‘Konstruktiver Journalismus’ und der Kampf gegen einseitige Berichterstattung

Von Chrissi Maierhöfer

Wer heutzutage Nachrichten konsumiert, muss ein dickes Fell haben. Wir ertrinken in einer Flut an schlechten Nachrichten und Skandalen. Doch es gibt Hoffnung: ‚Konstruktiver Journalismus‘ will zeigen, wie es anders gehen kann. Teil 2 der Reihe zu sozialem Engagement in der Welt der Medienpraxis.

Es ist der 23. Juni 2019, ein Mittwoch, die Sonne strahlt in Tübingen – doch eigentlich tut dies nichts zur Sache, es ist ein Tag wie jeder andere:

 

„Blutiger Messerangriff am Kölner Neumarkt“ bild.de

               „Trump droht Iran mit „Auslöschung““ bild.de

„Erst 40 Grad, dann kühlt es ab – doch die nächste Sahara-Hitze steht schon an“ focus.de

               „Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigen in Freiburg“ focus.de

 

Pessimismus so weit das Auge reicht

Wer regelmäßig Zeitung liest, ob analog oder digital, ist diese Flut an Skandalen und Katastrophen oft schon gewohnt. Und trotzdem, die scheinbare Aussichtslosigkeit und Verkommenheit unserer Welt kann auch hartgesonnene Optimisten deprimieren.

Doch wie schon berichtet, steht es um uns gar nicht so schlecht, wie konventionelle Berichterstattung es vermuten lässt. Was noch flächendeckend fehlt, ist die umfangreiche mediale Auseinandersetzung mit hoffnungsvollen, positiven Nachrichten. Dies wird nur durch ein Umdenken bei genau den Personen geschehen, die unsere Nachrichten produzieren – nämlich den Journalist* innen und Redakteur*innen unserer Gesellschaft.

Und tatsächlich: Seit geraumer Zeit erstarkt eine Bewegung des Journalismus, die auch langsam Einzug in deutsche Redaktionen findet. Entwickelt von Vordenkern aus Dänemark, kann das Konzept des ‚konstruktiven Journalismus‘ als Gegenbewegung zu der dominierenden Berichterstattung gesehen werden.

Rebellion gegen den Status quo

Good News is coming. Foto. Unsplash.com

Wie der Name andeutet, will der konstruktive Journalismus nicht nur auf Missstände aufmerksam machen, sondern gleichzeitig auch Lösungsansätze vorstellen. Der Fokus liegt nicht nur auf der Darstellung des Problems, sondern explizit auf der Suche nach den Aussichten und dem Blick in die Zukunft. „Was nun? Und jetzt?“ sind Fragen, die sich konstruktive Journalist*innen immer stellen sollten. Damit sind nicht mehr nur die klassischen W-Fragen richtungsgebend für die Produktion einer Nachricht. Die Darstellung von Kontext, Zusammenhängen, Ursachen und Lösungen sind ebenso wichtig, wie die Behandlung des Problems.

Dies bedeutet ebenso: Konstruktiver Journalismus ist KEIN positiver Journalismus. Oft wird die Idee des Konstruktivismus mit dem Positivismus verwechselt. Die Idee ist jedoch nicht, nur über positive Dinge zu berichten oder jede Nachricht zu beschönigen. Es handelt sich hierbei keinesfalls um Wohlfühljournalismus – nicht nur positiv, sondern konstruktiv!

Und was bringt das?

Ausgangspunkt der Entwicklung und Verbreitung des konstruktiven Journalismus ist die oft einseitige Berichterstattung des klassischen „objektiven Journalismus“. Als Gegenbewegung zum konventionellen Journalismus, verfolgt der konstruktive Journalismus auch andere Ziele, als nur die Information des Konsumenten. Diese Ziele kann man drei Ebenen zuordnen:

  • Mikroebene:Die Leser, Zuschauer, Zuhörer und Nutzer sollen sich nach konstruktiven Beiträgen besser fühlen, indem sie Hoffnung oder Lösung bewusst wahrnehmen und nicht nur mit Problemen belastet werden. Konstruktiver Journalismus soll einer negativen Weltsicht entgegenwirken.
  • Mesoebene:Die Medienunternehmen sollen eine bessere Bindung beim Publikum erreichen, also Lesezeiten und Reichweiten erhöhen; die Medienmarke soll als positiv und hilfreich aufgeladen werden.
  • Makroebene:Mögliche Lösungen und Perspektiven für soziale Probleme sollen einen Fortschritt der Gesellschaft bewirken, wenn Vorbilder, „first mover“ und glaubwürdige Beispiele in der Berichterstattung dargestellt werden und zu gesellschaftlichem Engagement und Nachahmung ermutigen.

         (Meier, 2018)

Ob die gewünschten Effekte immer erzielt werden können, ist von vielen Faktoren abhängig und schlecht verallgemeinerbar. Studien haben jedoch gezeigt, dass Konsumenten  konstruktive Berichte sehr wohl „positiver“ und hoffnungsgebender einschätzen. Zudem scheinen konstruktive Berichte und die damit einhergehenden Zusatzinformationen das Interesse der Leser sogar noch zu steigern (Kempf,Jaeger, 2005). Deutlich wird diese Beliebtheit auch durch den Erfolg von immer mehr Projekten , die sich den konstruktiven Journalismus auf die Flagge schreiben.

Theoretische Bewegung oder schon angekommen in der Praxis?

„Gut zu wissen“ heißt das Logo, mit dem die Sächsische Zeitung auf Artikel aufmerksam macht, die neben der Behandlung des Problems auch Lösungsansätze liefern. „Jammer nicht, tu was!“  hieß die Debattenreihe des NDR, die explizit Lösungen im Bereich Engagement beleuchtet hat. „ Plan B“ ist die konstruktive Reportagereihe des ZDF.  Die Liste lässt sich unendlich fortführen. Doch nicht nur alteingesessene Medienvertreter*innen haben das Prinzip des konstruktiven Journalismus für sich entdeckt.

Perspective Daily ist ein nun schon dreijähriges Online-Magazin, das nach den Prinzipien des konstruktiven Journalismus arbeitet. Durch lösungsorientierte Berichte finanziert sich das Magazin nur aus seinen Beiträgen – von immerhin über 14.000 Mitgliedern. Anstelle von Ressorts arbeitet Perspective Daily mit verschiedenen Themen, zu denen jeden Tag immer ein „klassischer“ Artikel oder ein Audio-Beitrag erscheint.

Einen ähnlichen Ansatz hat das Netzwerk Good Impact. Neben der konstruktiven Berichterstattung stehen hier vor allem auch Themen der Nachhaltigkeit der Gesellschaft im Fokus.  Neben dem Online-Magazin Good News sind auch Angebote zu Jobs, Events und Reisen in der „Good Impact Family“ zu finden. Alles immer auf Basis der Nachhaltigkeit und Engagement für Umwelt, Gesellschaft und Zukunft.

Logischerweise sind lösungsorientierte Artikel um einiges aufwändiger als kurze Eilmeldungen und simple Darstellungen von Nachrichten. Recherche, Aufarbeitung und Produktion sind um einiges zeitintensiver, wenn komplexe Zusammenhänge und Ausblicke in die Zukunft dargestellt werden. Konstruktiver Journalismus benötigt also deutlich mehr Ressourcen, als es konventionelle Berichterstattung tut. Neben dieser Kritik sehen sich die Journalist*innen auch oft den  und des Aktivismus ausgesetzt. Dass Nachrichten, die von Menschen verfasst werden, jedoch nie 100% objektiv sein können, sollte man sich immer wieder vor Augen führen.

Konstruktiver Journalismus als eine Form sozialen Engagements

Das Beispiel von Good Impact zeigt erneut, wie verschlungen Medien und soziales Engagement sein können. Speziell der konstruktive Journalismus ist ein Bindeglied zwischen gesellschaftlichem Engagement, sozialem Unternehmertum, Journalismus und Medienproduktion. Aus diesem Grund wurde die Vorstellung dieser Bewegung auch als Teil unserer Reihe zu Social Entrepreneurship ausgewählt.

Wie man soziale Verantwortung und Medienpraxis gleich in sein Studium einbinden kann und wo Engagement und Medien sogar als eigenes Studium auftauchen, ist Thema des nächsten Beitrages.

Quellen:

Meier, K. (2018). Wie wirkt Konstruktiver Journalismus? Ein neues Berichterstattungsmuster auf dem Prüfstand. Journalistik(1).

Kempf, W; Jaeger, S. (2005). Konstruktive Nachkriegsberichterstattung : ein Forschungsbericht. Universität Konstanz. Abgerufen unter: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:352-opus-15640