Kultur im Netz – Ein Spannungsfeld: Take Your Game Back

von Stefan Reuter

London liegt in Trümmern, gigantische Raumschiffe vernichten alles und jeden, der sich ihnen in den Weg stellt, die Menschheit steht kurz vor der Vernichtung. Alle Hoffnungen ruhen auf einer Person: Commander Shepard, Held oder Heldin der Videospieltrilogie Mass Effect. Die Mission für das März diesen Jahres erschienen Finale ist klar: „Take Earth Back!“

Der Widerstand erhebt sich

Für viele PC- und Konsolenspieler hatte jedoch eine andere Aufgabe eine wesentlich größere Bedeutung: „Retake Mass Effect 3“. Sie fühlten sich betrogen, denn ihrer Meinung nach wird das Ende der Trilogie den Erwartungen, die sie in insgesamt über hundert Spielstunden voller Action und kinoreifer Inszenierung aufgebaut hatten, in keinster Weise gerecht. Es sei zu kurz, zu verwirrend, zu widersprüchlich und schlicht unwürdig. Die großen Stärken der Spiele, das äußerst detaillierte Universum, seine Bewohner mit all ihren großen und kleinen Schicksalen und vor allem die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, deren Auswirkungen im gesamten Verlauf der Geschichte spürbar sind, all das spiele in den letzten Momenten keine Rolle mehr. Insbesondere aufgrund vor Veröffentlichung gegebenen Statements der Entwickler, all dies zu berücksichtigen, fühlten die Fans der Serie sich betrogen. Ein Fan macht in einem Thread im offiziellen BioWare-Forum, in dem diese Aussagen diskutiert werden, klar, warum für ihn gerade das Ende eine herbe Enttäuschung darstellt:

They most definitely knew what fans wanted. Ninety-five percent of the game is almost pure fan-service, where decisions matter, we get squee-worthy interactions with characters, we meet up with old friends, etc. […] One of the most perplexing things to me is why they would throw all of that out the window in the last 5 minutes. Did they run out of time? […] It kind of seems like that’s not the case. So, what, they just wanted to screw with us? They felt a need to get all artsy-fartsy? They cracked under the pressure? I honestly have no idea.

Die Entscheidung

Dieser Konflikt könnte so auch in Henry Jenkins Buch Convergence Culture von 2006 seinen Platz finden. Denn laut ihm verändert sich in einer konvergenten Medienumgebung das Verhältnis von Fans und Produzenten. Soziale Netzwerke und andere Plattformen ermöglichen den Fans auf ihre Kritik aufmerksam zu machen und so Druck auf die Produzenten auszuüben. Für letztere muss dies nicht unbedingt negativ sein, sie können auf diesem Weg ihre Produkte den Wünschen ihrer Anhänger entsprechend gestalten.

Im Fall von Mass Effect äußerte sich dieses neue Selbstverständnis der Fans folgendermaßen: Die Facebook-Seite „Demand a better ending to Mass Effect 3“ erreichte an die 70.000 Likes, ähnlich viele, wie in einem Poll in BioWares Forum mit 91% der Stimmen dafür plädierten, dass die Trilogie ein angemesseneres Ende verdiene. Außerdem wurde eine Petition ins Leben gerufen, um dieses Ziel zu erreichen, wobei dabei einerseits die Bestimmungshoheit der Entwickler in Sachen Storywriting anerkannt wurde, andererseits aber deutlich gemacht wurde, dass der derzeitige Abschluss so in keiner Weise dem Spielerlebnis gerecht wird. In dieser Situation blieb den Entwicklern scheinbar keine andere Möglichkeit, als auf diese Forderungen einzugehen, wenn sie nicht riskieren wollten, einen Großteil der bis dato treuen Anhängerschaft zu verlieren. Daher verkündeten sie im April die Veröffentlichung einer kostenlosen Downloaderweiterung, die den Wünschen der Fans entsprechen sollte. Diese wurde Ende Juni schließlich bereitgestellt und konnte zumindest einen Teil der Spieler besänftigen.

Die mögliche Nachwirkung

Mit BioWares Entscheidung, ergeben sich allerdings weitere Fragen, die den Charakter von Kunstwerken und die Bedeutung von Autorschaft betreffen: Wer bestimmt letztlich darüber, wann ein Werk so ist, wie es zu sein hat? Kann es so überhaupt ein letztlich gültiges, abgeschloßenes Werk geben? Wer entscheidet hierüber? Um es überspitzt zu formulieren: Ist das Konzept der Autorschaft im digitalen Zeitalter sowieso vollkommen hinfällig? Diese Fragen lassen sich nicht einfach beantworten, insbesondere wenn man als Gegenbeispiel George Lucas Praxis mit in Betracht zieht, Star Wars beständig zu verändern, was in der Fan-Community immer wieder zu Aufschreien führt. Fest scheint aber in jedem Fall zu stehen, dass es nicht einfach ist zu bestimmen, wer am Ende das letzte Wort behält. Erik Kain von Forbes sieht in der Causa Mass Effect zumindest einen Triumph für die Spielergemeinde insgesamt: „Game consumers have realized that they are entitled, and that it isn’t a bad thing, to quality games. They’ve become more organized and smarter, whether or not these new activists represent a very large slice of gamers.“

Auch nächsten Freitag geht es um Spiele und wie sie die Welt besser machen können.

Fotos: flickr/p_a_h (CC BY 2.0) , flickr/Mustafa Sayed (CC BY 2.0)

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