Verbotenes Hitler-Buch bald wieder im Handel?

 von Pascal Thiel

Es ist das schriftliche Zeugnis der dunkelsten Epoche der neuen deutschen Geschichte. Es wurde geliebt und bewundert, avancierte vom unbeachteten Werk eines einfachen Putschisten zur dogmatisch-unantastbaren „Bibel des Nationalsozialismus“. Und es wurde verachtet, ja gehasst und als Werk eines paranoiden Wahnsinnigen in die Tresore des Bayrischen Freistaats verbannt: „Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Doch nun scheint sich das Blatt zu wenden – kommt es wieder in den Buchhandel?

Was ist denn schon wieder mit Hitler?

70 Jahre nach dem Tod seines Autors im Jahr 1945 könnte das Buch wieder öffentlich verkauft werden – am 1.1.2016 würden nach dem Urhebergesetz die Nutzungsrechte des Freistaats Bayern auslaufen. 70 Jahre nachdem Deutschland vom Wahn seines „Führers“ befreit wurde, sollen dessen Gedanken wieder Einzug in die hiesige Bücherwelt erhalten, die aber konträrer zu dessen „Geburtswelt“ der 1920er Jahre nicht sein könnte: Der europäische Nationalismus ist dem Supranationalismus gewichen, Deutschland hat seinen Weg zur Demokratie gefunden, die politische Bildung steht ganz oben auf der nationalen Agenda und die wirtschaftliche Lage ist entspannt. So sind Sorgen eines Wiederauflebens der nationalsozialistischen Ideologie unbegründet. Oder etwa nicht?

In diesem Punkt scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite stehen die Gegner der Wiederveröffentlichung, vehement warnend, mit einem kommerziellen Vertrieb des Buches die Opfer des Nationalsozialismus zu verleumden und ein erneutes Aufflammen von nationalsozialistischem Gedankengut besonders in jugendlich-naiven Köpfen zu riskieren. Auf der anderen Seite argumentieren die Befürworter mit dem Vergleich zu anderen „Tyrannen der Geschichte“: Lenins „Staat und Revolution“ oder etwa die „Mao-Bibel“ sind früher wie heute leicht zu erwerben. Es müsse demnach als historisches Zeugnis der deutschen Geschichte auch „Mein Kampf“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Was nun?

An einem Kompromiss feilt nun mit finanzieller Unterstützung des bayrischen Wissenschafts- und Finanzministeriums eine Forschergruppe des Münchener Instituts für Zeitgeschichte. Unter der Leitung von Dr. Edith Raim wird eine wissenschaftlich kommentierte Version unter Einbezug der Situation der 1920er Jahre erarbeitet. Fraglich ist, ob diese Version die Aufmerksamkeit der geballten Öffentlichkeit erfahren kann oder in wissenschaftlichen Bibliotheken verstaubt.

Letzteres muss unbedingt verhindert werden. Denn bereits jetzt kursieren innerhalb und außerhalb des Internets Textversionen. Das Interesse an der Thematik wird spätestens zum 70. „Jubiläum“ von Hitlers Todestag und dem Kriegsende wieder aufflammen, zumal dann auch zeitnah „Mein Kampf“ seinen 90. Geburtstag feiert. Dieses Interesse muss gestillt werden – aber nur mit einer überarbeiteten Version. Mit Blick auf die Gesundheit der deutschen Demokratie kann die Priorität einer kommentierten, nicht instrumentalisierbaren Version nicht hoch genug gesetzt werden.

Doch ein Versuch, diesem nachzugehen, wurde bereits 2009 durch den Freistaat Bayern selbst im Keim erstickt: In der sogenannten Serie „Zeitungszeugen“ von dem englischen Verleger Peter McGee, sollte in einem Heft auch eine kommentierte Version von „Mein Kampf“ erscheinen. Doch München stellte sich quer und beharrte auf seinen Nutzungsrechten. Paradox: Dieses Heft mit dem Namen „Das unlesbare Buch“ ist nun zur Hälfte tatsächlich unlesbar, weil geschwärzt – nur die Kommentare sind lesbar, der eigentliche Text Hitlers nicht.

Auch wenn sich nun die Befürchtung aufdrängt, die Politik verbaue sich mit ihren rechtsstaatlichen Mechanismen die schnelle Lösung des Problems, sieht Dr. Edith Raim keinen Grund, sich über eine Renaissance Hitlers Gedanken zu sorgen:

Bonn war schon nicht Weimar und Berlin ist es erst recht nicht. Wir haben eine erfolgreiche Nachkriegs- und Demokratiegeschichte hinter uns. Seit Jahrzehnten fließt viel Geld in die politische Bildung. Wir sind heute in einer völlig anderen Situation.

Doch ungeachtet dieser „völlig anderen Situation“, bleibt die Frage, wer Hitlers Texte überhaupt noch braucht. Ist es angemessen, in unserer heutigen Zeit ein Buch mit derart hasserfüllten und weltverklärenden Textpassagen wie der folgenden zu veröffentlichen? 

„[…] Ein kleiner, aber mächtiger Teil der Erdbevölkerung wählte den Weg der Parasiten. Er sucht sich durch intelligente und heuchlerische Einfühlung und Überlistung in bodenständigen Volkstümern einzunisten, diese mit händlerischer Schlauheit um den Ertrag ihrer Arbeit zu bringen und durch raffinierte geistige Zersetzung der Selbstführung zu berauben. Die bekannteste und gefährlichste Rasse dieser Art ist das Judentum. […]“  

Die Antwort ist: Ja und nein. Ja, weil in der Geschichtswissenschaft ein großes Forschungsinteresse an Hitlers Texten besteht. Ja, um einer von Wissenschaftlern kommentierten Version die Chance zu geben, die ursprünglichen Texte zu relativieren. Und nein, da eine Instrumentalisierung des Buchs von rechtsradikalen Kreisen und somit die Entstehung bzw. das Wiederaufleben eines neuen Hitler-Kults droht.

Die Diskussion, wie genau mit „Mein Kampf“ verfahren werden soll, steckt noch in den Kinderschuhen. Klar ist, dass eine kommentierte Version in den Handel kommen wird, doch alle andere ist ungewiss.

Foto: flickr/Gilderic Photography, flickr/Michael Dawes

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