Ist ein öko-freundlicher Krieg möglich?
Wie militärische Konflikte die Umwelt beeinflussen und ob man das ändern kann
Von Sofiia Khamula
Ein Krieg verursacht immer irreversible Schäden. Manche ihrer Konsequenzen sind sichtbar und allgemein bekannt, andere hingegen sind weniger präsent und werden von den meisten kaum beachtet. Besonders das Thema der Ökologie tritt in Krisenzeiten immer in den Hintergrund. In diesem Artikel wird die Umweltverträglichkeit von Kriegen am Beispiel aktueller Entwicklungen näher betrachtet, wobei Professor Thomas Klapötke auf die Existenz neuer Sprengstoffe, die weniger schädlich für die Natur sind, sowie auf die ethischen Aspekte eingeht.
Die ökologischen Konsequenzen bewaffneter Konflikte existieren nicht nur in der Theorie, sondern werden besonders greifbar, wenn man konkrete Daten zu aktuellen Kriegen heranzieht. Nach Angaben von Ecoaction, dem Center for Environmental Initiatives, beliefen sich die CO₂-Emissionen in den drei Jahren seit Beginn der groß angelegten Invasion in der Ukraine insgesamt auf 230 Millionen Tonnen. Diese Treibhausgasemissionen entstanden durch den Krieg, den Wiederaufbau von Gebäuden, Waldbrände, Beschädigungen der Energieinfrastruktur und die Vertreibung von Flüchtlingen. Das entspricht den jährlichen Emissionen von Österreich, Ungarn, der Tschechischen Republik und der Slowakei zusammen.
Es sollte ebenfalls erwähnt werden, dass Sprengstoffe und Munition Chemikalien und Schwermetalle enthalten, die dann Böden und Wasserquellen langfristig vergiften. In weniger als einem Monat seit Beginn der Offensive wurden im Gazastreifen laut dem Euro-Med Human Rights Monitor mehr als 25.000 Tonnen Sprengstoff von Israel eingesetzt, was der Sprengkraft von zwei Atombomben entspricht. Dies wirkt sich auch auf die Biodiversität aus: Bis Mai 2025 wurden laut Schätzungen des United Nations Environment Programme (UNEP) 97,1 % der Baumkulturen und 82,4 % der einjährigen Nutzpflanzen im Gazastreifen beschädigt. Der Verlust der Vegetation und die Bodenverdichtung infolge der militärischen Aktionen führten zur Degradation des Bodens, deren Wiederherstellung Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Diese Folgen bleiben also noch lange nach dem Ende der Kampfhandlungen spürbar.
Ökologischer Anspruch vs. militärische Realität
In diesem Zusammenhang sind die Forschungen von Professor Dr. Thomas M. Klapötke an der Ludwig-Maximilians-Universität München besonders auffallend. Seit etwa 30 Jahren liegt einer seiner Forschungsschwerpunkte auf der Entwicklung von Sprengstoffen, die sowohl aus ökologischer als auch aus toxikologischer Sicht fortschrittlicher sind als bisherige. Er hat schon in verschiedenen Bereichen Erfolge erzielt: Von ihm entwickelte licht- und raucherzeugende pyrotechnische Sätze, bleifreie Primärexplosivstoffe sowie der neue Sprengstoff TKX-50 werden bereits international getestet und teilweise eingesetzt. Im Dezember 2025 hatte S. K. die Gelegenheit, ein Interview mit ihm zu führen und über seine Forschungen sowie die Rolle der Nachhaltigkeit im globalen Militärbereich zu sprechen. Hier ein Auszug aus dem Gespräch:

S. K.: Wirken die aktuellen Konflikte, wie etwa zwischen der Ukraine und Russland oder im Nahen Osten, als Katalysator für nachhaltigere Militärtechnologien?
Prof. Klapötke: Beim Einsatz ökologischer Substanzen ist es eher das Gegenteil, also eher kontraproduktiv. Man könnte sagen, dass das Militär in der Ukraine betont, Munition werde jetzt gebraucht, die funktioniert, sofort verfügbar und bezahlbar ist. Ähnlich verhält es sich in Israel. Ob die jetzt ökologisch oder toxikologisch das Beste ist, was es gibt, das ist zweitrangig. […] Der Prozess wird meiner Meinung nach erst beginnen, wenn der Krieg vorbei ist.
S. K.: Sie haben laut öffentlichen Berichten Unterstützung durch Institutionen wie das US Army Research Laboratory oder das Office of Naval Research erhalten. Glauben Sie, dass bei der Finanzierung Ihrer Forschung der Aspekt der Umweltverträglichkeit bewusst berücksichtigt wurde? Oder lag das Hauptaugenmerk trotzdem auf der Leistungsfähigkeit?
Prof. Klapötke: Auf jeden Fall wurde der Aspekt der Umweltverträglichkeit stark berücksichtigt. Das meiste Geld kam von der Army oder Navy in den USA, wurde aber meist durch den EQT (Environmental Quality Technology Fund) finanziert. Da wurde großen Wert darauf gelegt, dass die Substanzen umweltverträglich und auch nicht toxisch sind. Aber wenn ich sage, ich habe etwas, das wenig giftig und umweltfreundlicher ist und 80 % Leistung bringt, dann hat auch niemand daran Interesse. Die Leistung sollte nicht unbedingt höher sein als bei den derzeit existierenden Substanzen, aber gleichbleibend und zusätzlich ökologisch verträglicher.
S. K.: Meinen Sie, dass es grundsätzlich möglich ist, umweltverträgliche militärische Ausrüstung als globalen Standard einzuführen?
Prof. Klapötke: Im Prinzip ja. Das Interesse besteht besonders in Friedenszeiten, und dann würde man es natürlich auch im Krieg einsetzen. In Friedenszeiten verschießt man die Munition im eigenen Land und wirft Bomben zu Trainingszwecken ab. Dabei ist leicht zu verstehen, dass man sein eigenes Land nicht vergiften möchte. Wenn man an Trainingscamps denkt, sind diese stationär. Sie existieren jetzt, sie existierten vor 50 Jahren und werden auch in 50 Jahren noch vorhanden sein. Dort kann sich viel akkumulieren, wenn toxische Substanzen vorliegen. Es wäre daher sinnvoll, weltweite Mindeststandards zu etablieren, damit die Substanzen, ich will nicht sagen „grün“, aber etwas „grüner“ sind […]. Hoffnung gibt es, aber es ist noch ein längerer Weg.
Fortschritt mit Gewissensfrage
Es taucht ein ethisches Dilemma auf, ob es überhaupt Sinn ergibt, den Krieg öko-freundlicher zu gestalten. Ein Krieg bedeutet nichts anderes als den Tod von Menschen, und gleichzeitig kümmern wir uns um die Umwelt, damit wir weiterhin auf diesem Planeten leben können. Daher stehen diese beiden Ziele im grundlegenden Widerspruch zueinander.
Professor Klapötke wird oft dafür kritisiert, dass er überhaupt Waffen entwickelt. Er selbst kommentiert dies wie folgt: „Der Krieg sollte immer das Letzte sein, wenn alle Diplomatie letzten Endes versagt hat. Aber wenn Diplomatie nicht hilft, wenn mein Land angegriffen wird, dann muss ich Waffen haben, die am effektivsten und wirksamsten sind, um mein Land zu verteidigen. Letzten Endes ist es auch unverantwortlich, meinen eigenen Soldaten Material an die Hand zu geben, das nicht die beste Wirkung zeigt. Ich hoffe, dass es nicht eingesetzt wird. Das wäre ein Versagen der Diplomatie.“
Man kann in Frage stellen, ob wir an der Verbesserung von Waffen arbeiten oder diese Anstrengungen in eine andere Richtung lenken sollten, und zwar zur Entwicklung der Diplomatie, sodass kein Bedarf an militärischer Aufrüstung entsteht. Oder sollten wir uns stattdessen auf das konzentrieren, was aktuell realisierbar ist?
Quellen:
- Ecoaction: https://en.ecoaction.org.ua/climate-damage-3-years-numbers.html
- Euro-Med Human Rights Monitor: https://euromedmonitor.org/en/article/5908/Israel-hits-Gaza-Strip-with-the-equivalent-of-two-nuclear-bombs
- United Nations Environment Programme (UNEP): https://www.un.org/unispal/document/unep-environmental-impact-of-the-escalation-of-conflict-in-the-gaza-strip/


