Wissen direkt aus dem Medizinstudium

Von Tanja Miller und Elisabeth Harvey

Redakteure haben in ihrem journalistischen Alltag oft keine Zeit, Studien richtig zu lesen. Der Druck als erster die Nachricht zu veröffentlichen ist hoch. Dadurch können Ergebnisse verfälscht dargestellt werden und Mythen entstehen. Dagegen möchte die Medizinstudentin Marlene Heckl mit ihren Videos und Blogeinträgen angehen. Für sie ist das schon lange kein Hobby mehr.

Forscher lassen eine rote Flüssigkeit durch ein durchsichtiges Spinatblatt tropfen. „Um zu zeigen, dass durch die Gefäße eines Tages auch menschliches Blut fließen könnte“, sagt eine sympathische Stimme aus dem Voiceover des Videos“ Ein Herz aus Spinat“. Sie gehört der Medizinstudentin Marlene Heckl aus München, die seit Dezember 2018 auf ihrem YouTube Kanal “MediTutor” aktuelle Forschung aus der Medizin verständlich und bildlich erklärt.

„Ich fand es schon immer spannend wissenschaftliche Themen zu verstehen und dann einfach verpackt an alle, die es hören wollen, weiterzugeben“, sagt die 27-Jährige. Ihr erstes Video, fügt sie hinzu, hätte noch wie eine PowerPoint Präsentation ausgesehen. Marlene Heckl genügte das nicht. Sie probierte neue Formen aus, Wissen kreativ zu vermitteln. Während sie in einem „Science“ T-Shirt vor der Kamera sitzt, erklärt sie die Funktionsweise der Krebsimmuntherapie. Damit sich ihre Zuschauer das besser vorstellen können, malt sie personifizierte Krebszellen. Bernd Eberhard von Science Notes meint dazu: „Als Studentin ist sie näher dran an den Themen und kann das verarbeiten, was sie frisch aus der Wissenschaft mitbekommt.“ Er hat mir ihr bereits wegen eines Artikels für das Magazin zusammengearbeitet: „Die Zusammenarbeit mit ihr hat prima geklappt.“

Studien differenzierter betrachtet

Für die Wissenschaft hat sich Marlene Heckl bereits als Schülerin interessiert. Sie nahm an Wettbewerben wie Jugend forscht teil und machte Praktika in Forschungszentren. Für ihre Doktorarbeit steht sie immer wieder selbst im Labor. Gerade absolviert sie ihr Praktisches Jahr in der Chirurgie im University Hospital of Wales in Großbritannien. Mit der Wissenschaftskommunikation begann sie vor knapp sieben Jahren: Seitdem schreibt sie auf dem Nachrichtenportal DocCheck News für ein medizinisches Fachpublikum. Auf ihrem Blog „Marlenes Medizinkiste“, den sie auf dem Wissenschaftsportal Spektrum.de veröffentlicht, lässt sie die Fachbegriffe weg. Dort lesen auch interessierte Laien ihre Artikel. Einige von ihnen werden durch ihre Beiträge angestoßen, sich intensiver mit den Themen zu befassen. „So erreiche ich unterschiedliche Zielgruppen. Wichtig ist mir aber immer in Interaktion mit den Lesern zu treten: Wie wollen sie Wissenschaft erklärt haben? Was interessiert sie?“ 

Blogeinträge auf „Marlenes Medizinkiste“  Screenshot: Tanja Miller

Der Blog sei für sie eine tolle Möglichkeit neben ihrem Studium über den Tellerrand zu blicken und sich mit verschiedenen Forschungsprojekten auseinanderzusetzen. Es mache ihr großen Spaß Themen zu recherchieren, sich Wissen anzueignen und Forschung zu vermitteln. “Es bietet einen guten Ausgleich zum dicht gepackten Medizinstudium, in dem es häufig nur um das sture Auswendiglernen von Buchkapiteln geht.” Bei ihren Themen für ein Video oder einen Blogeintrag geht es hingegen eher um das Recherchieren, was Zeit kostet. Aber die Medizinstudentin bezeichnet sich selbst als sehr strukturierten Menschen. Ihr Alltag sei sehr getaktet. Bis zum Nachmittag arbeitet sie im Krankenhaus. Erst am Abend widmet sie sich der Wissenschaftskommunikation. „Für mich ist das keine Arbeit, sondern ein Engagement, für das ich mir gerne die Zeit nehme.“ Das neben ihren anderen Hobbys wie Wandern, Tanzen oder im Chor singen, sehr zeitaufwendig ist. Bis sie einen Artikel oder ein Video veröffentlicht, muss sie recherchieren und sich überlegen, wie sie das Material verständlich zusammenfasst. Davon profitiert nicht nur sie, sondern auch ihre Mitmenschen.

Zu wenig Wissenschaftskommunikation in der Medizin

Marlene Heckl  Foto: Privat

Mit ihren Videos und Artikeln möchte die Münchnerin die Menschen aufklären und medizinische Mythen beseitigen. Sie stört sich daran, dass wissenschaftliche Erkenntnisse oft in den Medien pauschalisiert werden: „Nur weil bei einem Experiment ein Medikament gegen Krebs bei Mäusen half, sagt das noch nichts über die Wirkung bei einem Patienten aus.“ In den Schlagzeilen heiße es dann „Neues Medikament gegen Krebs gefunden“, nur um Klicks zu generieren. Gegen diese Art von Falschinformation möchte Heckl antreten. Um komplexe Themen einfach zu erklären, stellt sie sich während der Aufbereitung ihrer Artikel und YouTube-Videos oft vor, wie sie an das Thema herangehen würde, wenn sie noch nichts darüber wüsste. „Mein Vorbild ist der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar.“ So ähnlich wie er möchte sie versuchen Zusammenhänge so einfach runterzubrechen, dass jeder sie versteht. Auch in Zukunft möchte sie sich in der Wissenschaftskommunikation engagieren: „Ich bin mir sicher, dass mein Hobby nach dem Studium auf jeden Fall weiterführe.“