Große Bilder, wenig Worte – 60 Jahre BILD

von Nicolai Busch

Ein Boulevardblatt wird 60. Ein Leitmedium, eine Zeitung mit Machtanspruch, das sinnbildliche Megafon des deutschen Wutbürgers, der immerwährende Angriff auf Irgendetwas und Irgendwen – kurz – die BILD feiert Geburtstag. Wer BILD hört, denkt an landesweit einmalige, reißerische Schlagzeilen, die ein Entsetzen, eine Emotion, zumindest aber ein großes Gefühl heraufbeschwören. Wie kein zweites deutsches Printmedium hat sich BILD der Aufgabe verschrieben, der bürgerlichen Kollektiv-Fantasie, sei sie politisch-korrekt oder diskriminierend, geschmackvoll oder pervers, sinnvoll oder absurd, eine Stimme zu geben. Eine Stimme, die schreit, die laut ist und übertönt, die den Einen verstummen lässt und den Andren gar zur Stellungnahme nötigt.

BILD-Gegner klären auf

Für den Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass ist die Bildzeitung deshalb „ein Instrument des Appells an die niedrigsten Instinkte“ und „regelrecht widerlich“. Doch nicht allein Grass ist dieser Meinung. Die Liste der Bildgegner ist lang. Sie reicht von Hans Leyendecker, dem vielleicht profiliertesten, investigativsten Journalisten Deutschlands, über NGO’s wie Campact bis Günther Wallraff, der Mann, der bei Bild Hans Esser war, wie der Untertitel seines 1977 erschienen Buchs lautet, in dem der Enthüllungsjournalist seine Erfahrungen mit BILD-Redakteuren in der Lokalredaktion Hannover schildert. 60 Jahre BILD gehen Dank Wallfraff & Co. einher mit einer Bewusstseinsveränderung des BILD-Rezipienten sowie der Zeitung selbst. Niemals zuvor sind die journalistischen Fehler und ethischen Abgründe der BILD-Redaktion derart kritisch betrachtet worden, wie in den letzten Jahren. Vor allem die Gründung des mit Preisen überhäuften bildblogs im Jahr 2004 erwies sich als Meilenstein kritischer Medienbeobachtung im Netz. Auf bildblog.de wird auf Verstöße des 60 jährigen Geburtstagskindes gegen den Pressekodex aufmerksam gemacht. Hier wird der BILD ihr Status des Lustigen-Quatschblatts endgültig aberkannt.

Die Macht der BILD

In den letzten Jahren waren es die berühmten Feinde des berüchtigten Boulevardblatts, die im Rahmen ihrer investigativen Recherche und Aufarbeitung der in BILD ausgeschlachteten Inhalte auf einen stetigen Verlust von Macht, eine daraus resultierende Veränderung der redaktionellen Vorgehensweise und auf eine kulturelle Öffnung der Zeitung verweisen. In Bild.Macht.Politik, einer ARD-Dokumentation, die im April diesen Jahres erschien ist, erkennen Günter Wallraff und der Kommunikationsberater Wolfgang Storz, der 2010 und 2011 als Autor der Studie Drucksache.BILD der Otto Brenner Stiftung beteiligt war, klare Zeichen steigender Machtlosigkeit bei BILD innerhalb der letzten Jahre. „Auf der Ebene wichtiger poltischer Entscheidungen ist BILD heute ein zahnloser Tiger“, sagt Storz dort und begründet diese These u.a. mit der geplatzten Keinen-Cent-für-Griechenland-Aktion, in deren Rahmen BILD im November 2011 eine Volksabstimmung über die geplante Änderung europäischer Verträge gefordert hatte. Auch die geplatzte Blase um Karl-Theodor zu Guttenberg, den BILD vor dem Aufkommen des Plagiatsverdachts als möglichen Kanzlerkandidaten gehyped und während der Vorwürfe die Rückendeckung gesichert hatte, gibt Storz in diesem Punkt Recht.

Weg vom Schmuddelimage

Auch, wenn BILD zum Sturz des Bundespräsidenten Wulff entscheidend beitrug, hat das Blatt begriffen, dass heute Veränderungen nötig sind, um als Ausdruck von Volkes-Stimme auch politisch ernst genommen zu werden. BILD will seriöser werden. In dem 2011 im WDR gezeigten Film “Das Wallraff-Urteil und die Folgen“ bedauert Springer-Chef Mathias Döpfner die durch Wallraff aufgedeckten, schockierenden Recherchemethoden der Zeitung in den 1970ern und plädiert für eine Aufarbeitung damaliger Fehler.

Am 09. März, und damit ausgerechnet am Weltfrauentag, verabschiedet sich BILD nach 28 Jahren von zuviel nackter Haut auf Seite 1. BILD will weg vom Schmuddelimage. Und auch der Chefredakteur setzt auf Veränderung. Kai Diekmann trägt die Haare jetzt ungegelt. Die leicht verwegene Bartpracht und auch die schwarze, alternative Rundbrille stehen ihm gut. Der wohl mächtigste Journalist Deutschlands muss ein anständiger, gutmütiger und vertrauenswürdiger Mann sein. Das Image des rigorosen Geschäftsmanns passt nicht länger ins neue Konzept. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Die digitale Zukunft der BILD-Zeitung

Anlässlich des 60. Geburtstags versendet BILD am 23. Juni 41 Millionen kostenlose Sonderausgaben an deutsche Haushalte. Eine teure Werbeaktion, die nicht überall auf Vorfreude stößt und sich bereits mit Gegeninitiativen zahlreicher BILD-Gegner konfrontiert sieht. Trotz solcher fragwürdigen Geburtstagsspäßchen im Stile des Print-Zeitalters gilt es, die Digitalisierungsstrategie des Springer-Konzerns nicht zu unterschätzen. Während das digitale Geschäft immerhin ein Drittel des Gesamtumsatzes bei Springer ausmacht, erweist sich bild.de bereits als das meistgelesene journalistische Angebot in Deutschland. Damit, dass sich BILD auch in Zukunft digitaler Trends bedienen wird, um weiterhin am Markt bestehen zu können, darf gerechnet werden. Gerade die anstehende, halbjährige “Forschungsreise“ Kai Diekmanns ins Silicon Valley, dem globalen Zentrum der Computer- und Internetindustrie, lässt für die nächsten Jahre eine voranschreitende Digitalisierung der BILD erahnen.

Im Alter von 60 Jahren begreift BILD zur rechten Zeit, dass eine wichtige Aufgabe des gedruckten Boulevards, nämlich die Suche, Verurteilung und Hinrichtung eines Schuldigen, heute Aufgabe des Cybermobs ist. Diesen gilt es im Netz zu mobilisieren und wirtschaftlich sinnvoll zu kanalisieren. Für eine Zeitung, die seit jeher, gleichsam dem Netz, ein professionelles Spiel mit den Gefühlen seiner Rezipienten betreibt, sollte diese Aufgabe nicht zum Problem werden. „Wenn Springer überhaupt ein Problem hat, dann vielleicht, dass das Unternehmen zu klein ist“; so Döpfner im April diesen Jahres in der ZEIT.

Fotos: flickr/fscklog (CC BY-NC-SA 2.0) , flickr/campact (CC BY-NC 2.0)

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