I am sherlocked

von Sanja Döttling

„Es gibt da so eine neue Sherlock-Serie!“, sagte eine Freundin ganz aufgeregt zu mir, „die spielt im Heute, mit Smartphones und Computern und Internet und so!“ Zugegeben, ich war skeptisch: Der Detektiv steht im Guinness-Buch der Rekorde als die meisterverfilmte Figur der Geschichte. Braucht man da wirklich noch einen Detektiv im 21.Jahrhundert? Meine Anwort heute: Ja, das tut man! Sherlock, die Neuinterpretation der BBC, ist ganz großes Kino. Geständnisse eines Fans.
Was macht den Charme dieser neuen Serie aus? Sie ist ganz klar der Strömung des  „Quality TV“ zuzuordnen, dass sich im allgemeinen Schrei um den Untergang des Fernsehens herausgebildet hat. Merkmale dieser neuen Strömung: Sie haben eine komplexere Narration, tiefere Charakter und eine neue Ästhetik und heben sich so von früheren Serien ab. Sherlock ist ein Paradebeispiel dafür. Die Serie glänzt vor allem durch textuelle Verweise zu den Original-Büchern von Conan Doyle, aber auch zu all den anderen Verfilmungen der letzten 100 Jahre. Sie etabliert neue Figureninterpretationen, die einem Slash-Fan das Herz höher schlagen lassen, und eine neue Ästhetik, indem die Schrift anders eingesetzt wird als früher.

Kennen wir schon! Oder?

„A Study in Pink“ heißt die erste Folge der neuen Serie. Sherlock ermittelt, Afghanistan-Veteran John Watson kommt treuherzig mit. Die Leiche schrieb „Rache“ auf den Boden – auf Deutsch.

Doyle-Fans runzeln die Stirn. Alles schon mal gehört? Im Original heißt die erste Geschichte „A Study in Scarlet“, und auch hier wird eine deutsche Rache-Botschaft hinterlassen (ach ja: ein Afghanistan-Krieg gabs vor 140 Jahren auch schon). Im Fachjargon nennt man dies „hypertextuelle Verweise“. Doch Sherlock ist mehr als nur eine Serie voller Zitate und Anspielungen; die neue Version emanzipiert sich von dem Original. Als Scotland-Yard Polizist Anderson mit seinen Deutschkenntnissen prahlt, wiegelt der neue Sherlock ihn ab: Natürlich ist das kein Rachehinweis, das Opfer wollte Rachel schreiben! Serienautor Steven Moffat – der im Moment wohl der Beste auf seinem Gebiet in Großbritannien ist – stellt sich in diesem Moment über das Original.

Moffat und Mark Gatiss, ebenfalls Autor der Serie, outen sich aber selbst als große Fans der Originale. Die Frage, wo John Watsons Wunde aus dem Krieg zu verorten ist – Doyle platziert sie manchmal im Bein, manchmal in der Schulter – beantworten sie mit der ihnen eigenen Schläue: John humpelt zwar, aber das ist psychosomatisch. Die Schusswunde aber befindet sich in der Schulter.

Das sind nur zwei Beispiele dafür, wie sehr in dieser Serie auf Details geachtet wird. Einmal ein Beweis für die Qualität der Serie, zudem aber auch eine Verbeugung vor dem Original. Diese Jagt nach „Verweis-Schnipseln“ zum Original oder zu anderen Verfilmungen treibt die Fans an, immer mehr Hintergrundwissen zu sammeln. (Schon gewusst? Die Schrift für Sherlock’s Deduktionen ist die, die auch der London Underground verwendet.) Gleiches gilt für Serien wie Lost – dort allerdings noch in größerem Maße und über die Grenzen eines Universums (hier: das des Sherlock-Holmes) hinaus.

Damit ist die Serie Sherlock viel mehr als eine Verfilmung; es ist eine Neuinterpretation, dass Kennern des Original-Universums neue Facetten zeigt und Neulinge mit der schnellen Erzählweise und strahlenden Ästhetik in ihren Bann zieht. Denn so sehr Doyle auch zu bewundern ist, seine Geschichten sind für die heutige Zeit zu langsam, viele Fälle könnten nicht mehr umgesetzt werden. Moffat erzählt schnell und aufs Hier rund Jetzt zugeschnitten. Das ist auch ein Grund, warum Sherlock bei ihm im 21. Jahrhundert ermittelt: Es bot die Möglichkeit, den alten Stoff zu entstauben. Mark Gatiss sagt: „Rather than being about the trappings, about the gas lamps, about the hansom- cabs, the top heads, the frog coats, it is much more getting back to the original friendship between these two unlikely men and them solving wonderful mysteries, having adventures.“
Die Serienmacher erweitern ihr Universum auch im John Watons Blog, welcher Johns Memoiren im Original ersetzt. Er schreibt in der Serie, und diese Blogeinträge können dann im Internet gelesen werden. Sherlock geht also über die Serie hinaus, umarmt Original, ein Jahrhundert Filmgeschichte und das Internet. Dieses Phänomen nennt man „Transmedia Storytelling“. Eine Erzählung weitet sich über verschiedene Plattformen auf und baut so ein komplexes Universum auf: Ähnlich machen es Star Wars, Harry Potter oder Matrix.

Schrift und Sherlock – ein Traumpaar

Die Serie stellt das moderne London glänzend und übersteigert dar. Vor allem Sherlocks Technik-Affinität trägt dazu bei, die Serie modern wirken zu lassen. Moderne Kommunikationsmittel wie Handy und Internet, aber auch Überwachungskameras und gesteigerte Mobilität durch Taxis und Autos machen die Handlung schneller und atemberaubender. Sherlock benutzt das Smartphone zur Lösung seiner Fälle und integriert es damit als wichtigen Bestandteil der Handlung. Die Darstellung eines Handy-Bildschirms im Film ist ein detailreiches Unterfangen; wichtige Informationen, die per SMS gesendet werden, gehen bei einer Kameraeinstellung auf den Bildschirm selbst leicht unter, und können teilweise gar nicht richtig gelesen werden.

Die Serie Sherlock hat deshalb einen  innovativen Weg gefunden, diese kleinteiligen Aufnahmen darzustellen: Anstatt eine Close-up-Einstellung auf den Bildschirm selbst zu filmen, werden Texte einfach über den Bildschirm gelegt. Die Vorteile: Auf diese Art muss die Handlung nicht mehr unterbrochen werden, um diese Text anzuzeigen. Die Schrift fügt sich als neue Ebene – und eine Generation von Photoshop-affinen Jugendlichen weiß so etwas – in das Bild ein.

Man spricht bei dieser Art der Schriftdarstellung von einem „diegetischen Insert“. Das bedeutet, dass die Texte – anders als bei Datums- und Ortsangaben, wie man sie aus vielen Filmen kennt  – auf der Handlungsebene, der Diegese zu verorten sind. John und Sherlock schreiben SMS, Blogeinträge, bedienen Handys. Dabei ist dieses „Insert“ nicht nur visuell – durch Klingel und Tastentöne werden sie mit der Ebene der Handlung verknüpft. 

Doch nicht nur die SMS werden mit Inserts dargestellt. Auch Sherlocks „Deduktionen“ (wissenschaftlich korrekt müsste man bei seinem Verfahren allerdings von einem abduktiven Schluss sprechen) werden visualisiert – wie auch sonst könnte man in den Kopf einer Figur eindringen, der sich selbst als „highly functioning sociopath“ beschreibt? Auch hier spielen Töne eine wichtige Rolle. Damit wird zwischen Sherlocks Gedanken und der Technik-Darstellung eine enge Verbindung gezogen. Da Schrift selbst als konkret und logisch – im Gegensatz zum emotionsgeladenen Bild – gilt, liegt der Schluss nahe, dass Sherlocks Deduktionen genauso wie die Texte auf den rationalen Charakter beider verweisen. 

„People will talk!“

Die Serie zeichnet sich auch durch ihren soggenannten Fan-Service aus. Während früher die Produktion von Serien und Filmen unabhängig vom Publikum geschah, nehmen heute immer mehr Produktionen auf die Zuschauer Rücksicht. Dabei geht es nicht nur im Quoten und Zuschauerzahlen – es geht vor allem um den harten Kern der passionierten Fans. Obwohl sie nur einen kleinen Teil der Zuschauer ausmachen, ist die Fangemeinde die Basis einer jeden Serie. Und denen muss etwas geboten werden. Heutzutage sind sich die Schauspieler und Autoren bewusst, was die Fans wollen – schließlich gibt es das alles im Internet zu bewundern. Benedict Cumberbatch, Sexiest Man Alive  und neuer Sherlock, kennt sogar dieses Bild, auf dem sein Gesicht mit dem eines Otters verglichen wird. Und sie kennen die Fanfiction, die den wohnungsteilenden Junggesellen Sherlock und John eine romantische Beziehung unterstellen.

„Ich bin froh, dass das niemand gesehen hat – Wie Sie mir in einem dunklen Schwimmbad die  Kleider vom Leib reißen“ sagt John Watson, und beschwert sich: „Die Leute werden reden!“ wenn er und Sherlock, mit Handschellen gefesselt, durch das dunkle London streifen. Die Fans freut’s, alle anderen stört’s nicht.

Das ist von den Produzenten her klar für die Fans geschrieben und gibt ihnen Stoff zu diskutieren. Aus dem einseitigen Monolog von Seiten der Medienproduktion wandelt sich das Verhältnis Zuschauer-Produzent hin zu einem Dialog, in dem die Fans auch etwas (wenn auch wenig) zu sagen haben. 

Als informierter Fan ist es also nicht nur wichtig, die Serie selbst zu rezipieren – Fantum geht darüber hinaus. Man muss auch wissen, welche kollektiven Fan-Interpretationen mit den Serien verknüpft sind, wer die besten Fanfiction schreibt und welchen Blogs man auf tumblr folgen muss, um die neusten Artikel aus Übersee und Co. lesen zu können, die hier in Deutschland nicht erscheinen. Die Faszination für eine Serie ergibt sich immer aus der Serie selbst – aber eben auch aus der damit verbundenen Fan-Community. 

 

Fotos: Copyright der Szenenfotos hat die BBC inne; Comic/Sadynax

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