Zwischen Zensur und neuen Formaten

TikTok als journalistisches und politisches Medium

Von Vanessa Fatho

Wir erinnern uns: TikTok, eine chinesische Social Media-Plattform, ist populärer denn je. Wieso man die App als journalistisches Medium nicht unterschätzen sollte und warum sie bereits für politische Furore sorgte, steht in diesem Beitrag auf der Agenda.

Keine Ahnung, was TikTok überhaupt ist? Hier geht’s zu Teil 1.

Das erste journalistische Medium, das auf internationaler Ebene Erfolge auf TikTok feierte, war die Washington Post (@washingtonpost), auf deren Kanal die Redakteur*innen ihren Arbeitsalltag und die neusten Nachrichten komödiantisch aufbereiten. Im deutschsprachigen Raum ist es die Tagesschau (@tagesschau), deren Kanal im November 2019 gelauncht wurde. Die Strategie? Ein Mix aus Information und persönlicher Note. Die Hosts beantworten Fragen der Community, geben Einblicke hinter die Kulissen und machen Challenges mit den Moderator*innen. Innerhalb einer Woche hatte der Kanal mehr als 100.000 Follower*innen. Auf Instagram dauerte das ganze 5 Monate. In der Summe der auf TikTok aktiven journalistischen Medien lassen sich zwei Ansätze erkennen. Zum einen ganz klassisch die Etablierung als Marke, zum anderen die Gestaltung neuer Formate, wie z.B. die antirassistische Initiative @willkommen_zuhause von RTL oder @duhastdiewahl der Funke Mediengruppe, welche Wissen über die anstehende Bundestagswahl vermittelt.

Crossmediales Arbeiten, bei dem der gleiche Inhalt auf verschiedenen Kanälen ausgespielt wird, ist von gestern. Mit eigens für die jeweilige Plattform produzierten Inhalten schöpfen die Medienhäuser das Potenzial von TikTok voll aus. Im Juni 2021 wurde schließlich das erste Mal ein Wissensformat auf TikTok bei den Grimme Online Awards ausgezeichnet, der Kanal von Niklas Kolorz (@niklaskolorz), welcher naturwissenschaftliche Phänomene in seinen Videos erklärt. Auch die Tagesschau war nominiert.

@tagesschau

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♬ Originalton - tagesschau

Aktivismus und Zensur auf TikTok

“We are not political, we do not accept political advertising”. Ein Zitat des ehemaligen CEOs von TikTok, Kevin Mayer, im Juli 2020. Die Realität sieht anders aus. Der Wandel von einer Tanz- zur Informationsplattform bedeutet eben auch eine fortschreitende Politisierung der Inhalte. Die Gen Z vernetzt sich über TikTok, schafft Aufmerksamkeit für die „Fridays for Future“-Bewegung oder die „Black Lives Matter“-Proteste. Frauen teilen ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt unter dem Hashtag #notallmen oder zum Song „It’s time to begin“ von Imagine Dragons. Mit der „Nimm einen Finger runter-Challenge“ wird auf White oder Male Privilege aufmerksam gemacht.

Problematisch ist die Diskrepanz zwischen TikToks Selbstverständnis als progressive Plattform und den Zensurvorwürfen, die des Öfteren geäußert werden. Bekanntestes Beispiel: Ein als Makeup-Tutorial getarntes Video der US-Amerikanerin Ferora Aziz, in dem sie auf die Verfolgung der Uiguren in China aufmerksam machte. Wenige Tage später war das Video gelöscht und ihr Kanal gesperrt. Auch Videos der Proteste in Hongkong waren unter den entsprechenden Hashtags kaum zu finden. Gleiches gilt für Beiträge von queeren Menschen und solchen mit Behinderung. Die fadenscheinige Begründung: Sie vor Mobbing schützen zu wollen. Videos mit LGBTQI-Hashtags werden in bestimmten Sprachen, so auch Arabisch und Russisch, in der Suche nicht mehr angezeigt. Der globale Aufschrei um Zensur ist also keinesfalls unberechtigt.

TikTok als Spielball der Politik

Überhaupt scheint TikTok ein auf allen Ebenen ein globales Phänomen zu sein. Der ehemalige US-amerikanische Präsident Donald Trump leistete sich im Jahr 2020 ein Tauziehen um die App. Der Vorwurf: Spionage und die Weitergabe von Nutzerdaten an die chinesische Regierung. Der Hintergrund: TikTok ist die erste globale Social Media-Plattform die nicht dem Silicon Valley entspringt und damit ein Dorn im Auge des Tech-Riesen USA. Die Lösung: Ein amerikanisches Unternehmen solle die App kaufen. Im Rennen waren u.a. Microsoft, Oracle und Walmart – bis das chinesische Handelsministerium ein Dekret erließ, dass Technologien mit personalisierbaren Algorithmen nicht ins Ausland verkauft werden dürfen. Trumps Verbot wurde vom Gericht gekippt, Biden machte die Sanktionen gegen TikTok vor kurzem wieder rückgängig. TikTok bleibt also – aber damit auch Bedenken um Datenschutz und politische Einflussnahme. So kritisierte auch der EU-Verbraucherverband BEUC, dass Minderjährige nicht ausreichend geschützt seien und sich versteckter Werbung und schädlicher Inhalte ausgesetzt sähen. TikTok reagierte prompt: Die Direct Messaging-Funktion ist von nun an nur noch ab 16 Jahren verfügbar. Ob das ausreicht, bleibt fraglich.

Wird sich TikTok langfristig als Global Player etablieren? 2020 führte Instagram die Funktion der Reels ein, bei denen es sich, ähnlich wie bei TikTok, um Kurzvideos von maximal 60 Sekunden handelt, welche mit verschiedenen Sounds unterlegt werden können. Auffallend ist, dass enorm viele Videos das Wasserzeichen TikToks tragen und auf Instagram nur zweitverwertet werden. Ob die Reels TikTok den Rang ablaufen können, bleibt abzuwarten.

Die Anzahl der TikTok-Nutzer*innen dagegen wächst, Tendenz steigend. Wird TikTok bestehen? Momentan sieht es ganz danach aus.

Quellen

  • https://www.zeit.de/digital/2020-08/tiktok-verbot-donald-trump-china-usa-generation-greta-soziale-netzwerke/komplettansicht
  • https://newsroom.tiktok.com/en-us/fair-competition-and-transparency-benefits-us-all
  • https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/china-kritik-tiktok-entschuldigt-sich-fuer-video-loeschung-16508283.html
  • https://netzpolitik.org/2019/tiktoks-obergrenze-fuer-behinderungen/
  • https://www.zeit.de/digital/2020-08/tiktok-verbot-donald-trump-china-usa-generation-greta-soziale-netzwerke/komplettansicht
  • https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/china-peking-verschaerft-vor-tiktok-verkauf-ausfuhr-regeln-fuer-technologie-a-c3adb689-0b8c-4310-b26d-8a484002b86a
  • https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2021-02/beuc-verbraucherschutz-tiktok-minderjaehrige-schutz-beschwerde-eu-kommission