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Zensur mit Hintertür

von Ann-Katrin Gehrung

Von freier Meinungsäußerung, verantwortungsbewusster Veröffentlichung und einem flexiblen Umgang mit Rechtsgrundlagen ist die Rede – um was es geht? Internetzensur. Es scheint die Ära einer neuen Zensurstruktur angebrochen zu sein, die einen Spagat zwischen diesen  Anforderungen schaffen soll. Twitter macht  den ersten Schritt, der Google-Dienst Blogger folgt.

Was ist neu?

Dem Microblogging-Dienst Twitter ist es zukünftig möglich, einzelne Tweets auf Länderbasis zu sperren und auf diesem Wege gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.  Einerseits ermöglicht es dem Unternehmen einen flexiblen Umgang mit den jeweils  länderspezifisch geltenden Gesetzen und Vorschriften, andererseits werden somit Sperrungen auf globaler Ebene vermieden und die Inhalte bleiben für den Rest der Welt auch weiterhin zugänglich.
Des Weiteren wäre die Existenz von Twitter ohne Zensurmaßnahmen vor allem in repressiven Staaten fragwürdig. Durch solch eine „individuelle“ Sperrung nach den Vorgaben der Regierung kann den nationalen Vorschriften Rechnung getragen werden und ein Bestehen im jeweiligen Land gesichert werden.
Und zu guter Letzt gewährt Twitter seinen Mitarbeitern auf diesem Wege Schutz vor Restriktionen, da diese im jeweiligen Land für die veröffentlichten und verbreiteten Inhalte haftbar gemacht werden können.

Kritik und Anerkennung

Einige Organisationen sprechen bereits von Zensur – aber Twitter rechtfertigt seinen Schritt:
„Wir versuchen, Inhalte zu bewahren, wann und wo immer es uns möglich ist“, so das  Unternehmen. Doch was sich zunächst als Maßnahme der verantwortungsbewussten Veröffentlichung ausgibt, wird von Kritikern mit deutlichen Worten bewertet. So meldete sich unter anderem die Electronic Frontier Foundation (EFF) zu Wort und urteilt: „Let’s be clear: This is censorship“.
Laut Twitter kam die Zensurmethode bisher noch nicht zum Einsatz, nichtdestotrotz hält EFF an ihrer Warnung fest: „’if you build it, they will come,’- if you build a tool for state-by-state censorship, states will start to use it.”
Allerdings schlägt die Organisation im selben Atemzug auch mildere Töne an. Wohlwollend werden Twitters Ankündigungen aufgenommen, alle zukünftig anfallenden Sperrungen für die User kenntlich zu machen und im Sinne der Transparenz auf der Website ChillingEffects.org zu veröffentlichen.

Erste Follower

Der Vorstoß Twitters findet im Web schnell Nachahmer – etwa den Google-Dienst Blogger. Er agiert in ähnlicher Manier. „[…]promoting free expression and responsible publishing while providing greater flexibility in complying with valid removal requests pursuant to local law.“, lautet die im Januar dieses Jahres veröffentlichte Erklärung des Unternehmens. Indem die Blogs auf eine länderspezifische Domain umgeleitet werden, kommt es auch hier zu einer möglichen Blockierung von Inhalten auf der jeweiligen nationalen Ebene, wodurch die anfallenden Sperrungen für möglichst wenige Nutzer Konsequenzen haben sollen und eine Blockade auf globaler Ebene umgangen wird.
So werden beispielsweise Nutzer aus Indien, die Blogs auf blogspot.com ansteuern, auf blogspot.in umgeleitet und bekommen möglicher Weise andere Inhalte zu sehen, als Nutzer, die dies in Australien versuchen und auf blogspot.au umgeleitet werden.

Schlupfloch lautet das Zauberwort

So weit, so gut – doch der eigentliche Clou der neuen Zensurmaßnahmen steht im Kleingedruckten: Umgehungsmöglichkeiten.
Dabei handelt es sich nicht um technische Hochleistungen, die nur durch Expertenwissen durchführbar sind, sondern um offensichtliche, unkomplizierte und ohne technischen know how durchführbare Maßnahmen, die es auch dem durchschnittlichen Internetuser ermöglichen, die Sperrungen und Blockaden auf einfachstem Wege zu hintergehen.

So basieren die Zensurmaßnahmen von Twitter für die nationalen Sperrungen von Inhalten auf der von den Nutzern selbst angegebenen Konto-Einstellung der Länderangabe. Solange das Unternehmen auf das so genannte IP-Geoblocking, bei dem der Standort des Computers mittels IP-Adresse ermittelt wird und somit der Zugriff auf eine Website verweigert werden kann, verzichtet, kann der User durch eine manuelle Eingabe bzw. Änderung dieser Konto-Einstellung selbst festlegen in welchem Land er sich gerade befindet und welchen Zensurvorschriften er sich unterwerfen möchte. So ist es also auch Nutzer in repressiven Staaten mit strengen Zensurvorschriften auf diese Weise möglich, die technischen Barrieren zu umgehen und die gesperrten Inhalte einzusehen.

Ähnliche Hilfestellungen gibt es derweilen auch bei Blogger. Indem die Nutzer den Zusatz „/ncr“ (No Country Redirect) verwenden, kann eine Weiterleitung auf die länderspezifische Domain verhindert werden und der angesteuerte Blog ist somit für den User in seiner ursprünglichen Form unter der ursprünglichen Domain weiterhin zugänglich. So kann auch hier die automatische Umleitung auf einfachste Weise umgangen werden.

 Ein Fragezeichen bleibt

Doch wozu das Ganze? Wem nutzen Zensurmaßnahmen, die offensichtlich auf die einfachste Art und Weise umgangen werden können? Alarmierte Leser melden sich zu Wort. Getreu dem Motto „Wenn Möglichkeiten zur Zensur vorhanden sind, werden sie auch genutzt“, ist in ihren Kommentaren beispielsweise von  einer PR-Beruhigungspille die Rede, die aufgebrachte User besänftigen soll.  Denn auf Druck der Regierungen würden sich die bisher möglichen Schlupflöcher ganz einfach stopft lassen und somit ein Umgehen der Zensur deutlich erschwert werden. Andere sehen in dem Vorgehen der Unternehmen ein rein kommerzielles Streben: „So hat Twitter vor, die Zahl der aktiven Nutzer von derzeit 100 Millionen aktiven Nutzern auf mehr als eine Milliarde zu steigern.“ Um dies zu erreichen dienen die Zensurmaßnahmen der Existenzsicherung in einzelnen Ländern, wodurch einer weitere Expansion und einer weiteren Einnahmequelle des Unternehmens nichts mehr im Wege stehen soll.

Wieder andere vertreten die Auffassung eines Täuschungsmanövers. So geht auch Martin Weigert in seinem Beitrag der Frage nach, wie sich das Vorgehen des Unternehmens erklären lässt, das zwar bewusst Platz für einfachste Umgehungsmaßnahmen bietet, diese jedoch offiziell unbenannt lässt. „Sollen demokratiefeindliche Staaten auf diese Weise im Glauben gelassen werden, Twitter würde ihnen ein wertvolles Zugeständnis machen? Schwer vorstellbar, immerhin wird es nicht lange dauern, bis das Twitter-Universum und die Medien verstanden haben, wie bewusst transparent und löchrig Twitter die Maßnahme gestaltet hat“, so die Gedanken des Autors.

Ob und wenn ja welche dieser Prophezeiungen sich zukünftig überhaupt bewahrheiten wird, bleibt abzuwarten und solange dies noch nicht entschieden ist, sollte man sich die Vorhersage der EFF doch zu Nutze machen: ’if you build it, they will come,’ – wenn Schlupflöcher zur Umgehung der Zensur ermöglicht werden, dann werden Nutzern sie auch nutzen.

 

Foto: flickr/ Scott Beale/Laughing Squid (CC BY-NC-ND 2.0)

 

Neues Traumpaar? Internet und Politik.

von Sanja Döttling

Eine belastete Beziehung, die zwischen der Politik und dem Internet. Gerade auch in Deutschland. Nach dem Einzug der Piraten in das Berliner Abgeordnetenhaus entdeckt selbst die Bundesregierung das Internet für sich. In den USA ist man da weiter: Beim Wahlkampf zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten in Amerika macht sich unter anderem Facebook als Wahl-sager einen Namen und gibt Prognosen über den Sieger ab.

Internet und Politik 

Manchmal ist es ein Kampf, die Hass-Liebe zwischen Internet und Politik(ern). ‚Dieses Internet‘ wurde von der Politik in Deutschland lange ignoriert – und wir ignorierten mit. In unserem Facebook-Stream bewundern wir lieber die neue Spraydosen-Wandbemalung in einer befreundeten Studenten-WG. Oder gucken uns bei GMX die Bilderstrecke zum Thema Angeschwemmte Monstertiere an. Politik findet man da nur zwischen den Zeilen (oder wenn man es darauf anlegt). Das ist auch die Schuld der Politik, die sich im Internet eher bedeckt hielt. Bis jetzt.

Bundesregierung und Bürger – Kuscheln im Inter-Bett?

Aber sie bemüht sich, die Politik, auch im Internet präsent zu werden. Unsere Bundesrgierung hat sogar einen eigenen Kanal auf youtube. Sie haben fast 5.000 Abonennten. Die Jungs, die die Gotye-Parodie drehten, haben fast 400.000. Jetzt geht sogar die Kanzlerin in die offensive und fordert die Bürger auf, Ideen für das leben in Deutschland in den nächsten Jahren beizusteuern. Dabei sollen diese Fragen beantwortet werden: „Wie wollen wir zusammenleben? Wovon wollen wir leben? Wie wollen wir lernen?“.

Dialog über Deutschland“ – so heißt die neue Internetkampagne. Das Ganze läuft ähnlich ab wie schon die Internet-Aktion „Fragen an die Kanzlerin“. Der Unterschied: Die Alliteration. Und: Während die Fragen an die Kanzlerin nur auf youtube von derselben beantwortet wurden, werden nun die Autoren der zehn am besten bewerteten Fragen des „Dialogs“ zu einem ganz realen Bürgergespräch nach Berlin eingeladen.

Somit hat das Dialog-Konzept größere Interaktionsmöglichkeiten als noch die Fragestunde (denn bei den youtube-Videos war sogar die Kommentarfunktion deaktiviert). Und trotzdem wirkt der Versuch einer „direkten“ Demokratie im Internet geradezu hilflos. Vor allem, weil politisch Interessierte und Internet-User sich kaum aus dem gleichen Klientel aufstellen, was die Abstimmungszahlen implizieren: Mit 14.000 Stimmen dafür, offen über den Islam zu diskutieren, liegt eine Forderung an der Spitze, die genauso unkonkret ist wie die Politik selbst. Auf Platz zwei und drei: ACTA-Stoppen und Cannabis legalisieren. Wer will, kann selbst noch bis zum 15. April abstimmen. Oder aber die Bildstrecke über Monstertiere auf GMX anschauen.

Ach ja: Auch Amerika.

Wie es anders gehen kann (und vielleicht sogar muss) zeigt sich in den USA: Im Präsidentschaftswahlkampf in den USA wird verstärkt auf das Internet als Helfer/Waffe gesetzt. So hat Barack Obamas Facebook-Seite inzwischen 25 Millionen Freunde und das Internet hatte 2008 einen großen Anteil an seinem Wahlerfolg. Auch jetzt ist er im Internet noch aktiv. Zahlreiche Gruppen machen sich auch in diesem Wahljahr für und gegen den Noch-Präsidenten stark: „I hate it when I wake up in the morning and Barack Obama is President.“ heißt eine charmante Seite. Eine andere nennt sich „Students for Obama“ und macht sich für dessen Wiederwahl stark.

In welche Richtung entwickelt sich die Symbiose Politik und Internet?

Auch Twitter ist aktiv. Die Twitter-Gemeinde nahm ein einziges Schlagwort aus der Rede des republikanischen Newt Gingrich (seine „grandiosen Ideen„) und der tag #grandiosenewt wurde schnell zum Hit. Überhaupt scheint das Internet in den meisten Fällen der Verleumdung von Kandidaten zu dienen, nicht etwa der Verbreitung tatsächlichen politischen Inhalts (media-bubble  berichtete). Doch laut der New York Times ist twitter dazu in der Lage, aktiveren Kontakt mit dem Bürgern zu halten und schneller auf Stimmungen zu reagieren. (Die Auswertung der twitter-Meldungen zur Prognose von Wahlergebnissen schlug aber fehl.)

Weiter ging das Magazin Politico in Kooperation mit Facebook: Sie werteten Statusmeldungen und Verlinkungen auf den Seiten von US-Bürgern aus, um ein Stimmungsbild von den republikanischen Kandidaten zu generieren. Bei all dem Geschrei um Datenschutz ist das fast schon untergegangen; es ist das eine, wenn Politiker online Kampagnen schalten. Aber doch etwas ganz anderes, wenn Facebook ungefragt unter seinen Nutzern herumfragt.

Der Internetauftritt der Tagesschau argumentiert, dass das Internet in diesem Wahlkampf ein wichtiger Faktor ist und wahlentscheidend sein kann. Das könnte für ein Land wie Amerika sogar gelten. Der deutschen Politik fehlt allerdings merklich das Interesse der internetaffinen Bevölkerung.

 

Foto: flickr/See-ming Lee 李思明 SML (CC BY-SA 2.0)

Das Internet ist Geschichte

von Alexander Karl

Die Angst vor dem Internet ist so alt wie das Internet selbst. Datenschutz, Schutz der Persönlichkeitsrechte und Angst vor einem ‚Big Brother‘, der alles beobachtet. Aber mit jedem Post bei Facebook und Twitter schreiben wir Geschichte. Und die sollte erforscht werden.

Geschichte schreiben im Web

Es ist bitterkalt in Deutschland dieser Tage. Mal wieder weht ein rauer Wind, auch in Richtung Facebook. „Mit Timeline überschreitet Facebook die rote Linie zur nahezu lückenlosen Erfassung der Nutzer“, heißt es vom Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar. Wo diese rote Linie – andere hätten hier Rubikon gesagt – anfängt und endet, hängt von der persönlichen Sichtweise des Users ab. Die alten Posts lagern sowieso auf irgendwelchen Servern, nur jetzt kann man sie auch endlich wieder sehen – und in Erinnerungen schwelgen. Was habe ich im Sommer letzten Jahres noch einmal geschrieben? Welcher Song hat mir gefallen? Das Facebook-Tagebuch weiß es.

Ein wenig erinnert das Prinzip der Timeline an die Chronik des Mittelalters. Darin wird im Normalfall die Geschichte (der Welt und/oder der Region) von der Schöpfung bis zum Tag des Verfassens erzählt. Bei Facebook ist diese Schöpfung unsere Geburt, die Leerstellen können wir nun selbst ausfüllen. Gleichzeitig können aber auch wichtige Lebensereignisse eingestellt werden – was den mittelalterlichen Annalen ziemlich nahe kommt. Während im Mittelalter nur wenige Autoren Chroniken oder Annalen schreiben konnten und die Protagonisten ihrer Erzählungen wichtige Herrscher waren, bietet Facebook uns nun die Möglichkeit, beide Rollen zu übernehmen. Wir sind gleichzeitig Herr über unsere Geschichtsschreibung wie auch der Protagonist.

Facebook lässt uns also zum Historiker werden: Wir schreiben unsere Geschichte, wir durchforsten die Vergangenheit unserer Freunde und suchen Verknüpfungen. Anders als im Mittelalter passiert dies aber nun ziemlich öffentlich – zumindest, wenn man sein Facebook-Profil für alle zugänglich macht.

Spuren der Vergangenheit

Der „Elektrische Reporter“ berichtete darüber, wie der Datenkünstler Richard Vijgen die ersten Gehversuche der Internet-Community auf Geocities wieder sichtbar machen will. Eigentlich wurde die Seite gelöscht – zwecks Netz-Achäologie soll der Inhalt wieder sichtbar und erforschbar gemacht werden. Der Versuch, Inhalte aus dem Netz zu archivieren und auszuwerten ist also längst nicht mehr nur für Internetgiganten wie Facebook und Google interessant. So will die US-amerikanische Library of Congress sämtliche Twitter-Nachrichten archivieren. Die Library of Congress sieht einen Mehrwert in den Tweets für die Forschung:

„Just a few examples of important tweets in the past few years include the first-ever tweet from Twitter co-founder Jack Dorsey (http://twitter.com/jack/status/20), President Obama’s tweet about winning the 2008 election (http://twitter.com/barackobama/status/992176676), and a set of two tweets from a photojournalist who was arrested in Egypt and then freed because of a series of events set into motion by his use of Twitter (http://twitter.com/jamesbuck/status/786571964) and (http://twitter.com/jamesbuck/status/787167620).“

Doch nicht nur Zeitgeschichte wird durch das Internet erfahrbar – auch der Blick in die (entfernte) Vergangenheit wird durch das Netz ermöglicht. So twittert ein ehemaliger Oxford-Student den Zweiten Weltkrieges 72 Jahre nach den Ereignissen – auf die Stunde genau. Beginnend mit dem 31. August 1939 – dem Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen – will Alwyn Collinson sechs Jahre lang über die wichtigsten Ereignisse des des Krieges berichten. „I’m using eyewitness accounts, photographs and video to give the feel these tweets are coming straight from 1939.“

Geschichte ist im Netz allgegenwärtig – wir müssen uns ihrer nur bewusst werden und sie einordnen. Und, wie Alwyn Collinson über sein Projekt sagt: „People say it can help connect them to history by seeing it through the eyes and the words of people who were there.“

 

Foto: flickr/Brandon Christopher Warren (CC BY-NC 2.0); Screenshot twitter.com/RealTimeWWII (6.2.2012)

Die Multitasking-Medien

von Alexander Karl

Multitasking ist die Norm

Während ich diesen Text schreibe, läuft im Hintergrund Musik, Facebook ist in einem Tab offen und mein Handy hat mir gerade eine SMS angekündigt. Für die Generation der digital natives klingt dies zunächst einmal nicht ungewöhnlich. Unsere Aufmerksamkeit wird gespalten, schlussendlich auch für verschiedene mediale Angebote. Denn die Angebote im Zeitalter des Internets sind so reichhaltig, dass man fast schon parallel arbeiten muss, um wenigstens einen Bruchteil zu nutzen.

Dass Medien immer häufiger parallel genutzt werden, fand 2011 auch eine Studie des Fernsehsenders MTV heraus. Folgende Ergebnisse betrachten die Studienleiter als wichtig:

  • Die 14-49 Jährigen schauen eher abends fern und nutzen Internet und WebTV tagsüber
  • Die allgemeine Mediennutzung wächst trotz gleichbleibender frei verfügbaren Zeit über die parallele Mediennutzung
  • Internet wird häufiger parallel zu anderen Medien genutzt, als Fernsehen
  • Internet und Fernseher werden am häufigsten gleichzeitig genutzt
  • Der Fernseher wird überwiegend exklusiv am Abend genutzt, jedoch nimmt die parallele Nutzung zu

Besonders interessant ist, dass das Fernsehen v.a. zur Primetime genutzt wird, während sonst das Internet am beliebtesten ist. Doch gerade dann ist auch die Parallelnutzung des Internets am größten.

Dieser Trend schlägt sich etwa bei Twitter nieder. So gehört es fast schon zum guten Ton, online über den ‚Tatort‘ zu diskutieren. Bei einer Dezember-Folge kamen beispielsweise 4.700 Tweets zusammen, in der Storyline, Aufbereitung und Farbgebung besprochen wurden. Weiter geht aber ‚The Voice‚: Dort wird zur parallelen Nutzung von Fernsehen und Internet geradezu aufgerufen. Denn in den aktuellen Liveshows wird in die Lounge geschaltet, in der Kandidaten die aktuellen Kommentare von Twitter und Facebook gezeigt werden.

Es liegt also nicht unbedingt an der Qualität des TV-Angebots, dass man sich nebenbei im Internet tummelt – im Gegenteil. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Frauen etwa die Antworten auf Quizfragen suchen, während Männer sich von der TV-Werbung zum Online-Shopping verleiten lassen.

Schattenseite des Multitaskings

Aber Multitasking hat auch seine Schattenseiten: Es schadet der Gesundheit. Von Stress bis hin zum Burn-out kann die parallele Nutzung ziemlich viele ungute Reaktionen im Körper hervorrufen. Und: Es ist nicht effektiv. Das zeigt eine Studie des Ulmer Hirnforschers Manfred Spitzer. Bei der Frankfurter Rundschau heißt es darüber:

Probanden, die als starke oder geringfügige Medien-Multitasker klassifiziert wurden, absolvierten kognitive Tests. Dabei zeigte sich, dass die Nicht-Multitasker die Aufgaben besser lösten, aufmerksamer und schneller waren und besser zwischen Aufgaben wechseln konnten. Spitzer glaubt, Multitasker würden sich durch ihre heftige Mediennutzung Oberflächlichkeit und Ineffektivität geradezu antrainieren.

Eine bereits 2009 durchgeführte Studie der Stanford University kommt zu einem ähnlichen Ergebnis:

Als Gegenbewegung zum Multitasking gibt es die Achtsamkeitstherapie, die den Fokus wieder auf einzelne Handlungen richten soll. Also weg von der parallelen Nutzung, hin zu einer Aufgabe, die dafür aber bewusst absolviert wird. Und das soll auch für die Wirtschaft gut sein – denn der Versuch des Multitaskings kostet allein die US-Wirschaft 650 Milliarden Dollar im Jahr. Ich habe zwischendrin übrigens die Musik beim Schreiben ausgemacht. Ich will ja der Wirtschaft nicht schaden. Na ja, vor allem mir nicht.
Foto: flickr/ryantron (CC BY-ND 2.0)

Revolution Online

von Sandra Fuhrmann

Die Helden von heute brauchen keine Schwerter mehr. Ihnen reichen abgegriffene Computertastaturen, ein kleines Zimmer und eine Dose Club-Mate. Sie heißen nicht mehr Marcus, sondern Stephan Urbach oder Alaa Abdel Fattah und das Forum Romanum unserer modernen Gesellschaft trägt die Namen YouTube, Facebook oder Twitter.

Facebook, Smartphones und der Wandel im politischen Machtverhältnis

Das Internet öffnet im Bereich der politischen Meinungsbildung und des öffentliches Diskurses Möglichkeiten, von denen wir vor einigen Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Hinzu kommen immer neue Kommunikationstechnologien, wie beispielsweise das Smartphone, die die Internetnutzung noch flexibler und unabhängiger vom jeweiligen Standort machen. Doch reden wir nicht über Diskussion – reden wir über Revolution.

Der Arabische Frühling ist ein Paradebeispiel dafür, wie durch das Internet politische Umwälzungen nicht nur für die Weltöffentlichkeit sichtbar gemacht, sondern auch gesteuert werden können. Sowohl für den Sturz des tunesischen Präsidenten Ben Ali als auch für den von Ägyptens Präsident Mubarak wurden im Nachhinein soziale Netzwerke, allen voran Facebook, mit verantwortlich gemacht. Auch Syriens Präsident Assad hat Grund zu bangen. Erst kürzlich verhängte er ein landesweites Verbot für das iPhone von Apple. Der ausschlaggebende Grund war schätzungsweise die rasche weltweite Verbreitung von Bildern und Videos der Demonstrationen.

Ein Land verschwindet

Freie Meinungsäußerung, Anonymität, schnelle Informationsverbreitung und offene Diskussionen – welches Gefahrenpotenzial das Internet für die Regierung eines totalitären Regimes darstellt, wurde auch von den Machthabern der betroffenen Länder schnell erkannt. Am 25. Januar 2011, dem „Tag des Zorns“, begannen die Aufstände in Ägypten.  Zwei Tage später sah man dann, dass man nichts sah. „Wie Ägypten aus dem Internet verschwand“ titelte der Spiegel Online in seiner Ausgabe vom 28. Januar. Die ägyptischen Provider schalteten auf Anweisung von Mubaraks Regierung hin die Netze und Verbindungen ab. Das radikale Gelingen dieser Aktion gilt als einmalig in der Geschichte.

Ähnliches ereignete sich auch in anderen Staaten. So zum Beispiel in Libyen, das nur durch eine einzige Unterseekabel-Station mit dem Rest der Welt vernetzt ist. Oder im Iran, der schon im Juni 2009, nach der Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad, bewiesen hatte, dass er zu entsprechenden Maßnahmen in der Lage ist und im August 2011 erneut mit Drohungen aufwartete. Zu einer erneuten Abschaltung kam es in diesem Fall nicht – und das aus gutem Grund.

Eine Verzweiflungstat

Vielleicht hatte Ahmadinedschad aus Mubaraks Erfahrungen gelernt. Der hatte sich mit dieser gegen sein Volk gerichteten Spitze gleichzeitig ein Loch in den eigenen Geldbeutel gerissen. Die mehrtägige Abschaltung kostet Ägypten 90 Millionen US-Dollar, was in etwa 3-4% des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Diese Summen sind Beweis genug, dass die Abtrennung des Internets als eine Verzweiflungstat der Regierung gewertet werden darf, was zeigt, wie ernst Social- Media-Plattformen als Ort der politischen Meinungsbildung und  –verbreitung genommen werden müssen.

Der Held mit der Haartolle

Aber wie genau kann nun eigentlich eine Bedrohung aussehen, deren Abwehr sich ein Staat nicht nur eine enorme Summe an Geld, sondern auch das Vertrauen ausländischer Investoren kosten lässt? Im Fall von Stephan Urbach trägt die Bedrohung eine blaue Haartolle und eine eckige Hornbrille. Ende des vergangenen Jahres arbeitete Urbach noch als angestellter beim Online-Unternehmen AOL. Heute ist er Aktivist des Netzwerks Telecomix, das eine lose Verbindung aus Computerfreaks unterschiedlichster Nationalitäten darstellt. An seinem Einsatzort in einem WG-Zimmer in Berlin hört Urbach keine Schüsse fallen, doch trotzdem ist er mitten im Geschehen. Er kann selbst nicht verhaftet werden, doch er weiß, dass durch einen Fehler von ihm, in Libyen eventuell Leute inhaftiert oder gefoltert werden. Wie ist das möglich?

Hacker von  Organisationen wie Telecomix, Tor oder Ushahidi haben es sich zur Aufgabe gemacht dafür zu sorgen, dass Blogger in betroffenen Ländern untereinander vernetzt bleiben und ihre Nachrichten an die Öffentlichkeit gelangen. Gleichzeitig geben die Aktivisten wertvolles Wissen, beispielsweise über das anonyme Hochladen von Dateien, wie  Videos, Bildern und Texten, oder das Hacken von Regierungsservern, an die Rebellen weiter.

Ein Ping-Pong-Spiel

Die im Netz stattfindenden Kämpfe zwischen Regierungsvertretern und Aktivisten sind schwerlich noch als virtuell zu bezeichnen. Vergleichen könnte man diese Kämpfe zuweilen mit einem Ping-Pong-Spiel. Der Ball fliegt hin und her. Inhalte werden im Minutentakt gelöscht und wieder ersetzt, verfälscht und wieder korrigiert.

Im Spiel des ägyptischen Regimes gegen das U-Shahid Projekt ging der Punkt eindeutig an die Aktivisten. Ziel des Projekts war es gewesen, auf einer Internetseite die Bevölkerung über die Manipulationen der Wahl durch Regierungsvertreter auf dem Laufenden zu halten. Um der Nationalen Sicherheitsbehörde den Eindruck zu vermitteln, sie hätte Kontrolle über das Projekt U-Shahid, wurde den Staatsvertretern von den Aktivisten ein eigenes Passwort für die Plattform U-Shahid ausgehändigt. Dieses Passwort aber ermöglichte es den Aktivisten die Aktivitäten der Behörde zu verfolgen und diesen entgegenzuwirken, bis die Anhänger von Mubaraks Regime schließlich aufgaben.

Allgegenwärtig und global

Dafür jedoch, dass sich durch die Verbreitung des Internets und moderner Kommunikationstechnologien auch an der globalen Situation der Politik etwas geändert hat, braucht es längst keine Beweise mehr. Die Diskussion über das Thema ist allgegenwärtig. Genau wie die Angst vieler Staatsoberhäupter vor diesem Netz, dass sich über die alten Machtverhältnisse zu spannen und diese in Frage zu stellen scheint. Eine Angst, die nicht allein die Regime vieler arabischer Staaten betrifft.  Anlässlich des Tages der Internetzensur wurde von Reporter ohne Grenzen ein Bericht veröffentlicht. Darin heißt es, dass 2009 weltweit 60 Staaten das Internet zensiert hatten und nie zuvor so viele Blogger, Internetnutzer und Dissidenten in Haft saßen. Allein in China sind es 72 Inhaftierungen. Abschaltungen und Zensuren sind meist mit einem nicht geringen technischen und  finanziellen Aufwand verbunden.

Letztendlich zeigt sich in diesen Maßnahmen lediglich eine gewisse Machtlosigkeit der Machthaber. Denn was sind 72 Inhaftierte bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden und einer rasant steigenden Anzahl an Internetnutzern, die im Juli diesen Jahres 485 Millionen betrug?

Kommt es durch moderne Technologien zu einem Wandel im  Machtverhältnis zwischen Regierung und Zivilgesellschaft? Der Arabische Frühling liegt hinter uns. Für den Winter dürfen wir uns warm anziehen. Dass es einen Wandel gibt ist offenkundig. Wer diesen in der Zukunft wie nutzen wird, wird sich zeigen.

 

soto: Flickr/fishbrain.randy@sbcglobal.net (CC BY-NC-SA 2.0),  Flickr/webtreats (CC BY 2.0)

‚The Voice‘ mit wenig Gezwitscher

von Alexander Karl

Die US-Erfolgsshow ‚The Voice‘ hat nun auch den Sprung nach Deutschland geschafft – das Prinzip ist gleich: Nationale Hochkaräter in der Jury und starke Stimmen auf der Bühne. Doch was ‚The Voice‘ in den Staaten besonders vorbildlich betrieb, war die Social Web Einbindung. Das versuchen nun auch ProSieben und Sat.1.

Die Show in den USA

Mit starken Stimmen und starken Quoten gelang es ‚The Voice‘, den Zuschauern den US-Sommer zu versüßen. Dahinter steckt ein innovatives Konzept, welches sich durch zwei wichtige Faktoren von anderen Shows abhob:

In der Jury saßen Vollblutmusiker wie Christina Aguilera und Maroon 5-Sänger Adam Levine, die auch kein Problem damit hatten, selbst live zu singen. Gleichzeitg ging es zunächst um eines: Eben die Stimme der Kandidaten, nicht um Aussehen oder Performance. Denn die Jury saß zu Beginn mit dem Rücken zu den Kandidaten und entschied, ob er oder sie in das Team der Jurors sollte.

Und das zweite Novum: Die intensive Einbindung von Social Media in die Sendung. Über Twitter wurde zwischen den Shows immer wieder aus dem Nähkästchen geplauert, es wurden erste Teaser der Proben gepostet und die Follower-Gemeinde dazu aufgerufen, abzustimmen. Etwa 200.000 Tweets, die mit „The Voice“ zu tun haben, gab es pro Show.

Doch die eigentliche Revolution fand während der Sendung statt: Im sogenannten „V-Room“, eine Art Greenroom der angehenden Stars mit Tablet-PCs, sollten die Künstler live ihre Impressionen posten. Gleichzeitig aber konnten die Zuschauer und Fans Fragen stellen, die live beantwortet wurden. Und: „Immer wieder gibt es zwischen den Auftritten Schalten in den V-Room zur V-Korrespondentin Alison Haislip, die aktuelle Twitter- und Facebook-Fragen vorliest und die Kandidaten interviewt.“ Daraus resultiert, dass #TheVoice zum Trending Topic auf Twitter wurde.

Mix in Deutschland

Während die Show in den US vor allem auf Twitter setzte, gibt es in Deutschland einen multimedia Mix aus Facebook, Twitter und Livekommentaren der Redaktion. Das liegt auch daran, dass in Deutschland nur 460.000 User den Microblogging-Dienst nutzen. Zum Vergleich: Facebook hat in Deutschland über 21 Millionen Nutzer! Über die ‚The Voice of Germany‘ -Homepage kann man sich mit seinem Facebook-Account einloggen und mit Freunden über die Show chatten – und natürlich die Twitter-Kommentare verfolgen. Das nennt sich dann ‚The Voice of Germany Connect‘. Außerdem gibt es einen Livestream, der wohl gerade die junge und mobile Generation ansprechen soll.

Aber doch nicht alles scheint man aus den USA übernommen zu haben: Die Jury, bestehend aus Allzweckwaffe Nena, Schmusesänger Xavier Naidoo, Rea (Leadsänger der Band ‚Reamonn‘) und zwei Jungs von ‚The Boss Hoss ‚ twittern und facebooken – soweit es ersichtlich ist – nicht um die Wette und um die Gunst der Zuschauer. Das übernimmt dann wieder die Facebook-Fanpage der Show.

Ob es in Deutschland auch einen ‚V-Room‘ geben wird wie in den Staaten, muss sich noch zeigen. Denn auch dort kamen die Backstageberichte der Kandidaten erst ab der Battle-Round. Bis dahin läuft aber über ‚Connect‘ außerordentlich viel – auch das zeigt, wie wichtig ProSieben und Sat.1 die Show ist. Immerhin läuft sie abwechselnd bei beiden Tochtersendern – und muss heute sogar gegen ‚Das Supertalent‘ antreten. Übrigens zeigt X-Factor auf VOX, wie gut die Zuschauer auf eine multimediale Einbindung reagieren.

Voting 2.0

Auch die Abstimmung bei der amerikanischen Variante von ‚The Voice‘ kann man vorbildlich nennen: Neben dem kostenlosen Telefonvoting gibt es eine NBC Live App, über die abgestimmt werden kann. Aber auch die Songs der Kandidaten können per iTunes direkt nach der Show kostenpflichtig herunter geladen werden, was gleichzeitig als eine Stimme gezählt wird. Außerdem ist auch die Abstimmung über die Webseite des Senders nbc.com möglich. Und in Deutschland? Ob man dort auch über das Weiterkommen der Kandidaten ohne 50-Cent-Telefongebühr entscheiden darf, ist fraglich. Immerhin kann man  bei ‚The Voice of Germany Connect‚ über andere Fragen abstimmen, etwa  „Gefiel euch der Auftritt der Jury?“ oder „Für wen entscheidet sich Kandidat X?“

 

Aber eines muss man doch ehrlich sagen: Die US-Jury ist schon noch etwas cooler als die deutsche…

Foto: Screenshot, http://connect.the-voice-of-germany.de/ (24.11.2012)