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Bike Bridge – eine Audioslideshow

In einer Zeit, in denen uns Medienangebote regelrecht überfluten, ist die Frage, wie man einen journalistischen Beitrag aufbereitet, ganz besonders wichtig. Denn nicht jedes Thema eignet sich für jedes Format. Wie lässt sich zum Beispiel ein Integrationsprojekt anschaulich porträtieren?

Pierre M Krause

„Das Fernsehen ist tot!“

Pierre M. Krause war an der Uni Tübingen als Workshop Coach zu Gast. Was er über die Zukunft des Fernsehens denkt, welche Geheimnisse er rund um das Fernseh-Business verraten hat und wofür eigentlich das M steht, lest ihr hier. 

Endlose Leinwände und digitale Comics

Autor: Marius Lang

Illustration: Henrike Ledig

Mit dem Wandel der Technologie geht immer auch ein Wandel der Medien einher. Der Film hat sich seit seinen Anfängen in einem konstanten Zustand der Veränderung befunden, stets beeinflusst von neuen Technologien zur Produktion, Speicherung und Sendung an die Adressaten. Von den ersten bewegten Bildern der Gebrüder Lumière über den Tonfilm, den Farbfilm, Fernsehen, VHS, DVD und schließlich das Internet und Portale wie Netflix, immer haben technische Neuerungen den Film mit beeinflusst. Dies ist bei dem Medium des Comics nicht anders. Neuere Methoden der Zeichnung, Kolorierung und des Drucks haben den Stil des Comics geprägt und verändert. Und auch das Internet mit all seinen Schwierigkeiten und neuen Möglichkeiten für das Medium trägt dazu bei, dass sich Verlage, Künstler und Leser von Comics immer mehr mit diesem Feld auseinandersetzen. Digitale Comics sind das Stichwort: Einige sehen in ihnen ein Problem, ein Risiko für die Industrie. Andere bleiben optimistisch und sehen gleichermaßen neue Möglichkeiten für die Kunst und den Vertrieb und damit auch für die Leser. Eine gesunde Einstellung, erst recht in einem Medium, dass gerade dieser Tage die Basis gewaltiger Franchises in Film und TV bildet.

Panels auf dem Bildschirm

Nun stellt sich die Frage, was genau Digitale Comics eigentlich sind. Unter diesem Begriff kann man viele verschiedene Formen des Mediums verstehen. Webcomics, die zumeist exklusiv im Netz einsehbar sind, sind dabei eine der populärsten Inkarnationen. Allerdings zählen auch digitale Versionen von Comics dazu, die oft zusätzlich in gedruckter Form erhältlich sind oder waren. In seinem Buch Reinventing Comics befürwortet Scott McCloud, dass wir unser allgemeines Verständnis von Comics nicht in der gleichen Form auf digitale Comics übertragen können, insbesondere, weil digitale Comics nicht denselben Regeln folgen müssen, denen sich das Print-Format unterwerfen muss. So funktionieren viele digitale Comics nicht auf dem Papier oder lesen sich, wenn sie denn in gedruckter Form erscheinen, teilweise oder gänzlich anders. Vielen Zwängen, denen sich klassische Comics unterwerfen müssen, können digitale Comics durchbrechen. Das eigentlich übliche Konzept, nachdem Comics ihre Erzählung Seite pro Seite staffeln müssen, um den Leser zum umblättern zu bewegen, ist in digitaler Form nicht gegeben. Stattdessen könnten diese Comics ihre Panels ewig nebeneinander legen, ein Konzept, welches McCloud als „infinite canvas“ bezeichnet. Digitale Comics stellen somit Künstler wie Autoren, Verlage und sogar den Leser vor andere, neue Herausforderungen, bringen aber auch völlig neue Möglichkeiten des Storytellings und Lesevergnügens mit sich, mit denen es zu experimentieren gilt.

Konzept der Zukunft?

Neue Möglichkeiten bringen oft eine Sache mit sich: Ängste. Auch digitale Comics sind davon nicht ausgenommen. Eine große Angst, die vor allem große Verlage herumtreibt, ist die Furcht vor Profitverlust. Oft vorgehalten ist die Angst, dass digitale Comics die Verkäufe von gedruckten Comics deutlich mindern würden, dass illegale Downloads und Online-Piraterie zunehmen würden. Diese Ängste haben viele der großen Verleger, insbesondere MARVEL, DC Comics oder Image Comics davon abgehalten, bereits früh auf den Zug aufzuspringen und ihre Produkte auch oder teilweise exklusiv online zu vertreiben. Dabei waren die Möglichkeiten bereits sehr früh vorhanden. 2007 wurde die Online-Plattform ComiXology gegründet, ein cloudbasierter Vertrieb digitaler Comics. 2014 wurde der Betrieb von Amazon.com aufgekauft. Dieser Tage bietet die Website eine breite Auswahl an digitalen Comics an, sowohl von großen Herausgebern als auch von kleineren Independent-Verlagen und freien Künstlern und Autoren. Die digitalen Comics sind oft günstiger als ihre gedruckten Ausgaben und der Erfolg von E-Readern und Tablets als ernstzunehmende Alternative zu Büchern spricht ebenfalls dafür, einen ernsthaften Blick auf digitale Comics als Alternative zum gedruckten Comic zu werfen. Doch auch in einer anderen Hinsicht sind digitale Comics für die Welt von besonderer Bedeutung. Was man nicht vergessen darf ist, dass Comics auch Kunst sind. Kunst, die es zu erhalten gilt.

Viele Comics werden im Print nie neu aufgelegt oder sind nur in teuren Kollektionen noch aufzufinden. Doch die digitale Revolution ermöglicht es uns als Lesern, Comics zu rezipieren, die möglicherweise seit Jahren schon nicht mehr gedruckt werden, da ein Vertrieb auf Papier nicht veritabel wäre. Da viele Kosten, für Papier und Druck etwa, bei digitalen Comics wegfallen, stellen diese für Verlage eine durchaus profitable Möglichkeit dar, Comics der Vergangenheit für die Nachwelt und künftige Leser  zu erhalten. Ein weltweit und simpel zugänglicher Tresor, gefüllt mit Geschichten aus der Vergangenheit.

Endlose Leinwand, endlose Möglichkeiten

Es ist freilich schwer zu sagen, was die Zukunft noch für neue Technologien mit sich bringt, die eventuell die Comicwelt erneut revolutionieren. Wichtig ist es, diesen neuen Technologien ihre Chance zu geben und somit möglicherweise neue Wege zu finden, die Welt des Storytellings in Comics neu auszulegen. Ängste, dass das gedruckte Werk deswegen aussterben würde, sind hierbei zwar verständlich, aber sollten niemals im Weg stehen, neue Wege zu gehen und neue Ideen auszutesten. Stattdessen sollten Verlage, Autoren und Künstler sich damit auseinandersetzen, wie man den gedruckten Comic auch in der Zukunft erhalten kann, in Koexistenz mit digitalen Werken. Bücher sind schließlich nicht verschwunden, nur weil E-Books existieren. Und Digitale Comics geben Künstlern neue Möglichkeiten, sich zu verwirklichen. Viele Webcomic-Künstler sind dieser Tage so erfolgreich wie bekannte Comicautoren, eine Leistung, die sie im hart umkämpften Printgewerbe vielleicht nie erreicht hätten.

Digitale Comics haben noch einen weiten Weg vor sich. Doch es ist für alle Beteiligten, Produzenten wie Konsumenten, wichtig, diesen Weg mitzugehen. Scott McCloud sagt, wir sollten digitale Comics mit anderen Augen betrachten als ihre gedruckten Gegenstücke. Doch er bleibt dabei optimistisch, sieht die Möglichkeiten und weniger die Schwierigkeiten. Er plädiert dafür, dass man neue Technologien nutzen sollte, neue Wege der Kunst zu erschließen. Und mit einem Klick können wir völlig neue Comic-Welten betreten.

Empfehlung:

Reinventing Comics: How Imagination and Technology Are Revolutionizing an Art Form – Von Scott McCloud (2000)

Der Online-Student

von Sebastian Seefeldt

Einmal an einer Eliteuniversität zu studieren, das ist der Traum Vieler. Die Webseite Coursera ermöglicht Wissbegierigen weltweit Zugang zu Universistätskursen von Dozenten, die an den Top-Universitäten lehren. Und das auch noch kostenlos. Sebastian Seefeldt besucht online den Kurs „Gamification“, weil er offline nicht genug von Medienwissenschaften kriegen kann. Ein Selbstversuch.

Freie Bildung

„The best courses from the best instructors at the best universities […] for free“. Das ist der Gedanke von Coursera-Gründerin Dephne Koller. In dem TED-Talk, der im Juni diesen Jahres gehalten wurde, stellte sie ihr Projekt vor, das schon damals 650 Tausend Mitglieder umfasste. Heute besuchen 1,8 Millionen Online-Studenten die virtuellen Klassenräume. Und ich bin einer von ihnen.

Durch jenen TED-Talk wurde ich auf die Seite aufmerksam. Zwei Wochen später begann bereits der erste Kurs. Aus den insgesamt 204 angebotenen Kursen wählte ich den Kurs „Gamification“ aus. Mein Dozent, Kevin Werbach, ist zurzeit an der University of Pennsylvania angestellt, eine der 33 Universitäten, die das Projekt unterstützen.

Studentenleben

Sechs Wochen studiere ich an der Internetuniversität. Jede Woche stehen zwei Stunden Videovorlesungen sowie eine Prüfungsleistung auf dem Plan. Doch die Videos rauschen nicht nur im Hintergrund, während ich auf Facebook die neusten Nachrichten aus dem Offline-Studentenleben lese. Die Videos fordern nämlich Interaktion. Alle paar Minuten poppt eine kleine Multiple-Choice-Frage auf, die das Wissen der vorherigen Minuten prüft. Die Fragen fließen zwar nicht in die Benotung ein, beantwortet man sie aber falsch, läuft das Video nicht weiter. Ich will sie trotzdem richtig beantworten.

In der Offline-Vorlesung bekomme ich eineinhalb Stunden zusammengestauchte Weisheit, die viel zu oft, ohne Spuren zu hinterlassen, an mir vorbeizieht. Auf Coursera bekomme ich Wissen in Häppchen. Jedes Themengebiet ist in kleine Einzelvideos von maximal 20 Minuten unterteilt. Habe ich mal etwas nicht verstanden, erklärt mir Herr Werbach die Thematik auch gerne ein zweites oder drittes Mal. Bleibt dann immer noch etwas unklar, hilft ein Blick in das kursinterne Forum. In dieser virtuellen Mensa gibt es zwar kein Essen, aber wichtige Diskussionen mit anderen Kursteilnehmern über den Unterrichtstoff.

Anfangs habe ich 81 Tausend Kommilitonen. In der zweiten Woche sind nur noch 61 % der angemeldeten Kursteilnehmer aktiv. Immer noch ein überdurchschnittliches Ergebnis meint Kevin Werbach in seiner letzten Sitzung. Dass die Anzahl an Kursabbrechern online im Schnitt knapp 50 % beträgt, ist nicht verwunderlich. Virtuell schreibt man sich gerne impulsiv in einen Kurs ein. Am Ende der sechs Wochen erhielten 8280 ein Zertifikat, dass ihre Leistung bescheinigt. Das Zertifikat wird immer dann ausgestellt, wenn mehr als 70 % der Maximalpunktzahl erreicht wurden. Ich gehörte auch dazu.

Virtuelle Universität – reale Leistung

Wer nun denkt, Coursera sei eine Plattform, auf der inflationär Zertifikate renommierter Dozenten verteilt werden, hat sich getäuscht. Die Leistungsansprüche auf Coursera sind hoch. In meinem sechs Wochen habe ich 24 Stunden Onlinevorlesungen gelauscht, vier Tests, zwei kleine schriftliche Abgaben mit jeweils 800 Wörter, sowie eine Abschlussklausur und ein schriftliches Abschlussprojekt mit 1500 Wörtern geschrieben.

Die Tests werden im Multiple-Choice-Verfahren durchgeführt. Bei den schriftlichen Abgaben kommt eine Methode zutragen, die typisch für Coursera ist. Durch das sogenannte Peer-Assessments-Verfahren benoten sich die Studenten selbst. Hierzu bekommt jeder Student die Abgaben von fünf zufällig ausgewählten anderen Studenten. Diese Studenten benotet er dann nach klaren Richtlinien. Zugegebenermaßen hatte ich zu Beginn Respekt davor, Aufgaben anderer zu bewerten, doch die Aufteilung in quantitative (hat der Teilnehmer alle geforderten Punkte behandelt?) und qualitative (hat der Student die Punkte angemessen bearbeitet?) Maßstäbe hilft. Der klare Vorteil der Peer-Assessment-Methode ist, dass der Teilnehmer Einblick in die Lösungen von anderen bekommt.  Mir kam die Benotung der Abgaben fair vor. In den Foren oder in der obligatorischen Facebook-Gruppe stieß man nur selten auf Beschwerden.

Bringt das was?

Die Frage aller Fragen ist natürlich: „Was bringt mir das Ganze?“ Ich kann behaupten, dass ich durch das Seminar Wissen erlangt habe, dass ich offline nicht verfügbar habe. An der Universität in Tübingen gibt es kein Seminar mit dem Titel „Gamification“. Des weiteren bietet Coursera die Chance, Seminare in Psychologie und anderen Fächern zu besuchen, die durch einen NC beschränkt sind. Welchen Wert die Zertifikate im späteren Berufsleben haben, kann ich derzeit nicht einschätzen. Coursera ist in Deutschland noch nicht etabliert, dennoch handelt es sich um ein Zertifikat eines renommierten Dozenten einer Top-Universität.

Würde ich den PC auf Dauer gegen meinen „Real Life Dozenten“ tauschen? Ja. Das Online-Studium war in jedem Fall eine lohnende Erfahrung, da es die eigene Disziplin und Arbeitsmoral fördert. Auch meinem Englisch hat die Online-Uni gut getan, schließlich werden alle Vorlesungen auf Englisch gehalten.  Nicht zuletzt die freie Zeiteinteilung war ein klarer Pluspunkt. So passte sich der Workload meinem Biorhythmus an und nicht umgekehrt.

 

Foto: Copyright Sebastian Luther (CC-BY-NC)

Ein Jahr im Netz

von Alexander Karl

Google verarbeitet jeden Tag etwa eine Milliarde Suchanfragen. 200 Millionen Tweets werden täglich über Twitter gejagt. Und bei Facebook 135.000 Bilder hochgeladen – pro Minute! Unvorstellbare Massen an Informationen werden sekündlich, minütlich, stündlich, täglich und monatlich online verarbeitet. Auf ein Jahr hochgerechnet heißt das: 365 Milliarden Google-Suchanfragen, 73 Milliarden Tweets und etwa 71 Millarden Bilduploads bei Facebook. Hinzu kommen Millionen von Nachrichten und Meldungen, die über jene Onlineportale recherchiert, verbreitet und kommentiert werden. Was bedeutet dies zum einen für die Rezipienten, zum anderen für die Medienmacher und schlussendlich für die Akteure, über die berichtet wird? Ein Jahr online im Blickpunkt.

Ein Jahr online = Ein Hundejahr?

Ein Hundejahr, so heißt es, entspricht sieben Menschenjahren. Und ein Onlinejahr? Ein Onlinejahr ist vor allem eines: Sehr schnell vorbei. Informationen und Daten werden in sekundenschnelle ins Web geschleudert, werden für den Rezipienten schmackhaft garniert und sind bereit zum Teilen mit anderen Usern. Für Digital Natives ist das völlig normal. Doch was früher an Informationen an die Rezipienten durchdrang, war bereits von den Gatekeepern – also Journalisten – gefiltert worden. Diese erhielten ihre Informationen auch schon damals von den Medienakteuren wie Politikern, Unternehmen oder Sportlern, doch das Rad der Zeit drehte sich noch langsam: Das Internet war ferne Zukunft. Mails hießen Briefe und die Zustellung dauerte Tage und nicht Sekunden. Die Rezipienten konnten zu Journalisten durch Leserbriefe Kontakt aufnehmen – aber erreichten mit ihrer Meinung nur selten ein großes Publikum. Die Macht lag bei den klassischen Medienmachern, der Rezipient war nur niederes Fußvolk. Doch diese one-to-many Kommunikation (eine Zeitung, die viele erreicht) ist Geschichte: Wir leben in einer Zeit der many-to-many Kommunikation: Jeder hat die Möglichkeit, seine Meinung an ein Publikum zu richten, etwa über Blogs. Beschließt die Bundesregierung ein Gesetz, sind es nicht mehr nur die Tageszeitung, die am nächsten Tag darüber berichten. Es sind die Online-Ableger der Tageszeitungen, die wenige Minuten später die Meldung bringen. Es sind Blogs, die Einschätzungen vornehmen und bewerten. Und schlussendlich sind es Twitter- und Facebook-Nachrichten, die kommentieren und teilen. In einer Welt, in der sekündlich neue Informationen verbreitet und geteilt werden, ist ein Jahr also eine ziemlich lange Zeit – die schnell vergeht.

Um nur einmal ein paar bunt ausgewählte Themen des letzten Jahres zu nennen: The Voice of Germany erfindet die Castingshow neu, Russland rebelliert gegen die Unterdrückung und Zensur, Bundespräsidenten kommen und gehen, ACTA kommt – und dann doch nicht und BILD feiert 60. Geburtstag. Viele dieser damals breit disktuierten Themen sind innerhalb kürzester Zeit aus den Medien verschwunden. Es ist nicht neu, dass – um im Medienjargon zu bleiben – irgendwann die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Doch längst ist es kein Dorf mehr, sondern die Welt. Und in der lassen sich schnell sehr viele Säue durch die Gegend treiben.

Beschleunigung auf allen Ebenen

Das Karusell, auch Welt genannt, dreht sich gefühlt immer schneller. Ein Grund sind tatsächlich die neuen Medien. Twitter, Facebook und Co. sorgen in kürzester Zeit für die Verbreitung von Nachrichten, Skandalen und schlichtem Gossip. Gefühlt prasseln immer mehr Informationen – und solche, die welche sein wollen – auf den Rezipienten ein. Doch nicht nur er steht unter dem Dauerbeschuss der Meldungen: Medienmacher und Akteure in den Medien ächzen unter der Informationsflut, die über sie hereinprasselt.

Der Rezipient kann, soll und muss aus einer großen Masse an Medien auswählen. So ergibt alleine die äußerst eingrenzende Suche nach „Christian Wulff Bild“ etwa 43.500 Ergebnisse bei Google. Gut möglich, dass sich viele Artikel ähneln. Trotzdem ist die Masse da und der Rezipient muss wählen, welche Meldung er liest, welcher Meldung er vertraut – und somit vielleicht andere Standpunkte ignoriert. Diese Wahlfreiheit, die die Generationen vor den Digital Natives noch nicht kannten, ist einerseits purer Luxus und zeugt von Meinungsfreiheit. Andererseits wird der Rezipient aber immer mehr in die Pflicht genommen, selbst zu entscheiden, was er lesen will oder nicht. Frei nach dem Motto: Du hast die unbegrenzte Möglichkeit dich zu informieren – dann tu es auch!

Der Medienmacher – und hier sind nicht nur Redakteure bei Zeitungen und Online-Magazinen, sondern auch Blogger gemeint – müssen immer wieder die Entscheidung treffen, worüber sie berichten und worüber nicht. Zwar bietet das Internet im Gegensatz zu Zeitungen oder Fernsehen ein nahezu grenzenloses Platzangebot, doch ein Faktor wird immer begrenzter: Die Zeit. Einerseits will man so viel wie möglich mitnehmen. Andererseits bedarf die Berichterstattung einer sorgfältigen Recherche. Zumindest im Idealfall. Denn schnell geraten Falschmeldungen in  Umlauf. Ein Grund: Man will der Erste sein, der etwas verkündet – und manchmal liegt manprompt daneben.

Die Akteure – allen voran die Politiker – versuchen sich seit geraumer Zeit daran, sich dem Druck des Internets anzupassen. Kanzlerin Angela Merkel lässt sich pro Tag 70 SMS auf ihr Handy schicken, um immer und überall auf dem aktuellen Stand über alle Entwicklungen zu sein. Hinzu kommen Pressespiegel, die sie liest sowie Pressekonferenzen, in denen sie ihren Standpunkt deutlich macht und Fragen beantworten muss. Die Politik wird beschleunigt und beschleunigt sich gleichzeitig selbst. Wer global denken und agieren will, muss global vernetzt sein.

Beschleunigung – auch wir sind schuld!

Auch media-bubble.de trägt seit einem Jahr zu dieser Beschleunigung bei. Auch wir versorgen die Rezipienten mit Informationen, fordern von den medialen Akteuren schnelle Antworten, spannende Geschichten und steile Thesen. Eins ist klar: Keiner, weder Rezipient, noch Medienmacher oder Akteur, kann sich dieser Beschleunigung wirklich völlig entziehen. Selbst ein Leben ohne Internet bringt immer noch eine tägliche Informationsflut durch andere Medien. Denn die Welt dreht sich schnell.

Ein Jahr schrumpft deshalb im Rückblick schnell auf seine Höhen und Tiefen – die großen Ausschläge – zusammen. Vergessen werden die Zwischentöne, die aber zum großen Ganzen beitragen. Das gilt für alle: Rezipienten, Medienmacher und Akteure. Die nächste Meldung oder der nächste Skandal kommen bestimmt – aber muss ich man sich deshalb auch darauf stürzen? Vielleicht kann das in Zukunft die Stärke von Blogs werden: Nicht gleich auf den nächsten Hype zu springen, sondern abzuwarten und zu reflektieren.Und vielleicht sogar zu entschleunigen. Denn sonst ballt sich tatsächlich ein Onlinejahr irgendwann zu einem Hundejahr.

Fotos: flickr/ Chris JL (CC BY-NC-ND 2.0); flickr/Theresa Thompson (CC BY 2.0); flickr/an untrained eye (CC BY-NC 2.0)

Social Sitter: Die virtuelle Profilvertretung im Internet

von Pia Neef

Beim Klettern in Patagonien, auf der Geschäftsreise oder in den Flitterwochen- doch was passiert mit dem eigenen Facebook-Profil in dieser Zeit? Ihm droht Vernachlässigung, ja sogar Verlotterung. Für solche Situationen, in denen man einfach keine Zeit findet, sich um seine Profile in den sozialen Netzwerken zu kümmern, weil man durch lästige Pflichten aus der realen Welt davon abgehalten wird, präsentierte eine Werbeagentur die Lösung, die verhindert, dass das facebook-Profil völlig verwaist: die App socialsitter.net .

Der Social Sitter- die Vertretung für das facebook-Profil

Mit Social Sitter kann die digitale Abwesenheit zwar  nicht direkt verhindert werden, aber immerhin verdeckt werden. Die App bietet allen facebook-Usern eine kostenlose Vertretung für ihr eigenes Profil an, wenn man in der realen Welt (gezwungenermaßen) offline ist. Man wählt sich seinen digitalen Stellvertreter aus einer Reihe von Profilen aus. Zur Auswahl steht beispielsweise die gutbürgerliche Hausfrau, die flippige Studentin oder auch der technikverrückte Systemadministrator. Die Erfinder der App haben versucht die Profile der Charaktere so zu gestalten, dass diese die verschiedensten Gesellschaftsmitglieder ansprechen.

Henning Stamm, Leiter der interaktiven Medien der Werbeagentur Kolle Rebbe, berichtet im Gespräch mit media-bubble jedoch, dass weder die flippige Studentin noch die Hausfrau selbst einen Kommentar postet. Stattdessen erledigt das ein Programm, eine Art Redaktionssystem. Die Vertretung im Netz ist eine komplett maschinelle Anwendung. Die Social Sitter existieren in Wirklichkeit nicht, sondern sollen nur einen bestimmten Typus verkörpern. Für jeden dieser Typen gibt es eine Menge von vorgefertigten Posts. Außerdem wurden jedem Charakter Schlüsselbegriffe zugeordnet. Wenn einer dieser Schlüsselbegriffe an der Pinnwand auftaucht, reagiert das Programm darauf und postet einen der vorgefertigten Kommentare.

Wenn man einen Social Sitter engagiert, ist es dem Programm nur erlaubt, Zugriff auf die eigene Pinnwand zu nehmen. Sie bedienen den „Gefällt mir“-Button, kommentieren Beiträge von Freunden, die einem einen Kommentar auf der eigenen Pinnwand hinterlassen haben  und posten Statusmeldungen (hoffentlich im Sinne des Auftraggebers). Man kann sich für nur einen Tag, aber auch für bis zu zwei Wochen vertreten lassen.

Wird der digitale Vertreter bald zum Alltag?

Die App kommt in einer Zeit auf den Markt, in dieser sich viele Menschen Gedanken um ihre virtuelle Identität machen. Unsere Darstellung – und das Leben – im Web wird für uns immer wichtiger. Wir wollen vor späteren Arbeitgebern ein sauberes Profil vorweisen können, trotzdem aber Partybilder posten. Das beides unter einen Hut zu bekommen schwierig wird, ist logisch. Der Blogger Leander Wattig vermutet daher einen Trend zur Zweit-Identität. Egal ob man ein Facebook-Ich oder gleich mehrere hat: Pflege muss sein. Aber muss man dann gleich eine Urlaubsvertretung buchen?

Die Meinungen über die App gehen weit auseinander. Die einen diese Erfindung als einen überfälligen Schritt und als einen neuen Trend. In den Augen von anderen ist die App, wie auch in den Kommentaren auf der Homepage von socialsitter.net, völliger Schwachsinn oder eher eine nicht allzu ernst  gemeinte lustige Idee.

Wenn man sich von einem Social Sitter vertreten lässt, muss man sich im Klaren sein, dass man hier einem Programm Zugang zu seiner persönlichen Pinnwand verschafft und dieses dann auch noch unter dem Namen des Auftraggebers Beiträge von Freuden kommentiert oder Statusmeldungen postet. Jedoch wird jeder von der Profilvertretung verfasste Kommentar oder gepostete Link gekennzeichnet, dass so zumindest auf Social Sitter verwiesen wird. Aus dem Vorstellungsvideo der Social Sitter erhält man zwar einen Eindruck von dem virtuellen Charakter, fraglich ist aber, ob die App wirklich immer im Sinne von einem selbst handelt. Man sollte sich die vorgefertigten Post des jeweiligen Charakter also genau vorher durchlesen, nicht, dass man nach ein paar Tagen digitaler Abwesenheit ein blaues Wundert erlebt, wenn man das erste Mal wieder in seine virtuelle Identität schlüpft.

Lohnt es sich wirklich, nur wegen ein paar Tagen virtueller Abwesenheit einen Social Sitter zu engagieren? Und nur damit die facebook-Freunde nicht anfangen zu glauben, dass man zum Schafe züchten auf eine einsame Farm gezogen ist? Wem ein paar Tage digitale Abstinenz Kopfzerbrechen bereitet und man deswegen im schlimmsten Fall sogar bereit ist seine Flitterwochen abzusagen, sollte diese Angebot in Anspruch nehmen.

Screenshot: socialsitter.net/app/, 20.2.2012

Der digitale Lehrer – YouTube und Co. als Lernplattformen

von Iris Hofmann

„Es ist des Lernens kein Ende.“ (Robert Schumann, deutscher Komponist (1810-56))

Gerade in unserer heutigen Informationsgesellschaft ist klar: Man lernt nie aus, dem Erwerb von Wissen sind keine Grenzen gesetzt. Dazu tragen Technologien wie das Internet bei. Auf unzähligen Websites kann man sich informieren. Ob man nun Informationen zu Themen wie Geschichte und Medizin sucht, sich über Neuigkeiten aus der ganzen Welt informieren will oder einfach nur ein neues Kuchenrezept ausfindig machen will – fast jedes nur denkbare Thema ist im Internet bereits vertreten.

Aber nicht ausschließlich Texte können uns im Internet informieren. Auch Portale wie YouTube, MyVideo oder Clipfish, die für Unterhaltung bekannt sind, bieten eine riesige Auswahlmöglichkeit, durch die man sich neues Wissen aneignen kann.

Lern- & Informationsangebote im Videoformat

Singen, Stricken, Golfspielen oder Arabisch lernen sind nur einige wenige Beispiele von Videoergebnissen, sucht man in YouTube nach dem Schlagwort „Lernen“. Zu allen möglichen Themen sind Videos vertreten. Derzeit besonders beliebt sind Videos, in denen schulische Themen erklärt werden. Bekanntes Beispiel hierfür ist Salman Khan. Khan, von Beruf ursprünglich Hedgefond-Analyst, beginnt seine YouTube-Karriere 2006 damit, Mathematik-Lehrvideos auf YouTube zu stellen. Dadurch möchte er die Nachhilfe, die er bisher seiner Cousine gegeben hat, für die weiteren Familienmitglieder ebenfalls zugänglich machen und ihnen die Möglichkeit geben, die Lektionen wann und so oft sie wollen abzurufen. Seine Videos helfen schließlich aber nicht nur der Familie. Er bekommt viele positive Kommentare und immer mehr Klicks.

Khan gründet ein Lernportal, das immer weiter wie ein soziales Netzwerk ausgebaut wird und nennt es „Khan-Academy“. Nutzer können sich ein Profil anlegen und ihren Erfolg in der Bearbeitung von Aufgaben verfolgen. Inzwischen hat Khan eine Vielzahl an Videos aus den Bereichen Physik, Chemie, Wirtschaft, Geschichte, Biologie und Computerwissenschaften ins Netz gestellt.

Selbst Hochschulen können das Internet nutzen, um ihren Studenten mehr Komfort zu bieten. Zum Beispiel besitzt die Universität Berkeley in den USA einen eigenen YouTube-Channel, über den Studierende Lektionen abrufen und dadurch wiederholen und lernen können.

Jedoch nicht nur Themen, die schulische oder universitäre Bildung betreffen, sind vertreten. Man findet ebenso unzählige Videos zum Lernen von Instrumenten, in denen beispielsweise Gitarrengriffe gezeigt werden, sowie Videos, mit denen man backen und kochen lernen kann. Selbst Videos, die Schmink- und Stylingtipps vermitteln, kommen nicht zu kurz.

YouTube und Co. als Lernportale?

Bieten Videoplattformen im Internet nun wirklich die Möglichkeit zu grenzenlosem Lernen? Es sind unvorstellbare Mengen an Themen vorhanden und obwohl sich die Zahl der Videos und die damit angesprochenen Themenfelder stetig vermehren, ist nicht jedes Thema und jedes Detail als Video zu finden. Meistens sind die Themen sehr gut erklärt und

Auch Stricken kann man online lernen

durch das Videoformat auch bildlich veranschaulicht. Zudem kann man davon ausgehen, dass eine Person, die sich ein Lernvideo absichtlich anschaut, dadurch auch ein sehr hohes Lernpotenzial hat. Das Medium des Videos liegt besonders nahe an der alltäglichen Wahrnehmung des Menschen, denn im Gegensatz zu statischen Bildern muss der Betrachter nicht erst eine Verbindung zwischen den einzelnen Bildern herstellen. Videos können komplexe Sachverhalte darstellen und damit die Informationsverarbeitung des Nutzers effektiver gestalten (Stephan, 2008). Wendet man Lernvideos beispielsweise an, um schwierige Themen zu wiederholen, ist die Chance für ein besseres Verständnis der Thematik hoch, da man sich noch einmal damit auseinandersetzt und dadurch seine Leistung entweder verbessern oder aufrecht erhalten kann (Hager & Hasselmann, 2000). Bekommt man, wie bei der Universität Berkeley, die Möglichkeit, im Internet eine Vorlesung virtuell zu besuchen, hat man die freie Wahl, entweder die ganze Vorlesung zu wiederholen oder nur Teile davon zu vertiefen. Hat ein Student die Vorlesung verpasst, kann er sie ganz leicht im YouTube-Channel nachholen.

Auf der anderen Seite bieten Massenmedien im Gegensatz zu einer Face-to-Face Situation nicht die Möglichkeit, bestimmte Dinge zu hinterfragen und dadurch bestimmte Aspekte detaillierter zu erfahren. Aus einem Video im Internet kann der Nutzer ausschließlich die Information entnehmen, die im Video angesprochen wird. Außerdem bietet das Onlineangebot meist für „digital immigrants“, das heißt die Generation, die nicht bereits mit dem Internet aufgewachsen ist und sich erst darin einfinden muss, Schwierigkeiten. „Digital immigrants“ sind im Gegensatz zu „digital natives“ (Unterscheidung nach Marc Prenzky) noch nicht so sehr an das Internet und dessen Methoden gewöhnt oder bevorzugen schlichtweg die Methoden, die sie auch vor dem Durchbruch des Internets genutzt haben.

 

Foto: Screenshot eliZZZa13/Stricken lernen 1 – Maschenanschlag (20.12.2011)

Kaffee-Nachrichten

von Alexander Karl

„Schreib mir mal bei Facebook“ ist ein Satz, der das klassische „lass uns mal einen Kaffee trinken“ fast ersetzt hat. Denn: Beides ist vollkommen unverpflichtend, gerade dann, wenn es ein unter Bekannten dahingesagter Satz ist. Stattdessen könnte man auch einfach sagen: „Warten wir mal, bis wir uns einmal wieder über den Weg laufen.“ In der Offline-Welt war dies noch relativ unverfänglich (außer, man sagte ihn zu seinem Nachbarn). Da wurde die Kaffee-Sache nur dann eingelöst, wenn man sich tatsächlich über den Weg lief. Das aber passiert bei Facebook nun zwangsweise.

Doch wenn das (positive) Desinteresse aber nicht bei beiden Vorhanden ist, sondern der eine wirklich gerne einen Kaffee trinken gehen würde, stellt sich die Frage: Soll ich ihn wirklich anschreiben?

Und hiermit wären wir bei einer neuen Wachablösung durch Facebook. Die Frage „Soll ich ihn/sie anrufen oder nicht?“ wird heutzutage oftmals durch „soll ich ihn/sie anschreiben oder nicht?“ ersetzt. Beides zeigt aber zweierlei. Zum einen nämlich Interesse am Gegenüber, zum anderen aber auch eine gewisse Schwäche. Denn man wartet nicht, bis man angeschrieben wird, nein, man macht selbst den ersten Schritt. Gut, man könnte das selbstständige Anschreiben natürlich auch als Forschheit oder Selbstbewusstsein auslegen, doch der Punkt auf den ich hinaus will ist:

Warum sind manche Freunde daueronline und manche nie?

Warten die Daueronliner darauf, dass man die Kaffee-Versprechen wirklich einlöst? Flehen sie quasi um ein wenig Zuwendung und wollen uns mit ihrem ständig grünen Licht darauf hinweisen, dass wir uns doch bitte mal wieder bei ihnen melden sollen? Wohl kaum.

Denn in den meisten Fällen sitzen die Daueronliner natürlich nicht die ganze Zeit vorm PC oder Smartphone. Sie gehen zwischendurch auf Toilette, essen, kochen, schlafen, manche arbeiten sogar im richtigen Leben. Aber die eigentliche Frage ist, warum sie die ganze Zeit online sind. Wollen sie damit einfach nur immer verfügbar sein? Oder gibt es ihnen die Möglichkeit bei unliebsamen (Kaffee-) Nachrichten zu sagen: „Du weißt ja, ich bin immer online, aber les die Nachrichten nicht immer sofort. Ich hab geschlafen/gearbeitet/gelesen/…“?

Und auf der anderen Seite des Spektrums die Offliner: Wollen sie sich rar machen, um interessant zu sein? Oder scheuen sie den Kontakt und können daher sagen: „Ich bin so gut wie nie online – deshalb konnte ich auf deine Nachricht von vor zwei Wochen nicht reagieren“?

Und irgendwo dazwischen pendelt der Normalo-User, der ab und an online ist, aber sich fragt, wieso es eigentlich die Extreme gibt. Macht man sich mit der ein oder anderen Art interessanter?

Um den inneren Konflikt des Anschreibens-oder-nicht noch einmal aufzugreifen: Ist es nun besser, auf eine eingehende Nachricht zu warten und damit den längeren Atem zu beweisen oder muss man den ersten Schritt gehen, weil ihn nun einmal einer gehen muss?

Gerade dann, wenn man ein Zweisamkeitsinteresse am Gegenüber hat, stellt sich diese Frage und gerade Männer tendieren dazu, die Frau den ersten (und teilweise auch zweiten) Schritt machen zu lassen. Denn wenn sie es nicht tun und stattdessen selbst die Initiative ergreift, wird man schnell zum Stalker abgestempelt. Tut man es aber nicht, muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, kein Interesse zu zeigen.

Das Internet macht anscheinend doch nicht alles einfacher, denn die multiplen Kommunikationsformen ziehen auch multiple Entscheidungen nach sich. Und so eine simple Entscheidung wie on oder offline/ anschreiben oder nicht anschreiben kann einen Rattenschwanz von Entwicklungen nach sich ziehen. Manchmal wünscht man sich doch das unverfängliche „Lass uns man einen Kaffee trinken“ wieder.

 

teemoe / photocase.com