Gone Girl

von Felix Niedrich

Verbrechensaufklärung als PR-Schlacht

David Fincher hat sich bereits in der Vergangenheit häufig als Meister der Täuschung präsentiert, der den Zuschauer schon so manches Mal hinters Licht geführt hat. Auch seine Besessenheit fürs Detail zeichnet seine Filme aus. In seinem neusten Werk „Gone Girl“ – einer Adaption des gleichnamigen Romans von Gillian Flynn – kombiniert er diese Ansätze. So schafft er eine Mischung aus einem Kriminalfilm a la „Zodiac“ und einem Verwirrspiel wie in „The Game“. Gewürzt wird das ganze mit satirischer Gesellschaftskritik im „Fight Club“-Stil. Zwar setzt „Gone Girl“ diese Ideen nicht so gut um, bietet aber einige interessante Ideen über Beziehungen und Geschlechterrollen, Schein und Sein und vor allem den Umgang der Medien und Zuschauer mit aufsehenerregenden Stories.

Ben Affleck spielt die Hauptfigur Nick Dunne, einen verheirateten Mann, dessen Ehe aber längst nicht mehr rund läuft. Als seine Frau eines Tages verschwindet und vieles auf ein Verbrechen hindeutet, gerät Nick bald selbst unter Verdacht. Tatsächlich ist er aber das Opfer seiner hinterlistigen Ehefrau, die den Vorfall inszeniert hat. Während die Ermittlungen andauern, wird das Ereignis von den Medien bereits zerrissen. Die Öffentlichkeit hat so längst eine eigene Sichtweise auf den Fall bekommen. Die Wahrheit interessiert zwischen den Zeilen niemanden mehr.

 

Image ist alles

Hätte Dunne nur mal Pörksens „Der entfesselte Skandal“ gelesen, hätte er es vielleicht besser gewusst. Von Beginn an geht er nicht gerade überlegt mit der Situation um. Durch widersprüchliche Aussagen verstrickt er sich immer mehr in den Fall. Und auch wenn er für die Tat selbst keine Schuld trägt, so kann er nicht behaupten eine weiße Weste zu haben. Als der Medienrummel um den Fall immer größer wird, gerät Nick zunehmend unter Druck. Sein ungeschicktes öffentliches Auftreten wird zum Skandal. Die Berichterstattung konzentriert sich mehr und mehr auf seine Person und schlachtet dabei jeden Fehltritt aus. Unschöne Spekulationen, Gerüchte und Verleumdungen heizen den Fall immer weiter an. Journalistische Grundprinzipien oder ethische Werte werden ignoriert. Obwohl die Untersuchungen der Polizei noch laufen, wird Nick bereits von einer Mehrheit der Stempel des Täters aufgedrückt. Spätestens als Nicks Affäre mit einer anderen Frau publik wird, sieht er sich gezwungen, selbst in die Offensive zu gehen.
Für viel Geld engagiert er einen auf solche Fälle spezialisierten Anwalt, den man auch als PR-Berater bezeichnen könnte. Das erste Ziel: Image aufbessern. In einem Fernsehinterview vor Millionenpublikum spielt Nick den Ehemann voller Reue – Wort für Wort vorbereitet und ganz nach Anleitung des Experten.

An der Unschuld seiner Frau wird derweil zu keiner Sekunde gezweifelt. Nicht nur, weil sie alles bestens kalkuliert und eingefädelt hat. Sie ist auch – wie der deutsche Zusatz im Titel sagt – das perfekte Opfer. Sie beherrscht nicht nur ihre Rolle erstklassig, sondern hat auch bereits im Vorfeld sämtliche Sympathien auf ihrer Seite. Denn für die meisten Menschen ist Nicks Frau keine Unbekannte. So glauben sie zumindest. Ihre Person ist nämlich die Quelle und Inspiration der populären Romanfigur „Amazing Amy“. Öffentlichkeit und Fans der Bücherreihe sympathisieren mit dieser Version von Amy. Sie projizieren Eigenschaften der Buchfigur auf die „reale“ Person (die Figur im Film) und vermischen die ihnen bekannte mediale Identität mit der wahren Identität der Frau. Nick, der Noname, sieht daneben nicht besonders gut aus. Er ist der Manipulation hilflos ausgeliefert und die ahnungslose Öffentlichkeit spielt das Spiel mit.

 

Mediale Wahrheiten

Der Film zeigt sich kritisch gegenüber der sensationsorientierten Berichterstattung, die die private Misere des Ehepaars für eine spannende Story ausnutzt. Als Informationsquelle haben die Medien die Möglichkeit die öffentliche Meinung zu lenken und zu beeinflussen. Dabei werden ungeniert Faktoren herangezogen, die nichts mit dem eigentlichen Ereignis zu tun haben. Jedes Wort und jede Geste werden untersucht, aus dem Kontext gerissen und genutzt, um Vermutungen zu untermauern. Und ist der Informationsfluss erst einmal außer Kontrolle, entsteht eine Eigendynamik, die schwerwiegende Folgen haben kann.  Die Wahrheit interessiert letztlich niemanden. Vielmehr geht es darum, was die Leute glauben wollen. Wer die beste Geschichte erzählen und sich auf der medialen Bühne gut verkaufen kann, ist im Vorteil.

Nick Dunne hat am Ende Glück im Unglück. Seine Frau kehrt zurück und schiebt alles auf einen alten Verehrer, den sie zuvor eiskalt ermordet. In der vielleicht besten Szene des Films, die die Geschichte sehr gut zusammenfasst, zeigt Fincher das scheinbar glückliche Ehepaar wieder vereint vor Kameras und Publikum. Es kommt der Moment in der Amy ihren Ehemann dazu auffordert, ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Widerwillig beugt sich Nick zu ihr. Aus der Perspektive des Films – hinter den beiden – sieht der Zuschauer, dass Nick seine Frau nicht wirklich küsst. Das Publikum auf der anderen Seite hingegen jubelt im Blitzlichtgewitter. Für sie hat die Story ein zufriedenstellendes Happy End. Doch dem Zuschauer wurde entblößt, was hinter der medialen Wahrheit steckt.

Foto: Merrick Morton/Twentieth Century Fox