Die angebliche Male Loneliness Epidemic
– und wie sie uns von den echten Ursachen ablenkt
Von Emma Jäger
Die „Male Loneliness Epidemic“ – wer auf Social Media unterwegs ist, hat diesen Ausdruck sicherlich schon einmal gehört. Influencer klären in ihren Videos auf Instagram oder TikTok über ein sogenanntes gesellschaftliches Phänomen auf, bei dem Männer vermehrt unter Einsamkeit leiden. Vermeintliche Gründe dafür sind die Vernachlässigung durch die Gesellschaft, die Zurückweisung der Frauen und die Tatsache, dass Männern nicht beigebracht wurde, Verletzlichkeit und Gefühle zu zeigen . Die männliche Einsamkeit ist mittlerweile ein Online-Trend, doch dieser ist nicht gerade ungefährlich – häufig werden Frauen für die männliche Isolation verantwortlich gemacht, wobei die tatsächlichen Ursachen vollkommen ignoriert werden.
Anmerkung
Die im Artikel verwendeten Begriffe wie „Männer“ und „Frauen“ beziehen sich überwiegend auf binäre Geschlechterbilder und heteronormative Beziehungsvorstellungen, da sie den öffentlichen Diskurs der „Male Loneliness Epidemic“ prägen. Diese Perspektive ist nicht vollständig. Einsamkeit betrifft alle Geschlechter und Identitäten.
Der Begriff „Epidemie“ wird im Duden als „zeitlich und örtlich in besonders starkem Maß auftretende, ansteckende Massenerkrankung“ definiert und der Begriff „Erkrankung“ als „eine Störung der normalen physischen oder psychischen Funktionen, die einen Grad erreicht, der die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden eines Lebewesens subjektiv oder objektiv wahrnehmbar negativ beeinflusst.“ Da es sich bei Einsamkeit nicht um eine Erkrankung handelt, kann die Bezeichnung „Epidemie“ irreführend wirken. Eine Zunahme der Einsamkeit der Männer ist sichtbar, doch diese ist kein neues Problem. Feministische und kritische Wissenschaftler*innen warnen seit langem davor, dass das gesellschaftlich verankerte Rollenbild eines „starken, dominanten“ Mannes dazu führt, dass Männer Schwierigkeiten haben, Emotionen offen zu zeigen und um Hilfe zu bitten. Toxische Männlichkeitsbilder verhindern Verletzlichkeit und somit auch emotional echte Beziehungen.
Warum wird der Feminismus verantwortlich gemacht?
Es gibt mehrere Ursachen für die Zunahme der Einsamkeit, doch auf eine wird besonders häufig die Schuld geschoben: der Feminismus – wobei dieser eigentlich gar nicht die Ursache ist. Vor allem auf Social Media stößt man häufig auf Beiträge in denen dieser kritisch dargestellt wird.

In der heutigen (westlichen) Gesellschaft wird das traditionelle Frauenbild zunehmend abgelehnt und immer mehr Frauen entscheiden sich dagegen, der üblichen Rolle der Frau zu entsprechen. Zu früheren Zeiten war es unvorstellbar ein Leben ohne Ehemann und Kinder zu führen – die „perfekte Frau“ bleibt zu Hause, sorgt sich für die Kinder und wartet darauf, dass ihr Ehemann von der Arbeit nach Hause kommt, um sein warmes Abendessen zu bekommen. Mittlerweile haben sich die Prioritäten verändert – statt der Vorstellung von anderen zu entsprechen, steht auch mal das eigene Glück im Fokus. Heute dezentralisieren Frauen Männer aus ihrem Leben, weil diese nicht mehr im Mittelpunkt stehen und sie nicht mehr abhängig von ihnen sind. Sie müssen nicht mehr eine Beziehung eingehen, um finanziell abgesichert zu sein oder gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten.
Dass Männer dezentralisiert werden und Frauen sich für Selbstbestimmung entscheiden, heißt jedoch nicht, dass sie keine Beziehungen mehr mit Männern anstreben. Doch eine Partnerschaft wird nicht mehr aus Zwang eingegangen, sondern nur dann, wenn sie eine persönliche Bereicherung darstellt.
Bare Minimum
„Bare Minimum“ bedeutet das „Allernötigste“ reicht nicht mehr aus. Emotionale Nähe, Aufmerksamkeit und gegenseitige Wertschätzung sind essenziell für eine gesunde Beziehung und wenn das nicht von beiden Seiten kommt, ist man lieber doch Single.
Die wirklichen Ursachen für männliche Einsamkeit
Viele Frauen entscheiden sich gegen eine Beziehung. Das tun sie nicht, weil sie Liebe ablehnen, sondern weil sie nicht emotional abhängig werden möchten. Es fällt zunehmend auf, dass viele Männer, sobald sie sich in einer Beziehung befinden, ihre Anstrengungen deutlich nachlassen, um diese zu erhalten. Die anfängliche Aufmerksamkeit und Fürsorge nehmen ab. Wenn eine Frau nicht mehr durch eine Beziehung bereichert werden kann, wird sie runtergezogen.
Frauenhass ist nach wie vor präsent und nimmt zu – gerade in den sozialen Medien. „Manfluencer“ wie Andrew Tate verschärfen öffentlich das toxische Männlichkeitsbild. Sie sprechen erniedrigend über Frauen und generieren damit eine große Reichweite. Andrew Tate, der sich selbst als „absoluten Frauenfeind“ bezeichnet, sagt in einem Interview: „Ich bin ein Realist und wenn du ein Realist bist, bist du sexistisch. Es gibt keine Möglichkeit, in der Realität verwurzelt zu sein und nicht sexistisch zu sein“. Misogynie ist normalisiert wie nie zuvor und wird zusätzlich noch zum Content gemacht, der von vielen Männern, gerade auch von jüngeren als Vorbild wahrgenommen wird. Männer verachten Frauen, lehnen sie ab und beschweren sich dann über ihre Einsamkeit.
Patriarchale Strukturen schaden Männern auch direkt, indem ihnen lange eingeredet wurde, sie müssten ein „starker Mann“ sein und dürften keine Gefühle zeigen. Deswegen haben viele Männer heute noch ein Problem damit sich zu öffnen. Dies ist nicht nur eine Hinderung für romantische Beziehungen, sondern auch für Freundschaften. Dieses Problem wird häufig jedoch zum Opfer-Narrativ, bei dem die Verantwortung für eigenes problematisches Verhalten nach außen geschoben wird.
Was hilft wirklich gegen Einsamkeit unter Männern?
Das Narrativ „Male Loneliness Epidemic“ und der daraus entstandene Social Media Trend schadet Männern, die unter Einsamkeit leiden, eher, als dass es ihnen hilft, da von den wirklichen Ursachen abgelenkt wird.
Was gegen Einsamkeit helfen könnte, ist, sich gegen toxische Strukturen zu wenden, innere Muster zu erkennen und an diesen zu arbeiten. Zum einen kann es hilfreich sein, Freundschaften zu pflegen und zu vertiefen, sich regelmäßiger zu treffen und dabei auch eigene Gefühle und Sorgen anzusprechen. Auch sein eigenes Umfeld, zum Beispiel durch ein neues Hobby, zu erweitern, kann helfen. Vor allem aber den Mut zu wagen, die eigene Verletzlichkeit zu zeigen und über Einsamkeit zu sprechen ist ein wichtiger Schritt.
Fazit
Dieser Artikel soll kein Angriff auf Männer sein, die sich in dem Narrativ der „Male Loneliness Epidemic“ gesehen fühlen. Einsamkeit unter Männern ist real und sollte anerkannt werden. Jedoch ist es wichtig zu erkennen, dass hinter dem Problem eigene Verantwortung, sowohl als auch toxische Strukturen stecken. Man kann Frauen und den Feminismus nicht dafür verantwortlich machen, sondern sollte den wahren Ursachen nachgehen. Einsamkeit bewältigt man mit Empathie, Verständnis und Selbstreflexion. Sie lässt sich nicht überwinden, indem man sie in Frauenhass umwandelt. Frauenhass ist keine Lösung für Einsamkeit, sondern nur ein Ausdruck, der daraus entstanden ist.
Quellen:
Mwatsiya, I., Ison, J., Vrankovich, S., & Hooker, L. (2025). Is Male Loneliness an Epidemic? A Gendered and Structural Reframing.
https://www.duden.de/rechtschreibung/Epidemie
https://flexikon.doccheck.com/de/Krankheit#:~:text=Eine%20Krankheit%20bzw.,oder%20objektiv%20wahrnehmbar%20negativ%20beeinflusst.
https://www.sonntagsblatt.de/artikel/gesellschaft/male-loneliness-warum-maenner-vereinsamen-und-der-feminismus-nicht-schuld-ist
https://open.substack.com/pub/therepublicofletters/p/why-the-male-loneliness-epidemic?r=6sduha&utm_medium=ios&shareImageVariant=overlay
https://www.bbc.com/news/uk-64125045
https://www.shoutoutuk.org/2025/10/03/the-male-loneliness-epidemic-isnt-a-womans-problem/
https://www.gq-magazin.de/artikel/einsamkeit-bei-maennern-5-tipps-wie-sie-ihr-entkommen-koennen


Pexels