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Bike Bridge – eine Audioslideshow

In einer Zeit, in denen uns Medienangebote regelrecht überfluten, ist die Frage, wie man einen journalistischen Beitrag aufbereitet, ganz besonders wichtig. Denn nicht jedes Thema eignet sich für jedes Format. Wie lässt sich zum Beispiel ein Integrationsprojekt anschaulich porträtieren?

Das Identitätsdilemma im digitalen Zeitalter

Von Valerie Heck

Nur noch sehr wenige Menschen sind nicht in mindestens einem sozialen Netzwerk wie Facebook, Instagram oder Twitter angemeldet. Es wird neben der realen eine virtuelle Welt geschaffen, in der der Mensch die Möglichkeit bekommt, sich so zu präsentieren, wie er sein möchte. Doch was bedeutet dies für die eigene Identität? Gibt es noch das eine Ich, wenn im Internet eine Vielzahl virtueller Identitäten aufgebaut werden können?

Ich – Das können viele sein

Daniela Schneider ist Aktionistin für Veganismus, die regelmäßig Beiträge und Artikel zu diesem Thema auf ihrer Facebook-Seite postet. Bei Instagram heißt sie „danispics“, ist Hobbyfotografin und veröffentlicht die schönsten Schnappschüsse aus Alltag und Urlaub. Und bei Tinder ist sie „Daniela“, die gerne kocht und sportlich ist, um mit diesen Eigenschaften die Männer in der Umgebung zu beeindrucken. Es sind drei Namen und drei Identitäten, doch eigentlich steckt nur eine Frau dahinter.

Was im realen Leben nicht denkbar ist, wird in der virtuellen Welt Wirklichkeit, denn das Internet und soziale Netzwerke ermöglichen es, in viele verschiedene Rollen zu schlüpfen oder bestimmte Facetten der Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Man spricht von „virtuellen Identitäten“ und meint damit die Art und Weise, wie Menschen sich selbst in der computervermittelten Kommunikation präsentieren. Gründe für den Aufbau von virtuellen Identitäten gibt es viele.

Zum einen geht es darum, bestimmte Eigenschaften zu betonen, um mehr Akzeptanz im virtuellen Umfeld zu erlangen. Wie Daniela, die bei Facebook ihre vegane Lebensart betont, weil viele Freunde Veganer sind. Bei Instagram stellt sie ihre aktive Seite mit Fotos von Reisen und Ausflügen in den Mittelpunkt. Bei Tinder hebt sie Eigenschaften hervor, die bei Männern gut ankommen könnten. In diesem Fall sind die Grenzen zwischen den Identitäten fließend. Zum anderen ist es durch die Anonymität in Chatrooms möglich, seine wirkliche Identität vollkommen zu verbergen und eine Tarnidentität aufzubauen. Die Person macht sich dünner, erfolgreicher oder attraktiver, um befreit von Vorurteilen und sozialem Druck ernst genommen zu werden. In diesem Fall spricht man von „Selbstmaskierung“: Es wird eine virtuelle Identität konstruiert, die sich stark von der Realität unterscheidet, um etwas ausleben zu können, was im realen Leben nicht möglich ist.

Eine selbstidealisierende Maskerade

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In sozialen Medien wie Facebook oder Instagram ist das virtuelle Ich aber nicht länger eine Maske, sondern eng mit dem Offline-Leben verwoben. Die Alltagswelt wird auf den Plattformen geprägt, wo größtenteils Freunde, Familienmitglieder und Kollegen aus der realen Welt durch Fotos, Videos und Kommentare einen Einblick in das eigene Leben bekommen. Das heißt allerdings nicht, dass die „Freunde“ oder „Follower“ in sozialen Netzwerken die eine „echte“ Identität präsentiert bekommen. Die präsentierte Person hat vielleicht Ähnlichkeit mit der Person in der realen Welt, aber heute ist nichts einfacher als sein Selbstbild im Netz mitzubestimmen oder zu idealisieren. Es geht dabei nicht darum zu zeigen, wer ich bin, sondern um die Frage „Wer könnte ich sein?“. Das Selfie wurde in den letzten zwei Jahren zur vorherrschenden Ausdrucksform dieses idealisierten Ichs, denn darin wird das reale Leben häufig wie auf einer Bühne inszeniert. Wer postet schon ein Foto, auf dem er traurig und alleine auf dem Sofa sitzt? Man zeigt sich in Situationen, in denen man etwas Positives aus dem eigenen Leben mitteilen möchte: „Ich habe etwas Leckeres gekocht“ oder „Ich habe eine wunderschöne Zeit im Urlaub“. Der Trend liegt darin, den eigenen Alltag zu überhöhen und so wird im Internet ein „besseres Ich“ bzw. eine idealisierte Identität geschaffen, die sich aus Status Updates, Fotos und Tweets zusammensetzt.

Insbesondere Kevin Systroms Plattform Instagram, bei der Fotos mit schmeichelnden Filtern verschönert und dann hochgeladen werden können, ist zum Sinnbild der öffentlichen positiven Selbstdarstellung geworden. Instagram liefert nämlich kein gnadenlos ehrliches Bild, sondern schmeichelhafte Bilder, die, laut Alex Williams von der NY Times jeden „ein bisschen jünger, hübscher und Cover-würdiger aussehen“ lassen. Nutzer präsentieren sich und ihr Leben „im Layout eines Hochglanzmagazins“. Leute, die durch das Instagram Profil scrollen, sollen wollen, was du hast. Beeindrucken und Selbstreklame ist hierbei vor allen Dingen bei jungen Leuten das Motto, egal wie die Realität dahinter aussieht.

Virtuelle Anerkennung als Existenzbeweis

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Ist der Urlaub eigentlich wirklich passiert, wenn ich kein Foto vom Strand auf meiner Instagram-Seite veröffentlicht und dazu Feedback in Form von Likes und Kommentaren bekommen habe? Hinter den Fotos, Kommentaren und Videos in sozialen Netzwerken steckt der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, der eng mit der Identitätsfrage verwoben ist. Zugehörigkeit und soziale Akzeptanz sind im Kollektiv wichtig: Nur wenn ich von meinem sozialen Umfeld akzeptiert werde, bilde ich eine Identität.

Der Alltag wird immer mehr vom Nachrichtenstrom in den sozialen Netzwerken bestimmt. Mit Tweets und Instagram-Fotos wird das eigene Dasein bewiesen, denn wer nicht postet, hört auf, zu existieren. Jürgen Fritz, Professor am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik in Köln, schreibt, dass Aufmerksamkeit die Essenz sei, die die virtuelle Welt mit Leben füllt und die Interaktionen ermöglicht. Über Posten wird eine eigene Relevanz geschaffen.

Mit dieser Erkenntnis wird die am Anfang gestellte Frage, ob es überhaupt noch das eine Ich gibt, wenn im Internet eine Vielzahl virtueller Identitäten aufgebaut werden, fast hinfällig. Wer ich bin wird durch das virtuelle Umfeld bestimmt und damit stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt noch eine Identität außerhalb der virtuellen Welt?

Fotos: flickr.com/Zlatko Vickovic (CC BY 2.0), flickr.com/Kroejsanka Mediteranka (CC BY-NC-ND 2.0)

Update completed: Sie sind jetzt vollständig vernetzt

Von Valerie Heck, Miriam Lenz und Anita Mäck

Vollständige Vernetzung, permanentes Einspeisen von Daten und selbstständig miteinander kommunizierende Maschinen – das ist längst kein Zukunftsentwurf mehr. Studenten organisieren den Unialltag über Facebook und WhatsApp. Frischgebackene Mütter tauschen sich in Blogs über Erziehungstipps aus. Familien überprüfen im Urlaub über ein Tablet, ob zu Hause die Tür verschlossen ist. Locked-in-Patienten kommunizieren mit Hilfe von Computern. Sportbegeisterte bekommen immer wieder Werbung für Sneakers, für die sie sich zuvor interessiert hatten. Gesundheitsbewusste überprüfen mit Pulsarmbändern ihre Aktivität.

Es sind alltägliche Kommunikationsmittel und Anwendungen, die zusammenhangslos scheinen, aber zur vollständigen Vernetzung und Profilerstellung führen. Die folgende Artikelreihe beschäftigt sich deshalb damit, was mit uns passiert, wenn wir zunehmend online unterwegs sind, unsere Daten preisgeben und uns auf Maschinen verlassen. Es stellen sich politische und ethische Fragen, wie z. B. wie viel Macht wir Maschinen zugestehen, wie sehr wir uns noch auf unsere eigenen Fähigkeiten verlassen, wie sehr wir zum gläsernen, manipulierbaren Bürger werden und wie sich die Definition von Privatsphäre verändert.

In den kommenden neun Tagen wird täglich ein Artikel veröffentlicht, der eine oder mehrere dieser Fragen behandelt. Das sind die Titel:

  1. Das Identitätsdilemma im digitalen Zeitalter
  2. „Ein Freund, ein guter Freund…“?
  3. Eine Frage der Macht
  4. Die Gedanken sind frei?!
  5. Scrollst du noch oder weißt du’s schon?
  6. Das Streben nach Perfektion
  7. Der errechnete Mensch
  8. Smart Home: Vernetztes Wohnen heute und in Zukunft
  9. Silicon Valley: Die Tech-Elite unter sich

Foto: flickr.com/Sacha Fernandez (CC BY-NC-ND 2.0)

Look Up! – Viral wie ein Katzenbaby

 von Nico Busch

Du glaubst, du bist gesellschaftskritisch? Dir fällt auf, was tausenden Anderen auch schon aufgefallen ist? Dann schreib doch mal ein Gedicht darüber, trag das vor, lass dich dabei filmen und stell das Video ins Internet.

 

Baby, Baby, was ist denn bloß los mit dir?“

Mach es wie Julia Engelmann im Mai letzen Jahres. Der war nämlich aufgefallen, dass es seit 2000 Jahren etwas gibt, dass wir Lethargie nennen. Ein Gefühl der Langeweile und Tatenlosigkeit. Julia Engelmann fühlt das manchmal. Und die weiß, dass du das auch fühlst. Nämlich dann, wenn du daheim auf deiner Couch liegst und plötzlich merkst, dass dein Leben verglichen mit den Lebensentwürfen der Medien oder deiner 600 internationalen Facebook Freunde für immer nur Durchschnitt sein wird. Was die Julia aber nicht verstanden hat, ist, dass dieser Vergleich im Endeffekt bloß konsumgenerierende Einbildung ist. Und deshalb rät sie dir mit ganz viel sprachlichem Pathos in ihrem Video, nochmal so richtig auf die Kacke zu hauen, um am Ende deines Lebens bloß nicht als Langweiler dazustehen. Aus irgendeinem Grund klingt das für dich alles sehr plausibel, was die Julia da sagt. Die ist jetzt immerhin auch schon 21 Jahre alt. Da hat man eben Angst vor der Zukunft. Ja, vor was denn sonst? Du hörst noch irgendwas, das klingt wie „Mal wieder was riskieren“, oder feiern bis die Kühe lila sind, denkst dir YOLO, chillst weiter auf der Couch und fühlst dich bestätigt.

 

 Look Up? Grow up!

Oder dein Name ist Gary Turk. Du bist jung, ambitioniert, schreibst natürlich auch Gedichte (!) und hast auch online einen Namen. Du bist gebildet, aber du hast diesen naiv-optimistischen Forrest Gump-Spirit. Dein sehnlichster Wunsch ist es, irgendwann einmal auf einer Parkbank zu sitzen, Pralinen zu mampfen und glücklich auf dein Leben zurückzublicken, ohne das Gefühl zu spüren etwas verpasst zu haben. Obwohl dir etwa 3300 Menschen auf Twitter folgen, fühlst du dich einsam. Grund genug für dich anzunehmen, dass eine ganze Generation dasselbe Problem hat. Die These von der gemeinsamen Einsamkeit, die die MIT Professorin Sherry Turkle in ihrem Buch Together Alone unserem digitalen Zeitalter schon 2011 unterstellte, machst du unbemerkt zu deiner eigenen, zentralen Thematik deines Gedichts. Melancholische Hintergrundmusik begleitet deinen filmischen Vortrag, der mit einer Liebesgeschichte sein anschauliches Ende findet. Look Up, heißt dein Video und du willst damit sagen: Seht von euren Smartphones auf und stürzt euch ins reale Leben, ihr Langweiler! Deine rhythmischen Reime massieren mehr als 32 Millionen Hirne (Anzahl der Aufrufe des Videos auf YouTube, Stand 09.05.2014). Aber deine Zeilen haben gerade soviel Tiefgang, dass sie die große Masse für vielleicht zwei Wochen in absolute Betroffenheit und Nachdenklichkeit stürzen, ohne durch zuviel Komplexität zu überfordern oder irgendeine Art von Verhaltensänderung zu initiieren. Die Wirkung deines Beitrags ist von jener eines süßen Katzenbabyvideos nicht zu unterscheiden.

 

 

Bei Risiken oder Nebenwirkungen fragen Sie ein virales Video

Egal ob Engelmann oder Turk, was heute an Gesellschaftskritik im Netz viral geht, mutet textlich nicht nur an wie allerfeinster deutscher Pop Schlager à la Unheilig, sondern liest sich auch so: Geboren, um zu leben. Wie wir leben sollen, können Engelmann und Turk so genau auch nicht sagen. Sicher ist scheinbar nur: Überall und in allen Dingen erwartet uns heute das geheimnisvolle Event, die große Herausforderung, die einmalige Chance. Wer sie nicht nutzt, aus dem wird nichts! Was soll einer später im hohen Alter mal erzählen, der in seiner Jugend nichts von Bedeutung erlebt hat? (Engelmann). Und wie soll man die große Liebe finden, wenn man doch ständig auf das Handy starrt? (Turk). Die große Gemeinsamkeit der thematisch unterschiedlichen Beiträge Gary Turks und Julia Engelmanns ist es, dass sie jedem Moment unserer Existenz eine Einzigartigkeit, Gemeinschaftlichkeit und Erlebnisorientierung unterstellen, die wir so tatsächlich weder digital, noch analog erleben und die uns auch in ihrer praktischen Umsetzung schlichtweg überfordern würde.

 

Die mahnende Erinnerung an unser fast vergessenes, romantisch verklärtes, analoges Lebens liegt trotzdem nahe. Sie ist die einfachste und medientauglichste Antwort auf das große Vorurteil der Assozialität durch digitale Kommunikation. Und sie ist alles, was uns technisch-überforderten Hypochondern momentan einfällt, auf unserer panischen Suche nach der großen digitalen Epidemie.

 

 

Fotos: flickr.com/SigfridLundberg  und  flickr.com/Phae (CC BY-NC-SA 2.0)

 

Wer wir sind und was wir wollen: Kommentar von einem weiteren Digital Native

von Sabine Appel

Er sieht aus wie ein deutscher Justin Bieber und seine Geschichte ist nicht ganz unähnlich. Mit seinem Podcast „Mein iPhone und ich“ wurde Philipp Riederle schon mit 13 über Nacht zum Star – er zeigte, wie man das damals nur auf dem US-Markt verfügbare iPhone für deutsche Simkarten knackt. Er hat damit den richtigen Trend erwischt, denn das iPhone boomt und Apple wird zur Trendmarke. Philipp Riederle wird zum bekanntesten deutschen Podcaster, ein Digital Native, der anderen seiner Generation, vor allem aber auch Älteren, die Bedienung von Smartphone und Tablet erklärt – weil er es kann. Und daraus entstand wohl auch die Geschäftsidee, Unternehmen den Umgang mit der neuen Technik, vor allem aber mit Social Media und einer neuen Generation, beizubringen. Mit 18 Jahren nennt er sich Unternehmensberater und schreibt ein Buch, das seine Generation erklären soll: „Wer wir sind und was wir wollen“. Als Teil dieser Generation habe ich das Buch unter die Lupe genommen. Wer sind wir denn nun? Und wollen wir das wirklich?

Die Werbung ist tot, es leben die wilden Behauptungen

Mein Vorsatz, Herrn Riederle und seine Schreibe objektiv zu behandeln, ging in den ersten 50 Seiten schon beinahe über Bord. Die Einleitung ist ein Chaos. Es fehlt Struktur, roter Faden und aufeinandergestapelt werden wilde Behauptungen und Phrasen. Fast jedes Kapitel beginnt und endet mit einem abgedroschenen Spruch. Verallgemeinerungen regieren. Keiner will mehr ein Auto, die Werbung ist tot, wir sind die Besten und Aufgeklärtesten und nichts kann uns blenden. Hin und wieder wird ein Fachbegriff wie das Riepelsche Gesetz eingeworfen, aber irgendwie weiß man nicht, was nun Fakt ist und was Fiktion – alias die subjektive Meinung eines Jungen. Das Schlimmste daran: Der arrogante Tonfall, der teilweise gegenüber den „Alten“ ins Beleidigende übergeht. Reißerische Gedanken für die finale Kritik bildeten sich in meinem Hinterkopf. Aber dann kam… okay, nicht alles anders, aber ein bisschen anders, als erwartet.

Der Hauptteil ist besser. Es ist etwas dran an dem, was Philipp Riederle zu sagen hat. Viele seiner Thesen bleiben naiv, zum Beispiel beharrt Riederle auf der Behauptung, dass klassische Werbung die Generation der Digital Natives nicht mehr beeinflussen könne. Sie dirigieren den Markt mit ihren „Likes“, dass der Markt sie immer noch mindestens genauso im Griff hat wie sie ihn, ignoriert Riederle. Womit er allerdings Recht hat, ist, dass es – vielleicht dank ihrer Generation, Onlinerezensionen und Social Media – einen Trend gibt, in Werbespots weniger zu verführen und mehr zu erzählen. Zu bewegen. Emotionales Storytelling.

Wer sind wir denn nun?

Ein paar Thesen, die Philipp Riederle aufstellt, sind also gar nicht so unangebracht, wie man aufgrund des Tonfalls zunächst annehmen mag. Aber jetzt zum Kern: Wer sind die Digital Natives denn nun eigentlich? Ich wartete vergeblich darauf, dass mir das im Hauptteil irgendwann explizit erklärt wird. Riederle spricht ständig von einem „Wir“, in dem ich mich als Digital Native inbegriffen fühle, aber irgendwie hat man das Gefühl, dass es viel mehr darum geht, seiner Meinung zu sein, als nur mit Computer und Smartphone aufgewachsen zu sein – Letzteres ist meine Definition von „Digital Native“. „Es ist eine Frage der Haltung“, stellt Riederle an einem Punkt fest, und bleibt damit unglaublich vage. Gehöre ich jetzt eigentlich dazu? Eine Antwort darauf habe ich in seinem Buch nicht gefunden, da er tatsächlich an keiner Stelle eine klare Definition liefert.

Manche seiner Verallgemeinerungen bringen mich allerdings dazu, gar nicht unbedingt in dieses „Wir“ fallen zu wollen, genauso wenig wie ich glaube, dass der Großteil der Gleichaltrigen dort hinein passt.  „Wir“ brauchen nämlich zum Beispiel keine Statussymbole ergo Autos mehr, meint Riederle. Dass das neueste iPhone und das Retina MacBook genauso Statussymbole sind wie damals das erste Moped und die getunte Karre, entgeht dem jungen Superhirn komplett. Dabei spricht er ständig von iProdukten. Er verteidigt Smartphone und Co. irgendwann etwas lasch als „Mittel zum Zweck“. Na klar, aber da würde es doch auch ein 5 Jahre alter Dell Laptop und ein Huawei Smartphone tun, oder?! Nein, viele von „uns“ brauchen ihr erstes Statussymbol mit dem Apfel heutzutage schon im Alter von 10 Jahren. „Wir“ sind daher insgesamt  nicht halb so unabhängig, wie Herr Riederle tut. Es ist doch fraglich, ob der Großteil der Digital Natives sich wirklich immer genau über alle Produkte informiert, anstatt auch oftmals Trends zu folgen und einfach das Produkt der beliebtesten Marke zu kaufen.

Der Teufel sitzt bei Philipp Riederles Buch im Detail – oder im Fehlen dessen. Vieles könnte besser definiert sein, er hätte weniger verallgemeinern und stattdessen ein bisschen tiefer blicken sollen. Positiv anzumerken ist, dass einige gute Ideen präsentiert werden, die vielleicht an sich nicht total neu sind; dennoch war es schön, sie zusammengefasst und in verständlicher Sprache zu lesen.

Die Mentalität einer Generation – und ihre Aufgabe

Besonders die Veränderung von (Arbeits-)Zeit und Tagesablauf im Angesicht der Digitalisierung wird gut und ausführlich diskutiert, zwar gespickt mit subjektiver Meinung, aber das ist in Ordnung, so lange es nicht nur Behauptungen sind. Der wissenschaftliche Bezug wird deutlicher, auch die Struktur ist im Hauptteil etwas klarer. Riederle hat über alle wichtigen Aspekte des Lebens nachgedacht; Freizeit, Arbeit, Bildung, Partnersuche, Familie; und sich doch überraschend konstruktiv mit ihnen auseinandergesetzt. Zugegeben, er bietet für das meiste keine endgültige Lösung, aber das kann man auch nicht erwarten, da es sich um gesellschaftliche Diskussionen handelt, die seit Jahren zu keinem Schluss kommen. Was aber rüberkommt, ist Riederles Verständnis der Mentalität einer Generation. Sicher kann man nicht alle über einen Kamm scheren, aber das Bedürfnis nach Substanz und Authenzität, nach Selbstständigkeit und Freiheit beim Arbeiten, trifft die aktuelle Stimmung doch ganz gut.

Dass „wir“ nicht so unpolitisch sind, wie andere Generationen oft behaupten, vertritt Riederle ebenfalls recht überzeugend. Er verteidigt die Nutzung von Social Media auf eine angebrachte Weise, die die Klischees des sinnlosen „Chattens“ und der völligen Öffentlichkeit persönlicher Inhalte widerlegt – Klischees, die sich viele Digital Natives bis heute von Digital Immigrants anhören müssen, die Facebook vielleicht nie betreten haben. Denen möchte ich dieses Buch, oder zumindest ein paar Kapitel daraus, doch tatsächlich mal in die Hand drücken. „Wenn ihr mir schon nicht glaubt, dann glaubt doch dem Typen, der schon Daimler und McDonalds beraten hat“ (Aber passt auf, dass ihr ihm nicht alles glaubt).

 

Bilder: google bilder/Marc Weber (CC-BY-SA-3.0); flickr/frauleinschiller (CC BY-NC-ND 2.0)

„Wir stoßen da in eine Lücke“

von Alexander Karl

Im März dieses Jahres fing alles an: Da gingen die Eimsbütteler Nachrichten online. Nicht ganz Hamburg, sondern speziell der Bezirk Eimsbüttel steht im Zentrum des hyperlokalen Projekts – circa 250.000 Einwohner leben in Eimsbüttel und sind damit eine eigene Großstadt in der Hansestadt. Von Beginn an Teil des hyperlokalen Projekts ist Ada von der Decken, Jahrgang 1984. Nach ihrem Volontariat arbeitet sie nun als freie Journalistin, u. a. für die NDR-Formate ZAPP und plietsch.  – und eben auch als Chefredakteurin der Eimsbütteler Nachrichten.

Im Gespräch mit media-bubble.de spricht sie über Lokaljournalismus, die Akzeptanz von Online-Projekten und die Bedeutung von Social Media.

Ada, Hamburg hat mit dem Hamburger Abendblatt und der Hamburger Morgenpost zwei große Tageszeitungen, 2014 will auch noch die Wochenzeitung Die Zeit einen Hamburger Lokalteil bringen. Wofür braucht es da die Eimsbütteler Nachrichten?

Es gibt jede Menge Kollegen, die über Eimsbüttel schreiben, das stimmt. Aber der Bezirk Eimsbüttel hat über 250.000 Einwohner, gleichzeitig ist der Platz in den Tageszeitungen begrenzt, da es noch mehr über Hamburg und die Welt zu berichten gibt. Aber eine Stadt in der Größe des Bezirks Eimsbüttel hätte sicherlich eine eigene Zeitung. Deshalb gibt es uns.

Was gibt es denn im Hyperlokalen so Spannendes zu berichten?

Alles, was es im Großen gibt, gibt es auch im Lokalen oder Hyperlokalen. Es mangelt hier nicht an Themen, auch nicht an harten Themen. Wir haben aber genauso eine Kolumne über den Tierpark Hagenbeck, da geht es dann auch mal um Halloween im Affenkäfig. Dass ein bisschen Lokalkolorit dazugehört, finde ich absolut schön und sehe es als Bereicherung.

Kürzlich gab Ismaningen Online, ein ähnlich hyperlokales Projekt aus Bayern, kurz vor seinem zweijährigen Bestehen bekannt, gescheitert zu sein. Als ein Grund wird die fehlende Relevanz genannt, durch die keine Anzeigenkunden gefunden werden konnten. Können sich neue Online-Projekte überhaupt gegen etablierte Medien behaupten?

Das war bei uns nie ein Thema. Wir haben uns ganz selbstverständlich als Eimsbütteler Nachrichten vorgestellt, am Anfang noch hinzugefügt, dass wir neu sind. Aber wir wurden immer sofort für voll genommen. Wir stoßen da in eine Lücke. Und das wird beispielsweise von den hier ansässigen Vereinen als sehr positiv empfunden.

„Der lokale Bezug muss da sein.“

Und dabei habt ihr ein breites Spektrum, über das ihr berichtet: Von Hagenbecks Tierpark, über Fußball bis hin zu Politik ist alles dabei.

Ja, aktuell gibt es auch fast jeden Tag einen neuen Artikel – womit wir nach so kurzer Zeit selbst nicht gerechnet hätten. Wir hatten im November etwa 30.000 Seitenaufrufe und würden unser thematisches Spektrum gerne noch erweitern, um etwa über weitere Sportarten berichten zu können. Aber: Der lokale Bezug muss da sein.

Es gibt in Hamburger ja noch weitere hyperlokale Projekte, die sich mit einem Bereich in der Großstadt beschäftigen.

Genau: Mittendrin beschäftigt sich mit Hamburg-Mitte, Wilhelmsburg Online mit der Elbinsel und Elbmelancholie versteht sich eher als Blog und Magazin für Hamburg. Wir haben aber einen gemeinsamen Stammtisch und tauschen uns aus. Wir sind vor allem durch den lokalen Bezug voneinander abgegrenzt, aber kooperieren miteinander.

Aber werdet ihr als Eimsbütteler Nachrichten von Politik und Presseabteilungen von Unternehmen als Online-Projekt überhaupt ernst genommen?

Ja, ich glaube spätestens seit unserer Podiumsdiskussion vor der Bundestagswahl, an der sieben Direktkandidaten unseres Wahlkreises teilgenommen haben. Vielleicht liegt es an unserem Namen – als ‚Eimsbüttel Online‘ wäre es vielleicht schwieriger. Hinzu kommt: Wir arbeiten sorgfältig, das merken sich die Leute.

Siehst du trotzdem Vorteile in einem zusätzlichen Printteil oder wollt ihr ausschließlich online bleiben?

Wir planen derzeit auch eine Printauskopplung um uns bekannter zu machen – auch weil mache sagen: Ihr seid gar keine richtige Zeitung, ihr seid ja nur online (lacht). Online können wir aber all das machen, was wir in der Zeitung nicht könnten: Etwa Videos und Audios einbinden oder verlinken. Wir sehen das als große Spielwiese. Für uns ist da aber wichtig, dass der Medieneinsatz zum Thema passt. Aber der Printteil ist von uns eher als Offline-Werbung gedacht.

„Die Teilbarkeit für Social Media ist wichtig.“

Wenn du die Offline-Werbung ansprichst: Wie sieht es denn mit der Aufmerksamkeit online aus? Wie wichtig ist der Einsatz von Social Media für euch?

Social Media sind für uns als Online-Medium wichtig, klar. Wir haben mittlerweile über 700 Facebook-Fans und veranstalten im Web auch Balkon- und Fotowettbewerbe. Die Teilbarkeit für Social Media ist wichtig, gerade auch bei Artikeln mit einem Service-Charakter. Diese werden zudem gut aufgerufen.

Wenn die Einnahmen nicht durch eine Print-Ausgabe kommen: Wie finanziert ihr euch?

Wir haben Partnerprogramme und orientieren uns damit an anderen Stadteilzeitungen. Lokale Geschäfte können sich bei uns vorstellen, das ist dann als Anzeige markiert. Die Partner wissen aber, dass wir Redaktionelles und Werbung strikt trennen, die Werbetexte werden auch nicht von der Redaktion geschrieben. Für die Anzeigenkunden ist jedoch der Vorteil, dass sie sehr zielgruppenspezifisch in einer hyperlokalen Umgebung werben können.

 

Foto: Özgür Uludag

5 Möglichkeiten, wie Medien und Journalisten soziale Netzwerke nutzen können

von Alexander Karl

Die Zeiten, in denen gesellschaftliche Debatten in der Kneipe um die Ecke stattfinden, sind noch nicht vorbei. Doch mit den sozialen Netzwerken haben sich neue Orte etabliert, in denen diskutiert wird: Seit Wochen ist etwa die Große Koalition, kurz GroKo, ein zentrales Twitter- und Facebookthema. Die klassischen Medien und einige Journalisten haben Twitter und Facebook längst für sich entdeckt – und greifen über diese in die Debatten ein. Doch wofür nutzen Medien, Journalisten und Blogger soziale Netzwerke?

Variante 1: Social Media zur Distribution journalistischer Inhalte

Sicherlich haben nur die wenigsten User Zeit und Lust, alle wichtigen journalistischen Medien wiederholt am Tag zu besuchen. Abhilfe schaffen da die Medien selbst: Spiegel Online, heute.de und Co. sind auf den sozialen Netzwerken vertreten und posten dort ihre Beiträge. Followen die User bei Twitter oder Liken sie die Seiten bei Facebook, bekommen sie die News direkt auf die Timeline. Artikel und Videos erreichen die Nutzer somit da, wo sie sich sowieso befinden: In den sozialen Netzwerken.

Variante 2: Social Media als Themenlieferant und Straßenumfrage

Die Landung eines Flugzeugs im Hudson River oder News der Koalitionsverhandlungen – die Informationen haben die User wahrscheinlich zuerst in den Sozialen Netzwerken erreicht. Bei der Notlandung im Hudson River 2009 war ein Tweet „mit höchster Wahrscheinlichkeit die erste Nachricht überhaupt, die über die Beinahe-Katastrophe von New York in die Welt gesetzt wird“, wie es Spiegel Online formuliert. Bei den Koalitionsverhandlungen waren es die Politiker selbst, die die Öffentlichkeit so auf dem Laufenden hielten. Sowohl die Notlandung 2009, als auch die Twitter-Nachrichten aus den Koalitionsverhandlungen wurden von den klassischen Medien entsprechend aufgegriffen. Die sozialen Netzwerke werden so zum Themenlieferant. Doch nicht nur die Tweets von Politikern werden journalistisch aufbereitet: Auch die Tweets von Otto-Normal-Bürgern werden von etablierten Online-Medien aufgegriffen. Anstatt in Deutschlands Innenstädten Passanten nach ihrer Meinung zu fragen, stellen Journalisten die Tweets und Posts der Nutzer zu einem Thema zusammen – quasi als Straßenumfrage 2.0 (media-bubble.de berichtete).

Variante 3: Social Media als Kommunikator

Die Zeit, in der es sich die klassischen Medien erlauben konnten, auf ihre Rezipienten nicht einzugehen, ist vorbei: Journalisten suchen auf Twitter und Facebook den Diskurs – so fragte die Schwäbische Zeitung ihre Follower beispielweise nach ihrer Meinung zu den Maut-Plänen der CSU. Gleichzeitig können die Medien Fragen der User beantworten und Feedback entgegennehmen. Tweets und Facebook-Kommentare sind damit das Online-Pendant zu den klassischen Leserbriefen. Mit einem großen Unterschied: Sie sind öffentlich und für jedermann einsehbar.

Variante 4: User helfen bei der Recherche

Warum sollten Journalisten nicht unter ihren eigenen Followern oder Freunden nach Unterstützung für Beiträge suchen? Daniel Bröckerhoff fragte beispielsweise Ende November für das Medienmagazin ZAPP um Hilfe über Twitter. Für den ZDFcheck während des Wahlkampfes konnten die User gar bei der Recherche helfen. Dabei wurden die Aussagen von Politikern auf ihre Richtigkeit geprüft, die User konnten die Recherche mit Hinweisen unterstützen.

Variante 5: Journalisten werden sichtbarer

Nicht nur die Medien können sich und ihre Beiträge über Social Media darstellen und sichtbar machen, sondern auch die Journalisten selbst. Sie können ihre Community mit persönlichen Meinungen, Analysen und Linktipps auf dem Laufenden halten und sich damit gleichzeitig selbst nur Marke machen. Gerade für Journalisten, die nicht vor den TV-Kameras stehen, ist das eine Möglichkeit, sich zu präsentieren. Dabei reicht das Spektrum der twitternden Journalisten von BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, über den Mitherausgeber der FAZ Frank Schirrmacher, bis hin zum Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Der SPIEGEL Wolfgang Büchner.

Social Media – das hat diese Übersicht gezeigt – ist von großem Nutzen für den modernen Journalismus. Gleiches gilt natürlich auch für Blogger, die in den sozialen Netzwerken unterwegs sind. Und doch ist klar: Je mehr Medien, egal ob klassische oder reine Online-Medien, die sozialen Netzwerke bevölkern, desto eher droht ihnen die Gefahr, im News-Strom nicht mehr wahrgenommen zu werden. Und dann sind es doch wieder die analogen Stammtische, die das eigentlich Wichtige herausfiltern.

 

Bilder: flickr/lioman123 (CC BY-SA 2.0), flickr/mauricevelati (CC BY 2.0)

Die Zukunft des Buches

von Alexander Karl

Es ist wieder soweit: Vom 14.-17. März präsentiert sich die Buchbranche auf der Leipziger Buchmesse – und mit dabei ist auch die Münchnerin Karla Paul. Seit 2006 bloggt sie auf buchkolumne.de über Bücher, außerdem arbeitet sie seit 2009 bei der Literaturcommunity LovelyBooks.de im Bereich der Redaktionsleitung und des Social Media Managements. Wenn dann auch noch Anfang 2014 ihr Buch „Das Alphabet der Bücher: Bekenntnisse einer hemmungslosen Leserin“ im Heyne Verlag erscheint, wird wohl allen klar werden – diese Frau liebt Bücher!

Mit media-bubble.de sprach Karla Paul über die Bedeutung der Buchmesse im Internetzeitalter, die Trends des Buchmarkts und Social Media bei Büchern.

Karla, die Buchmessen haben in Deutschland eine lange Tradition. Welche Bedeutung haben sie noch im Zeitalter des Internets?

Die Kommunikation findet meistens das ganze Jahr über auf digitalem Weg bzw. telefonisch statt – umso schöner ist es dann, wenn man sich in Leipzig und Frankfurt auch einmal persönlich trifft, wenn man das Zwischenmenschliche pflegen und die Kontakte auch mal bei einem Kaffee vertiefen kann. Hier kann man in kurzer Zeit viele Menschen aus der Branche treffen, sich miteinander vernetzen, Insiderwissen austauschen und was tatsächlich für mich eine große Rolle spielt: Verlage, Autoren und auch die LovelyBooks.de Mitglieder haben ein besseres Gefühl, wenn sie den Menschen, mit dem sie tagtäglich zu tun haben, auch einmal im echten Leben gesehen und kurz mit ihm geredet haben. Man macht sich eben, trotz all der Möglichkeiten via sozialer Netzwerke und Email miteinander in Kontakt zu bleiben, gern auch von Mensch zu Mensch ein richtiges Bild voneinander. Also bleibt die Bedeutung weiterhin sehr wichtig.

Welche Trends gibt es aktuell auf dem Buchmarkt?

Social Reading, Book Discoverability, E-Reader, Epub 3, Selfpublishing – all diese Schlagworte geistern schon seit einigen Jahren bzw. Monaten durch den Raum und es ist ganz klar: alles wird sich verändern. Der Buchmarkt ist im Aufbruch und die Teilnehmer suchen stets nach neuen Möglichkeiten um Literatur an Leser zu vermitteln und sich den Veränderungen anzupassen, sie wenn möglich voranzutreiben. Wir haben uns bei unserem Relaunch auf LovelyBooks.de dem Problem angenommen, wie der Leser in Zukunft online durch Stöbermöglichkeiten neue Bücher für sich entdecken kann, anstatt den Vorgaben und Empfehlungen der Shops zu folgen. Leser wollen wieder mehr entdecken, Geheimtipps (egal ob nun als gebundene Ausgabe oder als E-Book) weitergeben und den Empfehlungen ihrer Freunde folgen – dies wird auf der umgewandelten Plattform alles neu umgesetzt und wir sind sehr gespannt auf die ersten Reaktionen der Branche. Ansonsten wird sicher der neue E-Reader „Tolino“ eine Menge Presse bekommen – ob verdient, das muss sich erst noch zeigen und auch weitere Entwicklungen werden sicherlich erst auf der Messe präsentiert.

Welche Rolle wird Amazon in Zukunft auf dem Buchmarkt – gerade auch im Bereich des E-Books – spielen?

Amazon ist bereits der größte Player auf dem Markt und sorgt für steigende Umsätze im Online-Versandbuchhandel. Trotz der scharfen Kritik aufgrund der Arbeitssituationen bei Amazon wird sich gerade hier wahrscheinlich in den kommenden Monaten noch viel in Richtung des amerikanischen Riesen tun, sollten nicht gerade die Leser hier wieder mehr in Richtung „buy local“ denken. Es gibt zwar mit der Kampagne des Deutschen Buchhandels bzw. des Börsenvereins sowie den Gegengrößen Thalia und Weltbild mit ihrem Tolino Bestrebungen hier wieder mehr Raum einzunehmen, aber ob dies gelingt, dies bleibt abzuwarten. Eins ist sicher – die ersten Leidtragenden sind die kleinen Buchhandlungen vor Ort, denen Amazon Stück für Stück auch aufgrund des wachsenden Ebook-Markts die Existenzgrundlage entzieht.

Wie wichtig sind Internet und Social Media für Bücher? Gibt es da aktuelle Beispiele?

Inzwischen finden die meisten Einkäufe online aufgrund von Empfehlungen statt – d.h. zum Beispiel meine Freunde auf Facebook oder Twitter reden dort über ein Buch und schreiben eine Rezension und da ich diesen vertraue, kaufe ich das Buch eher als wenn es mir über eine Werbung sozusagen aufgedrängt wurde. Wir sehen dies über unsere Facebook-Integration, d.h. wenn ein Mitglied eine Rezension schreibt, dann wird diese automatisch auf Facebook geteilt und so gelangen wiederum dessen Freunde auf unsere Plattform. Aktuell sind auch circa 80-90 Prozent aller Verlage auf den größten sozialen Netzwerken zu finden und auch die Autoren ziehen mehr und mehr nach und suchen dort den Kontakt zum Leser und damit zum Endkunden.

Für wen ist Social Media insgesamt wichtiger: Für Autoren oder Verleger?

Da beide am gleichen Produkt verdienen, ist es auch für beide Gruppen wichtig. Inzwischen wird oft behauptet, dass die Verlage gar dank Selfpublishing ihre Existenzgrundlage verlieren würden, dem muss ich widersprechen. Das was Verlage leisten, d.h. vom Tragen des Risikos, dem Druck, der Verbreitung im flächendeckenden Buchhandel, Presse und Marketing, Qualitätskontrolle und vieles mehr, das ist nur schwer allein zu meistern und ich weiß auch so gut wie kein Beispiel, wo dies nachweislich so geklappt hat, wie es oft und gern in den Medien gehyped wird. Also sollten sich beide online und offline ergänzen und unterstützen und an einem Strang ziehen, damit man mit vereinten Möglichkeiten dem jeweiligen Buch zu einem noch besseren Start bzw. Verkauf verhelfen kann. Inzwischen sind nur Autoren mehr eingebunden und nutzen den direkten Kontakt zum Leser ja auch nicht nur aus Marketinggründen, sondern auch um sich direktes Feedback zum Buch zu holen – was vorher ja nur bei Lesungen vor Ort möglich war. Viele genießen den Austausch sehr und bleiben deswegen auch in veröffentlichungsarmen Zeiten jederzeit gern mit dem Leser in Kontakt.

Welche Tipps hast du für die Nutzung von Social Media bei Büchern?

Das kann man schwer verallgemeinern, oft erarbeiten wir mit den Verlagen zu den jeweiligen Büchern und deren Grundthemen passende Konzepte. Grundsätzlich sollte man als Autor oder Verlag alle Möglichkeiten anbieten, damit die Inhalte möglichst breit und einfach geteilt werden können – z.B. Einbau der Sharing-Buttons auf allen Autoren- und Buchseiten, Integrierung des Social-Reading-Streams im Ebook, die Social Media Accounts des Verlags und Autors überall einbinden und so für den Leser auf allen Netzwerken erreichbar sein. Und dann noch stets authentisch bleiben – auch online entwickelt man ein recht feines Gespür für den Menschen hinter dem Account und trotz aller Bemühungen von Firmen und Marken sich möglichst neutral und glatt zu geben, damit man unangreifbar ist – Kommunikation, d.h. der Dialog funktioniert nur zwischen Menschen und dies sollte man stets bedenken. Wer dann noch die gleichen Regeln für die Offline-Kommunikation d.h. eine sogenannte Netiquette verwendet, der kann eigentlich wenig falsch machen. Und falls es doch noch Fragen gibt – einfach her damit, da ich auch Autoren und Verlage im Auftrag von LovelyBooks.de in Workshops und Seminaren berate und dafür auch jederzeit online zur Verfügung stehe.

 

Foto: Privat

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„Nur gucken, nicht anfassen!“ – Eifersuchtsfalle Social Media

Von Sandra Fuhrmann

„Liebe ohne Eifersucht gibt es praktisch nicht, und in gewissem Maße ist sie sogar positiv“, sagt der Berliner Psychologe Wolfgang Krüger. Eine klassische Situation: Der Partner trifft jemanden auf der Straße und unterhält sich angeregt. „Wer war das denn?“ wird die fast unvermeidliche Frage der besseren Hälfte folgen. Doch wie kann man in sozialen Netzwerken bei zweihundert oder noch mehr Freunden den Überblick über die Kontakte des Partners behalten? Laut einer Studie der kanadischen Psychologin Wera Aretz verstärkt Facebook die Eifersucht in Beziehungen.

„Früher musste ein Partner ja nicht den ganzen Tag Rechenschaft ablegen, mit wem er sich trifft und was er so tut. Heute posten die meisten freiwillig Informationen über ihr Leben“, so Aretz. Gerade diese Öffentlichkeit der persönlichen Informationen ist es laut der Psychologin, die geradezu zum Schnüffeln verführt. Damit werden auch die Partner zum potenziellen Kontrollfreak, die im nicht digitalen Leben kaum zu Eifersucht neigen – die Hemmschwelle sinkt, denn das Spionieren ist einfach und zudem unauffällig. Doch welchen Einfluss hat das auf unsere Beziehungen?

Der Lippenstift am Hemdkragen

Psychologe Wolfgang Krüger ist der Meinung, dass hinter Eifersucht die Angst steckt, verlassen zu werden. Zum einen ist Eifersucht ein Stück weit normal und kann dem Partner zeigen, dass er uns wichtig ist. Nimmt sie jedoch überhand, kann sie eine Beziehung gefährden. Soziale Netzwerke können unter Umständen einen Nährboden für diese Eifersucht liefern, indem sie private Informationen zu öffentlichen machen, die von jedem eingesehen werden können. Die meisten Leute geben diese persönlichen Informationen sogar freiwillig preis. Sie posten ihren Beziehungsstatus, veröffentlichen Bilder ihrer Partys und zeigen jedem, mit wem sie befreundet sind. Was früher der Lippenstift am Hemdkragen war, kann heute ein plötzlich neu auftauchender Freund in Facebook sein oder ein Partybild mit einer unbekannten Schönheit, auf dem man von einem Freund markiert wird. Mit genügend Phantasie und dem entsprechenden Eifersuchtspotenzial können so die heißesten Affären entstehen – wenn auch nur in der Fantasie des Partners.

Die Verführung ist groß – viele Menschen aktualisieren regelmäßig ihren Status, sammeln Freunde und versuchen sich in ihrem Profil möglichst gut zu präsentieren. Ein durchaus legitimes und zuweilen sogar ratsames Bestreben. Gerade für berufliche Zwecke, doch auch im privaten Leben, ist es heute wichtiger denn je, ein wenig Mühe in die Gestaltung seines Online-Auftritts zu stecken. Doch hier sollte differenziert werden: Welche Informationen gehören tatsächlich auf eine öffentlich einsehbare Seite und welche Dinge behält Mann oder Frau doch lieber für sich? Hat der eigene Beziehungsstatus tatsächlich etwas auf der Facebook-Profilseite zu suchen? Geht es jemanden etwas an, mit wem man am Vorabend feiern war? Letztendlich ist es eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss.

Das fehlende Stück Wahrheit

Ein Blick sagt mehr als tausend Worte – das gilt auch für Worte, die sich uns nur in digitaler Form auf dem Bildschirm zeigen. Die kanadische Psychologin Aretz weißt darauf hin, dass ein Stück der Wahrheit im Internet leicht verloren gehen kann. Genau deshalb ist die digitale Eifersucht auch gefährlich. Neuere Erkenntnisse in der Psychologie gehen davon aus, dass 90 Prozent unserer Kommunikation auf der nonverbalen Ebene stattfinden. Das heißt, dass diese Form der Kommunikation einen weit höheren Stellenwert einnimmt, als das, was wir in Form von Worten – ob nun geschrieben oder gesprochen – mitteilen. Verlässt man sich also nur auf digitale Informationen, ist die Chance groß, dass man einem Missverständnis unterliegt. Wer zu Eifersucht neigt, tut gut daran, sich dieses Umstands bewusst zu werden. Ein offenes Gespräch in der realen Welt könnte unter Umständen viel klären.

Das Internet und auch soziale Netzwerke werden immer mehr ein Teil unseres Lebens. Eine Entwicklung, die durch technische Tools wie  Smartphones noch verstärkt wird. Warum also nicht die Regeln des realen Lebens auf die Online-Aktivitäten übertragen? Zumal es ohnehin schwer ist von zwei Welten zu reden, wo unser digitales Leben – heute vermutlich mehr denn je – unser reales beeinflusst und umgekehrt. Ist uns Ehrlichkeit in unserer Beziehung im realen Leben wichtig, dann sollte das auch für digitale Aktivitäten gelten. Und wer seinem Partner in der richtigen Welt vertrauen kann, der kann es mit großer Wahrscheinlichkeit auch online.

 

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Kultur im Netz – Ein Spannungsfeld: „Die Medienindustrie braucht eine Fair-Trade-Debatte.“

von Stefan Reuter

Mirko Gläser betreut mit seiner im vergangenen Jahr gegründeten Plattenfirma Uncle M vor allem Bands aus dem Punkrock-Bereich. Zu seinen Klienten gehören unter anderem die Folk-Punker Flogging Molly und die Urgesteine von Hot Water Music. Mit media-bubble.de sprach er über das Musikbusiness im digitalen Zeitalter.

media-bubble.de: Warum gründet man heutzutage noch ein neues Plattenlabel? Das tägliche Brot ließe sich doch sicherlich einfacher finanzieren.

Mirko Gläser: Das stimmt. Wenn ich den ganzen Tag nur als Berater oder Kreativdirektor in einer Werbeagentur arbeiten würde, dann würde ich mehr verdienen. Aber im Leben zählen für mich auch Dinge wie berufliche Freiheiten,  sein Hobby zum Beruf zu machen oder einfach die Liebe zur Musik. Daher die Labelarbeit, bei der ich viele meiner Kenntnisse einbringen kann und die mich dennoch Tag für Tag immer wieder vor aufregende neue Herausforderungen stellt. Das hält jung! Das Label habe ich ganz bewusst „im Angesicht der Krise“ gegründet, da ich den herrschenden medialen Umbruch als Chance verstehe, mit neuen Ideen und einer anderen Arbeitsweise überleben zu können und in den kommenden Jahren aus dieser Ausgangsposition heraus weiter an Boden gut machen zu können. Die herrschende Digitalisierung der Musikindustrie wird in fünf Jahren endgültig abgeschlossen sein, wenn Cloud-Computing vollständig etabliert ist – im Grunde arbeite ich aber auch heute schon so, als wäre dieser Punkt bereits erreicht.

Könntest du kurz skizzieren, wie der Vertrieb von Musik in der Cloud funktioniert? Die Kunden zahlen eine Abogebühr und können dann von jedem Endgerät aus auf Musik zugreifen. Und Künstler und Labels erhalten dann Entgelt pro Zugriff?

Du beschreibst das richtig: Über unseren Digitalvertrieb und einen sogenannten Aggregator wird unsere Musik in die Datenbanken der Cloud- und Streaming-Dienste von iTunes, Rdio, Spotify, Napster, Deezer etc. eingespeist. Dort gibt es dann unterschiedliche Modelle – entweder die Beteiligung an den Monats-Abo-Einkünften auf Basis deiner Abrufzahlen im Vergleich zu den Gesamtabrufzahlen. Andere wiederum bieten eine kleine Beteiligung an den Werbeeinnahmen der Seite an – oder eine Mischung aus beiden Modellen. Aktuell ist das Streaming/Cloud-Modell für Labels jedoch allenfalls ein Witz. Wir erhalten Abrechnungen teilweise mit bis zu 9-monatiger Verspätung und bräuchten zig Millionen Zugriffe auf einen Track, um eine Band einmal zum Essen einladen zu können.

Du arbeitest seit über zehn Jahren im Musikbusiness. Was hat sich seitdem, neben den Vertriebswegen, noch geändert?

Da gibt es mehrere große Unterschiede. Zum einen waren die Kids früher viel aktiver, haben mehrheitlich in Bands gespielt oder waren selbst als Label oder Magazin aktiv. Heutzutage sind viele Fans nur noch Konsumenten. Dann hat sich natürlich das Kauf- und Nutzungsverhalten geändert. Früher musstest du Musikmagazine lesen, um über Neuheiten zu erfahren, dann in Plattenläden rennen, um dir die Platten anzuhören und danach eine Stunde investieren, um dir die Platte mit schlechter Soundqualität mühevoll auf ein Tape zu kopieren. Heute bookmarkst du dir ein paar Blogs und ziehst dir in fünf Minuten hunderte Stunden Musik auf deinen eigenen Rechner. Das Verhältnis „Geld zu Musik“ und „Zeit zu Musik“ ist dramatisch gesunken und damit auch die Wertschätzung einem einzelnen Song oder einem Album gegenüber.

Du hast gerade von Magazinen gesprochen. Deren Aufgaben, Fans über ihre Lieblingsbands auf dem Laufenden zu halten und auf neue Künstler aufmerksam zu machen, wird zunehmend von social media übernommen. Wie wirkt sich das auf deine Arbeit aus?

Facebook ist für mich Himmel und Hölle gleichzeitig. Himmel, weil ich – zumindest theoretisch – die Möglichkeit habe, multimedial und ohne größere technische und  finanzielle Hürden „One to Many“ mit meinen Kunden zu kommunizieren. Wir bereiten unsere News dort mehrfach täglich online-gerecht auf und können unfassbar schnell Feedback erlangen und unsere Botschaften transportieren. Der Nachteil ist der gleiche: Da viele andere dieses Medium inflationär nutzen, ist die Aufmerksamkeitsspanne der User auf einen Bruchteil gesunken. Wir müssen also tagtäglich immer wieder unsere wirklich wichtigen Nachrichten in teils sehr zeitfressende Aktionen aufbereiten und spannend wiedergeben. Dass viele mittlerweile die Empfehlung einer flüchtigen Internetbekanntschaft über die eines studierten Journalisten stellen und sich von Facebook-Tipps ihres Umfeld treiben lassen, ist bedenklich. Man merkt bei vielen Internet-Hypes, dass nicht die inhaltliche Qualität der Musik sondern die gute Verpackung oder Vermarktung für den Erfolg verantwortlich sind. Die Schere zwischen Substanz und Aufmerksamkeit klafft weiter auf als je zuvor.

Um im Kampf um Aufmerksamkeit einen Vorteil zu haben, setzt du auch auf „trojanisches Marketing“. Kannst du kurz erklären, um was es dabei geht?

Die Idee des trojanisches Marketing stammt von Roman Anlanger. Seine Thesen und Beispiele zum unkonventionellen Vermarkten kleinerer Unternehmungen habe ich auf den Musikbereich adaptiert und festgestellt, dass sich mit dieser Denk- und Arbeitsweise viele alltägliche Probleme von Labels lösen lassen. Komme ich nicht direkt zu meinem Ziel, sprich dem Käufer, weil beispielsweise das Mediennutzungsverhalten sich geändert hat, dann muss ich die Musik eben über einen anderen Einfallswinkel trojanisch zum Kunden bringen. Ich muss im Grunde nicht mehr nur die Musik an sich promoten sondern vielmehr immer wieder auftretende, unterschiedliche Aktionen forcieren, mit denen ich den Kunden erreichen möchte. Das funktioniert! Ein Beispiele sind unsere sozialen und politischen Aktivitäten mit Radio Havanna oder Anti-Flag.

„Diese Leute sind in meinen Augen oft einfach nur noch Zombies.“

Ein Song kostet bei gängigen Downloadanbietern meistens 99 Cent, ein Album auf CD oder Vinyl zwischen 10 und 20 Euro und ein Monatsabo für Streaming-Dienste auch etwa 10 Euro. Wie berechnet man den Wert von Musik, insbesondere unter Anbetracht der Tatsache, dass es Mittel und Wege gibt, umsonst an nahezu alles zu kommen?

Der finanzielle Wert von Musik setzt sich aus vielen Faktoren zusammen: Kreativprozess des Urhebers, beziehungsweise Interpreten, Aufnahmekosten, die Verpackung, die Vermarktung, also die Arbeit des Labels und aller damit verbundenen Kreativen wie Fotografen und Videofilmer und schließlich der Weg zum Käufer. Für ein 08/15 Independent-Album laufen schnell Kosten von fünf- bis zehntausend Euro auf – reine Kosten, da ist noch kein Cent mit drin, mit dem sich ein Musiker den Kühlschrank füllen könnte. Lädst du für 10 Euro ein Album bei iTunes runter, dann kommen unterm Strich circa 4 bis 5 Euro netto beim Label und davon circa 1,50 bis 2 Euro beim Interpreten sowie 80 Cent beim Urheber an. Jeder kann für sich also selbst hochrechnen, wie viele Verkäufe nötig würden, um hier eine fünfköpfige Band plus Manager, Label-Manager und Co. auf Harzt4-Niveau durchzufüttern.

Was muss sich also ändern?

Die Medienindustrie braucht meiner Meinung nach bei diesem Thema eine ähnliche öffentliche Fair-Trade-Debatte wie vor zwei Jahren die Milchbauern: Das, was von den Konsumenten am Ende beim Erzeuger ankommt, reicht nicht zum Leben. Es müssen also mehrere Faktoren eintreten, damit Kulturschaffende langfristig eine Überlebensperspektive haben können. Zwei der wichtigsten Faktoren beim Umdenken des Kunden wären dabei: Erstens, die Ausschaltung des Zwischenhandels bei aktiven Kunden! Ein Kauf eines Albums bei Amazon ist gut. Ein Kauf des gleichen Albums zum gleichen Preis direkt beim Label ist besser! Zweitens, mehr Konsumenten müssen wieder zu Käufern werden! Wenn es uns gelingt, weniger illegale Downloads und gleichzeitig mehr günstige, kostenpflichte Streaming-Abos bei Jugendlichen zu erreichen, dann ist ein großes Umdenken passiert! Ein Zehner für ein Spotify-Abo tun keinem weh, aber bieten den künstlerisch Beteiligten wenigstens ein Minimum an Sicherheit und Überlebensmöglichkeit.

Die Website Bandcamp bietet Musikern die Möglichkeit, ihre Musik dort direkt zu verkaufen. Eine Option ist es, den Fan festlegen zu lassen, wie viel er zahlen möchte. Denkst du, dass sich so etwas allgemein durchsetzen kann?

Ich halte Bandcamp für ein nettes Gimmick, aber nicht für die Lösung der Probleme. Man stelle sich Internet-Geschäfte immer metaphorisch als Laden in einer Fußgängerzone vor: Ein Eisladen bietet dort eine Probeverkostungs-Kühltruhe an und bittet um Spenden bei Gefallen. Ein Bruchteil der Kunden nutzt das und wird im Zweifel immer einen Preis zahlen, der unter dem Preis liegt, den der Händler verlangt hätte. Für eine Probe-Aktion geht sowas bestimmt ausnahmsweise mal klar, aber so mündig Kunden auch sind: Für die langfristige und volle Kalkulation, wie vorher beschrieben, fehlt ihnen halt der Einblick hinter die Kulissen. Eine, wie auch immer geartete, technische oder finanzielle Hürde sollte meiner Meinung nach immer gegeben sein, damit man den Kunden auch vor sich selbst schützt.

Wenn du sagst, man müsse den Kunden vor sich selbst schützen, meinst damit, dass, um bei der Eistruhen-Metapher zu bleiben, die sommerliche Kugel Vanille-Eis das Besondere verliert, wenn man sich gratis damit vollstopfen kann?

Richtig verstanden. Aus eigener Erfahrung sieht das bei mir so aus: Ich habe 2001-2005 als freier Musikredakteur gearbeitet und habe Tag für Tag zwischen 10-30 Promo-CDs erhalten. Was anfangs ein Segen war, hat mit der Zeit mein Hobby, also Musik in Ruhe zu hören und zu sammeln zerstört. Ich habe Jahre gebraucht, um wieder ein Gefühl beim Kauf einer Platte oder CD zu erlangen. Genauso ist es doch auch bei Massen-Sammlern. Kein illegaler Mp3 Downloader kann mir ernsthaft erzählen, dass er sich noch auf eine Neuveröffentlichung freut oder sie tiefgründig hört. Diese Leute sind in meinen Augen oft einfach nur noch Zombies.

media-bubble.de dankt für das Interview. Weitere Informationen zu Uncle M gibt es auf Facebook.

Nächsten Freitag geht es darum, wie unzufriedene Videospiel-Fans über das Internet Druck auf die Entwickler ausüben.

Fotos: Uncle M