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MISSING WHITE WOMAN SYNDROME

Über ungleiche Berichterstattung und wie der Fall Gabby Petito die kritischen Stimmen lauter werden lässt

Von Malin Merkle

Im Sommer 2021 kehrt Brian Laundrie, der Verlobte der 22-jährigen Amerikanerin Gabrielle – Gabby – Petito, allein von ihrem gemeinsam Roadtrip zurück. Sie wird als vermisst gemeldet und das Internet macht aus ihrem Verschwinden eine Sensation. Nachrichtensender und Hobbydetektive auf True-Crime-TikTok begeben sich gemeinsam auf Schnitzeljagd.

Wie muss man damit umgehen, wenn das Schicksal einer Person zur Unterhaltung für Tausende wird? Und warum bekommt ausgerechnet dieser Fall eine so große Medienaufmerksamkeit? Einige sind der Meinung: Besitzt eine vermisste Person bestimmte Merkmale, bekommt sie mehr mediale Aufmerksamkeit – und zwar wenn diese weiblich und weiß ist [1].

Family Income x (Abductee Cuteness ÷ Skin Color) 2 + Length of Abduction x Media Savvy of Grieving Parents 3“  – Der Komiker und Autor Jon Stewart in America: A citizen’s Guide to Democracy Inaction, 2004 [2]

Der Fall Gaby Petito unterhält als True Crime in Echtzeit

Gabby Petito will im Sommer 2021 gemeinsam mit ihrem Verlobten durch die USA reisen und teilt die ersten Stationen ihres Abenteuers in den sozialen Medien. Nach einigen Wochen kehrt Brian Laundrie ohne Van und ohne Verlobte von dem Roadtrip zurück und die Postings von Gabby hören abrupt auf [3]. Social-Media-Nutzende sowie traditionelle Nachrichtenredaktionen durchforsten ihren YouTube-Kanal und Instagram-Account auf der Suche nach digitalen Spuren zu ihrem Verbleiben [2]. Die Medienpräsenz des Falls verbreitet sich zu einem Lauffeuer, als das Moab City Police Department, die Bodycam-Aufnahmen eines Polizisten veröffentlicht, der kurz vor ihrem Verschwinden einen Konflikt zwischen dem jungen Paar zu beruhigen versucht [4]. Während der Ermittlungen verschwindet der mittlerweile von allen verdächtigte Verlobte und der Van taucht wieder auf. Ein Paar hatte den Fall, wie so viele, verfolgt und Bilder des Fahrzeugs gesehen und wiedererkannt. Sie informieren die Polizei, die kurze Zeit später, ganz in der Nähe, Petitos Leiche findet [5]. Einige Zeit später finden sie auch die Leiche von Brian Laundrie, der sich suizidiert und in seinem Notizbuch zum Mord an seiner Verlobten bekennt hat [6]. Das durch den Fall ausgelöste Social-Media-Phänomen löst eine Debatte zum Unterhaltungswert realer Tragödien aus und lässt die Diskussion um das ‚Missing White Woman Syndrome‘ aufleben.

Während eines Roadtrips mit ihrem Verlobten verschwindet Gabby Petito spurlos. In den sozialen Medien begeben sich Nutzer*innen auf Spurensuche. Bild: pexels

True Crime – Wenn das Leid anderer zur Unterhaltung wird

True Crime ist ein Genre, bei dem wahre Verbrechen in verschiedenen Formaten medial aufbereitet werden. Das Leid anderer Menschen in Unterhaltung zu verwandeln ist Teil einer größeren kulturellen Gewohnheit. Angefangen bei Medical Detectives, hat das Genre in den letzten Jahren besonders in Form von Netflix-Dokus und Podcasts einen echten Boom erlebt und es mittlerweile auch auf verschiedene Social-Media-Plattformen geschafft [7]. Man muss diesem Hype seinen Unterhaltungswert zugestehen, darf dabei aber die bedenkliche Tatsache nicht aus den Augen verlieren, dass diese, die Betroffenen, Überlebenden und Familienangehörigen ausnutzen und belasten sowie die Täter*innen verherrlichen können. Die True-Crime-Forscherin Jean Murley, betont im Interview mit dem New Yorker zwar auch, dass Überlebende oder Familienangehörige es teilweise sogar großartig finden, dass ihre geliebten Menschen und ihre Geschichten an die Öffentlichkeit gelangen und damit geehrt werden, jedoch dürfe man nicht vergessen, dass es dabei immer um schrecklichen Schmerz und Leid, um Trauer und Qualen gehe [5].

„It’s real people who are suffering. So the erasure of that by talking about this woman’s murder as just another fun, interesting, suspenseful story is very much a problem.“ – Jean Murley, True-Crime-Forscherin [5]

Missing White Woman Syndrome in der Medienberichterstattung und in True Crime-Formaten

Natürlich generiert ein solch spektakulärer Fall, wie der von Gabby Petito, der sich quasi in Echtzeit vor seinem Publikum abspielt, eine große mediale Aufmerksamkeit. Ein Grund, warum aber ausgerechnet dieser Fall so viele Menschen fasziniert hat, beziehen viele auf die Tatsache, dass es sich bei Gabby um eine junge und attraktive, weiße Frau handelt. Auch in Deutschland gab es dieses Phänomen beim Verschwinden von Rebecca Reusch im Jahr 2019, als sich ihr stark retuschiertes Bild blitzartig in den Medien verbreitet [3]. Seinen Namen und Bekanntheit bekam das ‚Missing White Woman‘- Phänomen schon im Jahr 2004, als die Journalistin Gwen Ifill auf einer Konferenz die selektive Auswahl in der Berichterstattung kritisiert und betont, dass vermisste schwarze Frauen, Latina-Frauen, indigene Frauen und andere farbige Frauen, wenn überhaupt, dann nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie weiße Frauen bekämen [5].

„The photos of Petito that filled our screens showed an attractive, blond, young white woman who radiated the curated happiness of a social-media native.“ – Helen Rosner, The New Yorker [5]

Dass der Fall Gabby Petito die Skepsis gegenüber dem impliziten Rassismus und Klassismus in traditionellen Redaktionen, die entscheiden welches Leid Nachrichtenwert hat, zurück in die Diskussion gebracht hat, ist essenziell [2]. Denn das Phänomen hat zur Folge, dass andere vermisste und ermordete Menschen sowohl in den Medien als auch bei den Strafverfolgungsbehörden in den Schatten gestellt werden. Die Fälle werden laut der Kommunikationswissenschaftlerin Christine Meltzer weniger intensiv verfolgt oder Polizeibeamte und Polizeibeamtinnen vermuten erst, die Frauen seien abgehauen und nicht Betroffene krimineller Handlungen [5], [8].                                                               

Auch die Repräsentation im True-Crime-Genre, in dem meist schon abgeschlossene oder schon sehr lang ungelöste Fälle behandelt werden, ist einseitig. Hauptsächlich handelt es sich dabei um weiße Betroffene und Täter*innen. In den Formaten, die zum Großteil aus Amerika kommen, dem Land, in dem die meisten Mordopfer junge farbige Männer sind, werden deren Geschichten kaum erzählt [5].

“True crime seems to want to tell itself, and us, stories about white people.” – Jean Murley, True-Crime-Forscherin [5]

Die Geschichten über wahre Verbrechen faszinieren viele Menschen. Im True-Crime-Genre, aber auch in der Nachrichtenberichterstattung wird fehlende Diversität kritisiert. Bild: pexels

Woher kommt das Missing White Woman-Phänomen?

Der Kriminologe Zach Sommers verglich im Jahr 2013, die in den amerikanischen Medien behandelten Vermisstenfälle mit denen, die in der FBI Datenbank aufgeführt werden. Es wurde deutlich, dass weiße Frauen im Verhältnis zu ihrem Anteil an den Vermisstenfällen um einiges häufiger zum Gegenstand der Berichterstattung gemacht wurden. Dabei war diese auch intensiver, denn über einige Fälle wurde wiederholt berichtet. Die Geschichten von Weißen und Frauen wurde damit überproportional hervorgehoben [9]. Laut Zach Sommers akzeptieren wir Geschichten über weiße Opfer breitwillig als etwas, für das wir uns interessieren sollten und werde eine weiße Person vermisst, dann sagen wir: „Das könnte meine Tochter, Nachbarin, Cousine oder Freundin sein“ [8]. Sommers spekuliert außerdem, dass auch ein finanzielles Kalkül hinter dieser Selektion stecke. Indem die Berichterstattung auf vermisste weiße Frauen ausgerichtet wird, ist davon auszugehen, dass diese für Nachrichtenagenturen in Bezug auf Zuschauerzahlen und Werbeeinnahmen mehr wert seien. Damit werden die Geschichten farbiger Frauen nicht nur als weniger berichtenswert, sonder auch als weniger profitabel angesehen [3].

“The same reason why media coverage is different for white women than for women of color is the same reason this is getting so much attention. We live in a system that puts white women at a higher value.– Gina Masullo, Professor für Journalismus und Medien an der Universität von Texas in Austin [3]

Der Kampf gegen einseitige Berichterstattung

Nach dem Medienrummel um Gabby Petito werden kritische Stimmen laut. Und auch Angehörige von Vermissten, die nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen haben, fordern Gerechtigkeit. So beispielsweise die Familie der vermissten Lauren Cho aus Kalifornien, die nun die gleichen Anstrengungen in der Suche, nach der seit Juni vermissten, 30-jährigen verlangt [3]. Neben vermehrten Protesten im ‚echten Leben’ wird auch TikTok nicht nur für die True-Crime Schnitzeljagd verwendet – so verbreitet sich der Hashtag #MMIW („Missing and Murdered Indigenous Women) und regt damit zu Auseinandersetzung mit fehlender Diversität in der Berichterstattung an. Auch der Vater der getöteten Gabby, Joseph Petito, fordert bei einer Pressekonferenz: „I want to ask everyone to help all the people that are missing and need help […] if you don’t do that for other people that are missing, that’s a shame. It’s not just Gabby that deserves that. So look to yourselves for why that’s not being done“ [2]. Zwar betont Zach Sommers in seiner Studie, dass ein Zusammenhang zwischen der Medienaufmerksamkeit und dem Auffinden einer vermissten Person nicht vollständig nachgewiesen werden kann, jedoch beeinflusst sie, wie und wem die Menschen ihre Sympathie entgegenbringen [3].