Umweltgerechtigkeit unter Besatzung

Ein Interview mit Prof. Dr.-Ing. Rashed Al-Sa`ed

Von Ronja Pröllochs

„Umweltgerechtigkeit ist ohne politische Selbstbestimmung kaum möglich.“
— Prof. Dr.-Ing. Rashed Al-Sa`ed

Wasserknappheit, Abwasserverschmutzung und Umweltzerstörung sind im Westjordanland keine abstrakten Zukunftsprobleme, sondern Alltag. Unter den Bedingungen der israelischen Militärbesatzung sind ökologische Fragen eng mit politischer Macht, Ressourcenverteilung und Gerechtigkeit verknüpft. Im Gespräch erläutert Prof. Dr.-Ing. Rashed Al-Sa`ed, außerordentlicher Professor für Siedlungswasserwirtschaft und Umwelttechnik an einer Universität in Ramallah, wie Umweltforschung, Besatzung und Fragen globaler Verantwortung zusammenhängen.

Zur Person und zum akademischen Hintergrund

Prof. Dr.-Ing. Rashed Al-Sa`ed ist außerordentlicher Professor für Siedlungswasserwirtschaft und Umwelttechnik an einer Universität in Ramallah im Westjordanland. Seine Forschung und Lehre konzentrieren sich auf nachhaltige Wasser- und Abwasserbewirtschaftung, naturbasierte und technische Lösungen zur Nährstoffrückgewinnung sowie die Wiederverwendung von behandeltem Abwasser in der Landwirtschaft. Darüber hinaus arbeitet er zu Umweltverträglichkeitsprüfungen und integriertem Wasserressourcen-Management – stets mit einem besonderen Fokus auf Nachhaltigkeit und Umweltgerechtigkeit unter den Bedingungen militärischer Besatzung und eingeschränkter staatlicher Souveränität.

„Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Umweltfragen ist unter Besatzung keine Wahl, sondern eine Notwendigkeit.“

Umweltforschung im Kontext der Besatzung

Die Beschäftigung mit Umweltschutz im Kontext der israelischen Besatzung ergab sich für Al-Sa`ed zwangsläufig aus den realen Herausforderungen vor Ort. Systematische Umweltzerstörung durch militärische Präsenz, der Raubbau an natürlichen Ressourcen sowie die begrenzten Handlungsmöglichkeiten palästinensischer Behörden prägen die ökologische Situation. Wissenschaftliche Arbeiten und Berichte internationaler Organisationen lieferten hierfür wichtige theoretische und rechtliche Rahmenbedingungen.

Ökologische Herausforderungen im Westjordanland

Zu den drängendsten ökologischen Problemen zählen Wasserknappheit, Abwasserverschmutzung, unkontrollierte Abfallablagerungen, Biodiversitätsverlust und die zunehmende Fragmentierung von Ökosystemen. Ein erheblicher Teil des Abwassers aus israelischen Siedlungen wird unbehandelt in palästinensisches Land eingeleitet. Gleichzeitig sind natürliche Wasserquellen durch Übernutzung und Kontaminierung massiv bedroht – mit besonders gravierenden Folgen in trockenen Regionen wie dem Jordantal.

„Was wir erleben, ist eine institutionalisierte Umweltungleichheit.“

Besatzung als Treiber von Umweltungerechtigkeit

Die israelische Besatzung verschärft Umweltprobleme strukturell. Palästinensische Gemeinden haben kaum Zugang zu Wasserrechten, während israelische Siedlungen überproportional versorgt werden. Militärische Sperrzonen und die Verweigerung von Genehmigungen für Umweltinfrastruktur blockieren nachhaltige Lösungen. Besonders im Bereich des Abwassermanagements entlang der Grünen Linie führen politische Blockaden zu dauerhafter Umweltdegradierung.

Al-Sa`ed betont jedoch auch, dass kooperative und grenzüberschreitende Ansätze im Wassermanagement langfristig sowohl ökologische als auch gesundheitliche und sozioökonomische Verbesserungen für beide Gesellschaften ermöglichen könnten.

Umwelt, Gerechtigkeit und politische Selbstbestimmung

Für Al-Sa`ed ist Umweltgerechtigkeit untrennbar mit politischer Selbstbestimmung verbunden. Ohne Kontrolle über Land und Ressourcen bleibe Umweltpolitik reaktiv und krisengetrieben. Umweltzerstörung fungiere dabei nicht nur als Kollateralschaden, sondern als Teil struktureller Machtausübung.

„Ohne ein Ende kolonialer Kontrolle bleibt Umweltpolitik ein permanenter Krisenmodus.“

Gleichzeitig sieht er in Umweltfragen ein mögliches Feld für zukünftige Friedensprozesse, da Ökosysteme keine politischen Grenzen kennen. Gemeinsame Umweltinitiativen könnten – unter fairen Bedingungen – Vertrauen schaffen.

Ausblick: Wege zu ökologischer Nachhaltigkeit

Kurzfristig sei internationaler Druck notwendig, um die Einhaltung des Umweltvölkerrechts durchzusetzen. Parallel dazu müsse der Zugang zu Zone C für Umwelt- und Infrastrukturprojekte ermöglicht werden. Langfristig seien der Aufbau lokaler Umweltinstitutionen, die Förderung indigener Landnutzungspraktiken sowie Umweltbildung zentrale Säulen nachhaltiger Entwicklung.

„Nachhaltigkeit ist unter Besatzung auch eine Form des Widerstands.“

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Eine vollständige Literaturliste kann auf Anfrage oder in einer separaten Rubrik bereitgestellt werden. Zentrale Arbeiten stammen u. a. von Al-Sa`ed, Alatout, Barakat, UNEP, World Bank und internationalen Menschenrechtsorganisationen.