Willkommen im „Tatort“

von Sebastian Luther

Unterschiedliche Erwartungen sind mit das Schlimmste, das es gibt. Paula geht mit Erik auf ein Date, einer will mehr, einer nicht. In Berlin wird ein milliardenschwerer Großflughafen errichtet, die Bauherren wollen eröffnen, der Flughafen will nicht. Nur, was hat man zu erwarten, wenn Feuilleton-Schreck Til Schweiger auf einmal das scheinbar größte Heiligtum des deutschen Unterhaltungsfernsehens antastet?

Die einen sehen ‚Scheiße’…

 … und das von Anfang an. Der unter der Regie von Christian Alvart geführte Tatort beginnt nämlich mit einem Filmzitat des bekanntesten Tatortkommissars überhaupt. “Scheiße” war 1981 das erste Wort Götz Georges in seinem neuen Auftritt als Horst Schimanski. Nur, dass Schweigers Charakter Nick Tschiller an dieser Stelle das englische Wort “Fuck” sagt. An den Bedeutungsinhalt beider Wörter dürften viele Kritiker gedacht haben, als sie den neuen Tatort “Willkommen in Hamburg” das erste Mal gesehen haben. Denn die Liste an Fehlern, Mängeln und Ausrutschern, die dem Film ausgestellt wurde, ist relativ einstimmig medienübergreifend. An der einen Stelle werden die mangelnden schauspielerischen Fähigkeiten der Familie Schweiger kritisiert, wenn Tschillers Tochter Lenny, gespielt von Schweigers Tocher Luna, mit leidend-lustlosem Blick in die Linse schaut. An anderer Stelle zieht man über missglückte Versuche her, Actionszenen von amerikanischem Format zu produzieren und darüber, dass der Film in Wahrheit irgendwo in deutscher Mittelmäßigkeit versackt. Spiegel Online liefert gleich ein ganzes Psychogramm des neuen Kommissars, das das Bild eines “sexuell Gekränkten” zeichnet und Tschiller “Penisangst” attestiert, weil er am Pissoir vom Anblick des Geschlechtsteils eines Kollegen, gespielt von Wotan Wilke Möhring, irritiert ist. Eine Diagnose, die laut SPON aber auch auf Schweiger selbst zutrifft, abzulesen an den entsprechenden Witzen in seinen Kinofilmen.

… und die anderen sehen ‚Fuck’. 

Der Anfang des Tatorts ist zwar eine Hommage an Götz George, gleichwohl aber keine sklavische Kopie. Der Fehlschluss besteht genau darin, den Vergleich zu George über die erste Minute hinaus zu ziehen. So bleibt es nicht bei simplen Vorwürfen an Qualität und Regie, sondern es schwingt ein trotziges „Bei-ihm-war-es-nicht-so“ im Subtext mit. Schlecht gedrehte Actioneinlagen? Hätte man wohl lieber bleiben lassen. Frustrierter Charakter? Damals war das noch anders. Löst man sich von einer derartigen Einstellung, so sieht man einen Tatort, der zunächst vieles anders macht.  Alvart weiß sehr wohl den Zuschauer in besagte Schusswechsel und Verfolgungsjagden mitzunehmen, was durch genretypische Kamerafahrten und -einstellungen erreicht wird, die für andere Tatortfolgen ganz und gar untypisch sind. Ebenso präsentiert sich der Rest des Films optisch ansprechend. Auch wenn die Handlung (ein brutaler Mädchenhändlerring soll zur Strecke gebracht werde) teilweise Löcher aufweist, so muss man doch erkennen, dass ein Film mit Til Schweiger auch ein Film von Til Schweiger ist und seine Handschrift entsprechend unverkennbar. Und wer einen Schweiger-Film guckt, der sollte nicht einen Thriller erwarten, der die Intelligenz eines Paul Greengrass, gepaart mit tiefgründigen Figuren eines Michael Haneke, besitzt. In diesem Fall bleibt aber dennoch zu hoffen, dass bei der Besetzung der Rolle von Tschillers Tochter familiäre Bande großen Einfluss hatten. Andernfalls wirft es nämlich ein mehr als fragliches Licht auf das zuständige Casting.

„Tatort“-Jagd als Feuilletonsport 

Da es für Feuilletonisten mancher Zeitungen in Deutschland zum Sport avanciert zu scheint, neue Tatortfolgen abzuschießen, ist es schon fast bemerkenswert, wie die Meinungsführer SZ und FAZ zwar gemischte, aber dennoch tendenziell positive Kritiken ausstellen, während SPON sich mit boulevardesken Unterstellungen und typisch sexualisiertem Aufmacher gänzlich ins Abseits schießt. Es zeigt sich, dass „Tatort“ ähnlich wie „Wetten, dass…?“ immer noch eine Vormachtstellung in der deutschen Fernsehunterhaltungslandschaft besitzt, deren Schicksal allerorts die Gemüter erregt. Und es scheint, dass es um dieses Schicksal, wider aller Erwarten, doch nicht so schlecht bestellt ist.

 

Bilder: flickr/evafreude (CC BY-NC-SA 2.0); flickr/mtlin (CC BY-NC-ND 2.0)

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