleist

Stitches – David Small

 

Weitere Artikel aus dieser Reihe:

Teil Eins: Hinter den Panels – Das Comic als Medium

Teil Zwei: Kühlschränke, Frauen und Comics

Teil Drei: Tod und Rückkehr der Comic-Industrie

Teil Vier: Superhelden in Zelluloid – Teil 1

Teil Fünf: Superhelden in Zelluloid – Teil 2

Teil Sechs: Untot und trotzdem Spaß – The Walking Dead

Teil Sieben: Die Rache der Minderheiten

Die Rache der Minderheiten

von Marius Lang

illustriert von Henrike Ledig

Thor ist eine Frau. Diese Meldung überflutete am 15. Juli jede Website Deren Nachrichtenfokus auf Comics liegt. Die Reaktionen waren erwartungsgemäß breit gefächert. Auf der einen Seite gab es Befürworter, die diese Meldung als Schritt in die richtige Richtung sahen, auf der anderen Seite die zu erwartenden Buhrufe männlicher Fans, die freilich nichts gegen Frauen haben, aber sie dennoch nicht auf dem Posten des Donnergottes sehen wollen. Marvel hatte erreicht, was sie wollten: Eine Diskussion auf allen Kanälen. Und damit war noch nicht Schluss.

Zwei Tage später folgten Meldungen über Captain America und Iron Man. Ein Schwarzer soll fortan Caps Schild führen. Und aller Welt liebster Alkoholiker, Iron Man, ist schon bald –  derselbe Typ wie zuvor, nur noch unausstehlicher und in einem Kostüm, das aussieht, als sei es die neueste Innovation von Apple. Aber immerhin, eine Frau und ein Afro-Amerikaner übernehmen die Posten von zwei der wichtigsten Helden des Marvel-Universums. Ein mutiger und wichtiger Schritt von Seiten des Verlages. Die neue Auslegung der Helden verspricht eine weitreichende Diskussion und voraussichtlich steigende Verkaufszahlen. Und etwas mehr Diversität tut dem Medium in jedem Fall gut. Erst recht im Hinblick auf die Erfolge des Marvel-Film-Universums.

 

Boy-Group der Gerechtigkeit

Betrachtet  man nämlich die filmischen Avengers einmal, sticht einem sofort ein Überschuss ins Auge. Sieht man von Scarlett Johannsons Black Widow-Darstellung einmal ab, so besteht die zentrale Heldenallianz nur aus weißen Männern, Nick Fury (Samuel L. Jackson) ausgenommen, der allerdings auch nicht Mitglied des eigentlichen Teams ist. Die Rächer wirken im wesentlichen wie eine 90er Jahre Boy Group der Gerechtigkeit. Und auch die bislang bestätigten Marvel-Filme der Zukunft geben wenig Hoffnung auf ein breiter aufgestelltes Team. Ob auch Marvels Filmuniversum sich den neuen Gegebenheiten anpasst wird sich zeigen. Und auch, ob es überhaupt nötig wird, sich auf lange Sicht anzupassen. Nun stellt sich aber die Frage, wie die Comics den Neuanfang aufbauen werden.

 

Armer arbeitsloser… wer auch immer

Da ist zunächst einmal die neue weibliche Thor. Sie stellt die größte momentane Zäsur des Marvel-Universums dar. Denn wie Marvels Editor Will Moss klarstellt ist sie nicht etwa eine Vertretung des Gottes sondern der wirkliche, einzige Thor. Sie trägt den Namen, den Hammer und die Kräfte des Asen. Und der künftige Autor der Reihe, Jason Aaron, fügt hinzu: „This is not She-Thor. This is not Lady Thor. This is not Thorita. This is THOR. This is the THOR of the Marvel Universe. But it’s unlike any Thor we’ve ever seen before.” Der Plan sieht vor, dass der bekannte Thor es nicht mehr wert ist, seinen Hammer zu tragen und eine Frau, noch ist unklar, wer es sein wird, sich dagegen der Waffe des Donnergottes als würdig erweist. Und die Comics sehen vor, dass wer immer sich des Hammers als würdig erweist, Thors Kräfte und Identität übernimmt. Allerdings ist auch noch nicht klar, was dann aus dem alten Thor wird, noch weiß man, wie er fortan genannt wird, wo ihm doch auch der Name genommen wurde. Klar ist nur, dass die Figur des ehemaligen Thor nicht aus der Kontinuität verschwinden wird.

 

Sam Wilson: Vom Falcon zum Captain

In Captain Americas Fall liegt die Sache klarer. Der neue Träger des Schildes wird Sam Wilson, Caps langjähriger Freund und Partner, vormals The Falcon. Steve Rodgers, der momentane und ursprüngliche Captain America wird zu alt für seinen Job und das Superheldenserum, welches seine Kräfte erweiterte, verliert seine Wirkung. Sam Wilson ist ein logischer Nachfolger: Die beiden kennen sich seit Jahren und Wilson genießt Rodgers vollstes Vertrauen. Doch Falcon ist nicht der erste, der das Schild von Rodgers übernimmt. Er ist noch nicht einmal der erste Schwarze. Erst vor wenigen Jahren starb der Steve Rodgers (vorübergehend) und sein Sidekick aus dem zweiten Weltkrieg, Bucky, übernahm den Posten seines Mentors. und die Rolle des ersten schwarzen Captains geht an Isaiah Bradley. Insofern ist die Neuinterpretation des Captains nicht überraschend.

 

iPod Man

Iron Mans große Änderung ist in jeder Hinsicht die unwichtigste der drei Helden. Sein Kostüm wird geändert, es sieht nun weit weniger gut aus, zudem zieht er nach San Francisco und scheint sich dort nicht beliebt zu machen. Seine Neuinterpretation ist jedoch voraussichtlich die mit der längsten Halbwertszeit, denn ein Sympath war Tony Stark nie und eine Veränderung am Kostüm eines Superhelden ist keine Seltenheit. Schlechter sieht es dagegen für die anderen beiden aus.

Zunächst war da der Aufschrei in weiten Kreisen der Fans: eine Frau als Thor, ein Schwarzer als Cap. Nein. Die Szene offenbarte, wie leider so oft, ihr von Sexismus und Vorurteilen geprägtes Weltbild. Aber um die Wahrheit zu sagen, Rassisten, Sexisten, ihr könnt euch beruhigen, das Ganze ist nicht für die Ewigkeit. Marvel sagt zwar, es sei kein Gimmick, doch glauben muss man das nicht. In Captain Americas Fall haben schon einige andere Steve Rodgers Posten übernommen. Aber über kurz oder lang übernahm bisher jedes Mal letzerer wieder sein Schild. Und auch Thor wird früher oder später seinen Hammer (und seinen Namen) zurückerhalten. Das ist der Lauf der Superhelden-Comics. Doch die Avengers ein wenig diverser zu gestalten, das ist grundsätzlich eine gute Idee. Leider aber keine, die mit langer Haltbarkeit gesegnet sein wird. Aber wer weiß, vielleicht ist die Zeit reif, dass sich die Comicszene weiterentwickeln kann. Vielleicht können sich alle irgendwann an die neuen Heldenkonzepte gewöhnen. Bis auf das neue Kostüm von Iron Man natürlich. Das sieht einfach furchtbar aus.

 

Superhelden in Zelluloid – Teil 1

von Marius Lang;

Illustration von Henrike W. Ledig

 

Comic-Helden auf der großen Leinwand. Was heute, mit dem riesigen Filmuniversum von Marvel seinen vorläufigen Höhepunkt findet, hat seine Anfänge schon in den frühen 40er Jahren. Und aus Witzfiguren in flatternden Capes wurden bald die tiefgründigen Helden, die heute jeder kennt.

 

„Heilige Filmmagnaten, Batman!“

Den ersten Realfilmauftritt lieferte seinerzeit ein Held, den heute nur wenige kennen. Er war aber wegen seiner frühen Filmadaption erfolgreicher als Superman: Captain Marvel. 1941 erschien Adventures of Captain Marvel, eine Sammlung von Kurzfilmen um den namensgebenden Captain. Ähnliche Kurzfilmsammlungen erschienen später unter anderem auch für andere Helden wie Captain Marvels wichtigsten Konkurrenten: Superman (1948).

Dieser bekam schließlich auch einen abendfüllenden Film, Superman and the Mole Man (1951) und eine TV-Serie (1952-1958), beide mit George Reeves in der Hauptrolle. Besser erinnert man sich allerdings an den ersten großen Filmauftritt samt TV-Serie des dunklen Ritters: Batman hält die Welt in Atem (1966)  und die Serie Batman (1966-1968) mit Adam West als Titelheld und Burt Ward als Sidekick Robin erfreuen sich bis heute einer großen Fangemeinde. Sie überzeugen durch viel, gewollten und ungewollten, Humor und Selbstironie und einige ungewollt absurdere Momente.

 

„Christopher Reeve is, and forever will be, Superman.“ (Richard Donner)

1978 schaffte Richard Donner etwas, dass viele ihm nicht zugetraut hätten. Eine ernste, der Vorlage getreue Realfilmadaption des größten Helden seiner Zeit. Superman, mit Christopher Reeve in der Titelrolle des Clark Kent/Superman, war nah an der Vorlage und schaffte es, eine sehenswerte Symbiose zwischen Action, Humor und Liebesgeschichte herzustellen. Der Erfolg des Films veranlasste das Studio, drei Sequels zu drehen. War die erste Fortsetzung des Films noch sehenswert, so war ein Verfall der Qualität schnell bemerkbar. So sehr, dass Superman 4: Die Welt am Abgrund (1987) heute als ein Musterbeispiel eines missratenen Comicfilms gilt.

Abgesehen von Supermans Kinofilmen waren damals Realverfilmungen von Comichelden keine Allzweckwaffe der Studios. Superman verzeichnete beim allgemeinen Publikum vor allem Erfolge, weil er schon damals eine amerikanische Ikone war. Daneben waren Comichelden mehr im Fernsehen vertreten, wie die Serien zu Marvels The Incredible Hulk und DCs Wonder Woman. Doch ähnlich wie die Batman-Serie blieben auch diese TV-Adaptionen heute vor allem wegen des oft ungewollten Humors und der abstrusen Ideen in Erinnerung, wenngleich kaum eine Superhelden-Serie an den Spaß von Adam Wests Batman herankommt.

Interessanterweise war es dann eine erneute Interpretation des dunklen Ritters, die der Comicverfilmung zu neuem Schwung verhalf.

 

Dunkel, dunkler, Batman!

Tim Burton hauchte 1989 dem wieder mal angestaubten Comicfilm neues Leben ein. Zuvor hatte Frank Miller mit dem Comic The Return of the Dark Knight einen neuen, weitaus düsteren und fragwürdigeren Batman in die Comicszene eingebracht und später mit Batman: Year One die Origin-Story des Helden neu erzählt. Auf der anderen Seite hatte Alan Moore 1988 die Geschichte und den Charakter von Batmans Erzfeind  The Joker im Comicband The Killing Joke neu interpretiert. Diese modernisierten Versionen von Held und Bösewicht dienten als Vorlagen für Batmans Rückkehr auf die große Leinwand.

Und das mit Erfolg. Burtons Batman (1989) mit Michael Keaton als Titelfigur und Jack Nicholson als seinem Erzfeind Joker war bis in die späten 2000er, der erfolgreichste Film auf Basis eines DC-Comics. Diese modernisierte Version stellte, nach Thomas Ballhausen und Günther Krenn in Buch „Comic. Film. Helden“, das Handeln des Protagonisten als Vigilant zwischen Gesetz und Illegalität in den Vordergrund. Hauptangriffspunkt des Filmes ist das Doppelleben von Bruce Wayne und Batman, hinter dem sich eine völlig zerbrochene Persönlichkeit verbirgt. Diese Interpretation steht im Gegensatz zu früheren Adaptionen, in denen Batman  als moralisches Vorbild und zutiefst guter Held dient. Und weil die neue Version beim Publikum so gut ankam, folgte natürlich schon bald eine Fortsetzung. Batmans Rückkehr (1992) jedoch trieb die dunkle Version des Helden noch weiter: Der Film war wesentlich brutaler und verstörender und eröffneten Burtons sehr seltsame Ansichten des Helden. So tötet Batman beispielsweise relativ gleichgültig kleinere Schläger, was der Natur der Figur eigentlich komplett entgegengesetzt ist.

Und auch das Publikum nahm den Film bei weitem nicht so gut auf wie den ersten Teil, sodass Burton schließlich abgesägt wurde. Sein Nachfolger im Regiestuhl war Joel Schumacher. Batman wurde in den beiden Fortsetzungen von Val Kilmer beziehungsweise George Clooney dargestellt. Dabei gilt vor allem der vierte Film, Batman & Robin (1997) oft als schlechtester Comicfilm aller Zeiten, was natürlich nicht stimmt. Zwar ist der Film furchtbar, doch nicht die Spitze des Schlechten. Dennoch war die Enttäuschung, die Fans auf die Barrikaden trieb und Anfeindungen gegen den Regisseur generierte (unter anderem wegen der berüchtigten Nippel auf Batmans Kostüm – als ob der Film nicht wesentlich größere Probleme gehabt hätte). Daneben leisteten allerdings auch weniger bekannte Filme wie Steel Man (1997) ihr übriges, um die Mission: Comicverfilmung wieder in de Untiefen der Schubladen der Filmproduzenten versinken zu lassen. Schließlich lag der Comicfilm wieder einmal auf Eis. Im neuen Jahrtausend warteten schon Menschen, Supermenschen, Mutanten, Helden aller Art, um endgültig ihren Siegeszug auf der Leinwand anzutreten.

 

Fortsetzung folgt!

Zum Thema:

  • Tim Burton: Batman (1989), Batmans Rückkehr (1992)
  • Richard Donner: Superman (1978)
  • Richard Lester/Richard Donner: Superman II – Allein gegen Alle (1980)
  • Leslie Martinson: Batman hält die Welt in Atem (1966)

Foto (Hintergrund): image.net/ Marvel Studios

Tod und Rückkehr der Comic-Industrie

von Marius Lang
Illustration von Henrike W. Ledig

Die 80er waren ein großartiges Comicjahrzehnt: Watchmen, V for Vendetta, The Return of the Dark Knight. Ein Jahrzehnt, das die Comics durch ernste, erwachsene Themen und Geschichten aus dem Stand heraus modernisierte. Das Modern Age der Comics war angebrochen. Anglo-amerikanische Comicbücher werden im Allgemeinen von Fans und Verlagen in Zeitalter aufgeteilt. Dies begann mit dem Golden Age, das mit dem ersten Auftritt Supermans 1938 beginnt. Es folgte das Silver Age von 1956 bis etwa 1970, das sich vor allem durch verrückte Stories einen Namen machte, und schließlich das Bronze Age, in dem Autoren vermehrt ernstere Themen einbauten. Diese wurde nun in den 80ern vom Modern Age abgelöst, was in vielen jungen Lesern und alten Fans Hoffnungen auf weitere erwachsene Comics weckte. Die Hoffnung, dass das man als Fan endlich offener mit seinem Hobby umgehen könnte, ohne als Kindskopf gebrandmarkt zu werden.

Dann kamen die 90er. Und alle Hoffnungen wurden bitter enttäuscht. Was war geschehen, dass bei der Mehrheit der Comicfans heute der Konsens herrscht, dass man die 90er comictechnisch lieber vergessen sollte? Um das zu verstehen, muss man die vier Faktoren betrachten, die diese Entwicklung vorangetrieben hatten. Diese sind die Comicspekulationsblase, Image Comics, der Erfolg der Superstarartists und die Dark Age. Alle begünstigten sich gegenseitig und trieben den Niedergang des Mediums in diesem Jahrzehnt vor sich her.

Es war einmal im Dark Age

Wie bereits zu Anfang erwähnt, erschienen in den 80er Jahren einige Comics, die das Medium an sich aufrüttelten: Sie waren oft düstere und durch und durch erwachsene Neuinterpretationen klassischer Helden und Ideale. Und weil die Comicindustrie schon damals hauptsächlich von erwachsenen Fans lebte, konnten diese nun wesentlich aufgeschlossener mit ihrem Hobby umgehen. Die Industrie sah darin eine lukrative Einnahmequelle und man versuchte gerade diese Käufer direkter anzusprechen. Die Folge war das sogenannte Dark Age: Die Comics der 90er wurden überschwemmt mit scheinbar erwachsenen Inhalten. Die Geschichten waren brutaler, blutiger und düsterer. Figuren wurden mit seltsamen Proportionen dargestellt, männliche Charaktere wurden in absurdem Ausmaß muskelbepackt, weibliche Figuren übersexualisiert und beide anatomisch unrealistisch dargestellt. Völlig unpraktische Kostüme und großkalibrige Waffen (vor allem in den Image Comics dieser Zeit, dazu später mehr) waren überall zu sehen. Doch daneben resultierte noch etwas anderes aus dem Coming Out erwachsener Comicfans und begünstigte dabei die Dark Age noch weiter: Die Comicspekulationsblase. Mit dem wachsenden Markt an reifen Lesern begann die Presse plötzlich auch auf Comics als Wertanlage aufmerksam zu werden. Berichte von Comics, die für tausende von Dollars verkauft wurden häuften sich. Eine Ausgabe von Action Comics #1 (der erste Auftritt von Superman) knackte die Million-Dollar-Marke. Das rief Spekulanten auf den Plan, die einen Weg sahen, Comics billig zu kaufen und nach einigen Jahren mit großem Gewinn wieder zu verkaufen. Das hatte zeitweise den Effekt, dass die Verkäufe von Comics in die Höhe schossen, insbesondere von Comics, die besonderen Sammlerwert versprachen. Also solche mit dem ersten Auftauchen von Charakteren, den Toden wichtiger Charaktere, mit tiefgreifenden Veränderungen und so weiter. Die Industrie sprang darauf auf und veröffentlichte extrem viele Comics, die genau das beinhalteten. Helden starben, neue Figuren wurden eingeführt und den Comics wurden Gimmicks beigefügt, die sie im zu erwartenden Sammlerwert steigen lassen sollten. Als Superman 1992 starb, berichteten selbst klassische Medien davon. Die Spekulationsblase wuchs immer weiter und das böse Erwachen drohte schon am Horizont.

Von Künstlern und Rechten

Zunächst waren jedoch auch noch andere Faktoren am 90er-Comic-Drama beteiligt, die auf die Künstler des Mediums zurückzuführen sind. Bis in die 90er waren diese zumeist als wichtiger angesehen als die Autoren. Um die Zeichner noch fester an sich zu binden, erhielten sie in den 90ern zusätzliche Privilegien. Vor allem ließ man Zeichner auch schreiben, selbst wenn diese kaum Erfahrung als Autoren hatten. Der Superstarartist war geboren. Und die Problematik darin zeigte sich schon sehr bald. Doch einigen Zeichnern ging dies noch nicht weit genug. Wichtig ist eine Geschäftsnorm des Mediums, vor allem bei den Comicverlagsimperien DC und Marvel. Danach haben Künstler keine weiteren Rechte an ihren Kreationen. Auf diese Art können spätere Künstler und Autoren die Stories weiterführen, ohne dass man größere Rechtstreits führen muss. Die künstlerische Kraft dahinter fühlte sich aber berechtigterweise benachteiligt und eine kleine Gruppe von Zeichnern stellte ihrem Verlag Marvel ein Ultimatum. Als der sich weigerte, ihnen noch mehr Rechte einzuräumen, verließen die Zeichner, darunter Rob Liefeld (Erfinder von Deadpool), Jim Lee (Zeichner von Batman, X-Men) und Todd McFarlane (Erfinder von Spawn) Marvel und gründeten Image Comics. Hier war Geschäftsnorm, dass Künstler nie ihre Rechte an ihren Schöpfungen vollständig verlieren. Und zu Anfang sah es für Image auch sehr gut aus.

Bis die Blase platzt

Aber dann brach alles in sich zusammen. Die Spekulationsblase war vor allem für den finanziellen Kollaps verantwortlich. Als sich herausstellte, dass all die Comics, auf die die Spekulanten ihr Geld gesetzt hatten, nichts wert waren, platzte die Blase. Das Problem war, dass sich die alten Comics so teuer verkaufen ließen, weil es eben nur noch so wenige, gut erhaltene Exemplare gab. Die modernen Comics gab es in Massen und kein Glitzerfoliencover konnte daran etwas ändern. Der Effekt war dramatisch. Comicreihen wurden eingestellt, etliche Comicläden mussten schließen und Marvel meldete 1996 schließlich Konkurs an. Und auch auf künstlerischer Seite lief es nicht besser. Es zeigte sich, dass die Superstarartists nun mal zum Großteil keine Autoren waren. Ihre Geschichten waren oft nicht besonders gut. Und trotz aller guten Vorsätze war dies auch bei Image Comics spürbar. Die Industrie schrumpfte und würde lange brauchen, um sich von dem Schlag zu erholen.

Doch das Leben geht weiter. Die Ära der 90er wird zwar immer als ein Tiefpunkt der Industrie in Erinnerung bleiben, als die Verleger an ihrer eigenen Gier fast komplett zugrundegingen, aber hin und wieder finden sich einige Schätze. Die Storyline The Death and Return of Superman aus den 90ern ist auch heute noch wirklich gut zu lesen. Und die Industrie erholte sich. Zum Ende des Jahrzehnts sah es schon wieder besser aus. Und mit etwas Glück haben alle Beteiligten etwas aus dem Fiasko gelernt.

 

Zum Thema:

Various: The Death and Return of Superman

Various: Batman – Knightfall

Alan Moore: Watchmen

Frank Miller: The Return of the Dark Knight