Die Bilderwäscher der EM

von Sebastian Luther

Es ist ein Besuch der ganz besonderen Sorte. Zehntausende auf einem Fleck zusammengepfercht, es blitzt, qualmt, dampft und raucht, eine gewaltige Stimme donnert, gestützt von aberhunderten Kehlen. Es bietet sich das Panorama eines unglaublichen Gewusels, eines Ameisenbaus, das wir nicht restlos in seiner Gänze auffassen können. In schreiender Selbstvergessenheit scheint alles auf das Zentrum hingerichtet zu sein, auf das letzte wichtige Ereignis, ein schwarzes Loch der Aufmerksamkeit. Alles umweht ein Wind, ein Geruch – alkoholfreies Bier.

Ich glaube an das, was ich sehe

Das Bild, dass die Union of European Football Associations (UEFA) aus den Stadien der EM in Polen und der Ukraine zeichnet, bzw. sendet, ist von einer ebenso besonderen Sorte. Das Fernsehen wird hier seiner Rolle als Vermittler absolut gerecht, denn es vermittelt uns das Bild einer absolut heilen Fussballwelt. Die Spieler tragen den ‚Respect‘ nicht nur auf den Trikots, sondern auch in Kopf und Herz, wir sehen volle Ränge, hübsche Frauen, entzückte Fans und Trainer, die sich in scheinbar völliger Vergessenheit der nervenaufreibenden Partie sogar spitzbübische Späße erlauben. Was sehen wir da? Wir sehen das, was wir sehen wollen. Wir sehen Bilder einer friedlichen Europameisterschaft, die all diejenigen widerlegen, die immer noch behaupten, internationale Sportevents seien der Ersatz für Krieg. Es sind Sinnbilder der Völkerfreundschaft und -verständigung, vom friedvollen Miteinander von Trainern, Spielern und Fans aller Couleur. Es sind Bilder vom Planeten EM.

Bengalos? Politischer Protest? Leere Ränge? Nein.

Es sind Bilder vom Planeten EM und die UEFA überbringt uns die frohe Kunde von der Welt auf diesem Planeten. Und wie sehr sich diese Bilder von der EM unterscheiden, die tatsächlich stattfindet, zeigen die prominenten Beispiele: Bengalos beim Spiel Spanien gegen Kroatien, leere Ränge entgegen offizieller Verlautbarungen, die Stadien seien restlos ausverkauft, Protestplakate gegen Willkür und Einschränkung der Meinungsfreiheit, ein Flitzer, der den kroatischen Trainer herzt, oder dieses riesige Banner, das bei der Partie Polen – Russland für erhitzte Gemüter auf Seiten der Gastgeber gesorgt haben dürfte. Die Implikationen der russischen Fans sind eindeutig und verfehlen ihre Wirkung auf Seiten der Polen keinesfalls. Vor, während und nach dem Spiel kommt es zu massiven Ausschreitungen, wenn auch fast gänzlich außerhalb des Stadions, außerhalb des Blickwinkels der Kameras, fast schon am Rande des Bewusstseins. „Es ist die Philosophie der UEFA, ein neutrales Bild, das sich nur um den Sport kümmert, zu zeigen“, so Klaus Heinen, der während der EM der ARD-Programmchef im International Broadcast Center (IBC) ist. Das Bild des heilen, des fairen und neutralen Fussballs taucht hier wieder auf, wenn es auch ebenso wieder nicht zu kaschieren vermag, worum es vermutlich in Wirklichkeit geht.

Schneid den Altruisten, du wirst den Heuchler bluten sehen

Neben der Wahrheit versickert im Sumpf der UEFA vor allem eines: Geld. Bereits im Oktober 2010 berichtete die Phalanx der deutschen Printmedienlandschaft, FAZ, Spiegel, Süddeutsche und WELT, von einem Korruptionsskandal bei der Vergabe der EM an Polen und die Ukraine. Dass die UEFA als Antwort den „europaweiten Aufbau eines Netzwerk von Integritätsbeauftragten“ ankündigt, darf als indirektes Geständnis gewertet werden, warum sollte die UEFA schließlich auf völlig halt- und substanzlose Vorwürfe reagieren? Das fragwürdige Bild vom europäischen Fussballdachverband bereichert SZ Autor Thomas Kistner um eine weitere  ernüchternde Facette, indem er die Frage aufwirft, ob Partien überhaupt fair gepfiffen werden. „Ein Turnier mit Spaniern, Engländern und Deutschen im Viertelfinale ist schließlich viel attraktiver als eines mit Dänen, Ukrainern und Kroaten.“ Ist der Samen des Gedanken einmal gesät, so kann man ihn bestenfalls noch verdrängen, das Image der UEFA bleibt jedoch nachhaltig geschädigt. Welche Mannschaft auch immer am 1. Juli die Bessere sein möge, Europa als Fussballkontinent hat bereits kollektiv verloren.

Fotos: flickr/scottwills (CC BY-NC-ND 2.0), flickr/~Liliana (CC BY-NC 2.0)

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