Videoplattformen – „Ich bin das neue Fernsehen“

Videoplattformen – „Ich bin das neue Fernsehen“

von Ricarda Dietrich

„Ich bin das neue Fernsehen“

                                   (Dagi Bee, deutscher YouTube-Star)

Seit die Videoplattform YouTube 2005 online ging, hat sie sich unsere Medienrezeption grundlegend geändert. YouTube hat sich soweit in unserem Alltag etabliert, dass es wohl nur noch wenige Menschen unter 60 geben sollte, die mit diesem Namen nichts anfangen können. Was damals besonders war und heute selbstverständlich für jede Videoplattform ist: Der Nutzer ist nicht mehr passiv. YouTube ist als Netzwerk gedacht, das aus Menschen besteht, die Videos hochladen, anschauen und die Möglichkeit eines Rückkandels, über die Bewertung oder den Kommentarhaben. Diese Möglichkeiten verändern das Verständnis von Film und öffnen neue Möglichkeiten. Sie erfordern aber auch eine gründliche und aufmerksame Kontrolle von Seiten der Betreiber.

Ersatz für Musiksender

5352333173_9e2c81b0bc_zIch habe eine kleine Umfrage in meinem Bekanntenkreis gestartet und mich mal umgehört, wofür die Menschen YouTube eigentlich nutzen. Das kam dabei heraus. Einige rufen YouTube aus genau den gleichen Gründen auf wie ich: Hauptsächlich um Trailer, Musikvideos oder lustige, unterhaltsame Videos anzuschauen. Die Trailer reichen von der Vorschau auf die nächste Folge Grey’s Anatomy bis hin zur aktiven Suche nach einem Film für den Abend. Musikvideos sind in Deutschland eine Glückssache, da YouTube sich bis heute nicht offiziell mit der Gema geeinigt hat und viele Videos somit gesperrt sind. Dennoch merkt man deutlich, dass YouTube den Platz der früheren Musiksender im Fernsehen eingenommen hat. Hier überzeugt der Vorteil der Selbstbestimmung: Man muss nicht schauen, was MTV oder Viva grade an Musikclips zeigt, sondern man kann seine Lieblinge suchen, anschauen und wenn einem grade danach ist, auch in Dauerschleife hören.

Auf die lustigen kleinen Videos mit Katzen, tollpatschigen Kleinkindern oder filmisch festgehaltenen Jugend-Sünden wird man häufig von anderen Leuten über die sozialen Netzwerke aufmerksam gemacht. Hier rezipiert man also auf die Empfehlung von sozialen Kontakten hin. Hat man eines dieser Videos angeschaut, dann wird es schwierig wieder aufzuhören. Schuld daran sind die vorgeschlagenen Videos, genauso wie die vor einiger Zeit eingeführte Funktion des automatischen Startens vom nächsten Video. Man findet immer neue Videos, die lustig oder interessant scheinen und schnell hat man eine halbe Stunde lang Videos mit lustigen Hochzeitstänzen angeschaut. In diesem Fall kann man, muss man aber nicht, selber entscheiden, welches Video als nächstes abgespielt wird. Man kann sich, genau wie vor dem Fernseher, auch einfach von dem berieseln lassen, was automatisch als nächstes anläuft.

YouTube hat mir Kochen beigebracht!

Viele meiner Freunde gaben außerdem noch an, häufig Tutorials zu schauen. Von „Wie-binde-ich-eine-Krawatte“ über Back-Videos bis hin zu Excel-Tutorials kann man aus Videos eine Menge lernen. Hier merkt man deutlich, dass das menschliche Hirn Bild besser verarbeiten kann als Wort. Man kann sicherlich auch in einem Text ausformulieren, wie man einen Fischgrätenzopf flicht, aber besonders anschaulich ist das natürlich nicht. Einfacher nachmachen lässt es sich, wenn man jemandem dabei zuschauen kann, wie es gemacht wird. YouTube kann also auch durchaus eine lehrreiche Funktion haben.

Gerne werden außerdem Videos von Formaten aufgerufen, die in Deutschland nicht übertragen werden. So schauen viele Leute amerikanische Talk Shows und Late Night Shows. Diese haben einen hohen Unterhaltungswert, können aber ebenso über politische Themen aufklären und bieten immer einen guten Gesprächsstoff. Der Vorteil an YouTube ist hier wieder: Man kann sich aussuchen, welche Segmente der Sendung man schauen möchte. Man muss nicht die ganze Sendung am Stück schauen, sondern kann schön portionsweise die Interviews mit den Gästen anschauen, die einen interessieren.

Ein weiterer, immer größer werdender Trend auf YouTube sind Gaming-Videos. Neben der Videoplattform twitch.tv, die nur zur Übertragung von Videospielen genutzt wird, gibt es seit diesem Sommer auch von YouTube einen Ableger speziell für Gaming-Videos. Dort kann man, teilweise in Life-Streams, Gamern dabei zuschauen, wie sie ein Videospiel spielen.

Musik und Spiele

PewDiePie

PewDiePie ist der bekannteste Gaming-Star

Und was sagen die Statistiken? Wofür wird den harten Zahlen nach am häufigsten YouTube aufgerufen? Geht man nach reinen Klick-Zahlen der hochgeladenen Videos findet man unter den Top-Ten der erfolgreichsten Chanels sechs Musikchannel, die teilweise die Vevo Chanels von einzelnen Stars wie Justin Bieber, Rihanna oder Taylor Swift sind. Vevo ist eine weitere Videoplattform, mit dem Schwerpunkt Musikvideos, die sich neben der eigenen Website auch über YouTube verbreiten. Den ersten Platz der Klick-Charts belegt allerdings der wohl bekannteste Gaming-Video-Star, PewDiePie. Der gebürtige Schwede ist mit über 40 Millionen Abonnenten der meist abonnierte YouTuber der Welt und verdient Millionen durch Werbeeinnahmen. Somit ist wohl eindeutig, dass Musik und Gaming die erfolgreichsten Inhalte auf YouTube sind. Katzenvideos leider nicht.

YouTube als Job

YouTube bietet neben der frei bestimmbaren Rezeption aber auf der anderen Seite auch ganz neue Möglichkeiten, groß raus zu kommen. So hat so mancher große Musikstar damit begonnen, seine Videos auf YouTube hochzuladen und ist damit bekannt geworden. Justin Bieber oder Lana del Rey sind hier gute Beispiele. Außerdem ist durch YouTube auch eine ganz neue Gruppe von Berühmtheiten entstanden, die so genannten YouTube-Stars. Eine der bekanntesten deutschen YouTuberinnen ist Dagi Bee, die auf ihrem Channel Schmink- und Modetipps gibt, aber auch Comedy macht oder einfach von ihrem Leben berichtet. Dagi hat eine unglaublich große Fan-Gemeinde, die hauptsächlich aus Teenager-Mädchen besteht und für die sie ein großes Vorbild ist. YouTube bietet also auch im Sinne der Identifikation soziale Möglichkeiten; die jungen Mädchen interagieren regelrecht mit ihren Idolen. Dass es sehr gefährlich werden kann, wenn sich diese Idole nicht mehr in der Realität finden lassen, ist selbstredend. Dagi und Co. sind kein Ersatz für reale soziale Kontakte, die Teenager in ihrer Entwicklung begleiten und unterstützen können. Dennoch ist auch dies ein wichtiger Aspekt von YouTube, der nicht zu unterschätzen ist. So wird YouTube nicht nur zum Rezipieren von Filmen genutzt, sondern auch um eine Marke, eine öffentliche Persönlichkeit aufzubauen. Andere YouTube-Stars werden durch Cover von bekannten Songs berühmt (Boyce Avenue, Cimorelli), wieder andere machen Comedy oder drehen Parodien (Coldmirror, Fresh Torge) und einige versuchen sich auch in politischer Satire (Lars Paulsen).

Ob man dies alles nun kritisch sieht oder zum Beispiel die automatische Wiedergabefunktion nervig findet, bleibt jedem Nutzer selbst überlassen. Dennoch ist und bleibt YouTube das führende Videoportal im Internet, was auch einfach an der schier unendlichen Zahl an hochgeladenen Videos und an der einfachen Bedienung der Seite liegt. „Mal eben was auf YouTube anschauen“ macht halt doch fast jeder und das in großer Regelmäßigkeit.

Fotos: flickr.com/Sean MacEntee (CC BY 2.0), flickr.com/camknows (CC BY-NC-SA 2.0)