Fans & Fiktionen – Wir machen’s uns selbst!

von Sanja Döttling

Was, wenn Harry Potter ins Haus Slytherin gekommen wäre? Was, wenn Captain Kirk und Co. ihre „Fünf Jahres Mission“ im Weltraum weiter verfolgt hätten? Was, wenn Aragorn nicht König geworden wäre? Was, wenn Ted Mosby tatsächlich mal die Mutter seiner Kinder träfe? Was machen Mulder und Scully eigentlich in ihrer Freizeit? Und wie zum Teufel hat Sherlock Holmes den Sprung vom Hochaus überlebt?

Was nicht passt, wird passend gemacht

media-bubble.de Autorin Sanja Döttling mit der TARDIS aus „Dr. Who“

All diese Erzählungen beginnen nicht mehr mit „Es war einmal“. Sie beginnen mit „Was wäre, wenn?“. Man nennt sie Fanfictions – die Fiktionen der Fans. Es sind Geschichten die die Lieblingsfiguren der Fans zu Hauptrollen in eigenen Geschichten machen. Mit der Möglichkeit, im Internet über Grenzen hinweg Inhalte zu teilen, finden sich Liebhaber von Büchern, Filmen, Serien, Spielen (und und und) zusammen, um über ihre Passion zu diskutieren und sich kreativ zu betätigen. Sie alle himmeln ein bestimmtes Medienprodukt an. Um sie von anderen Fans (einer bestimmten Musik-Richtung oder eines Fußballclubs) abzugrenzen, führte Kommunikationswissenschaftler Henry Jenkins den Begriff „media fan“ ein. Von diesen wird im folgenden die Rede sein.

In Fanfictions werden alternative Enden erfunden, Lücken in der Original-Storyline gefüllt und ganz eigene Abenteuer generiert, die Harry Potter, Kirk und Edward Cullen durchleben müssen. Kurz: Was den Fans an dem Original-Erzeugnis (auf fannisch: Canon), nicht passt, wird in ihren eigenen Erzählungen passend gemacht (und damit zum Teil des „fanon„).

Was Fans tun

Doch nicht nur das geschriebene Wort, die Fanfiction, ist Ausdruck der Fan-Gemeinschaft, die such inzwischen im Netz als eigene Subkultur verankert hat. Unter dem Begriff „Fan Culture“ versammelt sich alles, was Fans kreatives mit dem Stoff ihres Vorbilds tun: Es gibt die Fan Arts, selbstgezeichnete Bilder, es gibt Icons und Manips, manipuierte Bilder, es gibt Vidding, das Zusammenfügen von YouTube-Clips aus Serien und Filmen, es gibt Cosplay, Verkleidungen im Stile des Vorbilds und vieles mehr.

Aus dem passiven Rezipienten, dem Zuschauer und Leser, der den präsentierten Inhalt ausgeliefert ist, ist – teilweise – ein aktiver, kreativer und aufmerksamer Fan geworden.

Sub-Sub-Sub-Kulturen der Fans

Was in kleinen Zirkeln in den 60er Jahren mit selbstgemachten Fan-Zeitschriften begann, ist heute eine unübersichtliche, vielschichtige und kaum zu fassende Kultur, die schreibt, zeichnet, cuttet, kritisiert und hinterfragt.

Was die Subkultur der Fans zu schwer fassbar macht, ist ihre differenzierte Unterteilung. Man unterscheided sogenannte „Fandoms“, die jeweils die Liebe zu einer Serie, einem Buch, einem Film beschreiben: Der eine schaut Doctor Who, der nächste Herr der Ringe und/oder Harry Potter. Und ein dritter ist passionierter Anime-Fan. Sie alle können sich in ihrer jeweiligen Community bewegen, ohne jemals einen Fan einer anderen Serie, eines anderen Buches zu treffen. Und sie alle haben ihre eigenen Codes, ihre eigenen Geschichten und Geheimnisse.

Innerhalb dieses Fandoms gibt es noch weitere Untergruppen. Da die meisten Fanfiction davon handeln, die einen oder anderen Charaktere zu verkuppeln, bilden sich vor allem Subgruppen nach verschiedenen „Pairings“ aus: Der eine will Dr. House mit Chefin Cuddy auf einem Date sehen, der nächste will den misanthrop veranlagten Arzt lieber in den Armen seines Kollegen Wilson liegen sehen. Denn über alle Fandoms hinweg stehen schwule Liebesgeschichten (kurz: Slash) und den – meist weiblichen – Fans hoch im Kurs.

Fans und Fiktionen -Die Serie auf media-bubble.de

Media-bubble.de will sich der Fan Culture in einer zehnteiligen Artikelreihe annehmen und verschiedene Aspekte dieser Subkultur beleuchten. Wir wollen versuchen, gemeinsam Fragen rund um Fanfics, Slash und Lemon zu beantworten und dabei immer den medienwissenschaftlichen Blickwinkel behalten. Warum sind (fast) alle Fans weiblich? Warum lesen sie so gerne schwule Liebesgeschichten? Welche Rolle spielen Plattformen wie fanpop.com, tumlr.com und fanfiktion.de in den Communities und wer organisiert sie? Welche rechtlichen Grundlagen gibt es? Was ist die erste Fanfiction, die jemals geschrieben wurde? Wir wollen versuchen, wissenschaftliche Antworten zu geben.

Wie dieser einleitende Artikel hervorhebt, ist die Fan-Community ein großes, unübersichtliches Feld, das kaum in all seinen Facetten dargestellt werden kann. Wir hoffen auf, ganz im Sinne der Review-Politik der Fanfictions eure Mitarbeit, Anmerkungen und Kommentare, unter den einzelnen Artikel oder per Mail an uns.

Fans & Fiktionen – Wir machen’s uns selbst!

Eine Serie auf media-bubble.de  | Immer montags.

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