Nach 50 Jahren immer noch im Time Warp
– Der Einfluss der Rocky Horror Picture Show auf Einfluss auf Kino und Freiheit
Von Emma Dambacher
„With a bit of a mind flip. You’re into a time slip. And nothing can ever be the same.“ Mit diesen Worten entführt die Rocky Horror Picture Show nun schon seit 50 Jahren Zuschauer:innnen in eine andere Welt.
Die frisch verlobten Brad und Janet stranden durch eine Autopanne im Nirgendwo. Sie suchen Hilfe in einem Schloss und begegnen dort dem außerirdischen Transvestiten Hausherr Dr. Frank-N-Furter. Durch diesen geraten Brad und Janet in eine neue Welt voller Lust, sexueller Entdeckung und Chaos. Diese verrückt klingende Story hat aber deutlich mehr bewirkt als nur Unterhaltung. Sowohl das Kino als auch die Menschen hat die Rocky Horror Picture Show nachhaltig geprägt.
Als Richard O‘Brien Anfang der 70er Jahre die Rocky Horror Picture Show schrieb, hatte er mit einem solchen Erfolg nicht gerechnet. Als arbeitsloser Musical-Schauspieler versuchte er sich eher aus Langeweile mal an etwas Neuem: dem Verfassen eines eigenen Bühnenstücks. Er schrieb alles: Story, Dialoge und Songs. O‘Brien ist großer Fan von alten Science-Fiction- und Horrorfilmen– vor allem von den etwas fragwürdigen wie Tarantula oder Flash Gordon. Genau diese parodiert und ehrt die Show zugleich. Am 16. Juni 1973 wird auf der winzigen Bühne im London Royal Court Theatre die Rocky Horror Picture Show zum ersten Mal aufgeführt. Und obwohl an Bühnentechnik gespart wurde, wo immer es möglich war, konnte die Show das Publikum begeistern. Aus ursprünglich fünf geplanten Aufführungswochen wurden am Ende sieben Jahre. Durch den unerwarteten Erfolg gelangte das Musical bis in die USA und brachte O’Brien schon ein Jahr nach der Uraufführung zu Gesprächen mit dem Regisseur Jim Sharman. 1975 war die Rocky Horror Picture Show dann auch in den Kinos zu sehen.
Die Revolution des Kinos
Im Kino ist eigentlich vor allem eines erwünscht: Ruhe. Wer redet, wird gerne mal schräg angeguckt oder auch darauf hingewiesen, dass man sich doch anders zu benehmen habe. Es gilt: „Es unterhalten die Leute auf der Leinwand, die Besucher werden unterhalten“. Durch die Rocky Horror Picture Show veränderte sich dies aber. Nachdem der Film zu Ende ist, findet man Reis auf dem Boden verteilt, Klopapier ist über den Sitzen und Menschen mit extravaganten Kostümen verlassen die Säle. Dieser Film veränderte das Kino. Und das musste er auch. Denn entgegen den Erwartungen von Regisseur und Produzent übertrug sich der Erfolg des preisgekrönten Musicals zunächst nicht auf den Film. „Gerade mal 300.000 Dollar spielte der Film bei seinem ersten Durchlauf ein – ein knappes Fünftel seiner Kosten“. Die Rocky Horror Picture Show funktionierte als regulärer Film nicht. Eine neue Idee musste her: Die Show wurde als „Midnight Movie“ vermarktet. Vor allem auch auf dem Campus von großen amerikanischen Universitäten. Die Uhrzeit, die eigentlich für B-Movies reserviert war, sorgte für eine ganz besondere Atmosphäre. Von da an war der Weg zum Kultfilm kaum noch aufzuhalten. Die Rocky Horror Picture Show sprengt nicht nur mit ihrer Geschichte den Rahmen des Normalen, sondern lässt auch Zuschauer:innen Teil des Abnormalen sein.

Auch in einer der letzten Szenen bilden freizügige Kostüm und origineller Tanz die Handlung
Feste Rituale etablierten sich und werden bis heute überall auf der Welt verfolgt: Bei der Hochzeitsszene wird mit Reis geworfen, beim Gewitter werden die Wasserpistolen herausgeholt und für Sprechpausen wurden sich jede Menge Sprüche zum Zwischenrufen ausgedacht. Beim Time Warp bleibt kaum eine:r sitzen, sondern folgt den Tanzanweisungen des Erzählers. Der Film sorgt für ein hohes Involvement. Zuschauer:innen sind aktiv beteiligt an dem Film und treiben die Handlung mit voran. Dadurch hat der Film auch eine starke immersive Wirkung. Das heißt, die Rocky Horror Picture Show lässt Zuschauer:innen eintauchen in diese außergewöhnliche Welt und der Kinosaal wird teil der Geschichte. All die bisher genannten Dinge sind aber noch lange nicht alle Rituale. Auch online wird der Kultcharakter des Filmes deutlich, denn dort findet man viele Webseiten, die genau erklären, was für den Kinobesuch gebraucht wird und wann es einzusetzen ist. Damit veränderte die Rocky Horror Picture Show nachhaltig, wie Kino erlebt werden kann.
Das Symbol für Queerness
Die Rocky Horror Picture Show hatte aber nicht nur großen Einfluss auf das Kino. „Don’t dream it, Be it“ , singt Tim Curry in seiner Rolle als Frank N Furter. Er steht für Provokation und Grenzüberschreitung.

Tim Curry in der Rolle des Frank N Furter, stark geschminkt mit Korsett, hohen Schuhen und Netzstrumpfhose
Aber nicht nur er: Der gesamte Film verstößt gegen damalige Normen und Moralvorstellungen. Denn, obwohl im London der 70er Jahre mit der teilweisen Legalisierung der Homosexualität die Queere Community an Selbstbewusstsein gewann, gehörte immer noch viel Mut dazu zu sich selbst und seiner Sexualität zu stehen. Auch O’Brien selbst fühlt sich als genderfluid. Er ist zwar Vater eines kleinen Sohnes, fühlt sich aber zum Teil auch als Frau, was er allerdings lange unterdrückte. Dass ihm die Queere Community und dessen Freiheit am Herzen liegt, wird in der Rocky Horror Picture Show deutlich. Der Film fühlt sich fröhlich und offen an und steht bis heute für Freiheit, Selbstbestimmung und Anderssein.
Obwohl die Rocky Horror Picture 2025 schon 50 jähriges Jubiläum feiert, hat sie ihre Wirkung nie verloren. Fans weltweit tanzen weiterhin den Time Warp und führen die Rituale aus, die damals begonnen haben. Wer das Ganze selbst Erleben möchte , muss vor allem um Halloween in die Kinos. In einzelnen Kinos, wie beispielsweise in München, wird die Tradition aber auch wöchentlich fortgeführt. Dort wird die Rocky Horror Picture Show seit 1977 jede Woche Freitag und Samstag um 23 Uhr gezeigt.


