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So viel bist du im Web wert

von Alexander Karl

Es ist ein Schreckensszenario: Der Wert eines Menschen wird nur noch in Likes, Kommentaren und Retweets gemessen. Das Lebewesen hinter den Posts verschwindet. Doch längst ist das Realität, zumindest dann, wenn man Klout nutzt. Die App misst nämlich die Reputation von Menschen anhand von Facebook und Twitter – und der gläserne Mensch verschwindet hinter Bits und Bytes.

Das Ideal: Justin Bieber

Klout, das ist die Schufa unter den Apps: Sie sagt, was ein Mensch im Netz wert ist. Ob anderen gefällt, was er tut. Ob er beeinflusst. Und ob er vernetzt ist. Berechnet wird das – mal wieder – über einen Algorithmus, der ähnlich wie Google verfährt. Nur werden hier keine Webseiten gerankt, sondern real existierende Menschen. Und das anhand von Twitter-Retweets und Erwähnungen, Facebook-Kommentaren, Likes und Chronik-Posts. Ist man auch bei LinkedIn oder Google+ angemeldet, werden auch dort Kommentare und Co. gemessen. Es geht also um drei Säulen: Die Verstärkung (Retweets und Co.), die Reichweite (wie viele Follower lesen meine Tweets?) und das Netzwerk (Habe ich Kontakt mit „wertvollen“ Personen?) – und fertig ist der eigene Online-Wert! Wer also mit Justin Bieber befreundet ist, viele Follower hat und der eigene Status von Lady Gaga geteilt wird, der kann sich sicher sein, auch bei Klout einen hohen Wert zu erreichen. Außerdem hilfreich: Viel posten und das am besten immer wieder zum gleichen Thema. Der Maximum-Wert bei Klout ist 100 (den hat Justin Bieber), der Durchschnitt liegt bei 20, und bei null – dann existiert man quasi nicht.

Klout-Scores ist auch für Firmen interessant, um Meinungsmacher zu finden. Denn wer beeinflusst, kann für das Unternehmen nützlich sein. Dann bekommt man Geschenke, etwa ein Windows Phone, weil die Firmen um den Einfluss der Privatperson wissen – und sie mit Werbegeschenken dem eigenen Produkt zuneigen wollen. Was sich im ersten Moment als ein nettes Gadget anhört, nimmt gerade auch in den USA erschreckende Züge an. Dort werden Leute mit 15 Jahren Berufserfahrung nicht eingestellt, weil ihr Klout-Score zu niedrig ist, andere mit höheren Scores bekommen den Job.

Wertlosigkeit 2.0

Die Analogie zur Schufa macht durchaus Sinn: Die Reputationswürdigkeit jedes Einzelnen ist nur einen Klick entfernt. Und wer nichts auf der hohen Kante hat, der ist raus. Aber kann man Klout und seinen Bewertungen überhaupt vertrauen? Der Blog netzwertig.com hat da so seine Zweifel:

Auch die Tatsache, dass der US-Jungstar Justin Bieber mit einer Klout Score von 100 nach Erkenntnis des kalifornischen Startups einen größeren Einfluss hat als Barack Obama (Klout Score 93), stellt die Validität der Klout-Algorithmen in Frage – es sei denn, man sieht Klout Scores tatsächlich als reinen Indikator der Onlinereputation, der vollkommen von Image und sozialer Stellung einer Person im “realen Leben” losgelöst ist. Doch eigentlich wollen wir im Jahr 2012 ja genau diese Separation von Online und Offline hinter uns lassen.

Und was den Datenschutz angeht – da muss man erhebliche Bedenken haben. Denn anscheinend wird jeder – egal ob bei Klout registriert oder nicht – im Vorfeld ein Wert zugewiesen, der dann bei der Anmeldung angezeigt wird.

Klout ist vor allem eines: Eine bittere Pille, wenn man ein normales Leben führt. Der Durchschnittsuser, der ein Facebook-Profil hat, wird bei Klout sicherlich keinen Spaß haben. Eher jene, die im Netz viel unterwegs sind und auch selbst posten. Aber in der Ideologie von Klout geht es dabei nicht um die Pflege und Intensität von Freundschaften, sondern von reiner Oberflächlichkeit und Massentauglichkeit: Poste ich etwa einen kritischen Artikel über das (Nach-)Leben im Web, ist das wohl nicht so massenkompatibel, wie wenn ich jeden deutschen Sieg bejubel und dafür Likes von Gleichgesinnten sammele. Aber sollte man deswegen nur noch mit dem Strom schwimmen? Bei jeder Freundschaftsanfrage erst einmal den Klout-Wert checken? Diese Ideologie führt im Endeffekt nur wieder zu einer Blase, in der nicht mehr das Individuum, sondern nur noch die Masse zählt – die Masse an Likes, Freunden und massentauglicher Freunden. Doch das sollte wohl kaum der Sinn des Internet sein. Denn trotzdem sind wir noch mehr als Bits und Bytes.

Übrigens: Mein Klout-Score beträgt derzeit 45. Ich bin also nicht einmal halb so viel Wert wie Justin Bieber. OK, damit kann ich trotzdem irgendwie leben.

Fotos: Screenshot klout.com (19.06.2012)

Ich poste, also bin ich

von Nicolai Busch

Das Streben nach digitaler Unsterblichkeit im Netz ist groß. Eine Facebook-App macht es jetzt möglich, über den eigenen Tod hinaus mit Angehörigen zu kommunizieren. Es ist höchste Zeit, für ein Recht auf Vergessen im Internet einzustehen.

Totgeglaubte leben länger

M. ist gestorben. M.’s Tod kam für ihn selbst nicht überraschend. Die Krankheit hatte sich vor Jahren schon als unheilbar erwiesen. Freunde und Verwandte wollen es trotzdem nicht wahrhaben, verspüren Sinnleere und Zukunftsangst, können nicht schlafen und haben keinen Appetit. Verlassenheits- und Schuldgefühle bestimmen den Alltag. Erst nach vielen Monaten lässt sie der Gedanke an M. weniger verzweifeln. Das Hier und Jetzt scheint wieder greifbar. Neue Beziehungen machen die Zukunft wieder sinnvoll. Doch plötzlich erscheinen Postings und Videobotschaften von M. auf M.’s Facebook-Pinnwand.

Die Geister, die ich rief, werd‘ ich nun nicht los

Ein makaberer, pietätloser Scherz? Nein, denn M. hat zu Lebzeiten dem sozialen Netzwerk Dead Social den Auftrag erteilt, eigenverfasste Nachrichten posthum auf Facebook und Twitter zu veröffentlichen. Jede Woche erreicht die Hinterbliebenen eine Nachricht, ein Video oder ein Foto. M. ist wieder präsent – er ist unsterblich. Dass jede Beziehung vergänglich ist und dass Verluste nach bewältigter Trauer ein neues Leben in sich bergen, daran hat M.  damals nicht gedacht. Der verstorbene, “innere Begleiter“ nimmt wieder Raum ein im Leben der Überlebenden. Einen Raum, dessen Aussehen und Grenzen der Tote Dank Dead Social selbstbestimmt. Er fordert Beschäftigung und besteht darauf, nicht verdrängt zu werden. Glück oder Wahnsinn? Eines ist sicher: Die schwere Last der Trauer, sie ist jetzt wieder spürbar und wird es vorerst bleiben.

If I die, eine Facebook-App zur Sicherung der eigenen, digitalen Unsterblichkeit, Virtuelle Friedhöfe, oder gar die automatische Vererbung digitaler Daten, sind heute gefragter denn je. Niemand möchte schließlich vergessen werden. Solange das digitale Herz schlägt, sehnt sich der narzisstische Social-Networker nach der Einmaligkeit und Exklusivität des persönlichen Profils. Er stilisiert sich, inszeniert sich und muss doch erkennen, dass es beinahe unmöglich ist und bleibt, sich die absolute Aufmerksamkeit der grenzenlosen Netzwelt einzufordern. Denn in den Informationsfluten sozialer Netzwerke versteckt sich abermals ein unauflösbarer Widerspruch: Jeder will unsterblich sein, aber niemand will sich ewig erinnern.

Vergessen ist existenziell

Menschen wollen vergessen und Menschen müssen vergessen, solange sie sich als wandelbare Persönlichkeiten begreifen. Die allumfassende Erhaltung eines Zustandes macht keinen Sinn, solange wir uns geistig entwickeln, Neues erfahren und dem Vergangenen glücklich gedenken wollen. Eben aus diesen Gründen verbannte die klassische Moderne den Tod aus dem Leben. Auf städtischen Friedhöfen ließ man anonyme Urnenhaine mit weiten, namenlosen Rasenflächen anlegen. Die Beerdigung als große, aufwendige Zeremonie wurde seltener, der “einfache Abtrag“ immer häufiger, wie der Sozial- und Kulturhistoriker Norbert Fischer bemerkt.

Erst die Postmoderne nimmt den Toten in den digitalen Alltag auf. Zwar verschluckt sie das lebende Subjekt, doch durch den Tod verhilft sie dem ungehörten Einzelnen wieder zu etwas Aufsehen und durchaus zweifelhafter Aufmerksamkeit. Obwohl man die eigene Paranoia um den Missbrauch von Nutzerdaten durch Facebook und Co. täglich pflegt, hat man sich doch an die maximale, unabänderliche Transparenz im Internet gewöhnt. Das Geheimnis im Netz ist keines mehr. Und vielleicht gelingt es allein dem toten bzw. unsterblichen User, unsere Sehnsucht nach digitaler Intimität durch seine Albernheit bis in alle Ewigkeit zu wecken.

Was bilden wir uns eigentlich ein?

Denn als albern darf man die digitalen Bestatter und Wiederbelebten in gewisser Hinsicht durchaus bezeichnen. Sie gehören jener Gattung an, die Sascha Lobo erst kürzlich als die des digitalen Spießers bezeichnete, einem Zeitgenossen, dem das Internet ausschließlich zur eigenen Selbstbestätigung dient. Es sind jene, die selbst noch im Moment des Todes nach digitalem Größenwahn trachten und ihren Computer deshalb zum Träger pseudo-religiöser Erwartungen erklären. Dabei ist „die Selbstbesinnung des Individuums doch nur ein Flackern im geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens“, wie der Philosoph Hans-Georg Gadamer einmal schrieb.

Selbstverständlich ist es allein die berechtigte Furcht vor dem Tod, die zu derartiger, digitaler Großspurigkeit einlädt. Glaubt man dem Futorologen Dr. Ian Pearson, sollte es im Jahre 2050 gar möglich sein, menschliches Bewusstsein vollständig digital zu speichern. Bis dahin bleibt wohl genug Zeit, um entweder weiter fleißig digitale Grabsteine zu liken, oder sich die Frage zu stellen: Wie wird es in Zukunft möglich sein, tausende tote, digitale Identitäten endgültig zu löschen? Denn nur so kann verdrängt werden, was verdrängt werden muss.

Fotos: flickr/fotopamp (CC BY-NC-SA 2.0) , flickr/flavor32 (CC BY-NC-ND 2.0)

Facebook als Bewerbungsplus?

von Sandra Fuhrmann

Multitasking ist ihr zweiter Vorname, ihre feste Beziehung ihr Smartphone und ihr Erstwohnsitz ist Facebook. Die Digital Natives – immer erreichbar, ständig online. Eine Generation auf dem Weg mit dem nächstem Stopp Klappsmühle? Oder ist es genau das, was Unternehmen in Zukunft suchen werden? Leute, die allein durch ihre Alltagsgewohnheiten lernen, mit einer bisher nicht vorstellbaren Menge an Informationen umzugehen und deren Technikaffinität eine Effizienz erlaubt, wie sie ohne digitale Medien nie möglich wäre?

Social sells

Durch Aktivitäten in Social Media werden Unternehmen besser wahrgenommen. Das ergab eine Studie des Social Media-Experten Michael Stelzner. Für den Social Media Marketing Industry Report 2011 wurden 3300 Marketingexperten aus Unternehmen befragt. Laut diesen werden besonders Facebook, Twitter, LinkedIn und Blogs verstärkt genutzt, um Marketing zu betreiben. 90 % der Befragten gaben an, dass soziale Netzwerke schon heute extrem wichtig für Unternehmen sind. Die meisten der Firmen hatten durch ihre Social Network-Aktivitäten mehr Abonnenten, mehr Traffic und bessere Ergebnisse im Suchmaschinenranking. Facebook erfreut sich dabei vor allem bei B2C-Unternehmen (neudeutsch für die Beziehung zwischen Unternehmen und Privatperson) großer Beliebtheit.

Teenager-Sex – damit vergleicht Josh Graff, der Marketing Solution Director bei LinkedIn, die Nutzung sozialer Netzwerke. Übung macht den Meister heißt die Devise. Graff bezieht sich dabei auf eine Studie des Chartered Institute of Marketing. Laut der Studie setzen momentan kleine und mittelständische Unternehmen stärker auf die neuen Kommunikationsplattformen als große Unternehmen. Paradox: Von 1000 Befragten war ein Drittel der Ansicht, Social Media sei überhaupt nicht effektiv.

Ganz anders sieht es da schon in der Medienbranche aus. Jan Duschek, Jugendreferent bei ver.di, ist der Meinung, dass gerade in diesem Bereich Social-Media-Kompetenzen ein Vorteil bei der Bewerbung sind. Vieles befinde sich derzeit noch in der Entwicklung. Wohin sie führt? Wer weiß.  Zu media-bubble.de sagte er: „Sicher ist aber, dass die Entwicklung früher oder später Auswirkungen auf den Bedarf nach Fachkräften für diesen neuen Bereich haben wird.“ Eines der Experimente, das sich derzeit noch in Kinderschuhen bewegt, ist beispielsweise der F-Commerce-Markt, der Handel auf Facebook. Duschek prognostiziert, dass sich Unternehmen in Zukunft verstärkt an den neuen Medien orientieren und ihre Geschäftsmodelle auf diese abstimmen könnten. „Das würde dann noch stärker als bisher Auswirkungen darauf haben, wie wir konsumieren und die Beschäftigungsstruktur des gesamten Groß- und Einzelhandels beeinflussen.“

Orientierung im Dschungel und ein Pudel namens Dudel

Was zur Hölle ist ein Eierfon und wie soll bitteschön ein Dudel aussehen? Die Entwicklung der Neuen Medien ist schnell und nimmt an Geschwindigkeit weiter zu. Wer nicht damit aufwächst, für den kann es genau so schnell schwierig werden, die Übersicht zu behalten. Weiterbildung wird darum immer wichtiger – gerade wenn man die zunehmende Orientierug von Unternehmen an den Medien betrachtet. Im Bereich der beruflichen Fortbildung gibt es schon jetzt Angebote, wie die Aus- oder Weiterbildung zum Social-Media-Manager. In  Kursen soll den Teilnehmern dabei vermittelt werden, wie die Möglichkeiten von Social Media effektiv genutzt und zum Vorteil von Unternehmen eingesetzt werden können.

Allgemein fällt jungen Menschen der Umgang mit neuen Medienformen bekanntlich leichter. „Allerdings sind nicht alle Menschen, die viel Zeit bei Facebook und Co. verbringen gleich Social-Media-Experten“, sagt Duschek. „Die Gefahr besteht, dass die junge Generation verlernt, nach Hintergründen und den manchmal komplexen Zusammenhängen zu fragen.“ Junge Leute nehmen Facebook, Twitter und Co. vielleicht manchmal als zu selbstverständlich hin. Sie sehen sich durch ihr Nutzerverhalten einer ständigen Informationsflut gegenüber. Der Weg, diese zu handhaben, kann oft der sein, einzelne Informationen nur oberflächlich wahrzunehmen. „Hier haben ältere Leute vielleicht sogar Vorteile, weil sie ein anderes Mediennutzungsverhalten haben“, vermutet Duschek.

Besonders in der Medienbranche, dem Marketing und der IT-Branche kann das Wissen um die Neuen Medien Vorteile bedeuten. Dasselbe gilt für Führungspositionen. Duschek warnt jedoch davor, bei der Weiterbildung oder Neuorientierung im Beruf allein auf die Karte Social-Media zu setzen. Im Moment werden Aufgaben in diesem Bereich von den Unternehmen häufig an externe Medienagenturen abgegeben. Ob Social-Media in Zukunft an Relevanz für Unternehmen gewinnt, hänge auch davon ab, wie es Social-Media-Anbietern zukünftig gelingt, die Daten für die Firmen verwertbar zu machen. „Auf der andren Seite kann es sich schon heute kein Unternehmen mehr leisten, nicht auf Facebook zu sein“, so Duschek. „Dafür braucht es Leute, die die Unternehmenscommunitys aufbauen und pflegen. Häufig machen das derzeit noch externe Medienagenturen für die Unternehmen. Es ist aber wichtig, hier am Puls der Zeit zu bleiben.“

Smartphone statt Sex

Lieber eine Woche kein Sex, kein Alkohol und kein Fernsehen, als auf das Smartphone zu verzichten. Dieses Meinungsbild ergab sich bei einer Forsa-Studie, die mit Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren durchgeführt wurde. Die ständige Erreichbarkeit scheint zu einem Must-Have zu werden – vielleicht sogar zu einer Art Krankheit. Mitarbeiter die sich quasi im dauerhaften Bereitschaftsdienst befinden– der Traum aller Arbeitgeber? Nicht unbedingt findet Jan Duschek: „Wir erleben schon jetzt, dass es gerade für junge Beschäftigte immer häufiger zur Selbstverständlichkeit wird, rund um die Uhr erreichbar zu sein. Die Entwicklungen im Smartphone-Sektor spielen dabei eine wichtige Rolle. Allerdings erkennen auch immer mehr Beschäftigte, wie auch deren Interessensvertreter die Nachteile für ihr Privatleben und ihre Gesundheit. Das prominenteste Beispiel ist wohl Volkswagen. Der Betriebsrat hat dort durchgesetzt, dass die E-Mail-Server ab 17 Uhr abgeschaltet werden.“

Wie groß die Rolle ist, die Social-Media zukünftig in Unternehmen spielen wird, mag momentan noch in den Sternen stehen. Bereits jetzt zeichnen sich allerdings Tendenzen ab, die zeigen, dass Unternehmen immer mehr Vorteile von sozialen Netzwerken erkennen. Das betrifft sowohl das Marketing als auch die Präsentation und Kommunikation nach außen. Vor allem in der Medienbranche sind Kenntnisse im Umgang mit Sozialen Netzwerken und Neuen Medien oft bereits eine Voraussetzung. Davon, einen Doodle mit einer Hunderasse zu verwechsel,n sei hier also tunlichst abgeraten. Sich aufgrund seines Nutzerverhaltens zum Psychopaten oder Zwangsneurotiker machen zu lassen kann allerdings weder im eigenen Interesse, noch in dem des Arbeitgebers liegen.

Foto: flickr/Johan Larsson (CC BY 2.0), obs/congstar GmbH

Wie findet man Leser?

von Alexander Karl

 Jeder vierte Deutsche liest niemals ein Buch – das ergab die Studie „Lesen in Deutschland 2008“ der Stiftung Lesen. Dieser Zustand hat sich wohl auch in den letzten vier Jahren nicht grundlegend geändert, auch wenn Jugendliche in den letzten Jahren immer häufiger zum Buch greifen. Die Jim-Studie aus dem Jahr 2011 ergab, dass 44 Prozent der 12 bis 19-jährigen regelmäßige Buch-Leser sind. 56 Prozent im Umkehrschluss aber nicht. Tatsächlich aber haben Jugendliche dank sozialer Netzwerke im Internet, wie  Facebook und Co., wohl noch nie so viel gelesen und geschrieben wie heute.

Es liegt also nahe, dass Schriftsteller und Verlage versuchen, die Jugendliche Zielgruppe dort zu erreichen, wo man sie primär findet – nämlich im Internet. Doch ganz so einfach ist es leider auch nicht…

Werbung und Social Web

Mein Erstlingsroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ erscheint in diesem Jahr und natürlich soll er auch Leser haben. Aber gerade dann, wenn man bei einem kleinen Verlag ist, der kein großes Werbebudget hat, mit dem er eine Anzeige in der BILD-Zeitung oder Aufsteller in jeder Buchhandlung kaufen kann, liegt viel Marketing-Arbeit vor dem Autor.

Wie kann ich mein Buch im Internet vermarkten?

Daher muss ich selbst aktiv werden – das Internet macht es ja möglich! Leider bin ich nicht der Einzige mit dieser Idee: Das Internet ermöglicht es jedem, das Wort zu ergreifen, doch die entscheidende Frage ist, ob man auch gehört wird.

Eine Möglichkeit den eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern ist ein eigener Blog. Der Vorteil: Kostenlos und schnell kann ich posten, was ich gerade tue, Infos zu meinem Buch liefern und einen Blick hinter die Kulissen erlauben. Gerne auch untermalt mit Bildern oder Videos.

Wie mache ich auf meinen Blog aufmerksam?

Bei fehlendem Budget für (virtuelle) Werbeanzeigen bleibt da nur die Hoffnung auf Mund-zu-Mund-Propaganda und virales Marketing. Virales Marketing heißt, dass sich ein Bild, Video oder ein Text wie ein Virus im Netz verbreitet, beispielsweise über Facebook.

Die soziale Plattform liefert unter anderem die Möglichkeit, Fan-Seiten zu erstellen, durch die man Interessierte immer auf dem Laufenden halten kann. Leider stellt sich hier gleich eine ähnliche Frage wie zuvor:

Wie schaffe ich es, dass möglichst viele Leute meine Seite anklicken?

Dafür bietet sich nun tatsächlich die Realität an. Der persönliche Kontakt ist auch in Zeiten des Internets noch immer unabdingbar. Durch meine Lesungen an Schulen konnte ich meine Zielgruppe ansprechen, die ich dann – um meinen Weg auch weiterhin verfolgen zu können – auf meine Facebook-Seite verweisen konnte.

Denn da ich natürlich nicht täglich live mit meiner Leserschaft interagieren kann, ermöglicht mir das Internet eine fiktive Nähe herzustellen, die ich in der Realität nicht bieten kann. So kann ich dann virtuell über das Erscheinen von meinen Kurzgeschichten in Anthologien berichten, kleine Videobotschaften über den Äther schicken oder Bilder von Dreharbeiten zu einer Reportage, z. B. über junge Autoren, hochladen.

 

Alexander Karl betreut nicht nur den Blog media-bubble.de, sondern schreibt auch Bücher.  Neben zahlreichen veröffentlichten Kurzgeschichten in Anthologien erscheint dieses Jahr sein Jugendroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“.

Der Text erschien in ähnlicher Form im Mitteilungsblatt für die Mitglieder der Wilinaburgia, 87. Jahrgang, Nr. 230.

Foto: Sophie Kröher

Topf sucht den virtuellen Deckel

von Sebastian Seefeldt

Einloggen, anschreiben, daten – das ist der Alltag vieler User von Partnerbörsen. Mit der Hoffnung auf die große Liebe durchstreifen immer mehr User die Singelbösen im Netz – und diese passen sich den Vorlieben ihrer Nutzer an.

Jeder zweite hofft mittlerweile, seine Liebe im Netz zu finden. Für 2011 rechnete die Dating-Branche mit einem Umsatz von 175 Millionen Euro. Der User sieht sich einer immer weiter wachsenden Masse von (mehr oder weniger seriösen) Chat-, Flirt- und Kontaktanzeigen-Plattformen gegenübergestellt – und noch ist kein Ende in Sicht. Dennoch sollte diese Masse nicht als unzähmbar angesehen werden, denn durch immer stärkere Spezialisierung der Angebote auf bestimmte Zielgruppen steigen auch die Chancen auf den Traumpartner.

Der „Long Tail“ der Liebe

Das Prinzip des Long Tails, laut dem man im Internet mit Nischenprodukten Geld machen kann, scheint auch auf den Liebesmarkt übertragbar zu sein. So lässt sich etwa zwischen den großen, klassischen Singlebörsen wie friendscout24 und neu.de sowie den Partnerbörsen/Partnervermittlungen wie Parship unterscheiden. Während sich bei den Singlebörsen die User auf einem Profil präsentieren können und via Chat oder Nachrichtenfunktion Kontakt miteinander aufnehmen können, setzten die Partnervermittlungen auf ein Matching-Verfahren, dass auf psychologischen Fragebögen basiert. Neben diesen Polen hat sich ein breiter, spezialisierter Markt entwickelt, der sich grob zum Einen in Erotik-Dating und zum Anderen in Dating-Nischenanbieter untergliedern lässt.
Wie weitreichend der Long Tail der Branche ist, lässt sich am ehesten an den Nischenanbietern erkennen – hier hat wirklich jeder die Chance, seinen Deckel zu finden: Ob besonders groß, Hundefreund oder homosexuell. Gerade für letztere hält das Internet zahlreiche Möglichkeiten bereit, vom klaren Marktführer Gayromeo (aus Jugendschutzgründen kann an dieser Stelle nicht verlinkt werden), über Communities, die sich speziell an junge Menschen richten, wie etwa dbna. Aber auch das Smartphone wird zur Datingbörse: Apps mit Ortungsfunktion, wie Grindr oder Pinkmap erlauben die spontane Kontaktaufnahme mit Gleichgesinnten in der Nähe. Doch trotz all dieser Vielfalt finden sich immer wieder dunkle Flecken auf der weißen Weste der Branche.

Matching in der Kritik

Aktuelle Studien wälzen die Dating-Landschaft um – besonders betroffen sind Online-Partnervermittlungen, denn ihr auf psychologischen Tests beruhendes, von Algorithmen verwertetes, Matching-Verfahren scheint laut einer amerikanischen Studie weitestgehend nutzlos zu sein. Des weiteren bleiben Zweidrittel der Partnersuchen online ohne Erfolg, wie eine von partnersuche.org in Auftrag gegebene Studie berichtete. Als Hauptgrund für den Misserfolg wird vor allem die Wahl der falschen Partnerbörse genannt – zu viel Auswahl und zu undurchsichtige Zielgruppen. Wer jetzt denkt, mit einer der großen Partnerbörsen, die viel Auswahl an potenziellen Partnern bietet, die richtige Entscheidung zu treffen, begeht gleich den nächsten Fehler, denn: Weniger ist offenbar mehr. Eine Studie zum Speed Dating hat ergeben: Wer vor eine große Auswahl, an unterschiedlichen, potenziellen Partnern gestellt wird, ist leicht überfordert. Das Internet ist noch unbarmherziger. Denn während das Speed Dating die Singles noch mit anderen, realen Menschen konfrontiert, herrscht im Netz eine Top oder Flop Mentalität. Hier werden keine Macken akzeptiert – es wird gefiltert und sortiert, nach Größe, Alter, Gewicht, Körper, Beruf und Interessen. Was übrig bleibt, ist ein Haufen von Menschen, die angeblich alles haben, was wir uns wünschen. Doch auch bei diesen gefilterten Menschen finden wir immer noch Dinge, die uns stören, schließen das Profil, sehen uns das Nächste an. Das Internet gaukelt uns vor, wir könnten mit einer inneren Checkliste alle Störfaktoren eliminieren. Auf die Frage von Elite Partner, warum sie denn alleine wären, antworteten 2010, ein Großteil der 10 000 befragten Singles mit der Aussage, sie wären zu anspruchsvoll. Müssen wir also lernen, dem virtuellen Gegenüber eine Chance zu geben, statt zu verurteilen?

Liebesforschung

Aus wissenschaftlicher Sicht sind Partnerbörsen, zumindest in Deutschland, noch ein relativ unbeschriebenes Blatt. Dennoch eröffnen sich hier Perspektiven für zahlreiche Studien – wenn jeder Zweite sein Glück im Internet sucht, schlägt sich dies auch auf sein „reales“ Datingverhalten nieder? Was ist Männern wichtig? Was Frauen?
Zumindest auf die letzten beiden Fragen gibt es eine Antwort und sie fällt – wer hätte es gedacht – nüchtern aus. „Für Männer zählt vor allem das Aussehen der Frau. Bei ihrer Suche ist es weniger wichtig, welchen Bildungsstand die potenzielle Partnerin hat. Andersherum ist es bei Frauen: Für sie sind Männer attraktiver, wenn sie eine Hochschulabschluss haben“, ergab eine Studie der Schweizer Soziologin Evelina Bühler-Ilieva von der Universität Zürich.
Wie sich das Datingverhalten in der Realität durch unsere Online-Chat-Erfahrungen verändert, wird die Zukunft zeigen.

Foto: flickr/ Brandon Christopher Warren (CC BY-NC 2.0), flickr/praram (CC BY-NC-SA 2.0)

Der Facebook-Code

von Alexander Karl

Die wunderbare Facebook-Welt scheint offen für alle und alles. Doch nicht immer ist das tatsächlich so. Denn wie jetzt bekannt wurde, gibt es bestimmte Themen, die der Social-Media-Riese aus dem Netz tilgt: Ganz vorne dabei ist Sex – aber auch stillende Mütter.

Offiziell: Vieles ist erlaubt

Die Facebook-Gemeinschaft wächst täglich, doch was die User nur selten wissen, ist was in der Welt hinter dem blauen Logo passiert. Amine Derkaoui, ein 21-jähriger Marokkaner, weiß, wie es hinter den Kulissen aussieht: Er arbeitete für eine Firma, die die Facebook-Richtlinien überwacht. Bezahlung: Ein Dollar in der Stunde! Nun öffnete er dem US-Blog Gawker die Türen zu bisher geheimen Facebook-Richtlinien, die weit mehr Informationen darüber geben, was bei Facebook geht oder nicht, als die Selbstdarstellung dies bisher tat.

Offiziell heißt es unter den „Standards der Facebook-Gemeinschaft„:

Als zuverlässige Gemeinschaft von Freunden, Familienmitgliedern, Arbeitskollegen und Klassenkameraden reguliert sich Facebook weitgehend selbst. Menschen, die Facebook nutzen, können Inhalte melden, die sie fraglich oder anstößig finden, und tun dies auch. Um die Bedürfnisse und Interessen einer globalen Gemeinschaft zu berücksichtigen, bitten wir alle Nutzer darum die folgenden Standards für Inhalte zu respektieren: Drohungen, Darstellung von Selbstverletzung, Schikane & Belästigung, Hassreden, Grafische Gewalt, Sex & Nacktheit, […]

Inoffiziell etwas wundersam

Was „weitgehend“ heißt, zeigt das Dokument von oDesk, der Firma, wo Amine Derkaoui angestellt war: Dort ist detailliert aufgelistet, was geht und was nicht:

1. Any OBVIOUS sexual activity, even if naked parts are hidden from view by hands, clothes or other objects. Cartoons/art included. Foreplay allowed (kissing, groping, etc.) even for same-sex individuals. […]

6. Breastfeeding photos showing other nudity, or nipple clearly exposed. […]

9. People “using the bathroom”. […]

Während der neunte Punkt fast noch amüsant wirkt, brachten die anderen beiden Punkte Facebook zuletzt in die Schlagzeilen: Das Foto eines küssenden schwulen Paars wurde ebenso zensiert wie auch ihre Kinder stillende Mütter. Die laufen Sturm gegen die Regelung. Den „Regeln“ von Facebook zufolge würde das linke Bild der stillenden Mutter verboten werden, das rechte wäre ok. Paradox, dass das, gerade in den USA zumeist so prüde behandelte, Thema Sexualität hier mit Argusaugen beobachtet wird.

Übrigens: Cannabis ist bei Facebook ok (solange man es nicht verkauft), andere Drogen dürfen allerdings nicht erwähnt werden.

Fernab von Bildern gibt es auch klare Regeln, was geschrieben werden darf oder nicht. Zwei Bespiele mit sexuellem Inhalt, die einmal verboten, einmal erlaubt sind:

[Unconfirmed] Yeah I’d like to poke that bitch in the pussy. [poke in the pussy = sex. No details given]

[Confirmed] Ladies and girls, I need some pussy. Call me on 555 143 5746 [sexual solicitation]

Außerdem: Der Holocaust darf nicht geleugnet werden, Kinderpornographie ist natürlich auch verboten und Staatsoberhäupter dürfen nicht bedroht werden. Ein wenig verwundert ein besonderes Foto-Verbot: „Burning the Turkish flag [other flags are ok to be shown burning]“. Warum dürfen alle anderen Flaggen brennend gezeigt werden?

Ebenfalls verwunderlich ist der Umgang der Darstellung von toten Tieren: „Poaching of animals should be confirmed. Poaching of endangered animals should be escalated“. Und Blut ist an und für sich auch kein Grund, ein Bild zu löschen: „Deep flesh wounds are ok to show; excessive blood is ok to show. Crushed heads, limbs, etc. are ok aslong as no insides are showing“.

Psychische Schäden der Mitarbeiter

Generell ist der Richtlinienkatalog natürlich positiv zu bewerten – und auch, wenn es Menschen gibt, die sich Facebook noch einmal genauer ansehen. Doch diese haben mit hohen psychischen Belastungen zu kämpfen. Gegenüber dem Blog Gawker sagten Mitarbeiter einer Firma, die sich mit den Abgründen der Facebook-Welt beschäftigt:

„Think like that there is a sewer channel,“ one moderator explained during a recent Skype chat, „and all of the mess/dirt/ waste/shit of the world flow towards you and you have to clean it.“

Each moderator seemed to find a different genre of offensive content especially jarring. One was shaken by videos of animal abuse. („A couple a day,“ he said.) For another, it was the racism: „You had KKK cropping up everywhere.“ Another complained of violent videos of „bad fights, a man beating another.“

One moderator only lasted three weeks before he had to quit.

„Pedophelia, Necrophelia, Beheadings, Suicides, etc,“ he recalled. „I left [because] I value my mental sanity.“

Übrigens: Bei manchen Sachen bedarf es keiner Mitarbeiter – manchmal zensiert Facebook automatisch. Zum Beispiel werden Links zu Porno-Seiten über den Chat erst gar nicht verschickt.

 

Foto: flickr/ pshab (CC BY-NC 2.0), flickr/ gweggyphoto (CC BY-NC-ND 2.0)

Literatur im Fernsehen? Unsexy!

von Alexander Karl

Literatur gibt es im Fersehen (fast) nicht mehr. Das ‚Literarische Quartett‚ ist seit über zehn Jahren Geschichte und doch vor allem Dank Marcel Reich-Ranicki als die Literatursendung schlechthin präsent. Aktuell gibt es zwar ‚Das blaue Sofa‚ im ZDF und eine Hand voll anderer Angebote in der ARD – aber wer schaut die schon? Sie laufen am späten Abend und sprechen eine Zielgruppe an, die sowieso schon liest und dazu nicht unbedingt animiert werden muss. Trotzdem sind die Quoten schlecht. Passen Bücher und Fernsehen einfach nicht zusammen?

Bücher im Fernsehen – zwei Welten?

Wenn man nicht gerade zielsicher die Literatursendungen einschaltet oder plötzlich bei ihnen aufwacht, bekommt der  Otto-Normal-Verbraucher von Literatur im Fernsehen nichts mit. Gerade bei den Privaten spielt Literatur keine Rolle, außer, wenn Philipp Lahm ein Buch schreibt und darüber bei Stern-TV berichtet wird. Aber auch die Öffentlich-Rechtlichen lassen die Buchkultur – außerhalb ihrer im Sendeplan integrierten halben Stunde – nur selten aufblitzen. Etwa dann, wenn Johannes B. Kerner oder andere „Talkmaster“ prominente Gäste wie Eva Hermann begrüßen und über ihre (Skandal-)Bücher sprechen. Das war’s.

Aber warum findet man so selten Literatur im Fernsehen? Die FAZ sagt, das Fernsehen sei einfach kein Medium für die Literatur:

Doch das eigentliche Problem liegt woanders. In vielen Redaktionen herrscht Ratlosigkeit, wie man so grundverschiedenen Medien wie Literatur und Fernsehen am besten zusammenbringt. Welches Konzept könnte formal und inhaltlich Programmmacher, Zuschauer und Branchenkenner gleichermaßen überzeugen? Gesprächsrunden oder Magazin-Beiträge? Verrisse oder Empfehlungen? Lesungen oder Homestorys?

Fakt ist: Eine Castingshow kann man mit Literatur (leider) nur schwerlich machen. Bücher zu schreiben ist ein langwieriger Prozess, den man nicht in ‚DSDS‘- oder ‚Germany’s next Topmodel‘-gleiche Formate packen könnte. Und auch beim ‚Supertalent‘ wird wohl demnächst kein Schriftsteller gewinnen – was soll er denn auch tun? Sich beim Schreiben zuschauen lassen? Vorlesen? Es wäre wohl die etwas andere Castingshow, aber wohl auch eine, die es nie geben wird.

Buchclub 2.0

Oprah engagiert sich nicht nur für Bücher, sondern wie hier auch in der Politik.

Was also tun? Ein Vorschlag wird in dem gleichen FAZ-Artikel zwar genannt, aber sofort in der Luft zerrissen: Ein Buchclub à la Oprah Winfrey.  Oprah Winfrey ist in den USA in etwa Thomas Gottschalk, Günther Jauch und Stefan Raab in einer Person. Sie hat Macht. Sie hat Geld. Und ein Herz für Literatur. Mache sprechen sogar von einem Oprah-Effekt. Die FAZ aber meint:

Eines jedoch steht fest: Ein Remake von „Oprah’s Bookclub“, in der die Moderatorin das Buch ihrer Wahl in 9Live-Pose in die Kamera hält und zum kollektiven Download aufs Kindle aufruft, wird es in Deutschland nicht geben. So verzweifelt sind wir hier dann doch noch nicht.

Warum denn nicht? Bücher sind eine Ware. Waren müssen angepriesen werden. Und gerade Bücher! Sie vermitteln Kultur und Wissen. Und doch gibt es viele, die nie „Verblendung“ oder „Der Herr der Ringe“ lesen würden – gibt es ja als Film. Ein Buchclub der Marke Oprah würde Deutschland zumindest nicht schaden. Tatsächlich könnte man das, was ‚Gottschalk live‘ derzeit versucht, prima mit Büchern machen: Die Vernetzung zwischen Sendung und Zuschauer. Vor der Sendung könnte man Auszüge des Buches bei Facebook online stellen, den Autor in die Sendung einladen und ihm die Fragen der Zuschauer stellen. Oder ihm sagen, was den Leuten nicht gefällt. Und darüber diskutieren. Oder sie eine Szene des Buches nachdrehen lassen, umschreiben, vertonen und den Zuschauer so vollkommen einbinden. Die Möglichkeiten wären unbegrenzt.

Bücher sind nicht unsexy und auch nicht per se fernsehresistent. Es kommt nur darauf an, wie man sie zur Schau stellt. Und auf welchem Sendeplatz sie laufen. Aber vielleicht wird ja bald wieder einer in der ARD frei. Zumindest montags bis donnerstags kurz vor der Tagesschau. Außer, Gottschalk modelt die Sendung zu einem Oprah-ähnlichen Buchclub um. Unwahrscheinlich, das die Quoten dadurch noch schlechter werden.

Foto: Sophie Kröher, flickr/Kelly Ida Scope (CC BY-NC-SA 2.0)

Unser Leben im Netz (Teil 2)

von Alexander Karl

Wir sind digital natives. Wir sind die Zukunft. Wir sind online. Ziemlich oft sogar und ziemlich lange. Aber was machen wir im Netz? Und wie verändert das Internet sich und schlussendlich uns? media-bubble.de wirft einen Blick auf aktuelle Studien zu unserem Nutzungsverhalten.

Diesmal: Google und die Merkfähigkeit, die Wikipedia-Schreiber und die Zukunft des Internets.

Google und die Merkfähigkeit

Google merkt sich ja ziemlich viel. Um etwa die Google-Suche zu optimieren, nutzt die Suchmaschine 57 Indikatoren, die bei jedem Besuch untersucht werden. Neben Informationen über unsere Search History,  den Browser, den Aufenthaltsort und der genutzten Sprache wird auch dokumentiert, wie lange man zum Tippen seiner Anfrage braucht, ob man mit Enter oder der Maus die Suche abschickt, ob die Autovervollständigung genutzt wird und so weiter. Da klingt es ein wenig verwunderlich ,wenn Stefan Keuchel, Pressesprecher bei Google Deutschland, der ComputerBILD sagt: „Wenn jemand die Google-Suche nutzt, ist das recht anonym, schließlich ändert sich bei den meisten regelmäßig die IP-Adresse und Namen kennen wir auch keine.“ Na ja. Außer, man nutzt Google+, denn dann personalisiert Google die Suche noch weiter.

Aber wie verändert sich die menschliche Merkfähigkeit durch Google? Das haben Forscher der Columbia University untersucht und fanden heraus:

“Our brains rely on the Internet for memory in much the same way they rely on the memory of a friend, family member or co-worker. We remember less through knowing information itself than by knowing where the information can be found.”


Der Spruch: „Man muss nur wissen, wo es steht“, bekommt durch Google eine ganz neue Bedeutung. Sachen von denen wir ausgehen, dass wir sie online finden, vergessen wir. Wenn wir aber glauben, dass wir etwas nicht im Netz finden, merken wir es uns.

Wikipedia – und keiner schreibt

Wikipedia ist wohl mittlerweile jedem Internetnutzer ein Begriff, immerhin findet man zum eingegebenen Suchbegriff sehr häufig zunächst die entsprechende Seite der Online-Enzyklopädie. Doch Wikipedia gehen die Autoren aus! So verschwanden etwa in den ersten drei Monaten des Jahres 2009 bei der englischen Version des Angebots 49.000 Schreiber. Und der Einstieg ist für neue Autoren nicht mehr reizvoll: „So werden Beiträge von Wikipedia-Neulingen heute viel öfter gelöscht als früher. Auch das Artikelwachstum ist längst vom ursprünglich exponentiellen Pfad zu einem eher linearen Wachstum übergegangen“, fasst heise.de den Trend zusammen. Heißt also: Viele Themengebiete sind mittlerweile beackert, viele Einträge müssen nur ab und an aktualisiert werden – es gibt nicht viel zu tun, aber viel zu lesen. Auch die ARD-ZDF-Onlinestudie des Jahres 2011 stellt fest, dass viele Wikipedia nutzen (97 %), aber nur 1 Prozent etwas einstellt und lediglich 2 Prozent beides tun.

Einen Vorschlag für die Weiterentwicklung von Wikipedia – nämlich einen Angriff auf Facebook – bringt Der Freitag:

„Wikipedia ist nicht mehr sexy. Dies kann sich ändern, wenn Wikipedia sich ein Soziales Netzwerk zulegt. Die Software gibt es bereits: Diaspora funktioniert sehr gut. Die Idee hinter Diaspora ist überzeugend: eine Open Source-Software, die es erlaubt, dezentrale, aber miteinander kompatible Soziale Netzwerke zu installieren. Diaspora zu implementieren hätte für Diaspora und für Wikipedia eine positive Signalwirkung: Diaspora würde an Attraktivität und Bekanntheit gewinnen und Wikipedia könnte wieder jugendlicher werden.“

Von den technischen Möglichkeiten einmal abgesehen: Wäre das ein Schritt, den Wikipedia wagen könnte, vielleicht sogar sollte? Nein, sollte Wikipedia nicht. Denn wenn Wikipedia nicht genügend Nutzer gewinnt und noch kläglicher scheitert als Google+, würde Wikipedia einiges an Vertrauen verlieren. Und das ist das letzte, was der Community passieren sollte.

Die Zukunft des Internets

Was könnte die Zukunft in der digitalen Welt mit sich bringen? Was wird sie uns bringen? Zum einen könnte der Traum vom offenen Netz ein für alle Mal ausgeträumt sein – und wir sind selbst daran Schuld. Jonathan Zittrain ist Professor für Recht und Informatik an der Harvard University und sieht in den Smartphones und Tablet-PCs eine große Gefahr. Denn anders als der PC-Marktführer Microsoft bestimmen Apple und Co. die Inhalte von Software, also der Apps:

„Das Zulassungsprocedere von Apps verschleiert allerdings, worum es wirklich geht: Das Geschäft von IT-Unternehmen besteht jetzt auch darin, Texte, Bilder und Töne zu genehmigen – und das auch noch einzeln. Sie bestimmen, was wir auf den wichtigsten Portalen der Welt finden und nutzen können. […] Zwei, drei Betriebssystem-Hersteller sind in der Position, sämtliche Apps und deren Inhalte zu verwalten, und eine kleiner werdende Gruppe von Cloud-Dienste-Anbietern ermöglicht Webseiten oder Blogs, die vor Denial-of-Service- Problemen geschützt sind.“

Der SPIEGEL brachte Ende 2011 eine Titelgeschichte, in der Zittrains Überlegungen noch ein wenig weiterführt werden: Per se gibt es im Internet keine Monopole. Gleichzeitig haben sich aber mittlerweile vier US-Firmen herausgebildet, die den Online-Kuchen zu großen Teilen unter sich aufteilen: Amazon, Apple, Facebook und Google. Jeder bedient eigentlich ein eigenes Segment, gleichzeitig wildert mittlerweile jeder im Revier des anderen: Amazon bringt mit dem Kindle Fire ein Tablet-PC  auf den Markt und greift Apples iPad an, Google+ soll Facebook den Kampf ansagen – und so weiter. Am Ende liegt dann wieder die Entscheidung beim Nutzer – also bei uns – auf welchem Unternehmen er sein Vertrauen (und seine Daten) schenkt.

Wir User werden also in den nächsten Jahren wohl noch häufig überlegen müssen, was wir in der digitalen Welt so alles tun oder auch nicht. Wem wir unser Vertrauen schenken oder auch nicht. Es bleibt also spannend wie sich das Web (und somit unser Leben) verändern wird. Übrigens: Eine erste Prognosen zu den Entwicklungen im Social Web 2012 findet ihr hier.

Unser Leben im Netz (Teil 1) über den digital divide, Facebook und E-Mail gibt es hier.

Foto: flickr/keso (CC BY-NC-ND 2.0)

Unser Leben im Netz (Teil 1)

von Alexander Karl

Wir sind digital natives. Wir sind die Zukunft. Wir sind online. Ziemlich oft sogar und ziemlich lange. Aber was machen wir im Netz? Wofür nutzen wir das World Wide Web? media-bubble.de wirft einen Blick auf aktuelle Studien zu unserem Nutzungsverhalten – von Facebook, über E-Mail bis Google.

Diesmal: Deutschland online, Facebook und E-Mail.

Deutschland online

Fast 52 Millionen Deutsche sind mittlerweile online, das entspricht etwa 73 Prozent – das ergab die ARD-ZDF-Onlinestudie 2011. Die Altersgruppe der 14-19-jährigen ist zu 100 Prozent online, bei 20-29-jährigen sind es 98,2 Prozent. Ältere User sind noch immer seltener online als die jungen – aber es werden immer mehr. Ein Großteil der Deutschen ist also online, der ‚digital divide‚ scheint eine Sorge der Vergangenheit zu sein. Und docht mahnt die Studie, nicht allein das Vorhandensein von PC und Internet als Triumpf zu feiern: „Vielmehr sind heute „weichere Kriterien“ für die Unterscheidung zwischen Nicht und Gelegenheitsnutzern sowie routinierten Nutzern heranzuziehen – nämlich Grad der Medienkompetenz, Nutzungsvielfalt und Anwendungsroutinen.“

Nutzungsvielfalt ist ein wichtiger Punkt – denn was machen wir ‚digital natives‘ nun online? Die Altersgruppe der 14-29-jährigen ist durchschnittlich 168 Minuten pro Tag, also fast 3 Stunden. Viel Zeit für buntes Treiben im Netz. Beschränkt wird sich aber zumeist auf die Standard-Angebote: 80 Prozent senden mindestens einmal wöchentlich eine E-Mail, 95 Prozent nutzen im gleichen Zeitraum eine Suchmaschine, 71 Prozent sind auf Online-Communitys präsent – so die Studienergebnisse (siehe auch Tabelle rechts).

E-Mail versus Facebook

Eine interessante Frage ist, welche Kommunikationswege von den Onlinern genutzt werden. So fand die ARD-ZDF-Onlinestudie 2011 heraus: „66 Prozent der 20- bis 29-jährigen Onliner nutzen Xing, Facebook oder andere Communitys, zu den E-Mail-Anwendern (mindestens wöchentlich) zählen dagegen 81 Prozent (2010: 92 %).“

Während über Facebook in der Vergangenheit also immer wieder philosophiert wurde, jede Entwicklung durch die Medien ging und über die Zukunft der Plattform diskutiert wurde, gab und gibt es im Windschatten noch immer eine Anwendung, die nicht tot zu kriegen ist – die E-Mail.

Jüngst ergb dies auch eine Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW): „Neue, intelligente Smartphones werden dank der Kombination aus Telefonie, E-Mail und sozialer Kommunikation gerade für die Verbraucher attraktiv“, sagte Olav Waschkies, Vize-Vorsitzende der Fachgruppe Mobile im BVDW, dem Branchendienst Meedia. So scheinen soziale Netzwerke sich positiv auf die Nutzungsintensität auszuwirken. Platzhirsch bleibt aber die E-Mail. Auch die Grafik rechts zeigt: Noch immer stehen E-Mails hoch im Kurs – egal ob Internet-Jungspund oder Veteran.

Weiterhin feiert aber auch Facebook in Deutschland große Erfolge: „Facebook konnte die Zahl seiner Mitglieder binnen eines Jahres mehr als verdoppeln. Zum 16. Juli 2011 waren in Deutschland knapp 20 Millionen Menschen auf Facebook angemeldet, dies entspricht rund 24 Prozent der deutschen Bevölkerung.“ Wie es oftmals aber der Fall ist, scheint es auch zu Facebook eine Gegenbewegung zu geben – nämlich hin zu beschränkten Netzwerken, die etwa nur 50 Freunde fassen. Ob sich diese wirklich durchsetzen werden?

Übrigens: Auch Facebook versuchte ins E-Mail-Geschäft einzusteigen. So konnte man seine E-Mail-Adresse mit @facebook.com anlegen. Das sähe laut Unternehmensinfo dann so aus: „Wenn dir jemand eine E-Mail von diesen externen Systemen schickt, geht sie direkt in deinen Facebook-Nachrichten ein. Falls du Nachrichten an externe E-Mail-Adressen schickst, werden diese so wie deine Nachrichten auf Facebook formatiert und enthalten deinen Namen und dein Profilbild zusammen mit deiner Nachricht.“ Über Erfolg oder Misserfolg ist mir leider nichts bekannt. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass viele sich neben ihrem Facebook-Profil und ihrer E-Mail-Adresse (die man übrigens zur Anmeldung bei Facebook braucht) eine zusätzliche @Facebook-Adresse macht.

Freundschaft und Facebook

Wie entstehen Freundschaften bei Facebook? Wie enden sie? Auch dazu gibt es eine Studie, die wenig überraschend sagt, dass wir zu 82 Prozent Menschen aus dem „echten Leben“ als Freunde hinzufügen. 55 Prozent schmeißen Freunde aus ihrer Liste, wenn diese verletzende Kommentare schreiben. Eine Freundschaft baut in den meisten Fällen übrigens auf Gemeinsamkeiten auf, wobei die Einflussnahme auf die Facebook-Kontake gering bis nicht vorhanden ist – bis auf Klassik und Jazz-Liebhaber, die sich anscheinend untereinander beeinflussen, wie eine Harvard-Studie ergab.  Aber Facebook wirft noch mehr Fragen auf: Soll man seinen Chef als Freund hinzufügen? Laut einer Forsa-Umfrage würde die Mehrheit der Deutschen dies nicht tun – und nur 2 Prozent würde selbst die Initiative ergreifen und dem Arbeitgeber einer Freundschaftsanfrage stellen. Das ist vielleicht auch besser so – im November 2011 wurde ein Mitarbeiter von IKEA entlassen, da dieser anscheinend auf Facebook mit der NPD sympathisierte.

 

Im nächsten Teil: Google und die Merkfähigkeit, Wikipedia und die Zukunft der Online-Welt

Foto: flickr/TF28 ❘ tfaltings.de (CC BY-NC-SA 2.0)