Der Preis der Ferne
Von Lara Ruff
Reisen ist ein Privileg, scheint aber immer mehr zum Trend zu werden. Parallel sehen wir in den Nachrichten und vor der eigenen Haustür die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels. Das Bewusstsein der Menschen wächst zwar, aber die wenigsten sind bisher bereit auf ihren Urlaub zu verzichten.
Braungebrannt den Koffer wieder packen, während die Klimaanlage vom Hotel voll aufgedreht ist. An den Klamotten hängt noch etwas Sand und dann fällt uns das Flugticket in die Hände. Eine kalte Welle überkommt einen, diesmal leider nicht aus Salzwasser: das schlechte Gewissen. Ist die Rechnung für zwei Wochen Erholung wirklich ‚nur‘ das, was von unserem Bankkonto abgeht? Ist es vertretbar zwischen Gletscherschmelzen und Hitzerekorden, am anderen Ende der Welt wieder aus Plastik Strohhalmen den Cocktail zu schlürfen? Ich möchte hinterfragen, ob es reicht das Hotelhandtuch zweimal zu benutzen, um seinen Flug zu kompensieren.
Wie klimaschädlich ist denn mein Urlaub?
Flugzeuge stoßen immens viel CO2 aus. Das große Problem ist aber tatsächlich die Höhe, in der die sie unterwegs sind. Genau auf dieser Höhe, in der sensiblen Schicht der Atmosphäre, lösen die Abgase Prozesse aus. Die würden so am Boden eigentlich kaum eine Rolle spielen. Wir alle kennen sicherlich diese weißen Streifen, die Flugzeuge am Himmel hinter sich herziehen. Was eigentlich schön und interessant aussieht, ist in Wirklichkeit ein großes Problem: Kondensstreifen. Das Umweltbundesamt erklärt, wenn sie langlebig werden und zu sogenannten Kondensstreifen-Zirren anwachsen, wirken sie wie eine Decke. Das hält Wärme auf der Erde fest. Obwohl sie nur auf 10% aller Flugstrecken entstehen, sind sie für rund 57% der gesamten Klimawirkung des bisherigen Luftverkehrs zuständig. Das bedeutet: Ein einziger Langstreckenflug kann bereits mehr belasten als ein ganzes Jahr Autofahren.
Auch hinter der strahlenden Fassade von Kreuzfahrtschiffen versteckt sich ein massives Umweltproblem. Anders als unsere modernen Autos oder LKWs an Land fahren, laut Angaben des Nabu, die meisten Ozeanriesen noch immer mit Schweröl – einem hochgiftigen Abfallprodukt aus Schwefel, Schwermetallen und Asche. Das belastet nicht nur unsere Umwelt, sondern gefährdet auch die Gesundheit von Menschen in Hafenstädten.
Warum Fliegen trotzdem so viele?
Obwohl Fliegen eine der klimaschädlichsten Form des Reisens ist, wird es oft belohnt. Eine Analyse von Greenpeace (Sommer 2025) zeigt: Zugfahren ist nur auf etwa 46% der Strecken günstiger. Absurd wird es auf grenzüberschreitenden Reisen. Wer kurzfristig von Barcelona nach London will, zahlt für den Zug 26-mal mehr als für den Flieger. Dahinter stecken Preisvorteile für Airlines. Die zahlen keine Kerosinsteuer oder Mehrwertsteuer auf internationale Tickets. Bahnunternehmen dagegen müssen Energiesteuern und hohe Schienenmauten zahlen.
Es gibt aber auch Lichtblicke. Auf Strecken von Deutschland nach Polen, Österreich, Belgien oder Tschechien ist der Zug fast immer die günstigere Wahl. Und wer mit dem Zug durch zum Beispiel Europa fährt, der kann sehen, wie sich Landschaft, Architektur und Sprache langsam verändern. Die Kilometer ziehen unter den Schienen vorbei, ohne eine Decke aus Kondensstreifen zu hinterlassen. Mit dem Interrail-Programm zu reisen ist eine Möglichkeit, das so zu erleben. Interrail ist ein gemeinsames Bahnticket-Angebot europäischer Eisenbahngesellschaften, das Reisen durch über 33 Länder ermöglicht. Neben den bekannten Hauptstädten Europas werden auch weniger populäre Orte angefahren, um den Tourismus fairer zu verteilen. Zusätzlich unterstützten sie soziale Initiativen, von nachhaltiger Landwirtschaft bis zur Unterstützung lokaler Gemeinschaften.
Vermeiden – Reduzieren – Kompensieren
Um den Preis der Ferne jedoch genauer zu kalkulieren, lohnt sich ein Blick auf eine Organisation, die das seit Jahren schon versucht: Atmosfair. Die gemeinnützige Klimaschutzorganisation mit Sitz in Berlin entwickelt CO2-Rechner fürs Reisen. Sie berechnen Emissionen und finanzieren mit den Ausgleichszahlungen Klimaschutzprojekte, vor allem im globalen Süden. Ziel ist es den Tourismussektor zu dekarbonisieren und die Emissionen vor allem dort zu reduzieren, wo Projekte zusätzlich auch soziale Effekte haben. Der Ansatz folgt einer klaren Reihenfolge: vermeiden, reduzieren, kompensieren. Kompensation soll also kein Freifahrtschein sein, betont Brigitte Kraus, die bei Atmosfair Teamleiterin im Business Development ist. Mit ihr habe ich mich über ihre Arbeit unterhalten. Wer fliegt, solle sich erst fragen, ob die Reise wirklich notwendig ist. Erst wenn Emissionen nicht vermeidbar seien, komme der Ausgleich ins Spiel. Während viele Airlines nur das ausgestoßene CO2 berechnen, berücksichtigt Atmosfair auch die Nicht-CO2-Effekte (Kondensstreifen). „Wir wissen, dass sie einen erheblichen Einfluss haben, auch wenn noch nicht jedes Detail erforscht ist“, sagt Kraus. Genau deshalb sei es wichtig das auch in den Kompensationsrechnern mit aufzunehmen. Laut ihr wäre das sonst wie als würde die Feuerwehr sagen, sie fahre nicht los, weil sie nicht genau wisse, in welchem Stockwerk es brenne. Man wisse nur, dass es brennt.
Eine klare Grenze zieht Atmosfair mit ihrer Kompensation allerdings bei Kreuzfahrten. Seit 2019 bietet die Organisation diesen Ausgleich nicht mehr an. „Wir wollen uns nicht vor den Karren spannen lassen“, sagt Kraus. Zu wenig sei Umwelttechnisch bei den Ozeanriesen passiert.
Veränderung beginnt individuell, vor allem, solange es keine politischen Verpflichtungen gibt. Kraus spricht von bewussteren Entscheidungen. Nicht jeder 10-Euro-Deal müsse gebucht werden. Nicht jede Reise sei notwendig. Reisen sei kein universelles Grundbedürfnis, sagt sie zum Schluss unseres Gesprächs. Weltweit könne es sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung überhaupt leisten. Gerade deshalb liegt bei denen, die reisen können, auch Verantwortung.
Verantwortungsvoll unterwegs
Wir dürfen nicht vergessen, dass nachhaltiges Reisen auch über den Ticketkauf hinausgeht. Genauso wichtig wie der Preis, ist wo das Geld vor Ort landet. Das ist im lokalen Markt oder familiengeführten Restaurant eigentlich immer besser aufgehoben als beim Buffet der Hotelkette. Tourismus darf nicht ausbeuten, sondern soll fördern. In vielen Urlaubsregionen sind die Recyclingsysteme den Touristenmassen nicht gewachsen, es bringt also tatsächlich schon viel, einfach die eigene Trinkflasche mitzubringen und auf seinen Plastikkonsum zu achten. Nachhaltigkeit bedeutet sich auf die Gegebenheiten vor Ort einzulassen. Das kann der Verzicht auf ein neues Handtuch jeden Tag sein oder der bewusste Wasserverbrauch in trockenen Regionen. Sobald wir anfangen, die Ferne als schützenswerten Lebensraum zu verstehen, sinkt der ökologische Preis bereits.
Und wenn es doch der Flieger sein muss, dann vielleicht auf den Komfort verzichten. Denn was dieser das Klima kostet, zeigt ein einfacher Vergleich: Ein Flug von Frankfurt nach New York verursacht in der Economy-Class rund 2,3 Tonnen CO2. In der Business Class sind es etwa 9,4 Tonnen. Das ist fast das Vierfache.
Erinnern wir uns zurück an den Anfang. Das schlechte Gewissen, das uns begleitet, muss nicht immer etwas Schlechtes bedeuten. Es ist ein Hinweis darauf, dass wir anfangen müssen unsere Rechnungen ehrlich offenzulegen. Zu hinterfragen. Keine Schulden hinterlassen. Und ausstehende Beträge zu begleichen. Die Welt hat viele schöne Orte zu bieten, es liegt an uns, dass die Generationen, die nach uns kommen diese auch bestaunen dürfen.
Quellen:
- https://www.atmosfair.de/de/
- https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr/emissionsstandards/luftverkehr
- https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr/emissionsstandards/seeverkehr-luftschadstoffe-treibhausgase#undefined
- https://www.greenpeace.de/klimaschutz/mobilitaet/preisvergleich-zugreise-versus-flugreise
- https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/verkehr/161125-nabu-hintergrundpapier-kreuzfahrtschiffe.pdf


