Geboren, um zu werben? – Adday/Adnight in Stuttgart

von Sandra Fuhrmann

Werbung ist sexy! Das galt zumindest noch vor einigen Jahren. Heute scheint sich der Arbeitsmarkt gewandelt zu haben. Es ist vor allem die junge Generation – die so genannten High Potentials – die weniger opferbereit ist, als es die Generation war, die vor 20 Jahren am Start stand. Darauf müssen sich auch Agenturen einstellen. Heute gilt es nicht nur Werbung für den Kunden zu machen, sondern auch für sich selbst als Arbeitgeber – denn viele zukünftige Mitarbeiter wollen erst noch überzeugt werden. Eine Gelegenheit, die sich am Donnerstag bei der adday/adnight in Stuttgart bot.

Das Blutegel-Image der Agenturen

Unbezahlte Überstunden, Arbeit am Wochenende, Selbstverwirklichung zum Preis der Selbstaufgabe: Das ist das traurige Image, das Werbe- und PR-Agenturen auch heute noch häufig anhaftet. Bei der adday/adnight hatten sich elf Agenturen aus Stuttgart und Umgebung zusammengefunden, um die Besucher eines Besseren zu belehren. Die Anmeldung für die Besucher lief kostenlos vorab über das Internet, die Zahl der Teilnehmer war allerdings auf 600 beschränkt. Es waren vor allem Studierende aus den Medienbereichen, die gekommen waren, um die Agenturen zu beschnuppern oder sich sogar gleich ein konkretes Job- oder Praktikumsangebot zu sichern. Dass alle Tickets vergeben wurden zeigt, dass Jobs in der Werbung keineswegs out sind.

Doch noch einmal zurück zum schlechten Image der Agenturen: Dieses Thema schien Mirco Hecker, von der gwa (Gesamtverband Komunikationsagenturen) in seinem einführenden Vortrag besonders wichtig zu sein. Bestehendes Arbeitsrecht könnten schließlich auch die Agenturen nicht ignorieren. Und sicher sei es richtig, dass die Löhne für Trainees in Agenturen nicht mit denen von McKinsey vergleichbar seien (bei Agenturen unter 100 Mitarbeitern im Schnitt etwa 32.000 Euro Brutto im Jahr). Wie viele Absolventen jedoch hätten schon die Chance, bei dem Beratungsriesen unterzukommen? Setze man die Löhne außerdem in Bezug zum Durchschnittsgehalt der Deutschen (2012 waren es 28.950 Euro), seien diese Einstiegsgehälter durchaus gut. Außerdem stünden die Aufstiegschancen in Agenturen wesentlich besser als in den festgefahrenen Strukturen von großen Unternehemen und Behörden. Diesen Punkt betonte auch Till Heckel von der Agentur Leonhardt & Kern. Und zu den Arbeitszeiten: „Work-Life-Balance ist das, was du aus deinem Leben machst“, so Heckel.

Von Märchentanten und der Goldenen Gans

Ein Interesse an Agenturjobs ist durchaus begründet – mag die vorgebrachte Argumentation zu den Gehältern und Arbeitsbedingungen auch Schwachstellen aufweisen. Die Sterne für die Agenturen stehen gut. Viele Redaktionen müssen zunehmend an „Textern“, wie sie im Agenturjargon genannt werden, sparen. Leere Seiten wollen derweil weiterhin mit Content gefüllt werden. Die Redaktionen stehen vor dem Problem, wer diesen Content liefern soll. Hier tun sich ganz neue Möglichkeiten für Werbung und PR auf. Der Ottonormalbürger wird am Tag von 2500 bis 5000 Werbebotschaften konfrontiert. Wer aus dieser Flut hervorstechen will, muss etwas bieten: Storytelling heißt das große Zauberwort. Als Kinder bekamen wir von Mutti das Märchen vom Rotkäppchen erzählt. Heute sind es tagtäglich die Werber, die uns die Geschichte von der Goldenen Gans auftischen – und wie damals hören wir uns auch heute noch gerne Märchen an. Über gute Geschichten frei Haus freuen sich auch die Redaktionen – frisch und vor allem fertig von den Agenturen auf den Tisch geliefert bieten Werbestorys interessante Inhalte mit minimalem Aufwand. Halbnackte Frauen in Bikinis? „Klar!“ dachte sich da die PR-Agentur Ansel & Möller und installierte an heißen Sommertagen eine mobile Fahrraddusche an Autobahnraststätten und anderen Orten. Diese Werbemaßnahme für den Sanitärausstatter Hansa schaffte es sogar auf die Titelseite der Bildzeitung.

Frag nach Kaffee!

Mit solchen Erfolgsgeschichten kann man punkten. Nicht nur bei den Kunden sondern auch bei potenziellen Mitarbeitern. Bei der adday/adnight 2013 bekam jede Agentur diese Gelegenheit bei einer zehnminütigen Präsentation. Die Studierenden, die sich dabei für eine oder mehrere Agenturen begeistern konnten, bekamen als Sahnehäubchen der Veranstaltung die Möglichkeit zu einem näheren Kennenlernen unter vier Augen beim Speeddating. Sowohl die Agentur als auch der jeweilige Interessent konnten sich dabei noch mal von der besten Seite zeigen. Und das ein oder andere Praktikum oder Jobangebot wurde durchaus unter Dach und Fach gebracht. Und für den, der Blut geleckt hat und vielleicht schon bald das Bewerbungsgespräch ansteht, für den hat Till Heckel auch noch einen Tipp: „Frag nach dem Kaffee!“ Das nämlich signalisiere, dass man morgens früh wach sei, abends noch immer wach sein möchte und zudem guten Geschmack habe.

 

Teilnehmende Agenturen: Avance, Baufort 8, Die CrewEberle Werbeagentur, FischerAppelt, Glanzer + Partner, LässingMüller, Leonhardt & Kern, RTS Rieger Team, Schmittgall Werbeagentur, Ansel & Möllers

 

Fotos: Copyright Christine Deder

 

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