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Tübinale 2014: Darth Vader hatte die Nase vorn

                                                                                                                                                    von Maya Morlock

Am vergangenen Freitag, den 6. Juni 2014, war es endlich wieder soweit: die Studenten der Medienwissenschaft luden zur „Tübinale“ in die Aula des Keplergymnasiums ein. Die von Prof. Klaus Sachs-Hombach initiierte Veranstaltung stand wie auch in den Vorjahren unter dem Motto „transmediale Welten“. Angehende Jungregisseure bekamen hier die Chance ihre eigenen Filme zu diesem Thema zu präsentieren.

 

Transmediale Welten, wie setzten die Gruppen das um?

Gezeigt wurden 12 Filme à höchstens 6 Minuten, anschließend beantworteten die jeweiligen Verantwortlichen Fragen zu ihrem Werk. Nachdem alle Filme gezeigt vorgeführt wurden, erfolgte die Siegerehrung: Der Publikumspreis wurde an die Gruppe mit dem größten Applaus vergeben, über die Plätze drei bis eins entschied eine externe Jury, bestehend aus Experten der Medienbranche, wie zum Beispiel Manfred Handtke (Tagblatt-Redakteur)  und Studenten der Medienwissenschaft. Thematisch wurde in allen gezeigten Filmen besonders der Umgang mit den Medien und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft fokussiert.
Oftmals wurden die negativen Aspekte aufgezeigt, wie beispielsweise in dem Film „Frei“, in dem ein Mann durch das Ausfallen der medialen Apparate gezwungen wird, wieder in das echte Leben zurückzukehren und dabei bemerkt, dass die Realität mehr bereithält als die mediale Welt. Die Abgrenzung zwischen medialer digitaler und realer Welt und wie sich unter deren Einfluss zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln, wurde häufig thematisiert.

Der einzige Film, der die Medien dabei eher positiv darstellte war „treasure“, der die Neuerungen als unendlich großen und namensgebenden Schatz darstellte. Wertungsfreie Filme waren ebenfalls vorhandenwurden, so beispielsweise der Dokumentarfilm „natives vs. immigrants“, in dem Passanten in der Tübinger Altstadt ihre Meinung zu „neuen“ und „alten“ Medien  preisgaben. Einen alten Walkman lehnte eine ältere Dame ab, ein Buch galt als habtisches Gut, das nicht durch ein E-Book verdrängt werden könne und eine Polaroidkamera befand der Großteil trotz der veralteten Technik als zeitlos und hip.

Bei solch einer Bandbreite von Filmen und kreativen Ideen war es sichtlich schwer einen klaren Gewinner zu ermitteln. Einige glänzten mit einem überragenden filmischen Know-How, andere denen man anmerkte, dass es wohl ihre erste Filmproduktion ist, überzeugten dagegen mit einer kreativen Umsetzung.
Bemerkenswert ist, dass alle Siegerfilme ohne gesprochene Sprache auskamen und sich, wenn überhaupt, nur Worteinblendungen bedienten. Die Atmosphäre wurde jedoch durchweg über eine passende Musik- und Soundauswahl übermittelt.

 

Die Wandlung der Medien – War früher alles besser?

Auf dem dritten Platz landete der Film „All the ways“, der die alten Medien mit den Neuen verglich: Wo viele nach dem Aufstehen eine „Wetter-App“ öffnen, streckt der Protagonist den Finger aus dem Fenster, um die Außentemperatur zu ermitteln. Zeitung gegen MP3 Player, Stadtkarte vs. Navi. Fazit ist, man kommt mit den alten Medien genauso gut ans Ziel, wie mit den Neuen.

„21st Century Love“, der den zweiten Platz belegte, erzählt dagegen die Geschichte einer Internetbeziehung: Die Protagonisten entschließen sich dazu, sich das erste Mal zu treffen. Im Zug wird die Protagonistin von ihrer Gedankenwelt übermannt. Sie stellt sich vor, wie der Liebste sie wegen einer anderen Frau versetzen oder sie mit offenen Armen empfangen könnte. Das reale Geschehen bleibt unerzählt –, da der Film endet, als sie aus dem Zug steigt. Ein Film der zum Nachdenken anregt, wie gut wir die Menschen eigentlich kennen, die wir beispielsweise als Facebook– Freunde haben. Dieser ergreifende Film räumte gleichzeitig den Publikumspreis ab und das Entwickler-Team „Purple Produktions“ freute sich über insgesamt 6,5l Wein, den sie zur Feier des Tages teilen würden.

 

Star Wars – Die Brücke zwischen den Medienangeboten

Beim Siegerfilm “Transmedialove“, von Mareike Stohp, Nina Linsenmayer und Johanna Dreyer, blieb im Saal kein Auge trocken. Stellenweise war nur schallendes Lachen zu vernehmen. Somit ging der erste Platz hochverdient an einen urkomischen Film, der trotzdem einen kritischen Aspekt behandelt: Es wird ein junger Mann über drei Monate hinweg begleitet seine Entwicklung verfolgt. Er ist ein großer Star Wars– Fan und verliert sich zunehmend in der galaktischen Welt. Die prominenten Sounds aus dem Film wurden ebenso aufgegriffen wie  prägnante Zitate, beispielsweise „May the force be with you“. Seine Star Wars– Obsession gipfelt schließlich darin, dass er sich ein Darth Vader Kostüm zulegt, dieses in seinem Alltag trägt und gänzlich dessen Rolle einnimmt. Es hielt kaum noch einen Zuschauer auf seinem Stuhl, als Darth Vader eine Bank betritt und die automatisch öffnenden Türen mithilfe seiner „Macht“ öffnet. Als Vader eine Gleichgesinnte findet, die stark an Prinzessin Leah erinnert, ist die „transmedialove“ perfekt. Ein Film mit wahrer Liebe zum Detail. Überall sind Star Wars Utensilien zu finden. Raffinierte Schnitte, eine gelungene Musikauswahl und eine überzogene Darstellung, wie man sich in einer medialen Welt verlieren kann, machen diesen Film einzigartig. Durch den komischen Aspekt behält er sich zudem vor, eine klare Wertung abzugeben. Vader hat sein Gegenstück, seine Leah gefunden und dort endet auch ihre Geschichte. Es wird nicht gezeigt, ob er den Weg zurück gefunden hat oder mit seiner Leah glücklich in der Phantasiewelt lebt. Sichtlich überrascht über ihren Erfolg betraten die Gewinner die Bühne. Laut eigener Aussage, wählten sie Star Wars bewusst, da es sich hierbei um ein wahrhaft transmediales Format handelt: Die unendlichen Weiten finden sich in Filmen, Comicbüchern, Fernsehserien und auch als Videospiel. Mit Anekdoten vom Dreh entzückte das Siegerteam „Digital Natives“ die Zuschauer: So habe Darth Vader in der Tübinger Innenstadt viel Aufsehen erregt, –Ein Mann habe beim Eintreten in die Bank sogar einen Überfall befürchtet!

Zusammenfassen lässt sich die diesjährige Tübinale wohl als ein Abend voller gelungener Filme, die ein überraschend hohes Niveau zeigten. Zu hoffen ist, dass dieser Event auch 2015 stattfindet, bei dem die Studenten der Medienwissenschaft ihr Können und ihre Kreativität vor Publikum unter Beweis stellen können.

Fotos: ©Presse Tübinale

Abschied vom Pessimismus – Warum der Journalismus von der digitalen Revolution profitiert

von Sabine Appel

 

Jedes Jahr lädt das Institut für Medienwissenschaft in Kooperation mit dem SWR prominente Persönlichkeiten zu einem Vortrag über aktuelle Themen in der Medienbranche ein. Gast bei der 11. Tübinger Mediendozentur am Montagabend, den 26. Mai 2014, war Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE. Er sprach über die aktuelle Sinnkrise des Journalismus, die aus der Digitalisierung entstanden ist und vertrat die Meinung, dass man ihr deutlich optimistischer entgegenblicken sollte als bisher. „Plakativer Pessimismus“ sei fehl am Platz, denn eigentlich biete die Digitalisierung genügend Chancen für den Journalismus. Laut Döpfner kann der digitale Journalismus in Zukunft sogar besser werden als der analoge.

Das aktuelle Problem der Verlage ist kurz zusammengefasst: Durch den digitalen Wandel und die kostenlosen Angebote im Internet gehen die traditionellen Printmedien unter. Einzelne Monopolisten (Google, Facebook) bedrohen die Verlage auch online mit ihrer Macht, denn sie kontrollieren die Inhalte im Netz. Die Meinungsvielfalt ist in Gefahr, weil Google und Co durch ihre Algorithmen den von den Nutzern – das sind allein in Deutschland derzeit 91,2% aller Internetnutzer – wahrgenommenen Content diktieren.  Eine weitere Gefahr stelle das „Diktat der Klickzahl“ dar, von dem  Professor Bernhard Pörksen in den Vortrag einleitenden Worten sprach: Dieses könne zum Qualitätsverlust führen, denn im Internet muss bis zu einem gewissen Grad veröffentlicht werden, was der Nutzer lesen will. Wer dies ignoriert, bekommt keine Klicks mehr und wird als Medium nicht mehr gehört. Aber was bedeutet das für den Journalismus?

 

Qualitätsjournalismus vom Papier aufs Tablet bringen

Döpfner stellte im Grunde zwei Thesen auf: Im Verlagswesen ändert sich durch die digitale Revolution letztlich nicht so viel wie ständig befürchtet wird. Aus diesem Grund ist der Journalismus an sich auch nicht dem Untergang geweiht. Außerdem dürfe man als Zeitung entgegen einer landläufigen Meinung eben nicht alles anders machen als bisher, um erfolgreich zu bleiben. Der Schlüssel zum Erfolg sei es, so Döpfner, die klassische „Idee des Journalismus vom Papier zu emanzipieren“. Man müsse sich auf die Grundqualitäten und –fertigkeiten des professionellen Journalismus berufen, um als Verlag bestehen zu bleiben, ganz unabhängig vom Medium.

Der Journalismus dient laut Döpfner nicht mehr als Instrument zur Volksbelehrung, das dem Leser überlegen ist, sondern ist zu einer Dienstleistung geworden, die sich nach dem Nutzer richten und damit auskommen muss, dass der Nutzer selbst auch publiziert – seien es Kommentare oder sogar eigene Blogs. Doch viele sehen in genau dieser Umkehrung die Problematik: Wenn jeder sein eigener Chefredakteur sein und seine Meinung im Internet publizieren kann, sind Profis vielleicht irgendwann überflüssig. Dem widerspricht Döpfner – denn es gebe „nicht nur Schwarmintelligenz, sondern auch Schwarmdummheit“. Zwar sei der kritische Nutzer eine Bereicherung für die Diskussion, aber keine Bedrohung. Denn je größer das Angebot an Informationen sei, desto größer sei auch das bleibende Grundbedürfnis nach Orientierung und Anleitung durch kompetente Meinungsführer. Im digitalen Journalismus ginge es dem Nutzer nicht mehr nur um Informationsbeschaffung, sondern um die Einordnung und Diskussion dieser Information. Davon können Verlage profitieren, indem sie sich auf ihre traditionellen Qualitätsmerkmale berufen.

 

Content is king

Eine weitere interessante These Döpfners ist, dass „elektronisches Papier“ in einigen Jahren so aussehen wird wie heutzutage analoges Papier. Es sei dann dünn und faltbar, habe also alle Qualitäten des bisherigen und sei durch die fortgeschrittene Technologie und ökologische Verträglichkeit noch besser. An dieser Stelle zieht Döpfner eine Parallele zum Journalismus: Mit dem abbildenden Universalmedium könne auch der Journalismus besser werden, da sich die Zeitungen nicht mehr durch Materialmerkmale von den anderen unterscheiden könnten, sondern nur noch durch besser aufbereitete Inhalte. Diese Anforderung sei auch eine Chance. Der Journalismus im Netz sei 1. tiefgründiger, weil er längere Beiträge ermöglicht, 2. aktueller, weil eine sofortige Publikation möglich ist, 3. relevanter, weil es einen größeren Adressatenmarkt gibt und die Inhalte für jeden zugänglich sind, 4. interaktiver und damit klüger, weil Fehler korrigiert werden können und 5. intermedial und deshalb kreativer nutzbar. Der digitale Journalismus fördere damit Qualität wie eh und je. Das Erfolgsrezept für Verlage sei daher, „technisch progressiv, ästhetisch neu und inhaltlich konservativ“ aufzutreten.

Eine kleine, überwindbare Hürde sieht Döpfner in der aktuell vorherrschenden „Gratiskultur“, die generell Informationen und besonders qualitativ hochwertigen Journalismus als kostenlose Güter annimmt. Dies sei viel gefährlicher für den Journalismus als der Wechsel von Print zu Digital. Dennoch ist Döpfner optimistisch, dass Nutzer in Zukunft vermehrt bereit sein werden, für unabhängig recherchierten, professionellen Journalismus zu bezahlen. Verlage müssten sich nun darauf konzentrieren, auch das junge Publikum zu begeistern. Das ginge am Besten, indem sie die drei traditionellen Qualitätskriterien – Neuigkeiten, Meinung und Sprache – charismatisch und mit Zeitgeist vertreten. Nutzer suchen laut Döpfner nicht nur nach Information, sondern nach Haltung – ganz unabhängig davon, ob sie dieser am Ende zustimmen oder nicht. Außerdem sei eine emotionale Note sehr wohl gewünscht – Medien dürften ruhig eine Seele verkörpern, die die Leser bewegt. Durch die gesteigerte Medienkompetenz entstehen hohe Ansprüche an Journalisten, die jedoch auch als Chance wahrgenommen werden können. Abschließend sagte Döpfner, dass unabhängig davon, was sich technisch verändere, doch immer eines bleibe, das man bewahren müsse: Guter Journalismus. Eine sinnvolle Forderung, so simpel sie auf den ersten Blick auch erscheinen mag.

Souverän der Information – Professor Pörksen auf der re:publica 2014

von Sanja Döttling

Die re:publica ist eine deutsche Internetkonferenz rund um Social Media, Blogging und Digitale Gesellschaft. Dort hielt Professor Bernhard Pörksen, Leiter des Tübinger Instituts für Medienwissenschaften, einen Vortrag, über das Problem der Informationsüberflutung. Werden wir täglich mit zu vielen (digitalen) Informationen bombadiert? Pörksen stellte als Lösungsansatz seine Drei-Welten-Theorie vor. Im folgenden Video kann der Vortrag in ganzer Länge nachgehört werden.

 

 

 

Video: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Germany (CC BY-SA 3.0 DE)

 

Podcast: Workers

von Lena Bühler

Der Podcast:

Beitrag Nr. 6 fertig

 

Der Film: Die stille Revolution

Wie wäre es wohl, Tag und Nacht einer Hündin zu Diensten zu sein, die in einem schöneren Bett schläft und besseres Essen bekommt als man selbst? Oder dem Versprechen einer US-Staatsbürgerschaft folgend Kriegsdienst in Vietnam zu leisten und dann doch als Illegaler nach Mexiko abgeschoben zu werden. Wo man 30 Jahre bei Mindestlöhnen im Elektronikkonzern Philips arbeitet und die Rente verweigert bekommt? Das wäre in erster Linie hochgradig ungerecht. Für Lidia und Rafael, die in Tijuana arbeiten, ist es aber Realität. Höchste Zeit also, nach Jahren der Genügsamkeit im Verborgenen ein wenig Rache zu üben. Ob man nun mit einer Hupe der Hündin den Schlaf raubt oder im Supermarkt das Regal für Philips-Glühbirnen mit Konkurrenzprodukten verdeckt – Lidia und Rafael sind kreativ wenn es darum geht, sich für jahrelange Entbehrungen zu revanchieren.

Trotz des sensiblen Themas besticht Workers hauptsächlich mit feinem Humor und einem Händchen für Situationskomik. Koproduziert wurde die schwarze Tragikomödie übrigens von Paulo de Carvalho, der gerade den Tübingern als Leiter des jährlich stattfindenden Filmfestivals CineLatino bekannt sein wird. Fast schon eine logische Konsequenz, dass die humorvoll-poetische Studie der Ausbeutung ab dem 12. Dezember täglich um 18 Uhr im Tübinger Kino Museum gezeigt wird.

 

Workers, Mexiko/Deutschland 2013, 122 Min.

Regie & Drehbuch: José Luis Valle

Mit: Jesús Padilla, Susana Salazar, Bárbara Perrín Rivemar, Sergio Limón, Vera Talaia

 

 

 

Fotos: © Copyright José Luis Valle

Podcast: Blancanieves

von Lena Bühler

Der Podcast:

Beitrag Nr. 3 fertig

 

Der Film:  Es war einmal der Stummfilm? Wenn Märchen wahr werden

Bis zur Oscarverleihung 2012 hatten wohl die Meisten den schwarz/weiß Stummfilm als Relikt einer lange vergangenen Zeit abgetan. Umso größer war also die Überraschung über den Erfolg von The Artist, mit dem der Stummfilm ein kleines Comeback feierte und sich wieder zurück in unser Bewusstsein katapultierte. Davon profitieren vor allem kleinere Produktionen mit geringerem Budget, wie eben der spanische Stummfilm Blancanieves von Pablo Berger.

Obwohl der Titel genau das vermuten lässt, ist Blancanieves nicht wirklich eine Adaption des Märchenklassikers Schneewittchen. Es gibt keine Prinzen und Königreiche, keine sieben Berge und sprechende Spiegel. Stattdessen gibt es Flamenco, Stierkampf und einen frechen Hahn. Pablo Berger selbst sagte, er habe seine ganz eigene Version von Schneewittchen erzählen wollen und nutzt dafür auch Elemente der berühmten Oper Carmen. Zum Beispiel leiht er sich von ihr den Namen für seine Protagonistin. Und so entfaltet sich vor der malerischen Kulisse Sevillas der 20er Jahre eine Geschichte voller Poesie, die ganz ohne Farben und Worte verzaubert.

Wem übrigens die Idee von spanischen schwarz/weiß Filmen gefällt, kann vom 20. Bis zum 27. November neben Blancanieves auch Das Mädchen und der Künstler von Oscarpreisträger Fernando Trueba  im Tübinger Kino Museum sehen. Beide Filme laufen im Rahmen des Filmfestivals FrauenWelten, das sich nun zum 13. Mal jährt. Mittlerweile eine feste Institution in der Tübinger Festivallandschaft, werden auch dieses Jahr wieder humorvolle, berührende und außergewöhnliche Geschichten von außergewöhnlichen Menschen erzählt.

 

Blancanieves, Spanien  2012, 109 Min.

Regie & Drehbuch: Pablo Berger

Mit: Maribel Verdú, Daniel Giménez Cacho, Ángela Molina, Macarena Garcia, Sofia Oria

 

 

 

 

Copyright: AV Vision Filmverleih

 

Podcast: Tirez la langue, Mademoiselle

von Lena Bühler

Der Film: Ist Blut dicker als Wasser?

Mit den Geschwistern ist das so eine Sache. Wir lieben sie natürlich, aber jede freie Minute mit ihnen verbringen? Für die Meisten unvorstellbar. Anders bei Boris und Dimitri. Nicht nur, dass sie praktisch Nachbarn sind und sich per Handzeichen am Fenster noch zum Abendspaziergang mit dem Hund verabreden können. In der Gemeinschaftspraxis „Dr. Pizarnik & Dr. Pizarnik“ sind sie in erster Linie Kollegen und tun genau das, was den meisten Geschwistern Magenschmerzen bereitet – jede freie Minute zusammen verbringen. Doch die brüderliche Harmonie wird getrübt von – wie könnte es anders sein – einer Frau. Die schöne Judith ist die alleinerziehende Mutter von Alice, einer Patientin der Pizarnik-Brüder. Als sich sowohl Boris als auch Dimitri in Judith verlieben wünschen sie sich zum ersten Mal, was zuvor abwegig erschien – Abstand voneinander.

Der Podcast:

Podcast – Tirez la langue, Mademoiselle

 

 

Tirez la langue, Mademoiselle – Zunge raus, Fräulein, Frankreich 2012, 102 Min.

Regie & Drehbuch: Axelle Ropert

Kamera: Céline Bozon

Mit: Louise Bourgoin, Cédric Kahn, Laurent Stocker, Serge Bozon, Camille Cayol, Gilles Gaston-Dreyfus

Wie wir in Zukunft lernen werden – Leibniz-Institut entwickelt neue Techniken

von Sandra Fuhrmann

Eine ganze Bioklasse sitzt vertieft über ihren iPads. Dort kommt die Niere hin, da die Lunge. Eine App ermöglicht es, die Organe per Drag and Drop an den richtigen Platz im Körper zu ziehen. Eine Szene aus Hollywoods neuestem Science Fiction Blockbuster? Nein! Schon heute ist diese Szene Realität!

EyeVisit ist der Name des Projekts, mit dem sich Forscher des Tübinger Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) aktuell beschäftigen. „Unser Ziel ist es, Informationen in Zukunft intuitiver, personalisierter und vor allem auch multimedialer zu vermitteln“, sagt Professor Peter Gerjets, einer der beiden Leiter des Gesamtprojekts. Derzeit bezieht sich die Forschung vor allem auf die Wissensvermittlung im Museum. Peter Gerjets lässt aber durchblicken, dass das Ergebnis weit über das Museum hinausreichen wird. Die Revolution hat bereits begonnen – und sie wird alle nur erdenklichen Bereiche der Wissensvermittlung betreffen.

Auf der Schwelle zur Zukunft

Tritt man über die Schwelle eines Kellerraums des IWM, fällt einem sofort das Herzstück der momentanen Forschung ins Auge. Dort steht der Multitouch-Tisch, abgeschottet von Sonnenlicht, denn Infrarotlich würde ihn funktionsuntüchtig machen. Wie ein überdimensionales iPad oder Smartphone wirkt die Oberfläche. Darauf verteil scheinen Kunstwerke zu liegen, die aus dem Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig stammen. Das Museum ist der aktuelle Forschungspartner des IWM. Mit den Fingern können die Bilder verschoben, vergrößert und auch gedreht werden. Auf der Rückseite finden sich dann Texte oder Videos mit Hintergrundinformationen zum Gemälde. Smartphones, Tablets oder andere digitale Geräte können außerdem durch Auflegen auf die Oberfläche mit dem Tisch interagieren. So können zum Beispiel interessant erscheinende Kunstwerke mit den mobilen Geräten abfotografiert werden und der Tisch liefert dann später – vielleicht bei einer Pause im Museumskaffe – die Informationen dazu. Fundstücke, nennt sich diese erste Idee, die von der interdisziplinären Forschungsgruppe, bestehend aus Psychologen, Informatikern und Museumspädagogen, entwickelt wurde.

Zunehmende Digitalisierung führt auch zu mehr Personalisierung, so scheint es.  So wird momentan an der zweiten Idee innerhalb des Projekts gearbeitet, die noch vor der endgültigen Realisierung steht. Im Tisch sollen dabei auf verschiedene Benutzergruppen abgestimmte Themenrouten vorgespeichert werden, die vom Besucher je nach belieben vor dem Start des Rundgangs abgerufen werden können. Jeder bekommt nur das, was ihn interessiert.

Aber hoppla! Kennen wir das nicht irgendwoher? Dass Inhalte im digitalen Zeitalter personalisiert werden ist nach Google, Amazon und Co. nichts Neues mehr. Hier jedoch wird Personalisierung noch einmal  auf sehr viele weitere und vor allem zentrale Bereiche des Lebens übertragen.

Science Fiction im Klassenzimmer

„Es geht viel darum, was die Medien mit den Besuchern der Ausstellung machen. Was kann bei der Rezeption der Ausstellungsinhalte helfen? Wie können Besucher angeregt werden, sich auszutauschen. Was wollen die Besucher überhaupt sehen? Macht es einen Unterschied, ob etwas medial oder mithilfe eines Objekts vermittelt wird?“

All das sind laut Gerjets zentrale Fragen, mit denen sich die Forschungsgruppe um EyeVisit beschäftigt.  Fragen, deren Beantwortung letztendlich nicht allein im Museum zu einer Revolutionierung der Wissensvermittlung führen könnte.

Gerjets sagt voraus, dass schon in zehn bis 20 Jahren Tablets mit neuartigen Lern-Apps die Klassenzimmer dieser Welt erobert haben könnten. Tablets sind günstiger als gewöhnliche Laptops oder Computer und gewähren dem Lehrer durch ihre flache Form mehr Einsicht. Schon jetzt werden sie in einzelnen Schulklassen ausprobiert und vom IWM entwickelte Apps wurden auch bereits an hochbegabten Schülern getestet.

Wissen ist Silber – Wissensvermittlung ist Gold

Doch warum sich  auf Schulen beschränken? Wissensvermittlung spielt überall in unserem Alltag eine Rolle. Wo wir gehen und stehen versuchen alle Arten von Medien Informationen an uns heranzutragen, uns mit Wissen, Eindrücken und natürlich nicht zuletzt mit Bedürfnissen zu füttern. Auf Messen, in Firmen, in der Produktkommunikation – Informationen sind wertvoll, noch wertvoller jedoch kann ihre erfolgreiche Vermittlung sein.

Den Aufbau des Projekts erklärt Gerjets so: „Innerhalb des Forschungsbereichs gibt es zwei große Gruppen. Einer der Forschungbereiche nennt sich Präsentationsmedien. Hier geht es vor allem darum neue Formen der Informationspräsentation zu entwickeln. Die Andere Gruppe beschäftigt sich mit Wissensaustausch/Wissenskommunikation. Dabei geht es zum Beispiel darum  Face-to-Face-Situationen im Web zu ersetzen oder Meinungssrukturen in Gruppen sichtbar zu machen.“

Hongkong liegt gleich hinter dieser Wand

So ist auch bereits ein neues technologisches Wunderwerk in Arbeit. Dieses Mal nicht ein Tisch, sondern eine Wand. Wem schon Skype bereits ein wenig futuristisch anzumuten scheint, der kann hier nur noch staunen. Die Wand scheint einer Glasscheibe zu ähneln. Nur, dass der Gesprächspartner auf der anderen Seite sich nicht etwa im Vorgarten befinden muss, sondern vielleicht in Hongkong, New York oder Pune. Im Gegensatz zu Skype ist es hier außerdem möglich, Schaubilder oder Ähnliches auf der Wand aufzumalen und sie zu verschieben. Der Gesprächspartner sieht diese nicht nur, sondern kann sie auch verändern. Die Bilder werden auch nicht spiegelverkehrt angezeigt, sondern zum Beispiel Schrift kann auch auf der anderen Seite ganz normal gelesen werden. Internationale Firmenmeetings könnten so ein ganz neues Flair bekommen.

Entwicklungen dieser Art werfen sicher zwiespältige Gefühle auf. Muffige Biologiebücher in den Klassenzimmern mögen in vielleicht nicht all zu ferner Zukunft Geschichte sein – die, die ihrem Muff noch nachtrauern werden, wird es auf jeden Fall geben. Veränderungen haben durch das Internet und die digitalen Medien jedoch schon jetzt überall in unserem Alltag stattgefunden. Dass diese Entwicklung damit noch nicht am Ende ist, das ist wohl allen klar – wohin sie weiterhin führen wird, vielleicht eher weniger.

 

Bilder: Copyright Jörg Edelmann

Bücher auf Reisen

 von Lina Heitmann

Das Fundbüro von Siegfried Lenz ließ ich am vergangenen Sonntag am Bahnhof liegen. Anders als im Buch geht es hier aber nicht darum, dass es gefunden werden und zu seinem rechtmäßigen Besitzer zurückfinden soll. Im Gegenteil: Das Buch soll wandern und seine Geschichte an möglichst viele neue Leser weitergeben.

Tatsächlich lassen Nutzer von bookcrossing.com weltweit ganz bewusst irgendwo Bücher rumliegen. Sie hoffen, dass Andere die Bücher finden, lesen und dann selbst weitergeben. Hinzu kommt, dass man die Bücher auf der Webseite verfolgen kann. Die Nutzer beschreiben, wo sie ein Buch gefunden und wo sie eines „freigelassen“ haben. Außerdem schreiben die Nutzer eine kurze Kritik zum Buch – alles zusammen macht den soggenannten Journaleintrag eines Buches, quasi sein Profil, aus. 

Man kann auf Jagd gehen um Bücher zu finden, auf der Straße oder in der Uni über sie stolpern, und sie per Post verschicken und empfangen. Die Seite setzt darauf, dass man die Bücher, die einem am Herzen liegen, teilen will, anstatt sie im Regal einstauben zu lassen.

 Was macht BookCrossing besonders?

BookCrossing verbindet auf kreative Art die Tracking-Möglichkeiten des Internets mit richtigen Büchern. Ziel ist es, die Welt in eine Bücherei zu verwandeln, wo auf Parkbänken, an Bahnhöfen oder in Cafés immer mal wieder ein Buch zu finden ist, das man lesen und dann weitergeben kann. Diese Welt-als-Bücherei bestände aber vor allem aus Zufallstreffern: die anderen Nutzer bestimmen, welche Bücher wo zur Verfügung stehen. Auch in einem größeren Umfang ist das Bookcrossing möglich: in Frankreich hat die Bahn (SNCF) ein BookCrossing-Experiment gemacht. In Zügen der TER Picardie wurden am 27. November 500 Bücher freigesetzt. Allerdings wurden bis jetzt nur 12 der 517 freigesetzten Bücher wieder auf bookcrossing.com eingetragen. Die anderen sind womöglich immernoch in den Zügen unterwegs.

Das BookCrossing begann in den USA. Bei der Idee lehnte sich der Gründer aus Kansas City an ähnliche tracking-sites wie „Where’s George?“, auf der man die Reise eines Ein-Dollar-Scheins verfolgen kann. Beim BookCrossing kommt aber zum Tracking die Freude am Lesen und Teilen von Büchern hinzu. Heute hat die Seite bereits zirka1,5 Millionen Nutzer.

Die Webseite erinnert ein bisschen an Seiten wie Couchsurfing und Mitfahrgelegenheit, aber der Kontakt läuft allein über die Bücher. Wie diese beiden Seiten ist beim BookCrossing der Hauptakteur die Netzgemeinschaft selbst, die die reale Welt durch die Möglichkeiten des Internets zum weltweiten „Dorf“ macht. Bei BookCrossing erhalte ich – wenn ich Glück habe einfach so, sonst auch per Post – direkt Bücher von Menschen, die die Liebe zum Buch mit mir teilen.

Die Welt als Bücherei Schnitzeljagd

Manche User wollen einem das Finden erleichtern (wenn zum Beispiel eine ganz bestimmte Bank angegeben wird), andere setzen eher auf den Zufall (wenn eine ganze Stadt als Freilassungsort angegeben wird). Gezielter – aber eben weniger spannend – ist die Anfrage per Post.

Noch ist die Welt keine Bücherei. Man kann sicher erfolgreich auf ein Buch stoßen, das von einem BookCrosser hinterlassen wurde. Ich erlebte es allerdings so, dass man gezielt nach den Büchern suchen muss und sie nicht unbedingt dort findet, wo sie freigelassen wurden. Ich hatte nicht das nötige Glück, und vielleicht auch nicht genügend Geduld. Im Brechtbau stöberte ich unter ausgestellten Flugblättern, in der Altstadt versuchte ich, möglichst unauffällig in geschmückten Tannenbäumen ein Buch zu entdecken; ich habe bestimmte Schaufenster in Tübingen sehr genau von innen und außen begutachtet, und ziemlich oft musste ich im Kreis gehen, um erneut gucken zu können – aber immer ging ich leer aus. Bei der aktiven Suche muss man schnell aber geduldig sein. Man kann sich natürlich auch das Buch nicht aussuchen – und man muss mehr Glück haben als ich bisher.

Als ich mein eigenes Buch freisetzte, saß ich kurze Zeit noch neben ihm auf der Bank und machte mich dann schnell aus dem Staub – mir sollte schließlich keiner nachrufen, ich hätte etwas vergessen…Wo es nun weiter hinwandert, werde ich über die nächsten Tage, Monate oder Jahre verfolgen können – je nachdem, wie erfolgreich es weitergegeben wird. Bislang werden nur 20-25% der Bücher, die in die „Wildnis“ freigesetzt werden, gefunden und wieder eingetragen. Nach der Freilassung ist es dem Zufall überlassen, ob und von wem es gefunden und weitergegeben wird. Ich warte trotzdem hoffnungsvoll auf eine Nachricht des Fundbüros.

 

 Fotos: Bücherstapel, flickr.com/pmagalheas (CC BY-NC-SA 2.0); Eingetütete Bücher, wikipedia.org/Johannes Kazah (CC BY-SA 3.0)

Eine andere Perspektive? – Im Gespräch mit Michel Arriens

von Alexander Karl

Wie man sich in den Medien präsentiert, weiß Michel Arriens mittlerweile genau: Gemeinsam mit Ulla Kock am Brink hat er auf SAT.1 ein Format über Kleinwüchsige moderiert. Dabei stand er auch selbst als Protagonist vor der Kamera. Viel Medienerfahrung für einen 22-jährigen Studenten.

Mit seinem Kommilitonen Alexander Karl sprach Michel Arriens über seinen Weg auf den Bildschirm, Doku-Soaps und sein Studium.

Michel, du hast ‚Die große Welt der kleinen Menschen‘ gemeinsam mit Ulla Kock am Brink moderiert und warst auch einer der Protagonisten. Wie findest du das Wortspiel im Titel der Sendung?

Ich finde es nicht schlimm. Es ist einfach ein Fakt, dass gewisse Dinge bei Kleinwüchsigen anders sind und damit gehe ich auch offen um. Beispielsweise ist die Perspektive mit meinen 1,25 Metern völlig anders, als bei jemand mit 1,80 Metern.

Wie kam es dazu, dass du plötzlich bei einer Doku-Soap mitmachst?

Zunächst bekam ich nur eine Mail der Casting-Agentur des Senders. Darauf habe ich geantwortet, Bilder und Infos über mich hingeschickt – und wurde dann zum Videocasting eingeladen, bei dem ich vor der Kamera auf Herz und Nieren geprüft wurde. Offensichtlich hat das gut geklappt (lacht). Davor habe ich aber auch schon bei einer ‚Focus TV Reportage‘ mitgewirkt.

Du standest nicht nur als Moderator vor der Kamera, sondern auch als Protagonist. Doku-Soaps wie ‚Bauer sucht Frau‘ oder ‚Frauentausch‘ stehen immer wieder in der Kritik, Menschen vorzuführen. Hattest du Angst davor?

Angst ist das falsche Wort. Aber ich habe von Beginn an gesagt, dass ich nicht mit einer Zipfelmütze durch das Bild laufen oder andere Klischees bedienen werde. Ich wusste im Vorfeld, dass es eine Doku-Soap wird, in der es Höhe- und Tiefpunkte gibt. Mir war es wichtig, dass man nicht einerseits als der hilflose Behinderte gezeigt und mit Samthandschuhen angefasst wird. Und andererseits auch nicht an den Pranger gestellt wird. Und ich finde, dass es dem Sender insgesamt gelungen ist, ein authentisches Bild von Kleinwüchsigen zu zeigen.

Es gibt aber auch kritische Stimmen zur Sendung, etwa von Karl-Heinz Klingebiel vom ‚Bundesverband Kleinwüchsige Menschen‘, der gegenüber dem Medienmagazin ‚ZAPP‘ von einer „flachen, dümmlichen Sendung“ sprach. Wie reagierst du auf solche Kritik?

Die Kritik richtete sich ja nicht an mich. Natürlich muss bei solchen Formaten immer wieder gekürzt und geschnitten werden, es kann ja nicht das gesamte Drehmaterial gezeigt werden. Zum Beispiel auch die Szenen, die beim ‚Großen Treffen‘ des ‚Bundesverbands Kleinwüchsige Menschen‘ gedreht wurden. Da wurden leider einige Szenen herausgelassen, sodass eher der Eindruck erweckt wurde, dass es sich nur um eine Spaßveranstaltung handelt. Ärztevorträge und so weiter wurden eben nicht gezeigt. Das hätte man anders machen können, da teile ich die Kritik.

Deine Kollegin ChrisTine Urspruch spielt das ‚Sams‘ und auch im Münsteraner ‚Tatort‘. In diesem Jahr wurde viel über die Paralympics in London berichtet. Denkst du, dass Menschen mit Behinderungen ihren Platz in den Medien gefunden haben?

Ich glaube, sie sind dabei, ihren Platz zu finden. Die Paralympics in diesem Jahr sind ein gutes Beispiel, denn sie zeigen, dass Menschen mit Behinderung ohne Probleme bestimmte Sportarten ausführen können – und das haben die Medien auch so dargestellt.

Du gehst offen mit dem Kleinwuchs um, triffst aber auch sicherlich auf Menschen, die nicht genau wissen, wie sie sich dir gegenüber verhalten sollen. Wie sollen die Leute auf dich zugehen?

Es kommt darauf an, wie gut man die Menschen kennt: Wenn es Freunde sind, habe ich kein Problem mit einem kleinen Spaß – ich weiß ja, wie es gemeint ist. Bei Fremden ist das natürlich etwas anderes, da erwarte ich auch eine sprachliche Korrektheit.

Du hast zunächst Inklusive Pädagogik studiert, nun studierst du Medien- und Kommunikationswissenschaft in Hamburg. Wie kam es zu dem Wechsel?

Bei den Praktika zum Lehramtsstudium habe ich schnell gemerkt, dass der Beruf körperlich für mich zu anstrengend wäre. Alleine schon Kinder auseinander zu halten ist für mich einfach drei bis vier Mal anstrengender als für einen Menschen mit durchschnittlicher Größe. Außerdem haben sich für mich in der Medienbranche gerade Türen geöffnet. Aber auch wissenschaftlich interessiere ich mich für die Darstellung von Handicaps in den Medien.

Wie geht es nun für dich auf dem Bildschirm weiter?

Wenn ‚Die große Welt der kleinen Menschen‘ in die 2. Staffel gehen sollte, wäre ich gerne wieder dabei. Ansonsten sollte man gespannt bleiben (lacht).  Aber mal schauen, ob mein großer Traum, einmal neben Markus Lanz zu sitzen, wahr wird. Entweder auf dem bequemen Sessel oder dem großen Sofa.

 

Foto: Alexander Karl

Der Rankingwahn

von Alexander Karl

Rankings sind das, nach dem die Menschen lechzen: Es gibt ihnen in einer immer schneller werdenden Welt Halt und Struktur, eine Ordnung, die verloren gegangen zu scheint. Längst finden sich Rankings überall in den Medien – von Amazon bis im TV. Doch die Ergebnisse lassen oft zu wünschen übrig.

Die gefühlte Wertigkeit

Rankings gibt es überall, lassen sich leicht erstellen und werden von den Medien dankend angenommen. Vom beliebsten Arbeitgeber über SUVs, Biermarken bis hin zu Hochschulen wird alles in eine Rangliste gepresst, was nicht bei drei auf dem Baum ist (und selbst die könnten noch gerankt werden). Rankings erheben den Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit. Aber wen befragt man, wenn man die beliebtesten Biermarken testen will? Alle zwischen 16 und 99 Jahren? Fragt man lieber gar nicht in Erding oder ausschließlich da? Ermittelt man das Ranking anhand des Verkaufs oder der Produktion? Und so weiter.

Ein gutes Ranking sagt, wie es zustande kam, doch zumeist bleibt Raum zum Zweifeln, denn auch Rankings sind leicht zu beeinflussen. 2005 wurden Manipulationsvorwürfe der deutschen Musikcharts laut, da der Produzent David Brandes Platten seiner Schützlinge – etwa der Eurovision Songcontest-Teilnehmerin Gracia – gekauft haben soll. Das Ziel hinter solchen Aktionen, die angelich branchenüblich ist: Eine bessere Chartplatzierung, denn ein Top 20 Hit verkauft sich wiederum besser als ein Top 60 Hit.

„Schließlich zündet ab dieser Positionierung die zweite Marketing-Stufe: MTV, Viva und die Radio-Playlists greifen das Stück auf und bewerben es so kostenlos“, schreibt der Focus dazu. Dieses Prinzip lässt sich auf alle Bereiche übertragen: Ein Ranking zum beliebtesten Bier sorgt für die Möglichkeit, sich als Produzent genau das auf die Fahne zu schreiben. Die Platzierung eines Buches auf einer Bestsellerliste macht aus einem Titel schnell einen Top-Titel – selbst wenn das Buch nur kurz Chartluft schnuppern durfte. In jeder Buchhandlung liegen diese Bücher dann aus, um alleine durch ihre physische Präsenz und dem Prädikat Bestseller erneut gekauft zu werden – ein Teufelskreis.

Das Bewerben von Spitzentiteln ist natürlich der richtige Schritt des Produzenten und gängige Praxis – man denke nur an all die erfolgreich von Stiftung Warentest getesteten Produkte. Und für den Konsumenten scheint es ein guter Hinweis zu sein: Jeder möchte doch den Marktführer konsumieren und kein vermeintlich schlechteres Produkt. Das Ergebnis ist eine geringe Fluktuation von Spitzentiteln.

Doch Ranking ist nicht gleich Ranking. Recht schnell können sie skurile Formen annehmen, wie Amazon beweist, wenn es Titel in den unmöglichsten Kategorien rankt. Oder eben bewusst Käufe getätigt werden, um aus einem Produkt ein Spitzenprodukt zu machen. Vielleicht sollte man nur dem Ranking trauen, das man auch selbst gefälscht hat.

Doch Skurilität ist das Stichwort, wenn es um die Königsdisziplin des Rankings geht: Der TV-Rankingshow. Selten geht es dort um die harte Rankingware wie Unis und Autos, außer sie beweisen sich als sonderlich „skuril“.

Der Rankingwahn im Fernsehen

Die 25 unglaublichsten TV-Auftritte der Welt, Unsere Besten – Die größten Deutschen, 32Eins! – Die größten Beautyschocker, die unglaublichsten Tiere der Hessen, die erfolgreichsten Überraschungshits – die Rubrikenvielfalt einer TV-Ranking-Show scheint unendlich groß und reicht längst von den privaten Sendern bis zu den öffentlich-rechtlichen. Das Vorgehen – gerade bei den Privaten – ist zumeist gleich: Man finde zunächst eine Kategorie für ein interessantes Ranking, das zum Senderformat passt. Dann setze man ein wertendes Adjektiv à la unglaublich oder spektakulär hinzu. Weiterhin nehme man kostengünstiges Archivmaterial und schnibbele es wild zusammen. Im letzten Schritt lasse man einige Stars und Sternchen, die sich bereits im Sender bei anderen Formaten bewährt haben, Senf zu dem Gezeigen abgeben. Fertig.

Soweit, so gut. Doch mittlerweile nimmt der Rankingwahn absurde Formen an: Da tritt der gerade gerankte Beitrag hinter den meist uninformativen Beiträgen der Kommentatoren zurück, die im Idealfall das kommentieren, was man als Zuschauer gerne selbst sehen würde, wenn man denn könnte. Denn was die Prominenten da von sich geben, enthält zumeist das Motto der Sendung und unterstreicht, wie unglaublich dieser TV-Auftritt wirklich (!) ist. Oder wie vollkommen überraschend dieser Hit wirklich (!) ist. Oder wie vollkommen toll/grandios/ekelig/bäh/sinnfrei dieses oder jenes ist.

Vielleicht ist die Idee solcher Shows, durch die Willkürlichkeit der Zusammenstellung wenigstens nichts fälschen zu müssen. Vielleicht ist es auch nur kostengünstige Unterhaltung, die die Zuschauer in Erinnerung schwelgen lassen kann. Denn das was gerankt wirkt, muss existieren und in der Vergangenheit da gewesen sein. Rankingsshows sind letztendlich gerangordnete Rückblicke, nicht mehr und nicht weniger – nur die Art ihrer Seriösität und Ernsthaftigkeit variiert. Man warte auf den Tag, an dem es ein eine Rankingshow der unglaublichsten Rankings gibt.

Fotos: flickr/pete_pick (CC BY-NC-SA 2.0) , flickr/Funky64 (www.lucarossato.com) (CC BY-NC-ND 2.0)