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Verführerisch einfach und ein bisschen ‚evil‘

von Jelena Hauß

Eine Veränderung und zwei Sichtweisen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: „Datenschutz bleibt höchste Priorität“, sagt Google.Google will User komplett überwachen“, schreibt Andreas Müller auf netzpolitik.org. Der Internetkonzern ändert zum 1. März 2012 die Geschäftsbedingungen für alle seine Dienste und wird hierbei erwartungsgemäß von der Netzpolitik-Community genau beobachtet. Doch auch für nicht interessierte Mediennutzer sind die Veränderungen relevant, ist es doch heute kaum möglich, sich ohne Google im Netz zu bewegen. Welche Inhalte und welche Vor- und Nachteile diese neuen Geschäftsbedingungen mit sich bringen, soll der folgende Überblick klären.

Einfacher ist besser!

In diesen Tagen „bewirbt“ Google massiv die neue Geschäftsgrundlage: Auf jeder Suchmaschinenseite und bei allen anderen Diensten finden sich Hinweise, Gmail-Nutzer bekamen sogar eine der seltenen Mails direkt vom Konzern. Wer angebotenen Link folgt, um „Mehr erfahren“ zu können, findet in ansprechendem Look die wichtigsten Argumente (und Neuerungen) für die geänderte Geschäftsgrundlage: „Die mehr als 60 verschiedenen Datenschutzbestimmungen für die unterschiedlichen Google-Produkte werden durch eine zentrale, kompaktere und verständlichere Version ersetzt. Wir möchten Ihnen eine unkomplizierte und intuitive Nutzung der Google-Produkte bieten“, liest man dort. Auch eines seiner charmanten Videos bietet der Konzern zur Erklärung an. In dessen zweiter Hälfte wird klar, welches Interesse vermutlich im Mittelpunkt der Neuerungen steht: Es werden die Nutzerdaten einzelner (eingeloggter) Personen über alle Dienste hinweg gebündelt, unabhängig davon, welches Endgerät genutzt wird. Genau diese Tatsache erklärt die harsche Kritik von netzpolitik.org oder auch einen Tweet, in dem es heißt: „‘Be Evil‘ is a simplified and easier to understand version of ‚Don’t be Evil‘“.

Ist einfacher besser?

Ein wichtiges deutsches Onlinemedium schlägt jedoch zunächst andere Töne an: „[U]nbestreitbar Vorteile“ sieht heise online in den neuen Geschäftsbedingungen, böten diese tatsächlich alle Informationen gebündelt an einem Ort, zudem seien diese einfacher zu verstehen als bisher. Golem.de betont zudem, dass viele Dienste weiterhin ohne Anmeldung genutzt werden können, wie etwa die Suchmaschine oder das Kartenmaterial, und, dass personenbezogene Daten nicht an Dritte weitergegeben werden. Die aus der Datenverknüpfung entstehenden Angebote können für den Einzelnen tatsächlich einen Mehrwert bieten – gerade für jene, die sich um die Privatheit ihrer Daten nicht sorgen. Denn: je mehr Google über den Einzelnen weiß, desto passgenauer können Routineaufgaben unterstützt oder passgenaue Angebote offeriert werden.

Jedoch mehren sich im Netz vor allem kritische Stimmen: Zunächst stehen Befürchtungen im Raum, die stets im selben Atemzug wie die Idee der Personalisierung genannt werden; die Filter Bubble kann hier wohl als bekannteste Kritik des vergangenen Jahres genannt werden. Abseits dieser Gefahr der Hoheit über Wirklichkeitskonstruktionen drohen jedoch viel größere Gefahren, im Extremfall sogar Lebensgefahr, wie Zeit Online thematisiert: Im Netzwerk Google+ müssen sich Nutzer mit Klarnamen anmelden. Durch die Protokollierung von Nutzerverhalten und Aufenthaltsorten über alle Dienste hinweg können so beispielsweise Dissidenten in totalitären Staaten in ernsthafte Schwierigkeiten bekommen, wenn ihre Daten in falsche Hände geraten.

Juristisch alles andere als eindeutig

Eine interessante Analyse aus juristischer Sicht bietet Thomas Stadler vom Blog Internet Law. Er belegt auf Basis der Texte von Google, dass das Unternehmen tatsächlich sicherstellt, dass das Nutzerverhalten umfassend protokolliert werden darf. Gleichzeitig zweifelt er jedoch einzelne Passagen an, die im Konflikt zum deutschen Telemediengesetz (TMG) stehen könnten. Schließlich verweist er auf ein grundsätzliches Problem, das so etwa auch für Facebook gilt: „Die Datenverarbeitungsprozesse die bei einem Unternehmen wie Google anfallen, das verschiedenste Services (Suchmaschine, soziales Netzwerk, E-Mail-Dienst, Werbeplattform, Statistik-Tools etc.) anbietet, lassen sich über das Prinzip der informierten Einwilligung nicht mehr abbilden, weil dafür das Informationsdefizit des Nutzers gegenüber dem Anbieter zu groß ist.“ Derweil haben die Datenschutzbeauftragten der EU noch kein abschließendes Urteil gefällt. Sie baten gar Google um Aufschub der Einführungsfrist, um die neue Geschäftsgrundlage eingehend prüfen zu können – wozu das Unternehmen jedoch keinen Anlass sieht. Es bleibt zu hoffen, dass die Brüsseler Experten ebenso wie Thomas Stadler genau hinschauen und handeln – wobei er selbst in seinem oben zitierten Artikel Zweifel über das tatsächliche Eingreifen der EU äußert.

Nutzerdaten als Wettbewerbsvorteil

Ein anderer Blogger nennt die Neuerungen einen „Paukenschlag“, mit dem Google frühere Prinzipien über Bord wirft: Habe man sich zu anderen gegen Zeiten die nun kritisierte Verknüpfung ausgesprochen, beschreite Google jetzt neue Pfade. Zeit Online gibt einen Einblick, warum dieser Richtungswechsel notwendig wurde: Es könnte dem Hauptgeschäft des Konzerns, den Anzeigen, neuen Aufwind geben und höhere Preise für Werbeflächen rechtfertigen. Und so sind die neuen Geschäftsbedingungen auch ein Indikator für das Internet zu Beginn des Jahres 2012: Dort wird der Kampf um Nutzer, ihre Daten und damit zusammenhängende Verdienstchancen immer entschlossener geführt. So bringt Google sein Netzwerk „+“, den wohl einzigen ernst zu nehmenden Konkurrenten zum Giganten Facebook, auch durch die neuen Geschäftsbedingungen in eine bessere Position.

Der Onlineprotest gegen SOPA und ACTA in den vergangenen Wochen hat gezeigt, dass sich im Web tatsächlich auch Bewegungen hinsichtlich netzpolitischer Themen bilden können. Es bleibt zu hoffen, dass die Nutzer auch zunehmend für das Gebaren Googles sensibilisiert werden und so Veränderungen erwirken können. So lange gibt es für die Nutzer jedoch nur zwei Möglichkeiten: Akzeptieren, was da kommen möge – oder sich abmelden vor dem 1. März.

 

Foto: flickr/surrealpenguin (CC BY-SA 2.0)

Neues Traumpaar? Internet und Politik.

von Sanja Döttling

Eine belastete Beziehung, die zwischen der Politik und dem Internet. Gerade auch in Deutschland. Nach dem Einzug der Piraten in das Berliner Abgeordnetenhaus entdeckt selbst die Bundesregierung das Internet für sich. In den USA ist man da weiter: Beim Wahlkampf zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten in Amerika macht sich unter anderem Facebook als Wahl-sager einen Namen und gibt Prognosen über den Sieger ab.

Internet und Politik 

Manchmal ist es ein Kampf, die Hass-Liebe zwischen Internet und Politik(ern). ‚Dieses Internet‘ wurde von der Politik in Deutschland lange ignoriert – und wir ignorierten mit. In unserem Facebook-Stream bewundern wir lieber die neue Spraydosen-Wandbemalung in einer befreundeten Studenten-WG. Oder gucken uns bei GMX die Bilderstrecke zum Thema Angeschwemmte Monstertiere an. Politik findet man da nur zwischen den Zeilen (oder wenn man es darauf anlegt). Das ist auch die Schuld der Politik, die sich im Internet eher bedeckt hielt. Bis jetzt.

Bundesregierung und Bürger – Kuscheln im Inter-Bett?

Aber sie bemüht sich, die Politik, auch im Internet präsent zu werden. Unsere Bundesrgierung hat sogar einen eigenen Kanal auf youtube. Sie haben fast 5.000 Abonennten. Die Jungs, die die Gotye-Parodie drehten, haben fast 400.000. Jetzt geht sogar die Kanzlerin in die offensive und fordert die Bürger auf, Ideen für das leben in Deutschland in den nächsten Jahren beizusteuern. Dabei sollen diese Fragen beantwortet werden: „Wie wollen wir zusammenleben? Wovon wollen wir leben? Wie wollen wir lernen?“.

Dialog über Deutschland“ – so heißt die neue Internetkampagne. Das Ganze läuft ähnlich ab wie schon die Internet-Aktion „Fragen an die Kanzlerin“. Der Unterschied: Die Alliteration. Und: Während die Fragen an die Kanzlerin nur auf youtube von derselben beantwortet wurden, werden nun die Autoren der zehn am besten bewerteten Fragen des „Dialogs“ zu einem ganz realen Bürgergespräch nach Berlin eingeladen.

Somit hat das Dialog-Konzept größere Interaktionsmöglichkeiten als noch die Fragestunde (denn bei den youtube-Videos war sogar die Kommentarfunktion deaktiviert). Und trotzdem wirkt der Versuch einer „direkten“ Demokratie im Internet geradezu hilflos. Vor allem, weil politisch Interessierte und Internet-User sich kaum aus dem gleichen Klientel aufstellen, was die Abstimmungszahlen implizieren: Mit 14.000 Stimmen dafür, offen über den Islam zu diskutieren, liegt eine Forderung an der Spitze, die genauso unkonkret ist wie die Politik selbst. Auf Platz zwei und drei: ACTA-Stoppen und Cannabis legalisieren. Wer will, kann selbst noch bis zum 15. April abstimmen. Oder aber die Bildstrecke über Monstertiere auf GMX anschauen.

Ach ja: Auch Amerika.

Wie es anders gehen kann (und vielleicht sogar muss) zeigt sich in den USA: Im Präsidentschaftswahlkampf in den USA wird verstärkt auf das Internet als Helfer/Waffe gesetzt. So hat Barack Obamas Facebook-Seite inzwischen 25 Millionen Freunde und das Internet hatte 2008 einen großen Anteil an seinem Wahlerfolg. Auch jetzt ist er im Internet noch aktiv. Zahlreiche Gruppen machen sich auch in diesem Wahljahr für und gegen den Noch-Präsidenten stark: „I hate it when I wake up in the morning and Barack Obama is President.“ heißt eine charmante Seite. Eine andere nennt sich „Students for Obama“ und macht sich für dessen Wiederwahl stark.

In welche Richtung entwickelt sich die Symbiose Politik und Internet?

Auch Twitter ist aktiv. Die Twitter-Gemeinde nahm ein einziges Schlagwort aus der Rede des republikanischen Newt Gingrich (seine „grandiosen Ideen„) und der tag #grandiosenewt wurde schnell zum Hit. Überhaupt scheint das Internet in den meisten Fällen der Verleumdung von Kandidaten zu dienen, nicht etwa der Verbreitung tatsächlichen politischen Inhalts (media-bubble  berichtete). Doch laut der New York Times ist twitter dazu in der Lage, aktiveren Kontakt mit dem Bürgern zu halten und schneller auf Stimmungen zu reagieren. (Die Auswertung der twitter-Meldungen zur Prognose von Wahlergebnissen schlug aber fehl.)

Weiter ging das Magazin Politico in Kooperation mit Facebook: Sie werteten Statusmeldungen und Verlinkungen auf den Seiten von US-Bürgern aus, um ein Stimmungsbild von den republikanischen Kandidaten zu generieren. Bei all dem Geschrei um Datenschutz ist das fast schon untergegangen; es ist das eine, wenn Politiker online Kampagnen schalten. Aber doch etwas ganz anderes, wenn Facebook ungefragt unter seinen Nutzern herumfragt.

Der Internetauftritt der Tagesschau argumentiert, dass das Internet in diesem Wahlkampf ein wichtiger Faktor ist und wahlentscheidend sein kann. Das könnte für ein Land wie Amerika sogar gelten. Der deutschen Politik fehlt allerdings merklich das Interesse der internetaffinen Bevölkerung.

 

Foto: flickr/See-ming Lee 李思明 SML (CC BY-SA 2.0)

Wenn Schimpansen unsere Flugzeuge fliegen…

von Sebastian Seefeldt

Eine Welt ohne Facebook, Myspace, Blogs, Youtube, Filehostern, Bildhostern oder kurz gesagt: Eine Welt in der wir unsere eigene Meinung nicht mehr verbreiten dürfen – Dank vier kleinen Buchstaben könnten einige Konzerne bald in der Lage sein das gesamte Internet zu zensieren.
Was sich zuerst anhört wie eine schlechte Nachahmung von George Orwells 1984 könnte bald traurige Realität werden. Dank Menschen, die sich so vor einer Tastatur ähnlich verhalten wie ein Schimpanse im Cockpit einer Boeing – also kein Wissen von der Materie haben – könnte bald ein Gesetzesvorschlag mit weitreichenden Folgen verabschiedet werden. Folgen die nicht nur die US Bürger betreffen, sondern Folgen die sich auf den gesamten Globus ausbreiten könnten. Doch wovon rede ich hier eigentlich?

Schwerstverbrecher: Justin Bieber

Wäre der Gesetzesentwurf bereits in Kraft gewesen als ein gewisser Blondschopf seine Musikkarriere auf Youtube

Justin Bieber wurde durch YouTube berühmt

startete, wäre er wohl mehrere Jahre für Urheberrechtsverletzung ins Gefängnis gewandert. Nein, diese Aussage ist falsch, ein Portal wie Youtube wäre unter solchen Bedingungen niemals entstanden. Ob man nun die Vorstellung, Justin Bieber hinter Gittern zu sehen, befriedigend findet oder nicht, Fakt ist: Wir alle nutzen Youtube und wären somit alle von dessen Verschwinden betroffen. Verantwortlich dafür sind zwei Gesetzesentwürfe, zum einen der Stop Online Piracy Act (SOPA), zum anderen der Protect IP Act (PIPA).  The Guardian hat die SOPA-Problematik knapp zusammengefasst und verschafft einen guten ersten Überblick. Doch wieso hält die US-Regierung diese beiden Gesetze überhaupt für nötig?

Zur Zeit regelt der Digital Millennium Copyright Act das Urheberrecht in den USA. Kurz zusammengefasst: Ein Provider (z.B. Youtube) ist nicht für den Inhalt der von Usern auf die Plattform online gestellt wird verantwortlich. Allerdings muss er dafür sorgen, dass Material welches das Urheberrecht verletzt, auf Verlangen des Rechteinhabers entfernt wird. Der Musik- und Filmindustrie ist das aber nicht genug, sie fordern, dass auch alle die dem Täter direkt oder indirekt Helfen bestraft werden müssten. Genau hier beginnt das Dilemma. „Die Entwürfe würden es Firmen ermöglichen, in den USA den Zugang zu ausländischen Websites zu sperren. Wenn Inhaber von Urheberrechten der Meinung sind, dass eine Seite gegen ihre Interessen verstößt, könnten sie, wird das Gesetz verabschiedet, eine sogenannte Court Order beantragen, eine richterliche Verfügung. Ist diese erlassen, müssten Werbefirmen, die Anzeigen auf der Seite schalten, das unterlassen. Auch Geldtransferdienste wie Paypal müssten sich dann von der beanstandeten Seite zurückziehen. Der Betreiber würde somit finanziell ausgehungert, seine Geschäftsgrundlage zerstört“, wie die Zeit berichtete. Dem nicht genug: die Konzerne hätten die Möglichkeit per DNS-Blocking ganze Webseiten unerreichbar zu machen. Dieses Video fasst die gesamte Problematik sehr treffend zusammen. Alle Portale, auf denen potentiell Urheberechtverletzungen satt zu finden sind – sei es nun Youtube, Facebook, Twitter oder ähnliche Dienste – laufen Gefahr über Nacht abgeschaltet zu werden. Beachtet man nun die Tatsache, dass jede Firma, die auch nur eine einzige Filiale in den USA betreibt, dem US Recht unterworfen ist, wird klar, dass auch wir in Deutschland schnell von der neuen Rechtsprechung betroffen wären (nicht dass der Verlust von sozialen Netzwerken schon genug wäre). Selbst Konzerne wie die deutsche Telekom müssten sich also auch dem neuen Recht beugen. Wieso sollte man also überhaupt SOPA befürworten?

„Es ist alles eine Frage der Grenzen“

Aktuell gibt es 142 öffentliche SOPA Befürworter, darunter vor allem große Medienkonzerne, wie z.B. die Motion Picture Association of America (MPAA) und National Cable & Telecommunications Association (NCTA). Neben den offensichtlichen Argumenten der Medienbranche gibt es aber auch noch wirklich „gute“ Gründe die für SOPA sprechen. Wenn es möglich ist, eine Internetseite eins zu eins zu kopieren und die Kunden so zu täuschen und ihnen Plagiate zu verkaufen, dann muss es eine Möglichkeit geben, dagegen vorzugehen und die aktuelle Rechtsfassung beinhaltet kein anwendbares Gesetz. Es wird also eine Möglichkeit  benötigt Plagiate zu stoppen. Die Diskussion sollte also nicht lauten ob wir SOPA brauchen oder nicht, sondern: Wie weit sollte SOPA gehen? Genau dieses Thema behandelt der Netcast von twit.tv.

„All Your Internets Belong to US“

Dieses mehr als passende Wortspiel stammt von dem Blogger Michael Geist der in seinem Beitrag sehr schön die Effekte von SOPA auf Kanada aufzeigt. Seine Folgerungen  können äquivalent für Europa übernommen werden, passend hierzu dieser Artikel von Netzpolitik.org. Der Widerstand gegen SOPA ist groß, sowohl von Konzernen und Organisationen wie Google, EFF und EU einerseits, andererseits von Netzbürgern selbst. So rufen beispielweise Wikipedia  und Anonymous zum Widerstand auf. Hauptgründe sind meistens das Recht auf freie Meinung und der Vorwurf Amerika würde sich die Mechaniken von Unterdrückerregimen aneignen und der Vorwurf des puren Lobbyismus.
Während die SOPA Anhänger auch in ihrem neuen Antrag OPEN (Online Protection and Enforcement Act) keine wirklichen Eingeständnisse machen, findet die Netzgemeinde bereits Wege die Zensur zu umgehen. Die Proteste zeigen Erfolg, so ziehen sich immer mehr öffentlich Befürworter zurück, so auch die nach eigenen Angaben größte Domain-Registrar weltweit Go Daddy. So offen der Ausgang des Disputs auch sein mag – so brisant wie im Jahr 2012 war die Debatte um die Freiheit im Internet wohl noch nie.

Foto: flickr/iloveJB123 (CC BY 2.0), flickr/Jed Hastwell (CC BY-SA 2.0)

Online-Piraten im Visier

von Sandra Fuhrmann

Online-Piraten geraten immer mehr ins Visier der Ermittler. Nachdem die deutsche Kriminalpolizei im letzten Jahr kino.to vom Stecker nahm, soll es jetzt auch dem Nachfolger kinox.to an den Kragen gehen. Die USA aber gehen noch einen Schritt weiter: Mit einem neuen Gesetzesvorhaben könnte auch YouTube illegal werden.

Mission Internet

Jeder der dieser Tage versucht, die Seite http://tvshack.net/ aufzurufen, wird auf ein interessantes Beispiel für die Bemühungen der USA im  Kampf gegen Online-Piraterie stoßen. Vorzufinden ist auf der Seite nicht, wie vielleicht erwartet, eine Liste mit Verlinkungen zu anderen Seiten, deren Inhalt aus nicht lizensierten Streams von Filmen und Fernsehshows besteht. Stattdessen stößt der Besucher auf eine eindrucksvolle Anzeige, die auf die Beschlagnahmung der ursprünglichen Seite und diverse Strafen hinweist, die Verstöße gegen das Copyright zur Folge haben – gekrönt ist dieser Hinweis von drei offiziellen Wappen der US-Regierung.
Richard O’Dwyer hätte wohl nie damit gerechnet, dass sein Angebot jemals der Grund für solche Furore sein wird. Seit Mai 2011 läuft ein Verfahren wegen krimineller Urheberrechtsverletzung gegen den 23-jährigen Studenten aus Großbritannien.  Die ICE (Immigration and Customs Enforcement) fordert die Auslieferung des jungen Briten an die USA, um den Fall vor einem dortigen Gericht verhandeln zu können.  O‘Dwyers Anwalt argumentiert, dass sich der Server, von dem aus die Seite betrieben wurde, nicht in den USA befand und die Angelegenheit somit unter britisches Recht fällt. Die ICE jedoch erhebt Anspruch auf alle Angebote, die von einer .net- oder .com-Domain aus betrieben werden. Die für diese Domains zuständige Firma hat ihren Sitz in Virginia und damit auf US-amerikanischem Boden. Eine Lösung des Streits steht somit weiterhin aus.

Kriminell aber so nützlich

Sind wir bald alle Piraten?

Klickt man auf den Warnhinweis auf der beschlagnahmten Seite wird man zu einem Video weitergeleitet, das noch einmal die Schwere des Vergehens „Online-Piraterie“ verdeutlichen soll. Dieses Video steht auf einer Seite von YouTube.  Beschäftigt man sich nun mit der geplanten Erweiterung des Gesetzes, das zu O’Dwyers Anklage führte, muss man sich fragen, wo die US-Regierung ihre Videos wohl in Zukunft einstellen will, sollte das neue Gesetz tatsächlich in Kraft treten.
Denn: Mit dem SOPA (Stop Online Piracy Act) nämlich soll zukünftig all jenen die Suppe versalzen werden, deren Seiten das Ziel haben, US-Eigentum zu stehlen und auch solche, die gegen das geltende US-Recht verstoßen, Verstöße erleichtern oder diese nicht verhindern. Dazu gehören dementsprechend auch Facebook, Twitter, Google und YouTube. Tausendfach werden beispielsweise auf YouTube urheberrechtlich geschützte Songs und Videos eingestellt, die sich dann über Facebook und Twitter verbreiten. Es wären genau genommen Seiten weltweit, die von diesem Gesetzt betroffen wären – es wäre das gesamte Internet.

Protest auch aus den eigenen Reihen

Dass die US-Regierung mit dem SOPA eine Grenze überschreitet, darüber sind sich die meisten einig. Der Journalist und Medienexperte Felix Salmon stellt in seinem Blog die Frage, ob es unter den gewöhnlichen Internetusern überhaupt Befürworter des Gesetzes gibt. Sogar unter US-Abgeordneten regt sich mehr und mehr Protest gegen den Entwurf. In einem Brief verschiedener Kongressmitglieder an die Vorsitzenden des Komitees werden die Argumente erläutert, die gegen die Verabschiedung des Gesetzes sprechen.
Kritikpunkte gibt es viele. Zum einen ist es die angeblich schlechte und vage Formulierung in der Vorlage. So wird viel Raum für Interpretation und Willkür geschaffen. Und wem soll das Gesetz nun überhaupt nützen? Die gewöhnlichen User sind es offenbar nicht. Ein Vorwurf lautet, dass die Politik sich von Lobbygruppen wie der Film- und Musikindustrie beeinflussen lasse, da diese die Politiker mit Geld für ihre Wahlkämpfe versorge.
Es ist in der Tat eine feine Suppe, die uns die US-Regierung da eingebrockt hat. Auch Online-Innovationen werden durch das geplante Gesetz blockiert. Gerade kleine Firmen und Start-Ups haben oft nicht genug Geld für Überwachungsstrukturen und zur Abwehr von Klagen. Hätte es das Gesetz schon im Jahr 2005 gegeben, wäre beispielsweise YouTube niemals entstanden.

Mit dem SOPA muss sich die USA nun wohl selbst an die Nase fassen. Ganz gemäß ihrem selbst geschneiderten Ruf haben die USA in der Vergangenheit wiederholt andere Länder, wie China, auf das Recht zur freien Meinungsäußerung hingewiesen. Mit dem neuen Gesetzt jedoch würden Access und Service Provider dazu gezwungen Inhalte zu überwachen und zu sperren, um Verstößen aus dem Weg gehen zu können. Eine Maßnahme deren Auswirkungen sich gerade in China bereits beobachten lassen.

Am Pranger – doch zumindest nicht allein

Das Internet ist ein „dunkler Ort“, der „Urheberrechtsverletzungen geradezu fördert“. Zu diesem Schluss kam offenbar auch die Europäische Kommission. Denn nicht nur die US-Regierung kann wegen ihres Gesetzesentwurfs an den Pranger öffentlicher Beschimpfung gestellt werden. Längst gibt es in Europa einen ähnlichen Gesetzesentwurf, gegen den sich ähnlicher Protest regt. Das ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement) wird bereits seit gut zwei Jahren im Stillen verhandelt. Unter den 39 teilnehmenden Staaten befinden sich neben den EU-Ländern auch die USA. Beschlossen wurde der Beitritt vom EU-Rat während einer Sitzung des Fischereiausschusses. Die Angst vor dem großen Dunkel und schneller Handlungsbedarf scheinen entsprechend groß zu sein.

Außergewöhnliche Umstände

Vielleicht ist die Frage ja gar nicht die, ob es eine Regelung geben muss, sondern mehr die, wie eine solche Regelung aussehen und wie sie umgesetzt werden soll. Dass das Internet ein außergewöhnlicher Raum ist, der auch außergewöhnliche Maßnahmen erfordert, wird wohl kaum jemand bestreiten. Doch bedeutet das nicht, dass es eventuell unangemessen ist, hier gewöhnliche Gesetze zum Einsatz zu bringen? Einen interessanten Anstoß dazu liefert die Quadrature de Net. Wenn in unserer modernen Zeit jeder Weltweit Zugriff auf im Internet verbreitete Kultur und andere Informationen hat, wie sinnvoll ist es dann eine alte Idee darauf  anzuwenden, die für jeden Akt eine ausdrückliche Genehmigung einfordern möchte?

Foto: flickr/~dolldreamer~ (CC BY-NC-SA 2.0)

Amerika wählt – zwischen YouTube-Videos und Analsex

von Sanja Döttling

Wollte man früher Leute –  sagen wir,  Politiker –  öffentlich beleidigen, erforderte das großen Aufwand und viel Planung.
Man musste zu einer Veranstaltung gehen. Man musste Tomaten mitnehmen. Gut zielen können. Und schnell wegrennen. Das Internet aber entwickelt ganz neue Formen und Möglichkeiten, andere zu diffamieren. Und beim Kampf um das Präsidentenamt in Amerika bietet die Gelegenheit, virtuelle Tomaten zu werfen. Und zwar richtig große.
Der Startschuss zum Run auf den auf das höchste Amt in den Vereinigten Staaten ist gefallen. Während die Demokraten Barack Obama zur Wiederwahl aufstellten, haben die Republikaner im Moment noch sechs Kandidaten im Rennen. Sechs Kandidaten, die nicht nur Obama als Feind sehen, sondern auch die anderen fünf. Und dieser Kampf wird medial ausgetragen.

Jeder gegen Jeden

Bis zu den Präsidentschaftswahlen am 6. November 2012 herrscht politische Kriegsstimmung in Amerika. Die Betonung im Wort Wahlkampf liegt klar auf der zweiten Silbe. Dabei wettern nicht nur die Republikaner gegen Obama (auch ein alter Hut, inzwischen. Schon McCain stetzte Anruf-Roboter ein, die Obama als Terroristenfreund bezeichneten), sondern lassen auch untereinander kein gutes Haar aneinander.
So wird etwa Mitt Romney, der in Vorwahlen aktuell führt, als Jobzerstörer oder Schwuler betitelt. Seine vermeintliche Homosexualität – logischerweise in konservativen Kreisen eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung – wird im Brokeback Mountain-Stil hochgekocht. Lustig ist das keinesfalls.

Hinter dem Video, das Romney als miesen Kapitalisten zeichnet, steht ein sogenannter „Super PAC“. Diese „Gruppen“ haben das Ziel, andere Kandidaten zu diffamieren – und den eigenen in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Sie agieren im Schatten des eigentlichen Kandidaten und können aus den Vollen schöpfen: Denn die Super-PACs dürfen für ihren favorisierten Kandidaten so viel Geld bereitstellen, wie ihre Taschen hergeben. Und die sind meistens ziemlich, ziemlich groß.

Google Bombe: Santorum und Analsex

Doch es geht noch schlimmer: Mit der Google-Bombe. Sie nutzt den Google-Algorithmus, um durch das gezielte Verlinken einer Webseite mit einem Text Leute oder Unternehmen zu diffamieren.
Rick Santorum, ebenfalls Präsidentschaftskandidat, ist einer der Attackierten (Handelsblatt und Süddeutsche berichteten) – allerdings zu recht.
Bekannt wurde der erzkonservative Kandidat mit locker-leichten, weltumarmenden Aussagen wie: Eine schwule Ehe sei nichts anderes als wenn „ein Mann mit einem Kind, ein Mann mit einem Hund, oder so etwas in der Art“ sexuell aktiv werden würde (das sagte er 2003). Außerdem zitierte er einen zwielichtigen, unbekannten Experten mit den Worten: „Er fand heraus, dass Väter im Gefängnis, die ihr Kind verlassen hatten, immer noch besser sind als überhaupt keinen Vater im Leben eines Kindes zu haben“ und bezog sich dabei auf Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen.

Da ist wirklich das Gemüse zu schade für, dachte wohl auch der Schwulenaktivist Dan Savage. Seit 2003 arbeitet er an der Santorums-Google-Bombe, die bis heute intakt ist: Wer bei Google „Rick Santorum“ eingibt, erhält unter den ersten Treffern auch diesen. Nachdem santorum als „forthy mixture of lube and fecal matter that is sometimes the by-product of anal sex“ definiert wurde, gelangt man auf Savage’s Blog. Der hat die einfache Aufgabe, all den verbalen Müll zu sammeln, den Santorum in den Medien hinterlässt.
Solche politischen Spielchen gibt es übrigens auch in Deutschland, wenn auch harmloser: So hörte Angela Merkels Webpräsenz eine Zeit lang auf den Namen „Experiment Kohlkopf“ und die SPD fand man, indem man die „Verräter Partei“ suchte.

Schönes, neues demokratisches Google

Urs Hölzle, Mitarbeiter von Google, erwiderte 2004 auf die Frage, was man gegen das „Google-Bombing“ unternehme, übrigens folgendes: „Nichts. Das ist ein Zeichen, wie demokratisch das Internet ist. Wenn genügend Leute ihre Webseiten entsprechend verlinken, kann es so herauskommen.“
Naja. Okay, schöne Neue Welt: Inzwischen lässt Google die Bomben dann doch entschärfen.

Teaser-Foto: YouTube

Der digitale Lehrer – YouTube und Co. als Lernplattformen

von Iris Hofmann

„Es ist des Lernens kein Ende.“ (Robert Schumann, deutscher Komponist (1810-56))

Gerade in unserer heutigen Informationsgesellschaft ist klar: Man lernt nie aus, dem Erwerb von Wissen sind keine Grenzen gesetzt. Dazu tragen Technologien wie das Internet bei. Auf unzähligen Websites kann man sich informieren. Ob man nun Informationen zu Themen wie Geschichte und Medizin sucht, sich über Neuigkeiten aus der ganzen Welt informieren will oder einfach nur ein neues Kuchenrezept ausfindig machen will – fast jedes nur denkbare Thema ist im Internet bereits vertreten.

Aber nicht ausschließlich Texte können uns im Internet informieren. Auch Portale wie YouTube, MyVideo oder Clipfish, die für Unterhaltung bekannt sind, bieten eine riesige Auswahlmöglichkeit, durch die man sich neues Wissen aneignen kann.

Lern- & Informationsangebote im Videoformat

Singen, Stricken, Golfspielen oder Arabisch lernen sind nur einige wenige Beispiele von Videoergebnissen, sucht man in YouTube nach dem Schlagwort „Lernen“. Zu allen möglichen Themen sind Videos vertreten. Derzeit besonders beliebt sind Videos, in denen schulische Themen erklärt werden. Bekanntes Beispiel hierfür ist Salman Khan. Khan, von Beruf ursprünglich Hedgefond-Analyst, beginnt seine YouTube-Karriere 2006 damit, Mathematik-Lehrvideos auf YouTube zu stellen. Dadurch möchte er die Nachhilfe, die er bisher seiner Cousine gegeben hat, für die weiteren Familienmitglieder ebenfalls zugänglich machen und ihnen die Möglichkeit geben, die Lektionen wann und so oft sie wollen abzurufen. Seine Videos helfen schließlich aber nicht nur der Familie. Er bekommt viele positive Kommentare und immer mehr Klicks.

Khan gründet ein Lernportal, das immer weiter wie ein soziales Netzwerk ausgebaut wird und nennt es „Khan-Academy“. Nutzer können sich ein Profil anlegen und ihren Erfolg in der Bearbeitung von Aufgaben verfolgen. Inzwischen hat Khan eine Vielzahl an Videos aus den Bereichen Physik, Chemie, Wirtschaft, Geschichte, Biologie und Computerwissenschaften ins Netz gestellt.

Selbst Hochschulen können das Internet nutzen, um ihren Studenten mehr Komfort zu bieten. Zum Beispiel besitzt die Universität Berkeley in den USA einen eigenen YouTube-Channel, über den Studierende Lektionen abrufen und dadurch wiederholen und lernen können.

Jedoch nicht nur Themen, die schulische oder universitäre Bildung betreffen, sind vertreten. Man findet ebenso unzählige Videos zum Lernen von Instrumenten, in denen beispielsweise Gitarrengriffe gezeigt werden, sowie Videos, mit denen man backen und kochen lernen kann. Selbst Videos, die Schmink- und Stylingtipps vermitteln, kommen nicht zu kurz.

YouTube und Co. als Lernportale?

Bieten Videoplattformen im Internet nun wirklich die Möglichkeit zu grenzenlosem Lernen? Es sind unvorstellbare Mengen an Themen vorhanden und obwohl sich die Zahl der Videos und die damit angesprochenen Themenfelder stetig vermehren, ist nicht jedes Thema und jedes Detail als Video zu finden. Meistens sind die Themen sehr gut erklärt und

Auch Stricken kann man online lernen

durch das Videoformat auch bildlich veranschaulicht. Zudem kann man davon ausgehen, dass eine Person, die sich ein Lernvideo absichtlich anschaut, dadurch auch ein sehr hohes Lernpotenzial hat. Das Medium des Videos liegt besonders nahe an der alltäglichen Wahrnehmung des Menschen, denn im Gegensatz zu statischen Bildern muss der Betrachter nicht erst eine Verbindung zwischen den einzelnen Bildern herstellen. Videos können komplexe Sachverhalte darstellen und damit die Informationsverarbeitung des Nutzers effektiver gestalten (Stephan, 2008). Wendet man Lernvideos beispielsweise an, um schwierige Themen zu wiederholen, ist die Chance für ein besseres Verständnis der Thematik hoch, da man sich noch einmal damit auseinandersetzt und dadurch seine Leistung entweder verbessern oder aufrecht erhalten kann (Hager & Hasselmann, 2000). Bekommt man, wie bei der Universität Berkeley, die Möglichkeit, im Internet eine Vorlesung virtuell zu besuchen, hat man die freie Wahl, entweder die ganze Vorlesung zu wiederholen oder nur Teile davon zu vertiefen. Hat ein Student die Vorlesung verpasst, kann er sie ganz leicht im YouTube-Channel nachholen.

Auf der anderen Seite bieten Massenmedien im Gegensatz zu einer Face-to-Face Situation nicht die Möglichkeit, bestimmte Dinge zu hinterfragen und dadurch bestimmte Aspekte detaillierter zu erfahren. Aus einem Video im Internet kann der Nutzer ausschließlich die Information entnehmen, die im Video angesprochen wird. Außerdem bietet das Onlineangebot meist für „digital immigrants“, das heißt die Generation, die nicht bereits mit dem Internet aufgewachsen ist und sich erst darin einfinden muss, Schwierigkeiten. „Digital immigrants“ sind im Gegensatz zu „digital natives“ (Unterscheidung nach Marc Prenzky) noch nicht so sehr an das Internet und dessen Methoden gewöhnt oder bevorzugen schlichtweg die Methoden, die sie auch vor dem Durchbruch des Internets genutzt haben.

 

Foto: Screenshot eliZZZa13/Stricken lernen 1 – Maschenanschlag (20.12.2011)