Falsche Rezensionen – Manipulation bei Amazon & Co.

von Pascal Thiel

Peter Glaser ist ein angesehener Schriftsteller und Ehrenmitglied des Chaos-Computer-Clubs. Und für kurze Zeit war er ein berühmter Amazon-Rezensent. Wenn auch unfreiwillig. Am 23. September 2010 erschien auf dem Online-Shopping-Portal Amazon unter seinem Namen eine Rezension zu dem neuen Tablet „WeTab“:

[…] Das WeTab ist nicht gut sondern sehr sehr gut. 

– Hab gerade in Facebook Farmville gepsielt, macht richtig Spass auf nem TouchScreen

– Heute kam ein Update. Ist alles noch flüssiger geworden. Hab meine Email Konten (bei Google und Web.de) eingerichtet, funktioniert super

– Der Browser ist scheinbar auch schneller geworden – was will man mehr.

– Neu scheint auch das USB-Menü zu sein. Macht richtig Spass jetzt!

Insgesamt macht das WeTab einen sehr sehr guten Eindruck. Ich kann das Teil nur empfehlen und warte sehr gespannt auf die Android App Unterstützung!

Vg, Peter

Als der Blogger Richard Gutjahr nach einigen Tagen darauf stieß, verwunderte es ihn wohl so stark, dass er der Sache auf den Grund ging. Und was er herausfand, entwickelte sich zu einem handfesten Skandal: Der Geschäftsführer von WeTab GmbH Helmut Hoffer von Ankershoffen selbst hatte die Bewertung erstellt – unter dem Pseudonym Peter Glaser. Während daraufhin der echte Peter Glaser rechtliche Schritte prüfen ließ, trat von Ankershoffen von seinem Chefposten zurück.

Unternehmen und Rezensenten: Wer faket?

Falsche Rezensionen – bei Amazon, aber auch bei anderen Shopping-Portalen – sind ein großes Problem. Zum einen können sie simplem Egoismus folgen. Manchmal sind es die Unternehmensmitarbeiter, die ihre Produkte hochschreiben, wie bei dem WeTab geschehen. Doch selbst Historiker können nicht widerstehen und schreiben ihre Bücher in den Himmel, die der Konkurrenz aber in den Boden.

Zum anderen findet jedoch eine Professionalisierung beim Erstellen von Fake-Rezensionen statt, zumindest wenn man ComputerBILD Glauben schenkt: Laut der Fachzeitschrift haben sich ganze Agenturen auf Fake-Rezensionen – im Fachterminus „Textservices“ – spezialisiert. Mithilfe simpler Internetrecherche spürte die Zeitschrift zwei Agenturen auf und kontaktierte sie. Die Antworten folgten prompt: „Bereits 15 Minuten nach der Anfrage lag das erste unmoralische Angebot im Postfach.“

Neben diesem organisierten, professionalisierten Spiel mit dem Vertrauen der Konsumenten – oder besser, der Rezipienten – gibt es jedoch weitere Akteure, die für eine Verzerrung der produktbezogenen Realität sorgen: die sogenannten „Top-Rezensenten“.

Ein Beispiel: Zehn Jahre schrieb Thorsten Wiedau für Amazon Buchrezensionen. Sieben Jahre war er in der „Hall of Fame“ der „professionellen“ Rezensenten, einige Male stand er auf Platz eins der Liste der Top-Rezensenten – das Ziel vieler Schreiber. Doch genau diese Liste sei das Problem: Viele Rezensenten seien nur noch darauf aus, Platz eins zu erreichen, in die „Rezensenten-Hall-of-Fame“ aufgenommen zu werden. Zudem kritisiert Wiedau den Algorithmus der Rangliste: „Nicht mehr wer die meisten Rezensionen schreibt, steht ganz oben, sondern wer die meisten positiven Rezensionen schreibt.“

Amazon und der Kunde: Wer leidet?

Positiv rezensieren, um Top-Rezensent zu werden – sollte dieser Vorwurf korrekt sein, so sorgt Amazon indirekt selbst für immer neue Fakes in seiner Rezensionslandschaft. Dadurch erreicht die Verzerrung der tatsächlichen Qualität angebotener Produkte ein unüberschaubares Ausmaß. Der Komsument muss sich fragen: Welcher Rezension kann ich trauen? Welcher nicht? Damit wird der eigentliche Sinn der Rezensionen obsolet. Und Amazon selbst schießt sich dabei ein gewaltiges Eigentor. Denn gefälschte Rezensionen können nicht nur die Konsumenten fehlleiten, sondern auch stark die „Karriere“ eines Produkts oder einer Marke negativ beeinflussen. Eigentlich müssten sich Unternehmen zweimal überlegen, ob sie ihr Produkt auch auf Amazon anbieten wollen – aber wer kann es sich schon erleben, beim Monopolisten für Internetshopping zu fehlen? Klar ist jedoch: Langfristig gesehen können falsche Bewertungen auch Amazon selbst schaden.

Die Konsequenzen sind ebenso gigantisch wie dramatisch: Es eröffnet sich ein Markt für Produktbetrügerei, da wahre, verlässliche, auf tatsächlichen Prüfungen basierende, Rezensionen nicht von den gefälschten Bewertungen unterschieden werden können. Der Käufer ist der Dumme, Fehlentscheidungen und Fehlinvestitionen sind die Folge. Eine vertrauensbasierte Orientierung ist nicht mehr möglich. Und all das betrifft Millionen von Internetnutzern.

Nicht nur daher ist die Fälschung einer Rezension laut Christian Oberwetter, Fachanwalt für IT-Recht in Hamburg, kein Kavaliersdelikt:

Die Fälscher verschleiern den Werbecharakter der Fake-Bewertungen. Damit verletzen sie die Interessen von Mitbewerbern und Verbrauchern. Auch ein Verstoß wegen irreführender Angaben kommt in Betracht. Im Einzelfall kann deshalb sogar Betrug vorliegen.

Kann ein Fälscher identifiziert werden, kann das für ihn also ernsthafte Folgen haben. Doch ohne Beweise bleiben sie zumeist unerkannt – daher mahnt nicht nur Oberwetter zur Meldung verdächtiger Rezensionen. Wie man sie erkennt, beschreiben mehrere Internetseiten, unter anderem auch der Fachverlag Galileo Press in einer Erklärung.

 

Foto: flickr/Яick-Harris (CC BY-SA 2.0); Sophie Kröher

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