Wenn Aladdin zum Feind wird

von Lara Luttenschlager

 

Im Rahmen der Ringvorlesung „Clash of Civilizations: Feindbilder in interreligiösen Beziehungen und internationaler Geopolitik“ sprach der Geologe Prof. Dr. Paul Reuber am 24. November 2014 über die Konstruktion von Leitbildern in den Medien und darüber, wie sie zur Rechtfertigung geopolitischer Maßnahmen genutzt werden. Von klein auf lernen wir, auf Unterschiede zwischen unserer und fremden Kulturen zu achten. Die Konstruktion des Eigenen und des Fremden diene der Stiftung unserer westlichen Identität, sagte schon Foucault. Ähnlich sieht es Edward Said: Der „Orient“ musste erfunden werden, damit der Westen sich abheben und vor allen Dingen überheben konnte. Für Reuber ein Zustand, den es zu hinterfragen gilt.

Kampf der Kulturen

So seien Stereotypen und vor allen Dingen Leitbilder hegemoniale Deutungsschemata, die bereits lange existieren und die wir derart verinnerlicht haben, dass sie in Konfliktfällen als Begründungsrhetorik für eine bestimmte Politik wieder hervorgebracht werden können. Jahrzehnte lang, so Prof. Dr. Paul Reuber, sind unsere Leitbilder durch das geopolitische Kräftemessen des Kalten Krieges geprägt worden. Als dieser jedoch sein Ende fand, geriet der Westen in eine Art Sinnkrise: Neben großer Erleichterung empfand die Politik das Bedürfnis nach neuen Argumenten und Erklärungsmustern, anhand derer geopolitische Handlungen interpretiert werden konnten.

Genau dieses Bedürfnis wusste Samuel Huntington mit seiner Theorie über den „Kampf der Kulturen“ zu befriedigen. Seine Einteilung der Welt in verschiedene konkurrierende Zivilisationen, darunter die westliche und die islamische, war es, die schon bald im politischen und somit medialen Diskurs dominieren sollte. Huntington schrieb dazu 1987, nach dem Verschwinden der Konfliktlinie zwischen Ost und West würden neue Konflikte entlang der verschiedenen Kulturräume entstehen. Der gefährlichste Faktor sei dabei die
Religion, weshalb sich für den christlich geprägten Westen beispielsweise die Beziehungen mit dem überwiegend islamischen Orient zwangsläufig als schwierig erweisen würden.

Vom Film in die Nachrichten

Doch was hat all das mit den Medien zu tun? Den Einzug des Kampfes der Kulturen in die Medien veranschaulichte Reuber anhand einiger Filmsequenzen: Während James Bond lange meist sowjetische Bösewichte zur Strecke brachte, kamen die Feinde von Actionhelden ab den 90ern nicht mehr aus der UdSSR, sondern aus dem Orient. Der neue Angst-Plot war geboren: Terroristen mit dunklem Bart drohen, den Westen zu zerstören. Die meisten Leitbilder, erklärte Reuber, verbreiten sich zunächst über die Diffusion in der Alltagskultur, um erst nach einiger Zeit auch von Qualitätsmedien aufgegriffen zu werden.

Der entscheidende Durchbruch für das Leitbild des feindlichen Islams sei 2001 mit den Anschlägen des 11. Septembers gekommen, als Huntingtons These plötzlich in allen Medien zu hören war. Und schließlich seien es die Proteste gegen die Mohammed Karikaturen im Jahr 2005 gewesen, die den Kampf der Kulturen auch „headline-fähig“ machten.

„Wir verteidigen die Zivilisation“

Den Grund für die Beliebtheit von Huntingtons Leitbild in den Medien sah Reuber darin, dass es durch extreme Vereinfachung, scharfe Abgrenzung der potenziellen Konfliktparteien und starke Homogenisierung für die Bürger sehr leicht greifbar werde. Problematisch sei allerdings die kulturdeterministische Sicht des Leitbildes, die alle Angehörigen einer Kultur in eine – feindliche – Schublade steckt. Bemerkenswert fand der Redner zudem, dass das Leitbild eines Kampfes der Kulturen in den arabischen Medien nicht zu finden sei. Es handle sich also um eine Rhetorik des Westens.

Das Bild der unheimlichen islamischen Welt, die durch Terrorismus die westlichen Werte bedroht, hat Hochkonjunktur. Nicht selten werde diese Bedrohung zur Legitimation von Eingriffen westlicher Mächte im Nahen Osten benutzt. Sehe man sich allerdings aktuelle Konfliktstrukturen innerhalb der arabischen Kultur an, werde Huntingtons These schnell brüchig: Viele der aktuellen islamistischen Angriffe gelten nicht etwa dem Westen, sondern sind Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten, die beide der gleichen Kultur angehören.

Nicht zuletzt deshalb plädierte Reuber abschließend dafür, im Umgang mit den Medien solche Feindbilder und geopolitischen Diskurse zu hinterfragen und ihre Einseitigkeit herauszuarbeiten. Denn auch im Eigenen lauere das Fremde, und es sei wichtig, die Legitimationsdiskurse von Medien und Politik mit ihren Gefahren zu erkennen.

Foto: flickr.com/maria (CC BY-NC-ND 2.0)

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.