Durch 15 Sekunden in den Charts
– Wie TikTok die Musikindustrie verändert
Von Emma Dambacher
TikTok – die Plattform, die ursprünglich für Tanz- oder Lip-Sync-Videos benutzt wurde, ist mittlerweile eine der einflussreichsten Plattformen weltweit. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene bis etwa 25 Jahre verbringen auf TikTok mehr Zeit als auf anderen Plattformen. Mit rund 1,59 Milliarden Nutzer:innen monatlich zählt sie außerdem zu den beliebtesten Social-Media-Apps. Die enorme Reichweite der Plattform hat Auswirkungen – insbesondere auf die Musikindustrie. Auch wenn auf TikTok schon längst nicht mehr nur Tanzvideos zu sehen sind, haben die meisten Videos immer mit Musik zu tun. TikTok funktioniert nicht ohne Musik. Aber funktioniert Musik noch ohne TikTok?
Durch die hohe Nutzer:innenzahl sind virale Hits auf TikTok oft direkt verbunden mit den Charts: „2024 [ging] mehr als jeder dritte Song, der die Spitze der deutschen Single-Charts erobern konnte, zuerst auf [TikTok] viral.“ Obwohl Taylor Swift für ihr neuestes Album „The Life of a Showgirl“ nicht nur positives Feedback kassierte, schaffte es ihr Song „The Fate of Ophelia“ auf TikTok viral zu gehen. Durch über 1,2 Mio Beiträge (Stand: 13.12.25) wurde der Song zum Trend. Viele User:innen tanzen dabei wie Taylor Swift in dem zugehörigen Musikvideo. Einfache Handbewegungen, die jede:r nachahmen kann. Taylor Swift weiß, wies funktioniert. Der Erfolg des Songs auf der Videoplattform zeigt sich auch in den Streamingzahlen auf Spotify. Mit über 652 Millionen Streams (Stand: 13.12.25) ist es der meistgestreamte Song des Albums.
@_vittoriabiagini_
Aber nicht nur neue Lieder können von der Videoplattform profitieren. Der 2023 erschienene Thriller „Saltburn“ traf den Nerv der jungen Generation und wurde auch auf TikTok zum Gesprächsthema. Aber nicht nur der Film profitierte von der Aufmerksamkeit, die ihm die App schenkte. Der in der legendären Schlussszene verwendete Song „Murder on the Dancefloor“ von Sophie Ellis-Bextor erlebte ein richtiges Comeback. Obwohl der Song bereits im Jahr 2001 released wurde, gibt es zu diesem mehr als 146.000 Beiträge auf TikTok. Etliche Videos, die die ikonische Tanzszene von Barry Keoghan nachahmen, reihen sich unter dem Sound aneinander. Durch das Viral-Gehen erhielt der Song viele neue Fans, vor allem auch aus der Gen Z . 22 Jahre später kehrte „Murder On The Dancefloor“ dadurch zurück in die Top 20 der deutschen Charts. „In den USA schoss der Song sogar auf Platz 2 der Billboard 100. Sophie Ellis-Bextor hatte seitdem ihr US-TV-Debüt, kündigte eine Serie von Nordamerika-Konzerten an und trat nach diesem Hype live bei den BAFTA Film Awards 2024 auf.“
@raffylewiss Saltburn christmas xox
Die Wahrscheinlichkeit, auf Tiktok viral zu gehen, ist deutlich höher als auf vergleichbaren sozialen Plattformen. Während Instagram vor allem die Inhalte, denen man folgt, in den Fokus rückt, liegt bei TikTok der Fokus auf den Inhalten, die der Algorithmus auf die eigene For-You-Page zuschneidet. Der Algorithmus von TikTok versucht vor allem, ein personalisiertes Nutzungserlebnis zu ermöglichen, und empfiehlt Inhalte, die für die Interessen der jeweiligen Nutzer:innen relevant sind. Wer die Videos produziert, ist dabei nicht entscheidend. Jede:r kann viral gehen – unabhängig von der Anzahl der Follower:innen.
Über Nacht berühmt
Damit hat TikTok schon viele neue Talente hervorgebracht. Neben Olivia Rodrigo oder Lola Young haben auch deutsche Musiker:innen bereits von der Plattform profitiert. „T-Shirt hoch, Titten raus, DJ, mach die Mucke laut“. Mit diesen Lyrics begann Victoria Zechners musikalische Karriere. Vicky ist gelernte Köchin. Einen Plan, Musik zu machen, verfolgte sie eigentlich nicht. Ihr erster Song entstand eher aus Langeweile. Während eines Kurztrips nach Berlin beschloss sie gemeinsam mit ihrem Kumpel Rowli, einen Song aufzunehmen. Die beiden haben sich vor allem von Ikkimels Stil und ihrem Lied „Unisexklo“ inspirieren lassen und schafften es so in wenigen Stunden „T-Shirt hoch, Titten raus“ fertigzustellen und aufzunehmen. Aus Spaß lud die 23-Jährige mit dem frisch fertiggestellten Song ein TikTok hoch. Dazu schrieb sie: „Wollten aus joke ikkimel Song nachmachen und haben auf einmal einen Banger geschrieben“. In der Caption fragt sie: „Was soll ich jetzt damit machen?“. Über Nacht geht das Video viral und verändert Vickys Leben.
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Vicky nutzt die Chance, die durch den Hype auf TikTok entstanden ist, und so folgen 2025 „Aufwachen blaumachen“ und „FKK“. Vor allem mit „FKK“ gelingt Vicky der Durchbruch. Ihr dazugehöriges TikTok geht viral. Mit über 6 Millionen Streams erzielt der Song auf Spotify ihre bislang größte Reichweite. Seitdem überzeugt Vicky immer wieder mit neuen feministischen und provozierenden Texten. Mit ihrer Musik überzeugt sie mittlerweile über 265.000 monatliche Hörer:innen und das, obwohl sie erst seit etwa einem Jahr veröffentlicht. Vicky ist aber nicht die Einzige. Aktuell erhält der Song „ZERSPLITTER DEIN GLAS“ von Pako Peng, Julie und Pablo Rochat auf TikTok den nächsten Hype. Auf Spotify ist er bereits bei 2 Millionen Streams – mehr als das Zehnfache im Vergleich zu seinen anderen beliebten Songs (Stand: 13.12.25).
@pakopeng gng muss wissen, dass der draussen ist🤞❤️🩹 @julieinberlinn #fyp #pakopeng #zersplitterdeinglas
Die Schattenseiten
Vicky und auch Pako Peng zeigen: TikTok bietet eine einfache Möglichkeit, schnell bekannt zu werden. „Künstler:innen können ohne Marketingbudget oder Plattenvertrag Videos veröffentlichen und so ihre Musik verbreiten. Wer Glück hat, schafft es, einen Hype zu generieren und die User:innen auf die Streamingdienste zu bringen – und so bares Geld zu verdienen.“ Die App bietet die Möglichkeit, ohne den traditionellen Ablauf der Musikindustrie das Publikum direkt zu erreichen.
Der traditionelle Ablauf
Früher waren Charterfolge ausschließlich über Plattenlabels und deren Promotion und Abläufe möglich. Ohne einen Vertrag bei einem Label war eine Karriere in der Musikwelt nicht möglich. Mittlerweile umgehen viele Künstler:innen dieses System. Durch beispielsweise TikTok wird zunächst eigenständig Reichweite aufgebaut und erst danach folgen häufig Labelverträge.
Der kommerzielle Erfolg wird immer mehr von der Plattform abhängig. Das hat auch Einfluss auf die Marketingstrategien. Um neue Songs zu promoten, setzen Künstler:innen auf das Verbreiten von TikTok-Tänzen, die Kooperation mit bekannten Influencer:innen oder die Nutzung trendiger Sounds, um die eigene Person bekannter zu machen. Gleichzeitig muss sich auch die Musik an die Plattform anpassen, damit sie dort funktioniert und Reichweite erhält. Dafür werden Songs anders produziert und geschrieben. Ein Lied wie „Pictures Of You“ von The Cure, das über sieben Minuten geht und mit einem beinahe zwei Minuten langen Instrumentalintro beginnt, gehört der Vergangenheit an und ist heute kaum mehr zu finden. Erst recht nicht in den Charts. Um auf TikTok erfolgreich zu sein, setzen viele Künstler:innen vermehrt auf kurze, einprägsame Songs, die sich für Videos eignen und zur Interaktion anregen. Das zeigen auch die Charts. Nur wenige Songs sind länger als drei Minuten.
TikTok doof, alles doof
Das mag vermutlich vor allem Musikliebhaber:innen zunächst schockieren, aber: Das Medium bestimmt eigentlich schon immer die Länge von Musik – egal ob Schallplatte, CD oder eben TikTok und Spotify. Musik verändert sich stetig. Ich bin bei der Recherche für meinen Artikel auf viele positive Aspekte von TikTok gestoßen. Einige meiner liebsten Künstler:innen habe ich in der Vergangenheit durch TikTok entdeckt. Nichtsdestotrotz ist meine eigene Angst vor der Veränderung nicht verschwunden. Fakt ist: TikTok verändert Musik und macht sie kürzer und schnelllebiger. Die wirklichen Auswirkungen werden vermutlich in Zukunft noch deutlicher. Ich hoffe vor allem, dass Musik weiterhin vielfältig und individuell bleibt. Beim Produzieren darf es nicht nur um den kommerziellen Erfolg gehen. Leider gehe ich aber auch davon aus, dass sich viele Künstler:innen dazu gezwungen fühlen, ihre Lieder für TikTok passend zu gestalten. Denn immer häufiger ist TikTok der Weg zum Erfolg.


