Klimabewusstsein zwischen Buchdeckeln
Wie die Klimakrise den Buchhandel beeinflusst
Von Ann-Katrin Bergob
Was wir lesen, verändert sich – und wie wir lesen ebenso. Klimawandel und mögliche Zukunftsszenarien sind aktueller denn je. Ebenso wie die Fragen nach der Nachhaltigkeit von analogen und digitalen Büchern. Aus ihrem Arbeitsalltag in Stuttgart berichtet Buchhändlerin Jana, was dieser Wandel über die Interessen und Prioritäten ihrer Kundschaft verrät und wie sich der Buchhandel darauf einstellt.
„Haben Sie etwas zum Klimawandel? Irgendetwas Verständliches?“ – „Welche nachhaltigen Alternativen zum gedruckten Buch haben Sie?“ – „Ich suche einen Roman, der zeigt, was passieren könnte, wenn wir nichts ändern.“ Diese Anfragen erlebt Jana, eine Buchhändlerin in Stuttgarts Innenstadt, inzwischen regelmäßig. Zwischen Neuerscheinungen und Klimapolitik, dystopischen Zukunftsszenarien und ökologischen Utopien wird schnell klar: Die Klimakrise erreicht längst auch die Regale des Buchhandels.
Während die globale Buchbranche über Papierpreise, Nachhaltigkeitsstrategien und digitale Alternativen diskutiert, verändert sich auch die Nachfrage der Leser*innen. Ob informatives Sachbuch oder Climate Fiction: Das Interesse an klimabezogener Literatur steigt. Gleichzeitig wächst die Beliebtheit von E-Book-Readern – oft begleitet von der Frage, ob digitales Lesen tatsächlich umweltfreundlicher ist.
Die Klimakrise ist somit nicht nur eine ökologische Herausforderung, sondern beeinflusst auch die Konsumkultur der Leser*innen. Buchhändlerin Jana erlebt diesen Wandel täglich und ihre Beobachtungen zeigen, wie eng Klima, Literatur und gesellschaftliche Trends inzwischen miteinander verflochten sind.
Klimabewusstsein zwischen Angebot und Nachfrage
Ob sich bei all ihren Kund*innen eine gestiegene Klimasensibilität feststellen lässt, kann Jana nicht eindeutig sagen. Natürlich gebe es Menschen, die gezielt nach Büchern zu Klima, Nachhaltigkeit oder ökologischen Zukunftsszenarien fragen, gleichzeitig nehme sie Veränderungen auch besonders stark auf Seiten der Buchbranche wahr. So drucken immer mehr Verlage ihre Bücher klimaneutral, Buchhandlungen werben mit Prämienmodellen wie Baumpflanzaktionen und Hersteller reduzieren das Verpackungsmate

Klimabezogene Literatur erfreut sich nach wie vor steigender Beliebtheit.
rial. „Eingeschweißte Bücher werden seltener, Plastiktüten und Kassenbons häufiger abgelehnt“. Die Buchwelt reagiere spürbar auf gesellschaftliche Debatten, auch wenn Kund*innen ihre Kaufmotive vor Ort im Buchladen nicht immer transparent kommunizieren.
Dennoch lässt sich laut Jana eine gesteigerte und vielfältige Nachfrage nach klimaspezifischer Literatur feststellen. Die häufigsten Nachfragen betreffen den Sachbuchbereich, vor allem bezüglich politischer Titel rund um Klimapolitik, Energiewende oder Nachhaltigkeit im Alltag. Beispielsweise Kochbücher mit Fokus auf saisonalen und regionalen Zutaten haben laut der Buchhändlerin deutlich an Beliebtheit dazu gewonnen. Auch in der Kinderbuchabteilung lassen sich zudem immer mehr klimaneutral produzierte Bücher finden. Weniger stark ausgeprägt sei die Klimathematik hingegen im Bereich Science-Fiction. Das Genre verliere insgesamt an Beliebtheit, was auch die Climate Fiction zu spüren bekomme.
Climate Fiction
Climate Fiction bezeichnet Literatur, die zukünftige Klimaszenarien fokussiert, in denen der Klimawandel sowie die damit einhergehenden Konsequenzen die treibende Kraft für Handlung, Figuren und Konflikte sind. Dabei ist sie dystopisch angelegt und hat das Ziel, den Leser*innen abstrakte Klimafragen auf wissenschaftlich fundierte und emotional erfahrbare Weise näherzubringen. Obwohl es diese Art der Literatur bereits seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert gibt, ist sie seit der Jahrtausendwende vermehrt in den Fokus gerückt.
Kaufen aus Überzeugung – oder aus einem Moment heraus?
Ob klimabezogene Bücher mit einer klaren Kaufintention erworben werden oder Spontankäufe sind, lässt sich aus Sicht der Buchhändlerin nicht eindeutig festlegen. „Manche Kund*innen kommen mit einer konkreten Fragestellung in den Laden, andere hingegen w

Ausstellungstische wecken oft das Interesse an klimabezogener Lektüre.
erden durch Auslagen, Empfehlungen oder aktuelle Debatten zum Kauf inspiriert“. Vor allem Ausstellungstische seien dabei ein nicht zu unterschätzendes Instrument. Sie spiegeln wider, welche Themen gesellschaftlich präsent sind, und können zugleich die Aufmerksamkeit auf bestimmte Inhalte lenken.
Laut Jana fungieren Buchhandlungen somit wie ein kulturelles Stimmungsbarometer: Politische Themen, gesellschaftlicher Wandel oder eben Klimafragen sind dort nicht durch Zufall vertreten, sondern weil sie viele Menschen beschäftigen. Die gesellschaftlichen Prioritäten haben einen durchaus großen Einfluss auf den Literaturkonsum und beeinflussen auch die Verkaufsstrategien von Buchhandlungen nachhaltig.
Die Frage der Nachhaltigkeit: Print-Exemplar oder digitale Version?
Parallel zur wachsenden Aufmerksamkeit für Klimathemen verändert sich auch das Verhältnis zwischen gedrucktem Buch und E-Book. Laut aktuellen Zahlen nutzen inzwischen rund 51% der Leser*innen in Deutschland E-Books, wobei insbesondere die Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen stark vertreten ist. Der Umsatzanteil digitaler Bücher ist in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen und Prognosen bis 2029 sagen ein weiteres Wachstum voraus.

Die Umsätze von digitalen Büchern sollen auch in Zukunft steigen.
In Janas Kundengesprächen schwingt das Thema Nachhaltigkeit bei der Entscheidung für oder gegen einen E-Book-Reader auch oft mit, allerdings selten als alleiniges Kaufargument. „Obwohl viele Kund*innen angeben, gedruckte Bücher generell zu bevorzugen, finden sie E-Books oft einfach praktischer, sie sind immer verfügbar, leichter, platzsparender und umweltfreundlicher“.
Das zeigt, dass Umweltaspekte zwar genannt werden, aber oft in einer Reihe mit Faktoren wie Komfort und Flexibilität stehen.
Nachhaltigkeit ist demnach präsent, jedoch nicht alleinig ausschlaggebend für Leser*innen. Doch wie nachhaltig ist ein E-Book-Reader nun?
Das ist stark abhängig von seiner Nutzungsdauer und -intensität. Gesamt betrachtet schneidet ein Reader aus ökologischer Sicht bezüglich des Herstellungsaufwands erst dann besser ab als ein gedrucktes Buch, wenn je nach Modell etwa 34 bis 50 Bücher auf ihm gelesen wu

Besonders das Reisegepäck wird durch einen E-Book-Reader erleichtert.
rden. Gleichzeitig zeigt ein Vergleich auf Jahresbasis, dass bereits ab 10 gelesenen Büchern pro Jahr die jährliche CO2-Bilanz des E-Book-Readers im Gegensatz zu Printbüchern besser ausfällt. Digitales Lesen ist somit nicht automatisch nachhaltiger – es sei denn, ein E-Book-Reader wird über mehrere Jahre hinweg regelmäßig genutzt.
Was es heißt, nachhaltiger zu lesen
Die Frage nach nachhaltigem Lesen lässt sich nicht allein über das Format der Bücher beantworten. Laut Jana gibt es einige Dinge, die jeder, der nachhaltiger lesen möchte, beachten kann. So betont auch sie, dass ein E-Book-Reader durchaus sinnvoll sein kann, wenn er dauerhaft und viel genutzt werde. Ebenso könne es nachhaltiger sein, Bücher gezielt im Laden zu bestellen, statt sie einzeln nach Hause liefern zu lassen.
Auch kleine Veränderungen im Alltag können Teil eines größeren Wandels sein – wie etwa eigene Einkaufsbeutel mitzubringen oder gebrauchte Bücher weiterzugeben. Dieses Bewusstsein lasse sich vor allem bei jüngeren Kund*innen beobachten: „Während einige ältere Kund*innen häufiger eine Tüte bei uns kaufen, sehen wir das bei jüngeren nur noch selten. Da merkt man schon einen kleinen Shift in der Gesellschaft“.
Eine Branche im Wandel
Lässt sich nun von einem klaren Trend zu nachhaltiger Literatur sprechen? Jana bleibt zunächst vorsichtig. Statt eines kurzfristigen Hypes nimmt sie eher eine kontinuierliche Tendenz wahr. Das Interesse wächst, die Sensibilität nimmt stetig zu und Prioritäten verschieben sich langsam. Wer heute gezielt nach klimabezogener Literatur sucht, wird fündig und diese Nachfrage dürfte in Zukunft eher zu- als abnehmen.
Insgesamt zeigt sich, wie eng kultureller Konsum und gesellschaftliche Debatten miteinander verflochten sind. Wachsendes Klimabewusstsein verändert nicht nur politische Diskussionen und individuelle Lebensstile, sondern auch die Literatur, die Menschen lesen wollen, ebenso wie die Formen, mittels derer sie gelesen wird. So entsteht zwischen Konsum und Klimakrise ein Raum, in dem Literatur Orientierung bietet und der Buchhandel sich stetig an die Bedürfnisse der Leser*innen anpasst.
Quellenverzeichnis und weiterführende Links:
https://fridaysforfuture.at/blog/e-book-vs-buch-klimafreundlicher-umwelt-507204
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/277971/umfrage/nutzung-von-buechern-und-e-books-deutschland/
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/303339/umfrage/umsatzanteil-von-e-books-im-buchmarkt/
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/232191/umfrage/absatz-von-e-books-in-deutschland/
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/12554/umfrage/umsatzentwicklung-im-buchmarkt-seit-2003/
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/325976/umfrage/potenzial-von-e-books-bei-nichtnutzern-in-deutschland/
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/474054/umfrage/gruende-fuer-das-lesen-von-e-books/
https://www.ndr.de/kultur/buch/climate-fiction-literatur-zwischen-klimakrise-und-klimawandel,climatefiction-104.html


