TV light – Das Leben wie es sein sollte?

von Julia Heitkamp

Angefangen hat es mit Gerichtsshows á la Alexander Hold und Barbara Salesch. Heute überschwemmen Formate wie Berlin – Tag & Nacht, Mitten im Leben oder Schicksale – Und Plötzlich ist alles anders unser tägliches Programm. Auf kaum einem der großen deutschen Sender kann man der täglichen Dosis „Reality“ entgehen. Seit einigen Jahren scheint das Fernsehen verseucht mit sogenannten Scripted Reality Formaten. Viele private Fernsehsender stellen eigenproduzierte Formate in den Mittelpunkt ihrer Programme. Aber die gespielte Realität (Achtung: Oxymoron) ist kein Phänomen unserer Zeit.

 

Es war einmal …

Der Ursprung dieser Reality Formate liegt – wie könnte es anders sein – in den USA, dem Land der unbegrenzten (Un-) Möglichkeiten. Seit den 1940er Jahren lieben und leiden die Amerikaner mit ihren Soap Stars. Doch bei diesen Daily Soaps ist es längst nicht geblieben. Was zunächst als „nachgestellte Geschichten“ betitelt wurde entwickelt sich heute in eine erschreckende Richtung. Vor dem Zuschauer wird immer mehr verschleiert, dass es sich um gescriptete Formate handelt, bei denen Darsteller vorgegebenen Regieanweisungen folgen. Gründe für die enorme Expansion des Formats: Niedrige Kosten bei hohen Erträgen. Alle beschweren sich darüber, verwünschen und verfluchen es – doch die Einschaltquoten sprechen für sich. Und wer wirklich ehrlich mit sich ist, der erwischt sich selbst oft genug dabei, wie er mehr oder weniger interessiert, mehr oder weniger belustigt und mehr oder weniger zufällig eines der einschlägigen Formate verfolgt.

 

Reality vs. Realität

Mit ihren Verschleierungskonzepten sind die Produzenten erschreckend erfolgreich: Immer mehr Jugendliche halten das gezeigte für echt! Was sich zunächst unglaublich und fast schon lustig anhört, ist traurige Realität. Man stelle sich vor, dass Reality TV wie Mitten im Leben auf RTL als Dokumentationen angesehen werden – auf die gleiche Ebene erhoben wie ernst zu nehmende Formate à la Panorama oder 37 Grad. Man will sich gar nicht vorstellen, was es für die Bildung und Kultur unserer Gesellschaft bedeutet, wenn solche Formate auf eine Stufe gestellt, ja auch nur verglichen werden. Produktionsfirmen, Redaktionen, Pressesprecher sowie Fernsehzeitschriften tun ihr Bestes um dem Grauen wohlklingende Namen zu geben: Ob Reality Soap, Doku Soap, Reality Show oder eben Reportage. Doch die Strategie zieht und scheint beim Zuschauer anzukommen.

 

Das Ende der Schauspielerei

Doch das Genre Reality TV birgt noch ein weiteres Mysterium. Seither waren in Fernsehfilmen und -serien nur mehr oder weniger gute, aber zumindest ausgebildete Schauspieler zu sehen. Trotz der relativ geringen Produktionskosten birgt Reality TV ein Problem: Für jede Sendung, jede Folge und jedes Drama braucht man neue Gesichter. Dafür gibt es nun mal nicht genug Schauspieler die, nebenbei gesagt, viel zu viel Geld kosten würden. Die Lösung: Laiendarsteller. Ganz normal Leute, die mittels Aussicht auf den schnellen (und schnell vergänglichen) Ruhm dazu gebracht werden, zwielichtige Verträge zu unterschreiben, die sie jeglicher Rechte und ganz nebenbei auch noch all ihrer Würde berauben. Dabei müssten sich erwachsene Menschen sich eigentlich darüber im Klaren darüber sein, worauf sie sich einlassen. Geblendet werden sie dabei wohl von der rosaroten Ruhmesbrille. Denn immerhin haben diese Formate auch schon große Stars wie Daniela Katzenberger hervorgebracht. Traumberuf: Superstar. Talente: Keine.

Diese Gier, anderen beim Erreichen ihrer Ziele oder beim Scheitern zuzuschauen, ist purer Voyeurismus. Fremdschämen und Häme als Erfolgskonzept. Brot und Spiele der Neuzeit.

 

Alles wie im echten Leben

Ungeachtet aller Kritik ist der Erfolg dieser Formate unumstritten. Sie machen es dem Zuschauer aber auch einfach, jeder Zeit ohne viel Mühe einzusteigen. Entweder gibt es keine fortlaufende Handlung oder sie ist derart trivial dass man problemlos wieder den roten Faden aufnehmen kann. Wiederholungen und Internetplattformen gehören zu Erfolgsrezept. Ob über Facebook oder auf der sendereigenen Videoplattform, die Quellen sind kaum auszuschöpfen.

Ja, es ist alles fast so wie im echten Leben. Aber eben nur fast. Alles geht ein bisschen schneller, alles ist ein bisschen emotionaler, so dass es sich gut mitfiebern lässt. Das Leben wie es sein sollte oder besser nicht? Bis jetzt scheint es trotz der anhaltenden Kritik für die Sender nur positive Rückmeldungen zu geben: Man bleibt im Gespräch und fährt gute Zahlen ein. Am Ende ist es immer der Zuschauer selbst, der entscheidet, ob er zusehen will oder nicht – denn zumindest in der tatsächlichen Realität sind wir es, die mit der Fernbedienung die Fäden in der Hand halten.

 

Fotos:

Imgur: Real Lies

Flickr.com/Nationaal Archief: TV stoffen met plumeau

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