Beiträge

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Bike Bridge – eine Audioslideshow

In einer Zeit, in denen uns Medienangebote regelrecht überfluten, ist die Frage, wie man einen journalistischen Beitrag aufbereitet, ganz besonders wichtig. Denn nicht jedes Thema eignet sich für jedes Format. Wie lässt sich zum Beispiel ein Integrationsprojekt anschaulich porträtieren?

Souverän der Information – Professor Pörksen auf der re:publica 2014

von Sanja Döttling

Die re:publica ist eine deutsche Internetkonferenz rund um Social Media, Blogging und Digitale Gesellschaft. Dort hielt Professor Bernhard Pörksen, Leiter des Tübinger Instituts für Medienwissenschaften, einen Vortrag, über das Problem der Informationsüberflutung. Werden wir täglich mit zu vielen (digitalen) Informationen bombadiert? Pörksen stellte als Lösungsansatz seine Drei-Welten-Theorie vor. Im folgenden Video kann der Vortrag in ganzer Länge nachgehört werden.

 

 

 

Video: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Germany (CC BY-SA 3.0 DE)

 

Babybuch für media-bubble.de

von der Redaktion

Vor anderthalb Jahren ist unser Blog media-bubble.de zur Welt gekommen. Unser gemeinsames Baby hat in dieser Zeit schon viel erlebt, und wie alle stolzen Eltern haben wir seine Entwicklung in einem virtuellen Babybuch festgehalten.

Viel Spaß!

Kultur im Netz – Ein Spannungsfeld: Von Hobbytänzern, WoW und indischem Pop

von Stefan Reuter

Was haben zwei euphorisch tanzende junge Männer, das Online-Rollenspiel „World of Warcraft“ und ein indischer Popstar miteinander zu tun? Nicht viel könnte man auf den ersten Blick meinen. Doch der zweite Blick entführt in das Spannungsfeld der Kultur im Netz.

„Tunak Tunak Tun“

Zwei tanzende Männer mit freiem Oberkörper und bunten Badeshorts sind derzeit ein großer Hit auf YouTube. Sie tanzen – wenn man das so nennen möchte – zu dem Song „Tunak Tunak Tun“ des indischen Popsänger Daler Menhdi aus dem Jahr 1998. Den Song, den die beiden Männer in ihrem Video betanzen, ist auf verschiedenen Portalen im Netz zu finden und erfreut sich nicht nur in Indien großer Beliebtheit, denn der Song hat – trotz Sprachbarriere – definitiv Hitpotential.

Für die meisten Aufrufer aus dem westlichen Kulturkreis dürften aber auch der trashige Charme des Orginalvideos (es war das erste indische Musikvideo, das vor einem Bluescreen gedreht wurde) und vor allem die Choreografie die größten Spaßfaktoren ausmachen. Konsequenterweise verraten die Statistiken des Videos der beiden Jungs, dass viele Aufrufe aus Indien stammen, was vermuten lässt, dass die Menschen dort besonders daran interessiert sind, wie andere Kulturen auf ihre Popmusik reagieren.

Henry Jenkins und die „Convergence Culture“

Indische Musik mit westlichem Tanzstil – ein kultureller Zusammenstoß. Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins beschreibt in seinem Buch „Convergence Culture: Where Old and New Media Collide“ aus dem Jahr 2006 eine Vielzahl von Veränderungen, die die moderne Medienlandschaft maßgeblich prägen. Konvergenz bedeutet für ihn dabei vor allem, dass Inhalte heutzutage durch die unterschiedlichsten Medien wandern und dabei von verschiedenen Publika unterschiedlich aufgenommen werden – auch über Kulturkreise hinweg.

Die modernen Mediennutzer sind dabei für Jenkins nicht mehr rein passive Konsumenten, sondern machen sich Inhalte zu eigen und lassen ihrer eigenen Kreativität und Begeisterung freien Lauf, was sich natürlich sehr deutlich in Fan-Communities zeigt. Aber Konvergenz ist keine Einbahnstraße, auch die Produzenten von kommerziellen Kulturgütern bedienen sich fleißig am kulturenübergreifenden Buffet im Internet – so schnappten sich die Entwickler von World of Warcraft das Häppchen „Tunak Tunak Tun“.

Everybody Dance Now!

World of Warcraft (kurz: WoW) ist wohl das populärste aller Online-Rollenspiele, die gerne auch MMORPG für Massively Multiplayer Online Roleplaying Game genannt werden. WoW, dass 2005 in Europa startete und weltweit Millionen von Fans hat, erfuhr 2007 mit „The Burning Crusade“ seine erste große Erweiterung. Diese führte mit den Draenei eine neue Rasse ein, die von nun an den Spielern, neben den altbekannten Menschen, Zwergen, Orks und Co. als mögliche Alter Egos für die Abenteuer in der fiktiven Welt Azeroth zur Verfügung standen.

In nahezu allen MMORPGs können die Spieler neben der Kommunikation über Chats oder Headset auch per Tastendruck ihren Avatar eingebaute Animationen (sogenannte „Emotes“) ausführen lassen, um so nonverbal mit ihren Mitstreitern zu interagieren. Neben Gesten wie Verbeugungen, Drohgebärden oder Winken stehen meist auch Tänze zur Verfügung – beispielsweise um einen triumphalen Sieg über einen schweren Gegner gebührend zu feiern. Für WoW ließ sich der Entwickler Blizzard Entertainment dabei unter anderem von Michael Jackson, den Bee Gees oder MC Hammer inspirieren. Im Gegensatz zu diesen aus dem westlichen Kulturkreis übernommenen Tänzen wurde für die Draenei die Choreografie von Daler Mehndi ausgewählt. Damit sollte vielleicht die Exotik dieses Volkes inmitten von klassischen westlichen Fantasy-Figuren betont werden, vermutlich in Verbindung mit einem Gruß an die indischen Spieler.

In einer zunehmend konvergenten Medienumgebung ist es daher auch nicht verwunderlich, dass Mehndis Video wiederum mehrfach mit Hilfe von WoW-Aufnahmen nachgestellt wurde.

Kultur im Netz – Ein Spannungsfeld

Das Internet verbindet – auch die Kulturen. Die neue Artikelreihe „Kultur im Netz – Ein Spannungsfeld“ auf media-bubble.de wird sich mit weiteren kulturellen Phänomenen im Internet beschäftigen. Neben den neuen Interaktionsformen mit Medieninhaltenwird es auch darum gehen, wie schon länger gängige Kulturpraktiken online ausgeübt werden, wie sich Machtverhältnisse verlagern und welche Auswirkungen das Web 2.0 auf die Produktion von Kulturgütern hat. Wie hängen diese Entwicklungen zusammen? Und wo entstehen dabei Konflikte?

Nächste Woche geht es zunächst um einen Mann, der gerne Bikinis trägt. Und Barrack Obama.

Kultur im Netz – Ein Spannungsfeld: Ab jetzt jeden Freitag auf www.media-bubble.de

 

Foto: flickr/bravesheng (CC BY-NC-ND 2.0)

Kony 2012

von Sebastian Luther

Am 20. April 1889 wurde Adolf Hitler im österreichischen Braunau geboren. Die NGO „Invisible Children“ (IC) hat dieses Datum für eine Geburt der anderen Art gewählt: Am 20. April 2012 soll die ganze Menschheit auf das Konterfei Joseph Konys blicken. Es wird auf den Plakaten von „KONY 2012“ zu sehen sein, in einer Reihe mit Osama bin Laden und Adolf Hitler. Und auch Kony soll nach Jahrzehnten des Terrors endlich das Handwerk gelegt werden.

Das Sichtbare

Die bedeutungsschwangere Verbindung lässt einen kurz innehalten, ein Effekt in seiner Natur wahrscheinlich ebenso von den Initiatoren intendiert, wie die symbolträchtige Konnotation der Konterfeis auf den Plakaten. Hitler und bin Laden – Ikonen des Bösen, Schaubilder, auf die wir unsere Ängste und gleichzeitig unsere Aggressionen projizieren können und die uns daran erinnern, dass Übeltäter zur Strecke gebracht werden. So soll es zweifelsohne auch mit Kony passieren. Vor 25 Jahren gründete dieser seine Miliz, die „Lord’s Resistance Army“ (LRA). Seitdem terrorisiert sie die Grenzgebiete zwischen Uganda, Südsudan und der zentralafrikanischen Republik. Es ist ein gnadenloses, perfides Vorgehen: Kinder werden dazu gezwungen, ihre Eltern zu töten, die Jungen müssen als Kindersoldaten für Kony kämpfen, die Mädchen werden zu Sexsklavinnen. Es kommt zu Massenvergewaltigungen, Morden, Brandschatzungen und anderen Verbrechen. Der Mitgründer von IC, Jason Russell, trifft 2003 in Uganda zum ersten Mal auf Jacob, der auch in seinem Video zu sehen ist. Geschockt, entsetzt von den unfassbaren Gräueltaten entschließt er sich dazu, Jacob zu helfen, Kony und die LRA zur Strecke zu bringen.

IC hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Ugandas Armee soll Kony verhaften, unterstützt durch Spendengelder und westliche Militärberater, die helfen, das Vorgehen zu koordinieren. Die US Regierung hat bereits im Oktober 2011 rund 100 Soldaten nach Uganda geschickt, um eben diesen Auftrag auszuführen. Neben der Verhaftung Konys will IC noch andere Projekte umsetzen, wie ihre Webseite verrät. So werden etwa Schulen neu gebaut, Lehrer ausgebildet und Einrichtungen unterstützt, die ehemaligen Kindersoldaten dabei helfen sollen, psychisch und physisch aus dem Krieg in ihre Familien zurückzukehren. In einem Vortrag vor dem christlichen „Liberty College“ im November 2011 spricht Russell außerdem von einem weiteren Ziel: Missionierung.

Das Unsichtbare

Seitdem das Video „Kony 2012“ vor vier Wochen bei Vimeo und vor zwei Wochen bei YouTube online gegangen ist, wurde es addiert über 100 Millionen mal gesehen (Stand: 19.3.) und hat eine hoch emotionale, binäroppositionelle Debatte losgetreten, die sich weit über die Foren, Webseiten und Social Media Plattformen des Internets erstreckt. Die Strategie der Produzenten ist aufgegangen: Kony 2012 wird jetzt schon als eines der erfolgreichsten Viral-Marketing Phänomene gewertet, die es bis heute gab. Das Prinzip von Viral Marketing ist einfach. Ein Video oder eine Webseite tritt an die Stelle einer teuren Werbekampagne. Anstatt Aufmerksamkeit durch Werbepräsenz zu akkumulieren, wird das Video ähnlich einem Virus von einem User zum nächsten weitergegeben, ohne dass kostspielige Maßnahmen zum Einsatz kommen, da der gewünschte Effekt, Verbreitung und damit Aufmerksamkeit, durch die User selbst erreicht wird. Im Fall Kony 2012 wendet sich das Blatt jedoch langsam. Nach dem anfangs überwältigendem positiven Echo und der schlagartigen Verbreitung im Netz, werden jetzt auch die Kritiker der Initiative immer mehr und lauter. Die Vorwürfe wiegen schwer: Das Video sei eindimensional und vereinfache einen komplexen Konflikt, es kämen, abgesehen von Jacob, ansonsten nur weiße Aktivisten vor, Ugandas Armee hätte sich ebenso Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht und IC bewege sich in kritischer Nähe zu evangelikalen, homophoben Organisationen und der Investmentbank JP Morgan, da Ben Keesey, der CEO von Invisible Children, früher dort gearbeitet hat. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass IC nur ein Drittel der Spendengelder nach Afrika schickt. Den Rest gibt sie für sich selbst aus, also für Gehälter und Organisation, und für die Aufmerksamkeitskampagne an sich. YouTube-Userin „slubogo“, deren Video über drei Millionen mal angeklickt wurde, wirft IC außerdem vor, das Video stelle eine veraltete Situation in Uganda dar, Kony habe sich längst zurückgezogen und sei kaum noch aktiv.

Das Offensichtliche

IC hat auf einige dieser Vorwürfe reagiert, doch eines bleibt: Auf der einen Seite ist es zwar rührend zu sehen, dass die Netzgemeinde keineswegs nur aus „slacktivists“ besteht, also denjenigen, deren Unterstützung für eine Sache sich auf das Ändern des Facebookavatars und Weiterverbreitung beläuft. Andererseits ist es erschreckend, wie viele einen Zweck unterstützen wollen, über den sie von einem einzigen Video, oder dem Material einer einzigen Organisation, informiert wurden. Es ist an dieser Stelle egal, welchen Standpunkt man IC gegenüber einnimmt, wer eine Organisation unterstützen möchte, sollte ohnehin mehr als nur deren Perspektive einnehmen. Information war noch nie so leicht verfügbar wie heute und es ist fraglich, ob der Mehrheit der Unterstützer von IC tatsächlich bewusst ist, dass sie mit ihrem Geld eine Militärintervention in Uganda unterstützen. Kony 2012 zeigt zweierlei: Erstens, wie groß die Macht der Netzgemeinde wirklich ist. Und zweitens, wie einfach sich diese für den eigenen Zweck mobilisieren lässt.

Foto: flickr/Robert Raines (CC BY-SA 2.0)

Nur ein kleines Video

von Jürg Häusermann

Die Bundeswehr hat ein Video produzieren lassen:

Eine Heavy-Metal-Version des Deutschlandlieds begleitet ziemlich banale Bilder von militärischen Fortbewegungsmitteln. Raketen, die in die Luft steigen. Streiflichter auf das schützenswerte Idyll: Eine Familie spaziert durchs Watt. Der Kölner Dom glänzt in der Abendsonne. Ein Bergdorf am See plätschert vor sich hin. Insgesamt nur wenige Detonationen. Dafür viele Soldaten in Nahaufnahme. Und noch mehr Fortbewegungsmittel zu Wasser, zu Lande, in der Luft. 100 Sekunden, die Zivilisten für den Beruf des Soldaten begeistern sollen.

Auch, wenn das Video nur kurze Zeit online stand, regt sich ganz Deutschland auf: Die Grünen-Abgeordnete Agnieszka Malczak war auf den Clip aufmerksam geworden. Sie warf dem Verteidigungsministerium vor, es stelle den Dienst bei der Bundeswehr wie ein „Ballerspiel“ dar.“

In ihrer Pressemitteilung sagt Malczak: „Dieses Video stellt eine Verherrlichung militärischer Gewalt und kriegerischer Auseinandersetzungen dar. Bilder und Musik gleichen teilweise einem Ego-Shooter und entwerfen so ein Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr.“

Einen Tag lang war das Video im YouTube-Kanal der Bundeswehr zu sehen. Dann wurde es wieder entfernt. Nicht aufgrund der Oppositionskritik, sondern – so der stellvertretende Regierungssprecher – weil der Off-Text fehlte. Aber greift denn die Kritik, hier werde ein „Zerrbild des Dienstes bei der Bundeswehr“ entworfen? Von wie viel Sachkenntnis zeugt denn der Vorwurf, „Bilder und Musik gleichen teilweise einem Ego-Shooter“?

Die Ästhetik des Krieges

Was die Kritikerinnen und Kritiker  nicht berücksichtigen: Schon längst wird uns mit dieser Ästhetik vom Krieg berichtet. „Banal Militarism“ nennen es zum Beispiel Tanja Thomas und Fabian Virchow, die die Vermengung von Militär und Alltag seit langem erforschen. Ob es um Krieg geht, um ein Ballerspiel oder einen Action-Film – die Grenzen werden bewusst vermischt. Man erinnere sich daran, wie die Öffentlichkeit auf die Operation „Iraqi Freedom“ vorbereitet wurde: „Boom, boom, we’re going in hard and fast. ‘By this time next week, sit by your TV and get ready to watch the fireworks’.

Das ist immerhin O-Ton eines Sprechers aus dem Weißen Haus.

Und es wird dafür gesorgt, dass auch die Soldaten selbst dieser Ästhetik nicht entkommen. In einer schaurigen Stelle in Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ (bei ca. 70 Min.) erklären die Soldaten sorgfältig, wie sie die Musik auswählen, die sie über die Kopfhörer dröhnen lassen, wenn sie auf den Feind losballern. Sie haben Bloodhound Gang und „The Roof is on Fire“ gewählt:

„The war happens and the fighting starts, you know, it’s kind of like thumped up and motivated ready to go. Its the ultimate rush. Because you know you’re going into the fight to begin with.  And then you got a good song playing in the background and uh that gets, that gets you real fired up, ready to do the job.“

In vieler Hinsicht gibt es kaum noch einen Unterschied zwischen dem Einsatz im Krieg und dem Spielen eines Ballerspiels. In beiden Fällen geht es darum, Menschen zu töten.  Für diejenigen, die am Drücker sind, soll es sich auch gar nicht real anfühlen. Für die Opfer schon – und die sind noch immer zur Hauptsache Zivilisten, auch wenn es aussieht, als ob nur noch gezielt die Bösewichte ausgeschaltet würden, und man daran arbeitet, dass es künftig nur noch virtuellen Krieg gäbe.

Was ist Ballerspiel? Was ist Krieg?

Die, die sich jetzt zu Wort melden, möchten, dass es noch so ist wie früher: Die Soldaten frieren in den Schützengräben still und leise vor sich hin, und wir sitzen unbeteiligt zu Hause.

Es gibt keinen Krieg, an dem die Bürger nicht beteiligt wären. Und spätestens seit Golfkrieg von 1990 ist klar, dass die Kriegsführung ein audiovisuelles Spektakel ist, von dem wir uns nicht ausgrenzen können. Wir sitzen zu Hause und ballern vor uns hin. Gleichzeitig dirigieren die Soldaten (natürlich nicht die Deutschen, nur ihre Verbündeten) ihre Drohnen und lenken sie scheinbar zentimetergenau auf ihre Ziele auf anderen Kontinenten. Wissenschaftler, die analysieren, was vor sich geht, sprechen längst nicht mehr von Kriegstechnologie, sondern vom Military-Entertainment-Complex: Der Krieg wird längst mit den gleichen Mitteln geführt, mit denen wir zu Hause virtuelle Krieger hopsgehen lassen.

Das US-Militär benutzt Ego-Shooter nicht mehr nur, um neue Soldaten anzuwerben, sondern sie setzt sie auch in ihrer Ausbildung ein. Mit dem Spiel „America’s Army“ kann man nicht nur spielen, sondern auch lernen, wie man einen bewaffneten Roboter führt. „Unsere Roboter werden mit genau so einem Game Controller gesteuert, wie Sie ihn von Computerspielen her kennen. Unserer ist nur etwas robuster gebaut. Wem es also Sorgen macht, dass Jugendliche heute so viel Zeit mit Computerspielen verbringen, der sollte sich klar machen, dass sie eigentlich nur trainieren, um später gute Roboter-Piloten zu werden.“

Dies sagt Joe Dyer, Chief Operation Officer der Rüstungsfirma iRobot in einem Feature von Jan Lublinski über den nur scheinbar sauberen Krieg der Drohnen. Vielleicht haben viele den Wunsch, dass die Bundeswehr sich für immer wohltuend und sauber von all den anderen Armeen wird abheben können. „Die Außenkommunikation der Bundeswehr“ sagt Agnieszka Malczak, „muss durch Sachlichkeit, Transparenz und Ehrlichkeit gekennzeichnet sein“.

Aber vielleicht ist diese Art von Video einfach eine ehrliche Einstimmung auf die globale Kriegsführung, an der wir beteiligt sind.

Jürg Häusermann, Jahrgang 1951, ist Professor für Medienwissenschaft (Schwerpunkt: Medienanalyse und Medienproduktion).

 

Tod des geschriebenen Blogs?

von Alexander Karl

Airen ist kein Sascha Lobo, keiner, der von Talkshow zu Talkshow tingelt und sein Gesicht in die Kamera hält. Im Gegenteil: Airens Charme war und ist es, nicht öffentlicht zu sein, sondern nur seine Worte in Blogs oder Büchern sprechen zu lassen. Anscheinend war davon auch eine gewisse  Helene Hegemann begeistert, die sich durch seinen Blog „inspirieren“ ließ. Und erst, als Hegemanns „Montage“ bekannt wurde, wurde es auch Airen.

Worte sind Schall und Rauch

Trotz seiner positiven Erfahrungen mit dem schriftlichen Bloggen beschwört Airen in einem aktuellen Artikel der ‚Welt‚ zunächst das Ende des geschriebenen Blogs:

Bloggen, das ist vorbei. Wer setzt sich denn heute noch hin und liest, old school, Texte mit Buchstaben und so? Die Zehnerjahre gehören eindeutig dem Vlog, dem Video-Blog, der Real-Time-Selbstinszenierung im Netz.

Er stellt Menschen vor, die regelmäßig ihr Gesicht in die Kamera halten, um via YouTube Tipps für alle Lebenslagen zu geben. Der Preis dafür ist aber auch der Erfolg: Man erhält im besten Fall Aufmerksamkeit, wird erkannt, wird bekannt. Manche Video-Blogger wollen genau das: Bekanntheit erlangen und bestenfalls dafür noch bezahlt werden. Denn laut Airen lässt YouTube die Egozentriker mit ihrer Pseudo-Hilfe nicht mehr leer ausgehen, sondern beteiligt sie an den Werbeeinnahmen. Einer dieser Vlogger ist übrigens HerrTutorial, der mit seinen über 270.000 Abonnenten mehr als 10 Mal so viele hat wie der ZDF-YouTube-Kanal. Herr Tutorial liefert etwa Tipps zum Kuss-Verhalten oder wie man sich richtig rasiert – und das alles witzig, ein wenig überdreht und ziemlich sympathisch. Einher geht aber immer der Appell: Folgt mir bei Facebook! Und Twitter! Klickt gefällt mir! Abonniert meinen Kanal! Jetzt! Sofort! Los!

Oder doch nicht?

Doch Airen, der selbst eine Blogger-Vergangenheit hat, die man in dem guten, aber extremen Buch ‚Strobo‚ nachlesen kann, bricht auch eine Lanze für das geschriebene Online-Wort:

Spannend wurde es bei geschriebenen Blogs immer dann, wenn jemand diese Plattform für sich selber nutzte: um Unverarbeitetes Unbekannten mitzuteilen, um den Thrill dieses gefährlichen Gemischs aus halb versteckter Anonymität und grenzenloser Ehrlichkeit auszukosten. Das war keine Selbstdarstellung, sondern maximale Selbstentblößung. […] Ich kenne keinen guten Blogger, der seine Texte gefahrlos vor einer Kamera vortragen könnte. Vielleicht wäre er auch zu hässlich oder zu nervös oder redete undeutlich und hätte Angst, sich vor Menschen zu präsentieren. Er hätte es auch gar nicht nötig: Seine Worte sind stark genug.

Ohne Zweifel haben VBlogs ihren Reiz, HerrTutorial zuzusehen hat einen gewissen Unterhaltungswert. Doch sind es oftmals solche Fast-Food-Videos, deren Mehrwert für Klimawandel- und Atomkraftdebatten relativ gering sind. Video-Blogs leben von ihrer Lebendigkeit, wahrscheinlich auch einem gewissen Witz und etwas Ironie. Denn um komplizierte Sachverhalte  darzustellen, bedarf es mehr als einer kleinen Kamera und eigenen Erfahrungen, sondern fundierter Recherche und am besten auch noch Grafiken und jeder Menge Bewegtbild. Dadurch steigt aber auch der Aufwand, denn die Sachverhalte werden dann nicht nur in Form von Text beschrieben, sondern müssen mit Bildern untermalt sein, wenn man nicht unablässig selbst vor der Kamera stehen will. Natürlich wäre auch das eine legitime Möglichkeit für manchen Selbstdarsteller, doch bei harten Themen würde wohl der Unterhaltungswert sinken – und damit die Klicks.

Schlussendlich kommt auch Airen zu dem Schluss, dass VBlogger einen Unterhaltungswert haben, aber wohl kaum einem Mehrwert:

Wenn alles öffentlich ist, wenn der Name und die Stimme und das Gesicht für jeden abrufbar sind, ist Offenheit unmöglich. Vlogger haben einfach nichts zu verstecken. Und deswegen auch so extrem wenig zu erzählen.

Also ist geschriebene Blog nicht tot? Nein (grammatikalisch korrekt ‚Ja‘), geschriebene Blogs wird es wohl noch eine ganze Weile geben. Denn die Langlebigkeit eines Mediums ist verblüffend – so erschien Airens Artikel auch in einem anderen bereits oftmal zum Tode verurteilen Medium: Der Zeitung.

Foto: Screenshot des Videos HerrTutorial/XTREMES RASIEREN!!! 1×1 – So Rasiert man sich Richtig! –