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System Change, not Climate Change

Oder: Was wir vom heutigen Klima-Aktivismus lernen können

Von Jessica Dietz

„I never planned to become a climate activist. But things have changed and now – standing here as a climate activist – I ask you all to become one, too. Here is why (…).“ Mit diesen Worten beginnt Louisa Neubauer ihren Ted Talk „Why you should be a climate activist“ im Juli 2019 in München.  Der Inhalt dieses Ted Talks könnte, auch mehr als ein Jahr später, nicht aktueller sein und wird auch in Zukunft nicht an Aktualität verlieren – im Gegenteil.

Das Pariser Klimaschutzabkommen 2.0. und die Klimaschutzbewegung 2.0.

Am 12. Dezember war der Jahrestag des Pariser Klimaschutzabkommens, welches 2015 beschlossen wurde. Es wurde an zwei Tagen erneut über das EU-Klimaziel für 2030 verhandelt. Um das 1,5°C-Ziel zu erreichen, wäre eine deutlich höhere Emissionsreduktion als die von der Kommission geplante, gegenüber 1990 notwendig. Geeinigt hat man sich letztlich auf eine Emissionsreduktion von 55%. Mehr als die ursprünglich geplanten 40%, nichtsdestotrotz deutlich unter den von Wissenschaftler*innen und Organisationen geforderten 80%. Mit Zahlen wird die Abstraktion der Gefahr des Klimawandels jedoch nicht deutlich und politisch bzw. wirtschaftlich gesehen ist die reale Gefahr des Klimawandels schon seit Jahrzehnten bekannt ohne, dass etwas geschieht.

Bis vor einigen Jahren waren Klimaschützer*innen einer Nische verhaftet, die man entweder mit leicht überheblichem Lächeln als Öko-Ritter betitelte oder direkt in die Schublade für Spinnereien steckte. Natürlich gibt es schon seit Jahrzehnten Organisationen, die sich mit großem Engagement für die Umwelt einsetzen, beispielsweise Greenpeace. Die Organisation hat sich in den siebziger Jahren in Vancouver gegründet und ist inzwischen transnational in mehr als 40 Ländern aktiv. Oder der Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU), den es schon seit über 100 Jahren gibt und der sich als nichtstaatliche Organisation für den Schutz von Natur und Umwelt einsetzt. Beide Organisationen haben eine Vielzahl an Erfolgen zu verzeichnen und sind aktiver denn je. Nichtsdestotrotz hat sich in den letzten Jahren eine neue Generation von Klimaschützer*innen entwickelt.

Letzte Chance – WAKE UP. Bild: Unsplash.

Once upon a time…und der Klimawandel

Man könnte diese Geschichte so beginnen: Alles fing mit einem kleinen Mädchen in Schweden an, das sich 2018 dazu entschloss, für das Klima zu streiken und das immer an einem Freitag. Und dieses Mädchen hat mehr und mehr Jugendliche auf der ganzen Welt dazu inspiriert, dasselbe zu tun. Aber das wäre eine zu kurze Geschichte und eine zu einfache noch dazu.  Man könnte die Geschichte auch in England beginnen lassen, in einer englischen Kleinstadt. 15 Menschen entschlossen sich dazu, eine Kampagne des zivilen Ungehorsams zu starten, um ein öffentliches und politisches Umdenken die Klimakrise betreffend anzustoßen. Auch diese 15 Menschen haben Menschen auf der ganzen Welt dazu inspiriert, aktiv zu werden. Aber auch das wäre nur ein Teil der Geschichte.

Ich spreche von Fridays For Future und Extinction Rebellion. Fridays For Future hat sich 2018 gegründet, mit dem Ziel, das 1,5°C-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 noch einhalten zu können, auf die Klimakrise aufmerksam zu machen und vor allem, um aktiv gegen Missstände in Politik und Wirtschaft zu protestieren und Lösungen zu fordern – jetzt. Extinction Rebellion hat am 31. Oktober 2018 seine offene Rebellion gegen den britischen Staat erklärt. Sie will Staaten weltweit dazu bringen, die Klimakrise als ernsthafte Bedrohung wahrzunehmen und den ökologischen Notstand als solchen anzuerkennen. Beide Bewegungen arbeiten mit den Mitteln des friedlichen zivilen Ungehorsams und des Protests. Beide Bewegungen agieren global, haben keinen Kopf, der eine gemeinsame Gesamtstrategie vorgibt, sondern arbeiten vor Ort mit lokalen Strukturen. Während Fridays For Future sich auf angemeldete Demonstrationen und Schulstreiks konzentriert, setzt Extinction Rebellion auf friedlichen zivilen Ungehorsam, nimmt die Möglichkeit einer Verhaftung als gegeben an und inszeniert aufsehenerregende Aktionen. Was verbindet also diese Bewegungen und was unterscheidet sie von anderen älteren Organisationen? Die Beantwortung der ersten Frage lässt sich, zumindest zum Teil, mit der der Bekämpfung der Klimakrise beantworten.

Unsere Generation ist näher dran als je zuvor, ein Kollabieren des klimatischen Systems zu erleben. Laut der Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) ist das 6. Artensterben in vollem Gange, bis zu einer Million Pflanzen und Tiere stehen innerhalb der nächsten Jahrzehnte vor dem Aussterben. Der Klimawandel lässt sich auch in Deutschland nicht mehr leugnen. Dürreperioden wirken sich auf die Landwirtschaft aus. Anbauzyklen müssen entsprechend angepasst werden. Überschwemmungen werden heftiger werden. Deichstrecken müssen überholt und Abwasserkanäle und Rückhaltebecken ausgebaut werden. Laut IPES-Chef Robert Watson gibt es zwei indirekte Treiber für das Massensterben und den Klimawandel, die Zahl der Menschen auf der Erde und die Art ihres Konsums. Der Konsum als solcher wie ein Großteil ihn versteht, allen voran Politik und Wirtschaft, wird schon seit längerem verurteilt. Sowohl die Art der Ressourcennutzung als auch die Ausbeutung von Menschen in Produktionsländern.

Wann, wenn nicht wir* (Extinction Rebellion)

Um noch einmal Louisa Neubauer zu zitieren: „We are not just consumers; we are all political beings – we can all be climate activists”. Das ist der entscheidende Punkt, hier überschneiden sich die Wege von Fridays For Future und Extinction Rebellion. Es reicht nicht, privat zu sagen, ich entsage dem Konsum. Wir haben alle sowohl die politische Möglichkeit als auch die politische Verantwortung, aktiv zu werden und unsere Stimme der Welt zu geben.

Was aber unterscheidet die zwei Bewegungen von Organisationen, wie Greenpeace und dem NABU? Während sich die Organisationen in Kampagnen für Themenfelder einsetzen, mit der Politik zusammenarbeiten und so auch eine Menge erreicht haben, agieren Extinction Rebellion und Fridays For Future gesamtheitlicher und mit akuter Dringlichkeit. Man könnte sagen, sie packen das Übel an der Wurzel, kritisieren nicht die Auswüchse des Systems, sondern das System selbst und verlangen von diesem auch die Umsetzung von Lösungen. Es soll ein ganzheitlicher intersektionaler Klima-Aktivismus sein, einer der gleichzeitig eine Kapitalismuskritik beinhaltet, sich der eigenen Privilegien aber bewusst ist. Und hier beantwortet sich schlussendlich auch die Frage vollständig, was Extinction Rebellion und Fridays For Future, neben der Bekämpfung der Klimakrise, ganz grundlegend gemeinsam haben. Frei nach Eva von Redecker, einer deutschen Philosophin und Autorin, wird für ein geteiltes, gemeinsam gewahrtes und solidarisch geteiltes Leben gekämpft, gleichzeitig wird die Dringlichkeit betont.

Keine Zeit mehr.

Es ist keine Zeit mehr für Kampagnen, die sich über Jahre ziehen und dann trotzdem Einbußen am Ergebnis hinnehmen müssen. Es ist keine Zeit mehr für Kompromisse. Das 1,5°C-Ziel kann nur erreicht werden, wenn kompromisslos gehandelt wird, denn der Klimawandel betrifft ausnahmslos alle, und zwar jetzt. Louisa Neubauer bringt es in ihrem Ted Talk noch einmal auf den Punkt: „This is not a job for a single generation. This is a job for humanity“.