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Causa Wulff: Warum schweigt BILD?

von Alexander Karl

Es ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, doch es hat sich tatsächlich so abgespielt: Da ruft ein Bundespräsident den Chefredakteur der BILD-Zeitung an und spricht ihm drohend auf die Mailbox. Und was macht die BILD? Schweigt. Lässt Wulffs Entschuldigung durchgehen, veröffentlicht den Artikel zur Kredit-Affäre aber trotzdem. Und irgendwie – sehr wahrscheinlich von der BILD – gelangt die Info über Wulffs-Mailbox-Drohung dann an die Süddeutsche Zeitung und die FAZ.

Warum schweigt die BILD?

Schlagzeilen wie: „Jetzt reicht’s! Wulff droht BILD!“ oder „Wulff erklärt BILD den Krieg!“ hätten sich super auf der Titelseite gemacht. Stattdessen eine Titelseite zur Rente mit 67 und ein kurzes Statement „In eigener Sache“ online, in der der Vorfall erklärt wird – nachdem SZ und FAZ schon längst Wulffs Ausbruch öffentlich gemacht haben. Warum nur? In der Erklärung der BILD heißt es: „Deshalb [nach der Entschuldigung, Anm. d. Autors] hat die BILD-Zeitung nach breiter redaktioneller Debatte davon abgesehen, eigens über den Vorfall zu berichten.“

Aha. Wieso das? Was ist da los?

Möglichkeit 1: Der Rubikon ist noch nicht überschritten.

Schön, wenn so alte Redewendungen noch genutzt werden, auch, wenn sie kaum noch einer versteht. Was Wulff aber anscheinend meinte, war: Es ist vorbei mit der BILD-Wulff-Symbiose, die über viele Jahre so wunderbar geklappt hat. Vorbei die Zeit, in der Wulff sich für seine jetzige Frau scheiden lassen konnte – und BILD die neue Liebe trotzdem feierte. Auch wenn angeblich bereits vor der Wahl vom Bundespräsidenten eine Abkühlung zwischen BILD und Wulff zu bemerken war: Es scheint eigentlich erst mit der Kredit-Affäre gekracht zu haben. Zumindest für Wulff.

Vielleicht ist die BILD ihren Helden doch treuer, als man glauben mag: Das beste Beispiel sind die Guttenbergs. Selbst nach dem Abdanken von Dr. Guttenberg hielt ihm BILD die Treue. Vielleicht ist Druckerschwärze doch dicker als ein unpassender Mailbox-Anruf. Vielleicht auch nicht.

Möglichkeit 2: BILD will sich die Hände nicht schmutzig machen.

BILD und sich die Hände nicht schmutzig machen? Der bekannte Blogger und Spiegel-Autor Stefan Niggemeier hält das für möglich – klingt aber eigentlich ziemlich unwahrscheinlich. Aber warum sonst spannt man die seriöse Presse vor den Wulff-Karren und lässt sie machen? Selbst in der Online-Berichterstattung hält man sich vergleichsweise zurück, entscheidet sich zunächst ein Presseecho zu bringen und keinen zerfleischenden Artikel. Natürlich berichtet BILD auch nicht positiv über Wulff – aber welches Medium macht das heute schon? Alle Medien fühlen sich von Wulffs Versuch, die Presse direkt zu beeinflussen, angegriffen, ja mehr noch: Bedroht. Und so schießen sie nun gegen Wulff. So heißt es etwa bei stern.de : „Dass Wulff nicht der richtige Mann für die Repräsentation Deutschlands ist, dürfte spätestens jetzt klar werden.“ Und da wirkt der heutige Kommentar für BILD-Verhältnisse fast harmlos. Da heißt es: „Christian Wulff hat das Amt in den letzten Wochen tatsächlich geprägt. Aber das Amt wird Jahre brauchen, bis es sich davon erholt.“

Möglichkeit 3: BILD macht den Sack zu.

Zunächst durch die anderen schwächen und dann zu Fall bringen – das wäre eine clevere Taktik der BILD. Ob tatsächlich eine ganze Redaktion Wulffs Leben durchfilzt und nach dem Skandal sucht, der ihn zum Rücktritt zwingt, kann nur gemutmaßt werden. Unwahrscheinlich wäre es aber trotzdem nicht. Immerhin feiert BILD in diesem Jahr 60. Geburtstag und da macht sich eine Hetz-Kampagne gegen Wulff nicht gut. Aber wenn man ihn – den bösen Bundespräsidenten, der die Berichterstattung über sich verhindern wollte – mit dem Aufkochen einer neuer Affäre zu Fall bringt, steht BILD gut da. Vielleicht kann man die ersten Gewitterwolken schon heranziehen sehen: Denn BILD bittet Wulff, die Mailbox-Nachricht zu veröffentlichen. Kann Wulff da überhaupt nein sagen? Erstaunlicherweise hat Wulff dies abgelehnt. Ob BILD die Nachricht vielleicht doch veröffentlicht oder sie zufällig der FAZ/SZ zugespielt wird, wird sich zeigen.

Von einer „Kampagne“ der Springer-Presse und speziell BILD gegen Wulff kann bisher also nicht die Rede sein – findet auch Medienwissenschaftler Norbert Bolz. ‚Bisher‘ bedeutet aber natürlich: Es ist noch nicht aller Tage Abend. Ich komm wieder. Keine Frage.

UPDATE: Die Mailbox-Nachricht ist auch am 11.1.12 nocht nicht offiziell an die Öffentlichkeit gedrungen, doch Bruchstücke sind mittlerweile bekannt. Eine Rekonstruktion der Nachricht findet sich aber hier.

Foto: flickr.com/European Parliament (CC BY-NC-ND 2.0)

Schnee drüber in Russland?

von Alexander Karl

Nach den Duma-Wahlen im Dezember kochte Russland. Proteste in Moskau, Aufrufe bei Facebook und die Frage, ob man Putin tatsächlich stürzen kann. Doch mittlerweile ist in Russland wieder Ruhe eingekehrt. War’s das schon mit der nächsten Online-Revolution?

Russland formiert sich online

Egal, ob es „russischer Winter“ als Anspielung auf den „arabischen Frühling“ genannt wurde oder doch „Schneerevolution“ – gemeint sind die Proteste gegen die One-Man-Show Putin und das von ihm geschaffene System. Der Ex-KGB-Agent will sich am 4. März wieder zum Präsident wählen lassen. Dieses Amt hatte er 2000 bis 2008 bereits inne, danach war er vier Jahre Premier. Schon längst werden dafür wieder die Weichen gestellt, etwa mit der Duma-Wahl am 4. Dezember, bei der offensichtlich die Ergebnisse gefälscht wurden. Die Folge: Massenproteste in Moskau, die sich mit Facebook und Co. formieren konnten. Bereits Anfang Dezember melden sich fast 30.000 Russen zur Demo in Moskau an – über Facebook, versteht sich. Und auch der amtierende russische Präsident Dmitri Medwedew musste feststellen, wie sich die Online-Welt plötzlich gegen ihn wendet. So kommentierten über zweitausend Facebook-User seine Aussage, die Wahlmanipulationen würden untersucht werden, kritisch bis höhnisch. Via YouTube verbreiteten sich schnell die Bilder der Proteste. Und als der bekannte russische Blogger Alexey Navalny inhaftiert und zwei Wochen später wieder freigelassen wurde, ging es durch die Medien, ebenso die Forderung Gorbatschows, Putin möge abdanken. Und als an Weihnachten geschätzte 100.000 Russen in Moskau demonstrierten, roch es nach Revolution.

Ruhe vor dem Sturm?

Doch das war letztes Jahr. Seit den Weihnachtsprotesten ist es ruhiger geworden um Russland, die Demonstrationen und Putin-Gegner. Diese Abstinenz ist selbst gewählt. So berichtet RP Online:

„Derweil haben die Kremlgegner beschlossen, eine Protestpause einzulegen. Weil in Russland das öffentliche Leben mit dem Jahreswechsel und dem russisch-orthodoxen Weihnachtsfest in der ersten Januarhälfte praktisch zum Erliegen kommt, soll die nächste Demonstration erst wieder im Februar stattfinden.“

Gleichzeitig fehlt der Protestbewegung ein klares Ziel vor Augen. Sie demostrieren gegen die Wahlfälschung, wollen freie Wahlen. Aber soll Putin weg? Soll Russland komplett auf den Kopf gestellt werden? Einige wollen das, andere nicht. So schreibt Dmitry Yagodin für den Blog Hyperland:

„Es scheint, als wäre die Mehrheit der Protestierenden mit einer Untersuchung der Wahlmanipulation und einer Revision des Ergebnisses zufrieden zu stellen – trotz vereinzelter “Russland ohne Putin”-Rufe. Der von vielen Medien gerne herbeigeführte Vergleich mit dem arabischen Frühling ist den Russen selbst jedoch nicht genehm: “Ich will keine Revolutionen”, war Rustem Adagamovs Antwort auf einen der Kommentare in seinem Blog. “Keiner der vernünftigen Leute will dies.”“

Und genau das weiß auch Putin, wenn er höhnt: „Was die für ein Problem haben? Es gibt kein einheitliches Programm, keine klare Zielsetzung und keine Leute, die irgendetwas Konkretes tun könnten.“

Demonstrationen, Proteste und Revolutionen brauchen ein Ziel – bestenfalls ein einheitliches mit Alpha-Tieren, die die Richtung vorgeben. Doch bisher dienten die Proteste vor allem dazu, um die Missstände der Wahl aufzuzeigen. Dafür sind Facebook und Co. ein gutes Mittel. Doch wie soll es nun weitergehen? Geben sich die Russen mit Versprechungen zufrieden? Vielleicht. Doch die Probe auf’s Exempel folgt im März, wenn Putin erneut zum Präsident gewählt wird. Daran zweifeln wohl nicht einmal die Demonstranten.

Foto: Flickr/ photo.maru (CC BY-NC-ND 2.0)

Hart of Dixie – Serie mit Subtext

von Alexander Karl

„Hart of Dixie“ klingt für deutsche Ohren wohl zunächst einmal nach Dixiklo, doch damit hat die US-Serie mit der Speerspitze Rachel Bilson nun wirklich nichts zu tun. Stattdessen geht die Serie bekannte Wege des Dramedy – und kann sogar einen Subtext liefern.

Story und Abgründe

Zoe Hart, angehende Ärztin aus Leidenschaft, will in New York eigentlich Chirurgin werden. Doch mit ihren sozialen Kompetenzen ist es nicht so weit her und so soll sie zunächst ein Jahr als Hausärztin arbeiten, bevor sie wieder in der Klinik vorstellig werden darf. Da trifft es sich, dass ihr ein Unbekannter einen Platz in einer Praxis in Alabama anbietet – und dieser Unbekannte ist, wie sich später herausstellt, ihr leiblicher Vater. Doch er stirbt vor Zoes Ankunft, weshalb sie sich die Praxis mit dem arroganten Dr. Brick Breeland teilen muss. Dessen ebenso hochnäsige Tochter Lemon wird schnell zur Intimfeindin von Zoe, die sich in Alabama ganz schön umgewöhnen muss…
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Und damit beginnt das verrückte Landleben von Zoe Hart in Bluebell, einem fiktiven Ort im Süden der USA. Zahlreiche – für Dramedy-Serien nicht unübliche – Erzählstränge darf der Zuschauer verfolgen: Da wäre natürlich das (Über-)Leben in einer Kleinstadt, die der modebewussten (Klischee-)New Yorkerin nicht unbedingt wohlwollend gegenüber steht. Gerade Lemon Breeland wirft Zoe immer wieder Steine in den Weg, auch, weil Lemons Verlobter George Tucker und Zoe sich gut verstehen. Aber da ist der Bürgermeister von Bluebell, Ex-Footballer Lavon Hayes, der Zoe unter seine Fittiche nimmt, aber mal eine Affäre mit Lemon hatte. Kurz und gut: Das Gefühlskarussell dreht sich gleich zu Beginn schnell.

Doch Hart of Dixie ist nicht so stereotyp, wie man auf den ersten Blick meinen könnte: Alle Figuren haben ihre Geheimnisse und persönlichen Abgründe, in der Fachsprache nach Shakespeare flaws genannt. Die Eiskönigin Lemon wurde etwa früh von ihrer Mutter verlassen und übernahm deren Rolle für ihre jüngere Schwester. Sie wie auch ihr Vater Brick sorgen sich um das schöne Bluebell, in das Zoe nun einmal nicht passt, und verteidigen die Tradition der Stadt.

Gelungen ist übrigens auch die Homepage der (fiktiven) Stadt Bluebell, die für Fans der Serie einige Hintergrund-Infos bereithält und mit einigen Querverweisen ausgestattet ist: So finden sich Straftaten, die in der Serie begangen werden, auf der Seite unter Police Logs.

Serie mit Subtext

Der Titel der Serie verrät schon: Es gibt einen Subtext. Denn „Heart of Dixie“ ist der Spitzname von Alabama, wo die Serie spielt, benannt nach einer Zehndollarnote, auf der ‚dix‘ (französisch für zehn) stand. Gleichzeitig ist Zoes Nachname ‚Hart‘ und was fehlt Zoe zumindest zu Beginn der Serie? Genau, Herz und Mitgefühl, gerade auch für die Patienten. „Hart of Dixie“ kann man durchaus als einen Aufruf zur Herzlichkeit verstehen, was sich eigentlich auch die Bewohner von Bluebell auf die Fahne geschrieben haben. Die Serie hat eine Sozialkritik inne, die den äußeren Schein und das innere Sein der Figuren beleuchtet und hinterfragt. Jede Figur hat nachvollziehbare Ziele, die auch aus ihren Hoffnungen und Ängsten entstehen. Damit geht die Serie durchaus in Richtung Desperate Housewives, doch zumindest zum Ende der ersten Staffel kann man noch nicht so viel Absurdität in der Handlung wie bei Susan, Bree und Co. erkennen. Stattdessen sorgt nicht nur Rachel Bilson für ein gewisses O.C., California-Feeling: Dort spielte sie Summer, Seths Freundin, und auch Josh Schwartz tritt wieder als Produzent in Erscheinung. Und auch die Atmosphäre, die Wärme der Bilder und die gelungenen Dialoge lassen an O.C., erinnern. Während die Quoten nicht atemberaubend sind, ist die Internetgemeinde doch weitestgehend positiv gestimmt: In der renomierten InternetmovieDatabase (IMDb) hat die Serie eine Bewertung von 7,6/10 Punkten und liegt damit vor Platzhirschen wie Grey’s Anatomy (7,2) oder Desperate Housewives (7,5).  Zum 23. Januar 2012 wird die 1. Staffel in den USA auf The CW fortgesetzt. Bis dato sind erst 10 der 22 Episoden ausgestrahlt worden. Auch der Gala-Blog lobt die Serie bereits, obwohl für Deutschland noch kein Sendetermin in Sicht ist – aber es wäre für mich nicht verwunderlich, wenn ProSieben irgendwann mit „Hart of Dixie“ aufwarten würde.

 

Foto: flickr/Luciano Consolini  (CC BY-NC 2.0)

Meinung oder Beleidigung? Kommentare im Web

von Alexander Karl

Jeder kann im Internet seine Meinung vertreten, rund um die Uhr und überall. Doch manchmal nimmt die freie Meinungsäußerung erschreckende Ausmaße an – schnell werden User beleidigend, gleichzeitig öffnet das Web auch das Tor für extreme Meinungen.

Trolle im Netz

„Das Kommentarfeld unter Artikeln: ein Trollhaus.“ Dies sagt Leo Lagercrantz, ehemaliger Chefredakteur der schwedischen Online-Zeitung Newsmill in der Süddeutschen. Besonders geprägt hat ihn eine Kommentatorin, die er „Troll“ nennt, weil sie in den Kommentarboxen wütet und „die sich entweder gegen Migranten oder bekannte Feministinnen wenden. Ihre Texte sind aggressiv, aber stets gut formuliert und nie drohend.“ Trotzdem, so Lagercrantz, löschte er ihre Beiträge. In den alten Medien hätten es solche „Trolle“ nicht geschafft, ein breites Publikum mit ihrer Meinung zu konfrontieren – denn dort gab es noch Gatekeeper, die über Leserbriefseiten wachten.  „Doch dann wurde das Kommentarfeld im Netz erfunden. Der Einzug der Trolle in die Öffentlichkeit war ein Faktum“, sagt Lagercrantz. Und Lagercrantz entschied sich, dagegen vorzugehen, Kommentare zu löschen, ja, zu „zensieren“, wie ihm einige Nutzer vorwarfen. Lagercrantz verließ die Plattform und sieht nun, wie nach den Anschlägen von Oslo große skandinavische Medien keine anonymen Kommentare mehr zulassen.

Kommentare im Web

Wie aber sieht die Kommentarstruktur im Web aus? Gegen wen richten sich Beleidigungen? Studenten der Uni Mainz untersuchten die Kommentare zu Fukushima auf SpiegelOnline. Sie stellen fest, dass 51,3 Prozent der Beleidigungen gegen andere User gingen, erst dann folgten mit 19,1 Prozent die deutsche Regierung und mit 1o Prozent die deutschen Parteien. Problematisch ist vor allem auch die Äußerung der Ironie. So wurde festgestellt, dass „18,8% aller Kommentare, die Ironie beinhalteten, mit einer Beleidigung
beantwortet“ wurden. Gleichzeitig ziehen aber auch Beleidigungen neuerliche Beleidigungen nach sich – in über 30 Prozent der Fälle. Allgemein konnten die Studenten feststellen, dass eine hohe Emotionalität der geführten Debatte die Wahrscheinlichkeit für Beleidigungen erhöht. Um Debatten also weitgehend beleidigungsfrei ablaufen zu lassen, bräuchte es weniger Emotionen – ein nahezu unmögliches Unterfangen bei heiklen Themen.

Provokateure im Web

Vielleicht ist es manchmal auch ganz gut, sich seinen Kommentar zu sparen – gerade dann, wenn der eigentliche Provokateur nicht nur einen Post weiter unten sitzt, sondern der Beitragsverfasser ist. Ein Beispiel dafür ist die mehr als strittige Seite www.kreuz.net. Dort wird offen von Homo-Gestörten und Homo-Greul gesprochen, vom HS-Staat (HS als Abkürzung für Homosexualität, nicht zu verwechseln mit NS-Staat) und der Holocaust in Frage gestellt. Oder es wurde Stimmung gegen die Heiligsprechung des liberaleren Papst Johannes Paul II. gemacht. Auch deshalb bezeichnet die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung die Seite als „rechtsextreme Katholiken im Internet„. Dementsprechend kontrovers sind auch die Diskussionen auf der Seite, hier einmal ein Auszug zum Thema „Onanie grenzt an Homo-Perversion“.

Dazu stellen sich eigentlich zwei Fragen: Macht es überhaupt Sinn, mit christlichen Fundamentalisten zu diskutieren? Oder ist es die Pflicht eines jeden, solchen Auswüchse paroli zu bieten?

Betrachtet man die Ausführungen Lagercrantz‘, der sich auch telefonisch mit dem „Troll“ auseinandergesetzt hat, mit ihm inhaltlich diskutieren wollte, könnte man meinen, dass es keinen Sinn macht, sich mit „Trollen“ auseinander zu setzen: „Ich tat es [den Ausstieg bei Newsmill] nicht nur mit dem Gefühl, vom Troll besiegt worden zu sein, sondern auch im Wissen, dass mein Kampf sinnlos gewesen war.“

Gleichzeitig aber blickt Lagercrantz nach den Anschlägen in Oslo zurück und sagt: „Persönlich verstärkte das Massaker in Norwegen mein Gefühl, gescheitert zu sein. Nicht weil ich „zensierte“. Sondern weil ich es nicht früher und entschlossener tat.“

 

UPDATE: Es hatte sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Natürlich heißt kreuz.net nicht kreutz.net.

 

Foto: Flickr/maubrowncow (CC BY-NC-SA 2.0) ; Screenshot: http://www.kreuz.net/article.14063.html (20.12.2011)

Spion oder Freund? Eltern beim Facebook

von Alexander Karl

Über 50 Prozent der britischen Eltern spionieren die eigenen Kinder über Social Networks aus – das ergab eine Studie des Internet-Security-Diensts BullGuard. Sollte man seine Eltern also nicht zu Facebook-Freunden machen, um sich noch ein paar Geheimnisse zu bewahren? media-bubble.de fragt Tübinger Studenten.

Eltern in sozialen Netzwerken

Facebook und Co. sind längst kein Digital Native Phänomen mehr. So ergab die ARD-ZDF-Onlinestudie aus dem Jahr 2011 etwa, dass 83 Prozent der Gruppe der 30 bis 49-Jährigen mindestens einmal die Woche E-Mails verschicken, 28 Prozent sind einmal die Woche auf Online-Community-Seiten. Doch was machen unsere Eltern auf Facebook und Co.? Dies ermittelte der Internet-Security-Dienst BullGuard: Demnach spionieren über die Hälfte der Eltern ihre Kinder bei Facebook und Co. aus. Weiter heißt es: „Four in ten parents admitted to regularly checking their children’s social media status updates, 39% use the Facebook “wall” to see who’s been posting messages to their children, and 29% look through tagged images.“ 11 Prozent gaben sogar zu, nur auf einer sozialen Plattform zu sein, um die Kinder im Blick zu haben.

„Fürchtet ihr euch um eure Privatsphäre?“

Julian Engelhard, 23

Wir haben zwei Tübinger Studenten, deren Eltern bei Facebook sind, gefragt: „Fürchtet ihr euch um eure Privatsphäre?“ Frances-Kate Johnson, 22, kommt ursprünglich aus den USA und ist mit ihren Eltern bei Facebook befreundet. Die Archälogie-Studentin nutzt das Social-Network, um ihre Eltern auf dem Laufenden zu halten: „Ich bin soweit weg von zu Hause. So können sie sehen, was ich tue.“ Angst, dass die Eltern sie ausspionieren? Kein bisschen.

Facebook um die Distanz zu überbrücken: Dafür nutzte auch der Sportpublizistik-Student Julian Engelhard, 23, Facebook. Er war in den Semesterferien in Mittelamerika und hatte seine Eltern vor dem Abflug gebeten, sich bei Facebook anzumelden. „Damit sie besser verfolgen konnten, was ich gerade mache und wo ich gerade bin.“ Er hat seine Eltern auf keiner Liste platziert, sie können alles sehen, was er macht. Bisher gab es aber noch keinen Rüffel von seinen Eltern für irgendwelche Posts. „Das liegt aber auch daran, dass meine Eltern nicht sehr aktiv auf Facebook sind. Insbesondere mein Vater benutzt Facebook fast nie. Und auch meine Mutter ist selten dort online seitdem ich wieder in Deutschland bin.“ Das Gefühl, ausspioniert zu werden, hat er absolut nicht.

 

Aber nicht alle Kinder sind sonderlich glücklich über das Verhalten ihrer Eltern bei Facebook. Da werden peinliche Baby-Geschichten über Facebook verbreitet und man liest pseudo-lustige Kommentare seines Vaters. Andererseits bedeutet eine abgelehnte Freundschaftseinladung der Eltern noch lange nicht, dass sie nichts über die Online-Aktivitäten der Sprößlinge erfahren. So gibt es Internetdienste, die das Ausspionieren der Kinder übernehmen – und dafür natürlich Geld verlangen.

Im Internet finden sich auch immer wieder kuriose Sammlungen von elterlicher Kommentaren – wie man hier auch links sehen kann.

Übrigens: Wie Eltern Facebook kreativ nutzen können, zeigt ein amerikanisches Paar, die über den Plattform über den Namen ihres Kindes abstimmen ließen.

Foto: Privat

Der neue Tod

von Alexander Karl

Einschusslöcher, Blutlachen und Co. gehören heute zu einem guten Krimi dazu. Der Zuschauer soll immerhin wissen, was dem Toten passiert ist. Die amerikanische Serie ‚Six feet under‘ setzte neue Maßstäbe im Umgang mit dem Tod und der expliziten Darstellung von Toten. Doch auch beim deutschen ‚Tatort‘ wird nicht mehr auf dezente Tode und Tote gesetzt.

Tatort Deutschland

„Im Verlauf der untersuchten 40 Jahre hat sich die Bebilderung des Todes deutlich verändert. Die Todesdarstellungen sind heute so intensiv und direkt wie nie zuvor“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Stephan Völlmicke. Für seine Doktorarbeit „Vierzig Jahre Leichenshow – Leichenschau. Die Veränderung der audiovisuellen Darstellung des Todes im Fernsehkrimi TATORT vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels im Umgang mit Sterben und Tod“ untersuchte er 82 Tatort-Folgen von NDR und WDR und stellte fest, dass der Tod heute weithin aus der naturwissenschaftlichen Perspektive betrachtet wird. „Der Tatort war schon immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die aktuellen Todesdarstellungen sind ein Seismograph für den gesellschaftlichen Umgang mit Sterben und Tod“, so Völlmicke. Die Dialoge sind etwa viel häufiger gespickt mit wissenschaftlichen Termini und auch das heute vierfach häufigere Auftreten von Gerichtsmedizinern lässt den Kommunikationswissenschaftler zu der Schlussfolgerung kommen, dass „[d]ie ausgeprägten und direkten Darstellungen der Leichen im Tatort gleichzeitig ein Ausdruck der Profanisierung des Todes in der Gesellschaft“ sind.

Six feet under

„Die älteren Darstellungen des Todes im Fernsehen werden nicht ersetzt, sondern erweitert. Die neue Sichtbarkeit des Todes geht einher mit der »Bildung« des Wissens über den Tod“, schreibt Tina Weber und verweist dabei vor allem auf die US-Erfolgsserie Six feet under. „Six Feet Under – Gestorben wird immer“, erdacht von Alan Ball (der derzeit mit ‚True blood‘ für Furore sorgt) lief in den USA von 2001-2005 und beschreibt das Leben von Familie Fisher, die ein Bestattungsunternehmen führen. Nach dem Tod des Vaters Nathaniel sollen sein schwuler (aber zunächst nicht geouteter) Sohn David und der abenteuerlustige Nate das Familienunternehmen weiterführen.

Doch der Tod ist hier – anders als bei CSI und Co. – nicht nur der Ausgangspunkt für Ermittlungen oder forensische Untersuchungen. Vielmehr geht es um das Leben, die Liminalität und den Tod, was bereits die Eröffnungssequenz zeigt:

Wie Kim Akass und Janet McCabe herausarbeiten, findet sich im Intro eine Vielzahl von klinischen und forensischen Bildern, aber eben auch mystische Darstellungen: Die sich trennenden Hände, Raben und Grabsteine sind ein Kontrast zu den Tupfern und Einbalsamierungsflüssigkeiten. Und diese Kontraste werden in der Serie immer weiter fortgeführt: Im Piloten werden die Erzählstränge durch amüsante und satirische Werbeclips zu Leichenwagen aufgelockert, was ab der zweiten Episode durch einen einführenden Todesfall ersetzt wird. Auch dieser kann teilweise überraschend und amüsant sein: So wird etwa ein in der 5. Staffel ein Mann von seinem eigenen Auto überrollt, während er sich aus der Wagentür lehnt um eine Zeitung aufzuheben.

Gleichzeitig aber bildet der sterile ‚prep room‘, in dem die teilweise schlimm zugerichteten Leichen wieder hergerichtet werden einen von der Öffentlichkeit versteckten Blick auf die Arbeit an dem toten Körper. So erfährt der Zuschauer aber auch, wie nach dem Tod mit den Leichen umgegangen wird. Wie eine Studie beweist, kann die Rezeption von Six feet under dabei helfen, dass die Angst um den Umgang mit dem Körper nach dem Tod vermindert wird.

Aber ähnlich wie der Tatort in Deutschland stellt ‚Six feet under‘ auch einen Spiegel im Umgang mit dem Tod da: Vom Konkurrenz-Kampf der Bestattungsunternehmen bis hin zur Darstellung der Auswahl an Särgen wird der Versuch unternommen, dem Sterben und der Trauer ein realistisches Gesicht zu geben.

 

Foto: kaibieler / photocase.com

Im Netz zu Hause

von Alexander Karl

Vor 10 Jahren schuf Marc Prenzky eine Unterscheidung, die sich noch heute in der Medienwissenschaft größem Zuspruch erfreut: Die Digital Natives – jene Generation, die in einer multimedialen (Internet-)Welt aufgewachsen ist – und die Digital Immigrants, die die vorhergehenden Generationen darstellen. Aber gibt es sie wirklich, die strickte Trennung? Oder ist alles viel komplexer?

Digital Natives vs. Digital Immigrants

Versucht man die beiden Gruppen stereotyp zu beschreiben, könnte man es frei nach Prenzky wohl so machen:

Digital Natives hören Musikvideos auf Youtube, posten den Link bei Facebook und warten darauf, dass ihre Freunde ‚Gefällt mir‘ klicken. Sie schreiben Blogs und Essen nebenbei, während diverse Chatprogramme laufen.

Digital Immigrants drucken Mails aus und wenn eine Antwort zu lange dauert, rufen sie den Empfänger an und fragen, ob die Mail angekommen ist. Und sie hätten am liebsten zu jedem Computerprogramm eine Bedienungsanleitung, anstatt einfach auszuprobieren.

Der Kontrast ist deutlich und schnell wird klar: Digital Natives sind wir (Studenten und all jene, die man als Generation Y bezeichnet), wohingegen die Digital Immigrants alle vorhergehenden Jahrgänge darstellen. Während die Natives also online als Muttersprache sprechen, müssen die Immigrants sich zunächst an die Terminologie gewöhnen – und verstehen, dass die Students, wie Prenzky die Gruppe nennt, anders ist als alle vorhergehenden: „Our students have changed radically. Today’s students are no longer the people our educational system was designed to teach.“

Die Studenten – und allgemein die Jugend – ist mit digitalen Angeboten aufgewachsen, an die die Generation vor uns noch nicht einmal zu denken gewagt hat (außer natürlich, man heißt Steve Jobs). Prenzky spricht in seinem Report von 2001 von Video-Spielen und dem Internet im Allgemeinen, die uns faszinieren. Heute, 10 Jahre später, würde man wohl auch Facebook hinzufügen, was nicht nur die Online-Zeit der User in die Höhe schließen lässt, sondern die Kommunikationsstruktur aller User verändert.

Prenzky zielt in seinem Report aber vor allem auf die Frage ab, wie medienaffine Jugendliche zielgerichtet und erfolgreich unterrichtet werden können – und das zumeist von Digital Immigrants, die nicht verstehen, dass man beim Lernen (oder Blog-Schreiben) Musik hören kann, ohne sich nicht zu konzentrieren. Das, so Prenzky, liegt aber nur daran, dass die Digital Immigrants es eben nicht können:

„Of course not – they didn’t practice this skill constantly for all of their formative years. Digital Immigrants think learning can’t (or shouldn’t) be fun. Why should they – they didn’t spend their formative years learning with Sesame Street.“

Aber: Wie soll diese Kluft zwischen Muttersprachlern und Fremdsprachlern geschlossen werden, gerade dann, wenn die Fremdsprachler die Muttersprachler unterrichten? Prenzky meint, dass die Digital Immigrants die Sprache der Digital Natives lernen und den Unterrichtsstoff dementsprechend anpassen müssen:

„In geography – which is all but ignored these days – there is no reason that a generation
that can memorize over 100 Pokémon characters with all their characteristics, history and
evolution can’t learn the names, populations, capitals and relationships of all the 101
nations in the world. It just depends on how it is presented.“

 

Wer sind wir? Wer sind die Digital Natives?

Studenten der Kansas State University haben sich 2007 die Frage gestellt, wer sie sind, wie sie mit digitalen Medien umgehen und kamen zu eindeutigen Ergebnisse, in denen sich wohl jeder Student der 2000-Jahre wiederfinden kann:

Die Studenten werden nur 8 Bücher im Jahr lesen, dafür 2300 Webseiten und fast 1300 Facebook-Profile. Die Studenten aus Kansas sind nicht nur Teil des Medien- und Lebenswandels, sie bezeugen ihn auch eindrucksvoll in ihrem Video.

 

Doch zu Prenzkys eindeutiger Abgrenzung gibt es auch Gegenstimmen. Simson Garfinkel widerspricht Prenzky, dass generell alle Jugendliche automatisch Digital Natives werden. Um bei der Analogie der Natives und Immigrants zu bleiben: Garfinkel meint, dass sich alle Jugendliche gezwungenermaßen in die Internet-Welt eingebürgen lassen – denn wenn sie es nicht tun, werden sie zu Randständigen.

„The difference between these old fogies and today’s teens is that, for many teens today, learning to use a computer is no longer optional. The teachers in my town’s high school refuse to accept papers unless they are typed on a computer.“

Wer aber nicht mit Computer oder Internet dienen kann, kann schnell isoliert werden (bestes Beispiel ist mal wieder Facebook). Ihm fehlt auch die Möglichkeiten, sich zu (wichtigen politischen) Themen zu informieren – und schon muss man sich mit dem Thema des Digital Divide auseinander setzen.

 

Foto: photocase.de / misterQM

E-Books: Probleme und Hoffnungen

von Alexander Karl

E-Books waren das Thema der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Doch der Marktanteil in Deutschland ist noch immer verschwindend gering: Im ersten Halbjahr 2011 lag er – je nach Quelle – zwischen 0,7 und 1,5 Prozent des Buchmarkts, eine aktuelle GfK-Studie sah den Umsatz bei 13 Millionen Euro.

Was sind die Probleme der digitalen Bücher und wo besteht Hoffnung auf Besserung?

Problem Nummer 1: Geringe Nachfrage.

Kassenschlagen wie Frank Schätzings ‚Limit‘ sind im virtuellen Buchladen noch immer die Ausnahme: Über 10.000 mal wurde das Buch gekauft. Doch Bücher, die es nicht auf die Bestsellerliste geschafft haben, werden nur im zwei- oder dreistelligen Bereich gekauft. Wenn überhaupt. In den USA sieht das ganz anderes aus: Zehn bis zwölf Prozent des Buchhandelsumsatzes werden dort mit E-Books gemacht, so Buchmarktexperte Holger Ehling zur Deutschen Welle.

Problem Nummer 2: Das Angebot.

In Apples App-Store gehen viele Bücherangebote schnell unter, sagte Lutz Dursthoff, Cheflektor Sachbuch bei Kiepenheuer & Witsch, dem Spiegel. Denn unter den beliebtesten Apps finden sich nur selten Bücher, sondern eher Spiele. Im iBookstore hingegen tauchen die multimedial aufbereiteten Bücher (im Fachjargon enhanced ebooks) nicht auf – und so erfährt der Kunde in den seltensten Fällen von deren Existenz. Der Praxisbericht von Wolfgang Tischer zeigt aber wie einfach es ist, mit wenigen Verkäufen in den Top 100 der E-Book-Charts bei Amazon zu landen. Das spricht wiederum nicht wirklich für eine große Nachfrage…

 

Problem Nummer 3: Die Aufbereitung.

Die großen Verlage haben riesige Archive voll mit literarischen Schätzen – doch oftmals sind diese nicht digitalisiert, weshalb Satz und Umbruch neu gemacht werden müssen. Das kostet Zeit und Geld. Außerdem fehlt in vielen Verträgen ein Paragraph zur elektronischen Nutzung. Es muss also nachverhandelt werden und auch das kostet. Warten die Verlage damit aber zu lange, könnte das zur Folge haben, dass interessierte Leser sich die Bücher auf illegalem Weg holen. Und was das für Folgen hat, weiß die Musikindustrie.

 

Hoffnung Nummer 1: Enhanced Books.

Der Nutzen von Hyperlinks ist nicht nur Bloggern bekannt; auch in der Literatur werden sie immer öfter genutzt. So findet sich das digitalisierte Tagebuch des deutschen Autoren Erich Mühsam nicht nur im Netz – es ist auch angereichert mit vielen Querverweisen zu bekannten Persönlichkeiten. Spinnt man diese Idee weiter, gelangt man schlussendlich zu den sogenannten enhanced books, also Büchern mit Zusätzen. Dank iPad und Co. können Bücher nun zu multimedialen Erlebnissen werden. Ranga Yogeshwar Buch kommt etwa als mulimediale App daher, mit kreativer Menüführung und kreativen Clips.

Hoffnug Nummer 2: Billigere Geräte.

Das Kindle für 99 Euro, den Weltbild eBook Reader 3.0 für 59,99 Euro – das sind Kampfpreise für Lesegeräte.  So sehen das auch viele Experten, etwa Per Dalheimer, Geschäftsführer des E-Book-Händlers libri.de. Er sagte dem Focus: „Der jüngste Preisrutsch bei den Geräten führt dazu, dass E-Book-Reader künftig eher verschenkt werden als bisher.“ Denn: Weihnachten naht und so sein Kindle macht sich unter dem Baum gut.

Foto: © Frankfurter Buchmesse / Alexander Heimann

Seth Cohen – Ein Held mit Spielzeugpferd?

von Alexander Karl

Wer ist eigentlich Seth Cohen? Das fragt sich nicht nur Summer Roberts in der ersten O.C. California-Folge. Sie weiß nicht, dass sie seit Kindheitstagen von Seth angebetet wird. Doch leider hat sie ihn noch nicht wahrgenommen. Die Frage aber ist: Hätte sie es lieber getan? Sollte Summer wissen, wer Seth ist? Aber wer er selbst ist, auch das weiß Seth noch nicht so richtig. Ein jüdischer, zynischer und ironischer Junge mit Spielzeugpferd namens Captain Oats? Oder der tobende, kämpfende und über seine Grenzen wachsende Mann, der Seth dann ist, wenn seine Freunde oder die Liebe in Gefahr sind?

Die Vielschichtigkeit von Seth

So richtig wird man als Zuschauer nicht schlau aus dieser Figur, aber gleichzeitig macht sie genau das so unglaublich sympathisch und authentisch – Seth ist kein Stereotyp, sondern ein Original, ein Charakter. Seth ist nicht nur Teil der Handlung über das Leben einer reichen Familie in Kalifornien, er ist ein Medium und Figur. Sein Musikgeschmack beeinflusst Serie und Zuschauer, seine kantig-humorvolle Art dient als Gag der Serie, seine Außenseiterrolle und der Weg daraus als Leitbild für Millionen Fans. Aber ist Seth wirklich ein Held? Ein Held mit Spielzeugpferd?

An dieser Stelle muss zwangsläufig auf Jens Eders‘ „Die Figur im Film: Grundlagen der Figurenanalyse“ verwiesen werden, mit dessen Buch man Seth auf die Psychologen-Coach legen und komplett analysieren könnte. Doch bei vier Staffeln O.C., fällt einiges an Gesprechsbedarf an, weshalb ich nur die wichtigsten Punkte nenne, mit denen man Seth untersuchen kann:

1) Er ist anders als die anderen. Seth ist bestimmt nicht der Prototyp eines Mannes, stattdessen trägt er eindeutig weibliche Züge an sich. Seth ist eitel, selbstverliebt – aber gleichzeitig auch verletzlich und reflektiert immer wieder sein Handeln. Und vor allem spricht er darüber. Nicht selten nimmt er sich den eher stummeren (und maskuliner wirkenden) Ryan zur Brust und sucht seinen Rat (nach Eder: Ebene der fiktiven Figur).

2) Seth ist in gewisserweise der Prototyp eines Losers. Er wird von Klassenkameraden gemobbt und verprügelt, zumindest solange, bis Ryan kommt. Als Comic-Fan wirkt er bewusst verschroben und ist ein klarer Außenseiter – was immer wieder im Kontrast zu den Mitgliedern des Wasserball-Teams deutlich wird. Doch damit ist er auch ein Rebell, der sich gegen die Normen der O.C.,-Welt auflehnt. Vordergründig zählt dort nämlich der schöne Schein (nach Eder: Ebene des Symbols).

3) Seth birgt – eben aufgrund seines Charakters und seiner Einstellung – ein Konfliktpotenzial. Zum einen mit der Newport-Welt, in der er aufwächst, aber verabscheut. Aber auch in seinem privaten Leben. Seine unerfüllte Liebe zu Summer, die später zu einem Wechselbad der Gefühle mutiert, wird bereits in der ersten Folge angedeutet. Auf den ersten Blick passen Seth und Summer kaum zusammen, auf den zweiten dann aber schon. Und hier kommt auch Seths Spielzeugpferd Captain Oats ins Spiel: Summer selbst besitzt quasi das Gegenstück, nämlich Princess Barkle (nach Eder: Ebene des Artefakts).

4) Seth repräsentiert auf den ersten Blick zwar weniger das gänige Männerbild als Ryan, auf den zweiten Blick bietet er der Jugend aber wohl mehr Projektionsfläche als der Junge aus Chino. Denn er ist Teil der Generation Y, die, der Generation X nachfolgend, meist die Geburtenjahrgänge 1977 bis 2002 umfasst, nach manchen Definitionen auch jene von 1978 bis 1989 . Diese Generation ist zielstrebig, selbstbewusst, steht für Wandel und In-Frage-Stellen von Konventionen. Und genau das macht auch Seth. Er ist kein Stereotyp; er verstößt gegen viele Männerbilder und die der Upper-Class. Angefangen von seinem Kleidungsstil bis zu seiner Art ist er individuell und keinesfalls ein Abklatsch eines gängigen Bildes (nach Eder: Ebene des Symtoms).

 

Ist Seth nun ein Held?

Geht man nach Joseph Campbell, so ist Seth tatsächlich ein Held. In „Der Heros in tausend Gestalten“ heißt es:

„Der Held ist deshalb der Mensch, ob Mann oder Frau, der fähig war, sich über seine persönlichen und örtlich-historischen Grenzen hinauszukämpfen zu den allgemein gültigen, eigentlich menschlichen Formen“. (Campbell, 1999: 26)

Um aber zum Held zu werden, kämpft Seth primär gegen sich selbst. Seth Cohen ist also bestimmt kein Held, der sich selbst als Held sehen würde – vielmehr ist er nach Christopher Vogler ein unwilling hero:

„Full of doubts and hesitations, passive, needing to be motivated or pushed into the adventure of outside forces” (Vogler, 1999: 45).

Seth steht also sicher nicht auf einer Ebene mit Spider- oder Superman (obwohl er ironischerweise Summer mit Spiderman-Maske küsst). Er ist eher ein Alltagsheld, einer wie wir – nur eben mit Spielzeugpferd.

Literatur zur Figurenanalyse:

Campbell, Joseph (1999): Der Heros in tausend Gestalten. Insel Verlag Frankfurt am Main.

Eder, Jens (2008): Die Figur im Film: Grundlagen der Figurenanalyse. Schürer Verlag,  Marburg.

Vogler, Christopher (1992): The Writer’s Journey: Mythic structure for storytellers & screenwriters. Michael Wiese Productions, Studio City.