360 Grad Maus – Wissensvermittlung zwischen Fernseher und virtuellen Welten

Von Nathalie Saccà und Lena Füller

Sie gehört zu den erfolgreichsten deutschen Kindersendungen, begeistert seit 1971 Kinder und Erwachsene und vermittelt durch ihre Lach- und Sachgeschichten allerlei Wissen: Die Sendung mit der Maus.

Eberhard Karls Universität Tübingen, Freitag, 15.30 Uhr. Wir sitzen im neuen Tonstudio des Zentrum für Medienkompetenz und führen ein Telefoninterview. Aber nicht irgendein Telefoninterview. Am Apparat ist Matthias Körnich von der Sendung mit der Maus.

Die Maus ist bereits seit 1971 bekannt für ihre Lach- und Sachgeschichten. Und genau die machen uns besonders neugierig. Aber wer denkt sie sich eigentlich aus? Und was macht sie spannend für Kinder und Erwachsene? Ein Gespräch über das Geschichtenerzählen, Wissensvermittlung für Kinder und Erwachsene und über virtuelle Mauswelten.

Storytelling bei der Maus

Wie kommen die Löcher in den Käse? Warum ist Milch eigentlich weiß? Herr Körnich, warum machen uns die Geschichten bei der Maus so neugierig?

Wir bei der Maus erzählen schon immer. Wenn man sich die alte Geschichte über die Löcher im Käse anschaut, ist das interessante Phänomen, dass das Story Modell dem einer Detektivgeschichte entspricht. An der Detektivfrage hält sich die ganze Dramaturgie. Die Ausgangsfrage ist eigentlich Wie wird Käse hergestellt? Das hat aber natürlich ein anderes Storytelling, als wenn ich immer während der Geschichte schaue, Wo sind denn jetzt die Löcher? Das ist eine ganz andere Qualität des Erzählens. Neben der Detektivgeschichte gibt es die Geheimnisgeschichten, die umgedreht erzählt wird. Dabei wird erst am Ende auflöst, worum es ging. Bei der Maus gibt es ein paar Dramaturgiemuster, die immer wieder auftauchen. Letztlich bestimmt ein Stückweit natürlich das Thema, die Geschichte. Bei einer guten Geschichte kommt es darauf an, wie man mit diesen Dramaturgiemustern spielt.

Podcast: Lach- und Sachgeschichten heute mit Nathalie und Lena!

Wissensvermittlung zwischen Kind-Ich und Kind

Wir stellen es uns aber gar nicht so einfach vor, Geschichten gerade für Kinder leicht verständlich zu machen. Matthias Körnich selbst ist immerhin schon lange kein Kind mehr. Woher weiß er also, was Kinder interessiert?

Nach der Transaktionsanalyse von Eric Berne, gibt es eine Dreistufigkeit der Persönlichkeit. Diese beinhaltet ein Eltern-Ich, ein Erwachsene-Ich und ein Kind-Ich. Das hat jede Person. Egal ob Kind oder Erwachsener. Unser Kommunikationsmodell sieht so aus: wir als erwachsene Sendungsmacher, die aber ebenfalls das Kind-Ich in sich tragen, unterhalten uns mit  einem Kind-Ich vor dem Bildschirm. Das vor dem Bildschirm, kann ein Kind sein oder das Kind-Ich im Erwachsenen. Ich glaub diese Kommunikationsform ist sehr bereichernd.

Am Anfang einer jeden Mausgeschichte steht also eine Frage, die sich an Kinder und an Erwachsene richtet. Gibt es denn keinen Unterschied in der Wissensvermittlung zwischen Kindern und Erwachsenen?

Ich persönlich sehe da nicht so einen großen Unterschied. Es gibt natürlich in bestimmten Bereichen bei einer rein Erwachsenen-Wissenssendung Dinge, die einen Erfahrungshorizont voraussetzen, den man bei Grundschülern nicht voraussetzen kann. Aber das grundlegende Element, dieses klare Erzählen mittels einer eindeutigen Frage, der man auf den Grund geht und vermeidet sich in Fachvokabular zu verlieren, ist erstmal auch gefragt bei Wissensvermittlung an Erwachsene. Ebenso wie das Element des Neugierig-Haltens.

Redakteur von „Die Sendung mit der Maus“

Matthias Körnich ist seit 2001 im Maus-Team. Dort arbeitet er in der Redaktion an den neuesten Lach- und Sachgeschichten.

Nebenher betreut er den digitalen Onlinebereich. Dazu gehören die Website, die Maus-App und die Social-Media-Kanäle.

„Wissenschaft darf kompliziert sein, muss aber trotzdem einfach erklärt werden“

Neugierig bleiben Kinder und Erwachsene vor allem durch viel Abwechslung. Die gibt’s bei der Maus durch die beliebten Maus-Spots. In diesen löst die Maus oft auf kreative Weise ein kniffeliges Problem.

Wissenschaft in Geschichten verpackt, das macht uns also neugierig. Im Alltag, auch an unserer Universität, sieht das leider nicht immer so aus. Komplizierte Theorien, verstrickte Sätze und Unmengen an Fachvokabular stapeln sich in so manchem Kursordner. Dabei muss Wissenschaft doch gar nicht immer kompliziert sein, oder Herr Körnich?

Wissenschaft hat für mich zwei Aspekte. Der eine besagt, dass neue Erkenntnisse herausgefunden und erforscht werden in unterschiedlichsten Bereichen. Als ich noch selbst an der Uni war, war vor allem deren verständliche Vermittlung wichtig. Das ist der zweite Aspekt. Wissenschaft darf kompliziert sein, aber muss trotzdem einfach erklärt werden.

Die Maus mobil

Dass Wissen heutzutage nicht mehr nur über Bücher oder eben über eine Fernsehsendung vermittelt wird, hat die Mausredaktion früh bemerkt. Deswegen gibt es die Maus auch im Netz. Auf Facebook, Twitter, Instagram, in der Maus-App und auf der Maus-Website ist sie zu finden. Aber was macht sie da eigentlich? Die Sendung mit der Maus richtet sich in erster Linie an Grundschüler. Diese Kernzielgruppe ist eigentlich zu jung für die sozialen Medien.

„Wir versuchen ein sehr breites Angebot zu schaffen mit Sendung, Website, App und Social-Media-Kanälen.“

Wir haben das klar aufgeteilt. Unsere Herangehensweise ist, dass die Social-Media-Kanäle nicht unsere Kernzielgruppe erreicht. Dementsprechend haben wir uns entschieden, dass wir mit den unterschiedlichen Social-Media-Kanälen versuchen, bestimmte Altersgruppen zu erreichen. Facebook ist für die Älteren bis hin zu den Senioren. Instagram ist grob für die Gruppe 18-30. Twitter hat vor allem Newscharakter. Die Website, genauso wie die Maus-App, richtet sich aber an die Kernzielgruppe der Grundschüler. Es gibt Überschneidungen und Ergänzungen bei den Inhalten, aber auch viele neue Inhalte werden hier bereitgestellt. Wir versuchen ein sehr breites 360 Grad-Angebot zu schaffen mit Sendung, Website, App und Social-Media-Kanälen.

Die Maus zum Anfassen – eine App macht´s möglich

Da wollen wir jetzt doch mal genauer nachhaken. Immerhin ist die Kernzielgruppe ja noch in der Grundschule. Will die Maus also gezielt fördern, dass bereits Grundschüler mehr Zeit mit mobilen Geräten verbringen? Die Nase nicht zwischen die Bücher steckt, sondern sie sich am Tablet flach drückt? Herr Körnich, die Maus-App richtet sich ja in erster Linie an jüngere Kinder und ist sehr spielerisch aufgebaut. Warum haben Sie sich entschieden so eine App bereit zu stellen?

Das ist eine Frage der Zeit. Die unterschiedlichen Medien wachsen stärker zusammen, aber man kann seine Angebote nicht mehr ausschließlich auf einem Verbreitungsweg bereitstellen. Die App hat klar und früh gezeigt, dass es ein Bedürfnis unserer Fans ist, die Inhalte auch anders zur Verfügung gestellt zu bekommen. Außerdem gibt mir eine App die Möglichkeit, noch eine andere Form der Interaktion mit der Maus herzustellen. Diese ist noch unmittelbarer als wenn ich sie im Fernsehen oder auf der Internetseite sehe. Ich kann sie quasi anfassen, wenn man so will.

„Wir sind dabei eine digitale Offensive zu starten“

Die Maus will die digitale Wissensaneignung und Medienaneignung bei Kindern also gezielt fördern?

Definitiv, ja. Wir versuchen unsere Angebote so sicher wie möglich zu machen, sodass man die Kinder da möglichst unbesorgt ranlassen kann. Deswegen bauen wir bestimmte Elemente in unserer App und auf der Website so auf, wie die Inhalte, die die Kinder später als junge Menschen im Netz erwarten. Vor allem in Hinblick auf die Usability. Außerdem sind wir gerade dabei eine digitale Offensive zu starten, bei der noch ganz andere Dinge dazukommen, die dann auch wirklich mit Medienbildung zu tun haben. Eine abwehrende Haltung der Medien gegenüber führt  dazu, dass Konsumenten herangezogen werden. Wir wollen jedoch Menschen fördern, die gestaltend mitbestimmen.

Virtuelle Wissenswelten

Selbst gestalten, was passiert, können die Maus-Fans schon in naher Zukunft. Seit September läuft die Spezialsendung 360 Grad zum Thema Wie baut man virtuelle Welten? Matthias Körnich hat das als Anlass gesehen, dieses Thema für die Nutzer der Website und App direkt erfahrbar zu machen.

Es gibt einen Programmierbaukasten, mit dem gelernt werden kann zu programmieren. Wir haben das als Grundlage genommen einen Maus-Programmierbaukasten zu erstellen, bei dem Kinder mit Tutorials lernen, wie sie bestimmte Programmierbefehle setzen können mithilfe bestimmter Bewegungen der Maus. Die Kinder können dann selbst kleine Spiele oder Filme programmieren. Daneben produzieren wir gerade Sachgeschichten zum Thema Wie funktioniert eine Suchmaschine oder ein Computerspiel? Diese Themen werden wir zukünftig weiterverfolgen, sodass es eine gewisse Nachhaltigkeit entsteht.

Die Maus geht also mit der Zeit und wir dürfen uns darauf freuen, auch in Zukunft mehr spannende Geschichten zu hören, zu sehen oder selbst zu programmieren.

Wer selbst gerne ein eine virtuelle Mauswelt abtauchen will, kann das hier tun oder sich die Spezial Sendung anschauen.