Kulturen im Medienwandel

von Sandra Fuhrmann

Susanne Marschall ist Professorin am Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen und Inhaberin des Lehrstuhls für audiovisuelle Medien, Film- und Fernsehen. Seit mehreren Jahren reist sie regelmäßig nach Indien und entwickelt Forschungsprojekte mit den dortigen Partneruniversitäten. Zusammen mit Professor Christoph Reinfandt vom Lehrstuhl für Neuere Englische Literatur hat sie für das laufende Semester eine Ringvorlesung mit dem Titel „Kulturen im Medienwandel – Changing Media, Changing Cultures“ organisiert. Im Gespräch mit media-bubble.de erzählt sie von Blickwechseln, verschiedenen Darstellungskulturen und davon, wie sie ihre Liebe zu Indien entdeckte.

mb: Könnten Sie uns zu Beginn erzählen, wie die Idee zu der Ringvorlesung entstand und welcher Gedanke dahinter stand.

Susanne MarschallIm Fokus der Vorlesung stehen globale Medienentwicklungen und ihre Bedeutung für verschiedene Kulturen. Nehmen wir als Beispiel den Subkontinent Indien. Bestimmte Medien breiten sich in bestimmten Regionen extrem schnell aus, während andere es allgemein schwer haben. Viele Menschen dort haben zum Beispiel keinen Zugang zum Internet. Unser Interesse gilt also der Frage: Was bedeutet der kulturelle Kontext für die Entwicklung der Medien und wie beeinflussen umgekehrt alte und neue Medien die Kultur? Es ist eine Frage, die die Medienwissenschaft immer wieder gestellt hat, die aber nicht endgültig beantwortet werden kann, weil sich dieser Wandel immer weiter vollzieht und Veränderungen immer wieder neu beobachtet werden müssen.

In der Vorlesung hatten wir bisher auch drei Dozenten aus Indien zu Gast. Dr. Madhavi Reddy, die den Wandel am Beispiel der wachsenden indischen Bloggerszene aufzeigte und Vishram Dhole, der über die Bedeutung von Hindi Musik in indischen Filmen gesprochen hat. Dann natürlich Kiran Nagarkar, dessen Bücher sowohl in Indien als auch in Deutschland bekannt sind. Bietet die unterkulturelle Zusammenarbeit gerade bei diesem Thema Vorteile?

Die Zusammenarbeit bietet hier sehr viele Vorteile, da sie verhindert, dass man mit einem Tunnelblick an das Thema herangeht. Wir denken meistens nur von unserer eigenen Kultur aus. Gerade der Zugang zum Internet, durch den man ganz einfach auch herauskriegen kann, wo das nächste Krankenhaus zu finden ist, kann in Afrika oder Indien lebensnotwendig sein. Das können wir uns kaum vorstellen, denn wir sind mit allem versorgt. Solche Möglichkeiten des Blickwechsels sind ungeheuer wichtig und produktiv. Sie korrigieren die Einseitigkeit von Ideen. Wir sitzen derzeit gemeinsam mit Madhavi Reddy und Vishram Dhole an einer Internetstudie. Dabei geht es um die Internetnutzung indischer und deutscher Jugendlicher. Wir haben dabei festgestellt, dass in Deutschland sehr viel im Internet eingekauft wird. In Indien bevorzugen die Leute das face-to-face Einkaufsverhältnis. In China wiederum wird eigentlich alles online erledigt. Warum agieren einzelne Kulturen so? Welche Faktoren sind dafür verantwortlich? Solche Fragen sind unglaublich spannend.

Sie haben bereits das Stichwort Blickwinkel genannt. Nun durften wir das Thema auch in der Vorlesung aus ganz verschiedenen Perspektiven kennenlernen. Welche Aspekte des Medienwandels betrachten Sie persönlich als bedeutend für die zukünftige Entwicklung von Kulturen?

Man kann zum Beispiel über die Auseinandersetzung mit den Filmen einer Kultur sehr viel über diese Kultur lernen. Ich kann aus den verschiedenen Filmkulturen Indiens Rückschlüsse auf Idealvorstellungen, Familienkonstellationen oder Veränderungen in den Gesellschaftsstrukturen ziehen. Oder politische Konflikte aus verschiedenen Perspektiven kennen lernen. Es werden einem aber auch die Augen für andere Darstellungskulturen geöffnet. Deshalb ist es spannend, aus indischer Perspektive erklärt zu bekommen, was in einem Bollywood-Song so alles drin steckt. Wir lernen, dass Gesang und Tanz zentrale Ausdrucksmittel sind – oft auch mit politischer Relevanz.

Was Sie jetzt sagen, drückt eine eher positive Sicht auf die Thematik aus. Zum Beispiel in Professor Guido Zurstieges Vortrag wurden auch viele negative Aspekte des Medienwandels deutlich. Gibt es bei dieser Entwicklung etwas, das Ihnen Angst macht oder vor dem Sie warnen würden?

Was ich in Bezug auf das Internet sehr schlimm finde, ist die Entindividualisierung von Kommunikation, die teilweise zur Folge hat, dass Menschen unglaublich brutal mit anderen Menschen umgehen. Wenn ich jemanden auf Facebook verfolge und beleidige, nehme ich mein Gegenüber eventuell nur noch als ein Abstraktum wahr. Diese Tendenz zur zwischenmenschlichen Entfremdung und Enthemmung macht mir wirklich Sorgen.

Wir hatten nun immer wieder den Bezug zu Indien. Eine Frage, die sicher viele Ihrer Studenten interessieren würde: Was fasziniert Sie selbst so an Indien und wie kam es, dass Sie sich auch mit Ihrer Forschung so stark dorthin orientiert haben?

Ich bin irgendwann – es ist jetzt sicher dreizehn oder vierzehn Jahre her – zum ersten Mal auf einen indischen Film gestoßen und habe festgestellt, dass indische Mainstreamfilme ganz anders funktionieren und dass sie auf anderen dramaturgischen Modellen beruhen. Ich persönlich befasse mich sehr viel mit Bildkulturen und habe mein ganzes Leben lang gemalt und mich aber auch immer für Tanz interessiert. In den indischen Filmen kam das alles zusammen. Das war mir am Anfang genau so fremd, wie allen anderen. Dann habe ich mich über Jahre in das Material eingearbeitet. Das alte Indien steckt in dem neuen immer irgendwie drin. Diese Mischung und die Tatsache, dass sich hier eine hochkomplexe Kultur so im Um- und Aufbruch befindet, stellt für die Analyse und theoretische Bewertung von Filmen eine Herausforderung dar. Irgendwann habe ich angefangen, jedes Jahr nach Indien zu reisen. Wenn man jedes Jahr wieder an dieselben Orte kommt, stellt man schnell fest, dass sich die indische Lebenswelt tatsächlich rasant verändert. Auf dichtem Raum passiert extrem viel. In unserem Forschungsprogramm nennen wir das „Dynamics of Change“. Ich habe auch großen Respekt vor den Menschen in Indien, da sie zum Teil unter wirklich schwierigen Bedingungen leben und arbeiten und dabei häufig positivere Einstellungen haben als wir.

Sprechen Sie bereits ein wenig Hindi?

Leider nicht, ich verstehe nur ein paar Brocken. Aber ich habe durchaus Lust Hindi oder eine andere indische Sprache zu lernen. An den indischen Universitäten wird Englisch gesprochen.

Die Ringvorlesung steht auch im Zusammenhang mit einem internationalen Graduiertenkolleg, das in Zusammenarbeit mit den indischen Partnern realisiert werden soll. Wie weit ist dieses Projekt schon und um was wird es dabei gehen?

Das Projekt ist in der Beantragungs- und Begutachtungsphase. Das heißt, es ist noch alles offen. Wir möchten etwas Neues machen. Eine indische und eine deutsche Gruppe von Wissenschaftlern und Nachwuchswissenschaftler nehmen gemeinsam den globalen Medienwandel in den Blick. Unsere Partner sind die Universität in Pune, die Universität in Kalkutta mit der Abteilung Filmwissenschaft und das Tata Institute of Social Science in Mumbai. Sollten wir die Erlaubnis zur Etablierung des Projekts bekommen, wird dies eine Möglichkeit für indische und deutsche Studierende sein, in der Promotionszeit zusammen zu kommen und intensive Erfahrungen zu sammeln. Ziel ist immer, den eigenen Horizont und auch den der Studierenden zu erweitern und dadurch unsere Forschung zu verbessern.

 

Foto: Copyrirght Susanne Marschall

Bild: flickr/bupia (CC BY-NC-ND 2.0)

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