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Lösungsansätze für die Krise des Journalismus

Die aktuelle Krise des Journalismus bei den etablierten Medienunternehmen wie ARD, ZDF oder der TAZ zu beleuchten und analysieren war ein Ziel für die beiden Medienwissenschaftler aus Tübingen, Panagiotis Fotiadis und Thanh Mai Tran. Mit ihrer Reportage „Journalisten unter Druck – Eine Krise ohne Ausweg“ zeigen die beiden Studierenden mit ihrem Bachelor-Abschlussfilm auch interessante Lösungswege: Wie man mit individuellen digitalen Ideen journalistisch arbeiten und Geld verdienen kann: Handmade digital Journalism.

Die Suche nach dem großen A

Die Suche nach dem großen A

Ob nun in Filmen, Dokumentationen oder Serien, historische Darstellungen haben Hochkonjunktur. Doch ist sie nur ein Instrument, um publikumsansprechende Welten zu schaffen, oder kann aus diesen Formaten auch Wissen gezogen werden? Wir machen uns auf die Suche nach der Authentizität in Serien und TV-Dokumentationen mit historischem Inhalt.

Schwarz-Weiß-Malerei gegen vier Buchstaben

von Alexander Karl

Es ist (mal wieder oder immer noch) en vogue, gegen die BILD zu sein. Wer sich positiv äußerst, dem wird sofort vorgeworfen, mit dem Teufel zu paktieren. Gegen den Pakt-Deluxe, auch bekannt als die Verteilungsaktion der Jubliläums-BILD zum 60. Geburtstag an 41 Millionen Haushalte, konnte man sich wehren. 250.000 Deutsche taten dies und sagten im Vorfeld, dass sie kein Exemplar wollten – das war und ist ihr gutes Recht. Über 40 Millionen taten es demnach aber nicht, bekamen das Blatt und konnten damit tun und lassen, was sie wollten. Doch für BILD-Kritiker scheint diese Art der Meinungsfreiheit nicht genehm zu sein: Sie ziehen es vor, die BILD-Welt weiterhin in schwarz und weiß zu malen.

Ein Geburtstag nach Maß

Ob man die BILD zu ihrem 60. Geburtstag nun lesen wollte oder nicht, konnte tatsächlich jeder selbst bestimmen, auch bereits im Vorfeld. Viele Kritiker des Blatts haben es sich anscheinend nicht nehmen lassen und einmal in die verbotene Welt der großen Buchstaben und noch größeren Bilder geschaut und kamen zu schockierenden Erkenntnissen: Die BILD feiert sich in ihrer Gratis-Ausgabe zum 60. Geburtstag selbst! So heißt es etwa bei heise.de: „Denn das praktisch einzige Thema in dieser Bildausgabe ist die Bildzeitung selber. „The medium is the message“, prophezeite der kanadische Medienphilosoph Marshall McLuhan schon in den 1960er Jahren. Nie war der Satz wahrer als im Angesicht dieser selbstbezüglichsten aller selbstbezüglichen Zeitungsausgaben. „Oder auch der BILDblog. Da steht: „Es war noch viel weniger eine Zeitung, als wir im Vorfeld gedacht hatten, und noch viel mehr ein Werbeprospekt: In fast allen Geschichten ging es um „Bild“. Eine weitere Eintragung ins Guinness-Buch der Rekorde wäre also durchaus verdient: als selbstbezüglichste „Zeitung“ der Welt.“

Stellen wir uns den 60. Geburtstag von Tante Matthilde von nebenan vor. Wird sie Gäste einladen, die sie nicht mag und die sie nicht mögen? Wird sie gerne eine Runde schmutzige Wäsche waschen und sagen, was sie alles falsch macht? Sicherlich nicht. Ferner bedarf eine solche Sonderausgabe für 41 Millionen Leser einer gewissen Planung – seien es die redaktionelle Vorbereitung als auch der Druck der Zeitung. Wer hat wirklich erwartet, dass die Ausgabe einen Tag vorher angefertigt wird und aktuelle Themen behandelt? Zumal eine „normale“, also tagesaktuelle, BILD im Handel erhältlich war.

Wie blind die BILD-Gegner anscheinend auf beiden Augen sind, zeigt sich anhand der äußerst oberflächlichen Berichterstattung, etwa im BILDBlog. Da wird – haha! – ein Bild von einem weggeworfenen Exemplar verlinkt, anstatt sich das grandiose Interview mit Gerhard Schröder einmal genauer anzusehen. Schröder revidiert darin etwa seinen Satz „Zum Regieren brauche ich BILD, BamS und Glotze“. Er kritisert die Griechenland-Politik der BILD, wirft dem Blatt vor, seine Differenzierungen weggelassen und fernab der Realität berichtet zu haben. Zitat Schröder: „Das [die Berichterstattung über ein Portrait von Schröder] war das erste Mal, wo sich BILD – bezogen auf mich – ansatzweise der Realität angenähert hat!“

Wer dieses Interview aufmerksam liest, muss sich doch wundern, was es in diesem Sonderausgaben-Blatt macht. Denn die augenscheinliche Lobpreisung von BILD an BILD stößt in diesem Interview hart an ihre Grenzen und müsste die Frage nach sich ziehen, wieso das Blatt ein so BILD-kritisches Interview überhaupt bringt. Ansonsten ist die Jubiläumsausgabe tatsächlich etwas langweilig und enthält wenig Interessantes, dafür hat bild.de bereits Tage zuvor ins Archiv der Zeitung blicken lassen und Ex-Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust die Geschichte der Zeitung schreiben lassen – und das durchaus kritisch. Vielen, selbst Günter Wallraff, ist aufgefallen, dass die BILD sich Stück für Stück wandelt und öffnet. Zwar sieht der Enthüllungsjournalist das Blatt noch immer in der Rolle des „gemeingefährlichen Triebtäters, der unter ständiger Beobachtung stehen muss“, aber hält dem Blatt etwa die Berichterstattung über den iranischen Musiker Shahin Najafi zu Gute und lobt sogar BILD-Chefredakteur Kai Diekmann.

Kritik ja, aber richtig

Watchblogs und medienkritsche Blogs sind nützlich für unsere Gesellschaft und die Medienlandschaft. Sie sind ein wichtiges Korrektiv. Aber es ist schade und kontraproduktiv, wenn die Gegner der BILD genau das tun, was sie dem Blatt eigentlich vorwerfen: Nämlich Schwarz-Weiß-Malerei, ohne auch einmal die Scheuklappen abzunehmen. Denn sonst erinnert die Aktion von Campact „Roter Umschlag oder Bild? Wir brauchen Ihre Rückmeldung!“ schnell an eine nette Mischung aus „BILD kämpft für Sie!“ und den 1414-Fotoreportern – nur eben mit anderen Vorzeichen. Übrigens – und das sollte man als Gegner der Zeitung eingesteht – beweist Chefredakteur Kai Diekmann in letzter Zeit viel Sinn für Humor und vielleicht sogar Verständnis: Campact-Aktivisten begrüßte er bei der Jahreshauptversammlung der Axel Springer AG im April mit Pseudo-Che Guevara-Shirt und Donuts, die er an die Demonstranten verteilte. Nun konterte er auf eine überdimensionale Rote Karte der Aktivisten mit einer Botschaft, die an jene Ansprache von Hans Leyendecker bei der Henri-Nannen-Preisvergabe erinnert. Man könnte das Gefühl bekommen, dass BILD die Augen nicht (mehr) verschließt. Ein Grund mehr für die BILD-Gegner, wach und offen zu sein.

flickr/mkorsakov (CC BY-NC-SA 2.0), flickr/campact (CC BY-NC 2.0)

Über Pornos und andere Götter

von Nicolai Busch

Selig sind die, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen. Unselig sind jene, die sich Pornos reinziehen, denn sie berauben sich der heiligmachenden Gnade. Aber wahrlich, ich sage euch: Es ist dennoch leichter, sich auf religiösen Websites den Rechner zu schrotten als auf den Seiten der nackten Sünder.

Virenschleuder auf religiösen Seiten

Das bunte Treiben auf Kirchen-Webseiten

Diese Erkenntnis wahrlich biblischen Ausmaßes ist in leicht abgeänderter Form zumindest den Ergebnissen des Internet Security Thread Reports 2011 zu entnehmen, welcher jährlich im Namen der US-amerikanischen Computersicherheitsfirma Symantec erscheint. Hier heißt es: Das Risiko, sich auf religiös-ideologischen Websites einen Computervirus einzufangen, ist dreimal größer, als jenes auf Websites mit pornografischem Inhalt. Eine denkbar unerwartete und dennoch empirisch bewiesene These. Schließlich basiert die Studie auf Daten, welche Symantec im Rahmen der Analyse von Hackerangriffen in mehr als 200 Ländern im Vorjahr gesammelt hatte. Der Grund für das weniger hohe Virenrisiko auf den Schmuddelseiten liegt dem Bericht zu Folge in der häufig kommerziellen Absicht ihrer Betreiber. Man wolle es sich mit den lüsternen Konsumenten schließlich nicht verscherzen und würde deshalb einen virus-freien Aufenthalt auf pornografischen Websites häufig gewährleisten.

Religion im Boulevard

„Sicher haben dahingegen kirchliche bzw. religiöse Einrichtungen, die eine Webseite betreiben, das Problem, dass ihre Webseiten von ehrenamtlichen Mitarbeitern betreut werden. Diese sind in technischen Fragen häufig Laien“; so Bernhard Limberg von der Evangelischen Nachrichtenagentur idea im Gespräch mit media-bubble.de. Dass es in Zukunft Aufgabe kirchlicher Institutionen sein sollte, regelmäßige Sicherheitsupdates durchzuführen und die nötigen Firewalls zu installieren, um die nichtsahnenden User ihrer Website zu schützen, sollte selbstverständlich sein.

So weit so gut. Was das Thema zusätzlich interessant macht, ist die mediale, manipulative Ausschlachtung, die es durch deutsche Nachrichtendienste im Netz erfährt. Mit fast schon süffisantem Tonfall wird dort die Studie zu einem Kondensat zusammengeköchelt, die Religion diskreditiert. “Porno schützt besser vor Viren als Religion“, heißt es da beispielsweise. Der Porno wird – um im Jargon zu bleiben – als Kondom für den Internetverkehr gehypet. Längst ist eine boulevardesk anmutende Reduktion des Sachverhalts in Schlagzeilen Usus im Web.  Mehr noch wird hier aber der moralische Kontrast von Gut und Böse bedient, um leserfreundlich zu polarisieren. Es geht nicht mehr nur um die Ergebnisse eines Berichts über Bedrohungen im Internet, sondern vor allem darum, der Oberflächlichkeit des digitalen Volksmundes endlich ungestraft zu huldigen. Der Leser freut sich über die Steilvorlage, wie die von Administratoren genehmigten Leserkommentare zeigen: “Religion ist ein Virus“, “Guter Sex ist besser als jede Religion“.

Diktatur des digitalen Relativismus

Sex sells – ist nun mal so.

Was sich in der Printausgabe nur ganz gewisse Medien getraut hätten, ist im Netzzeitalter beinah jedem national anerkannten Nachrichtenmagazin zuzutrauen. Der Bruch mit dem Tabu ist dem wohl vielleicht demokratischsten Medium dieser Tage inhärent und nicht länger zu verurteilen. Die kreischende, politisch-unkorrekte Headline gibt den Ton an und versteckt die Inhalte. Der Internetpornografie kommt dieser Umstand zu Gute. Abgesehen von Kinderpornografie gibt es längst keine illegitime Pornokultur mehr, weil sich die Auswirkungen von Pornografie in der Grenzenlosigkeit des Netzes als unabsehbar erwiesen haben.

Die Pornographie ist deshalb netzaffiner als alles andere auf dieser Welt, weil sie gleich ihrem Medium nichts als definitiv anerkennt und als letztes Maß nur das dauergeile Ich und dessen Wünsche gelten lässt. Porno muss sich nicht anpassen an die Diktatur des Relativismus, die das Netz betreibt. Porno ist schon relativ.

Religion ist es noch nicht. Sie widersteht dem Sich-treiben-lassen dieser Zeit. Natürlich unternimmt sie unentwegt den Versuch, sich anzupassen. Wenn möglich, ohne auf den Kern ihrer Botschaft verzichten zu müssen. Doch hin und wieder scheitert diese Anpassung an einer digitalen Erlebnisgesellschaft, die ihr viel zu häufig deutlich macht, wie überholt sie doch im Grunde ist. Auch der klare, christliche Glaube wird dann häufig als Fundamentalismus etikettiert.

Der Missionar als Trojaner

Von diesem Punkt an ist es nicht mehr weit, um, wie Symantec, durch die Verwendung verallgemeinernder Begriffe, wie “religiöse und ideologische Websites“, unabsichtlich für Schlagzeilen zu sorgen, die das Bild des gefährlichen Missionars und Ideologen digital aufbereiten und symbolisch neu besetzen. Es ist das Bild eines Terroristen. Eines Trojaners, der uns die neu gewonnene, digitale Freiheit nicht gönnt.

Da er aber vom Berg herabging, folgten ihm viele Menschen nach. Und siehe, da kam ein Sünder mit seiner verseuchten Festplatte daher und sprach: Kannst du sie wohl reinigen? Und er streckte seine Hand aus, rührte sie an, lachte herzlich und sprach: Now Be Safe Son, Keep On Watching Porn.

Fotos: flickr/knivesout (CC BY-NC-ND 2.0) , flickr/iarahei  (CC BY-NC-SA 2.0)

Fernsehen über sich selbst: „Fatal!“

von Sanja Döttling

Sie toben, sie lästern – und ganz oft geben sie einfach jede Hoffnung auf.  Das Fernsehprogramm der Bundesrepublik sorgt nicht nur bei den Zuschauern, sondern auch bei Fernsehmachern für Verzweiflung.

„Warum verdächtigen Sie mich genau?“ fragt der Atomlobby-Vorsitzende. „Weil das den Zuschauern gefällt“, erwidert die Kommissarin trocken. Kurz darauf, Verhörraum. „Blödsinn! Ich kanns gar nicht gewesen sein!“, ruft der Verdächtige. „Wieso?“ fragt die Kommissarin, und er darauf: „Weil wir erst in der Mitte des Tatorts sind.“

Fernsehen über Fernsehen

Walulis sieht fern – und lässt und Glücklicherweise mitschauen. Gerade: Tatort in 123 Sekunden. In zwei Minuten ein Möchtegern-Tatort, der überraschend genau an das Original herankommt: mit „verkrampftem Sozialkritischen Einschlag“, Product Palcement Produktionshilfe und leeren Requisiten.

Walulis macht Satire über Fernsehen. Im Fernsehen. Wie die Medien selbst, so auch ihre Wissenschaft: Die Medien- und Kommunikationswissenschaften reden ebenfalls gerne über sich selbst. Das nennen Wissenschaftler Autologieproblem und bedeutet „Kommunikation über Kommunikation“. Was im Einführungswerk trockentheoretische Schachtelsätze sind, wird im Fernsehen über Fernsehen zu Unterhaltung, für die man sich hinterher nicht zu Schämen braucht.

Walulis, der Mann mit dem zungenbrecherischen Namen, ist Fernsehmacher – aber irgendwie auch Medienwissenschaftler. Denn er prüft, analysiert und seziert seinen Berufstand ganz genau. Damit folgt er Sendungen wie Switch (reloaded) und Kalkofes Mattscheibe, die schon seit Mitte der 90er dem täglichen Fernsehwahnsinn auf die Finger klopfen. Was neu ist bei Walulis ist die Verbindung von Sketch-Einlagen, die Sendungen gekonnt auf die Spitze treiben, und spaßigen, gleichzeitig aber interessanten Antworten auf die Frage: „Warum?“ Warum, zum Beispiel, schauen wir Hartz IV-TV schlechte Dokuserien, deren Wirklichkeitsgehalt man stark bezweifeln kann? Walulis gibt uns den Grund: Die Abwärtsversicherung. Wir wollen sehen,  dass andere Menschen ärmer, schussliger und dümmer sind als wir selbst.

Die Sketche brechen gerne die sogenannte Vierte Wand, das heißt, dass sich die Figuren ihrer Fiktionalität bewusst werden. Im Fake-Tatort unterhalten sich die flennende Kommissarin und der verraffte Kommissar über Charakterzeichung im Film: „Ich weiß, es bringt die Handlung nicht voran“, sagt sie, schniefend. „Außerdem nimmt es die Spannung raus“, mault er. Und sie: „Is aber wichtig für die Bindung an den Zuschauer.“ Und so sagt die Moderatorin in der von Walulis und Co. gedrehten, satirischen Dokusoap „Landwirt sucht Liebe“: „Es geht lediglich darum, sich an minderbemittelten Menschen zu ergötzen und – Quote natürlich.“

Die Medienkritik kam aber nicht mit Scripted Reality ins Fernsehen, sondern ist so alt wie die Massenmedien selbst. Bertolt Brecht warnte in Bezug auf das Radio schon vor 70 Jahren: „Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.“

Medienkritik – aber lustig

So unterhaltsam wie mit Walulis, Mattscheibe und Switch ist Medienkritik selten. Witz ist nichts, was es im deutschen Fernsehen zu viel gibt. Wenn Witz und Kritik zusammenkommen, schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Philipp Walulis sagt das der Süddeutschen so: „Ich will die Leute unterhalten und ihnen nebenbei ein bisschen Kritik unterjubeln. Nichts ist schrecklicher, als aktiv belehrt zu werden, mit erhobenem Zeigefinger. Eine Sendung muss Spaß machen, sonst bleibt keiner dran.“

Das lehrt uns zweierlei: Erstens: Die Deutschen sind ganz und gar nicht humorlos. Und Zweitens: Der stereotype, dumme Zuschauer ist nicht so weit verbreitet, wie große Fernsehstudios annehmen. Denn wie sonst lassen sich 300,000 Aufrufe des Tatort-Clips und im Schnitt 14 Prozent Marktanteil, also fast zwei Millionen Zuschauer bei der werberelevanten Zielgruppe, für switch reloaded erklären?

Denn satirische Fernsehsendungen, wie switch reloaded machen furchtbares Fernsehen wieder unterhaltsam, denn es gibt auch im Altbekannten viel Neues zu entdecken: Die FAZ schreibt : „Die Hingabe ihrer Macher an das von vielen verachtete, gegen seinen Bedeutungsverlust kämpfende Fernsehen hat durchaus etwas Altmodisches: Sie schauen so genau hin wie sonst fast niemand mehr.“ Denn ja: Fernsehen kann Spaß machen. Nur ernst nehmen sollte man das Programm nicht. Wem bei Diskussionen über den Zuckergehalt von Bioprodukten dennoch die Haare zu Berge stehen, der kann sich an den Kindermoderator Peter Lustig halten, der die beste Lösung für Fernseh-Probleme hatte: „Abschalten„.

Foto: flickr/Thomas Hawk (CC BY-NC 2.0)

Dschungel – und jeder schaut zu. Ein Plädoyer.

von Alexander Karl

Ja, ich gestehe: Ich schaue das Dschungelcamp. Mehr noch: Ich schaue es mit Freude! Ja, ich gebe ganz offen zu: Ich mag es, gescheiterten Pseudo-Schauspielern/Musikern/Models/Selbstdarstellern/Alleinunterhaltern/Fußballern/Rabenvätern zuzusehen, die für maximal zwei Wochen von RTL dafür bezahlt werden, in Australien zu leben. Und damit bin ich auch nicht alleine. Denn 6,5 Millionen andere tun es mir gleich und ergötzen sich über… ja was eigentlich?

Warum Dschungelcamp?

Dschungel – dieser hier aber ohne Camp.

Warum schaut man eigentlich „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“? Wegen der mehr oder weniger bekannten Promis? Dieser Hut ist sowas von alt, aber noch immer nicht aus der Mode. Natürlich leben im TV-Dschungel weder Dieter Bohlen, Veronica Ferres oder sonstige A-Klasse-Promis. Zum einen sind sie dafür (noch) zu gut im Geschäft, zum anderen wäre es auch langweilig. Wir wollen gescheiterte Existenzen sehen, wir wollen von oben herab auf diese Gruppe schauen, die Schulden haben, einfach mal wieder im Fernsehen sein möchte oder warum auch immer sie ins Camp ziehen. Wer will denn schon Sigmar Gabriel, Angela Merkel und Christian Wulff dabei zusehen, wie sie politisch korrekt, humorlos und als Vollprofis Bohnen zubereiten und jeden Kommentar vorab auf die Goldwaage legen?

Doch neben der Befriedigung des menschlichen Voyeurismus wäre da noch etwas, was im Dschungel nicht zu kurz kommt: Die unglaubliche Spitzzüngigkeit von Dirk Bach und Sonja Zietlow. Sprüche wie „Wenn du bei Google ’nackt‘ eingibst, dann kommt da ‚Meinten Sie Micaela Schäfer‘?“ oder „Wenn man die Narben von Micaela sieht, dann hätte man ihr sagen sollen, dass Doktor in Polen ein ganz normaler Vorname ist“ gehen unter die Gürtellinie – aber das weiß jeder der Promis, der sich nach Australien fliegen lässt. Gerade auch bei Micaela Schäfer, Ex-Germany’s-next-Topmodel-Kandidatin, erweckt den Anschein, dass sie ihr Image ganz bewusst pflegt. Wieso sonst würde sie Unterwäsche tragen, die eigentlich zu unrecht als solche bezeichnet wird? Das Dschungelcamp ist, wie Dirk Bach sagt, die Vermittlung von Langzeitarbeitlosen – und das vielleicht sogar erfolgreicher, als es das Arbeitsamt schaffen würde. Ross Anthony, ehemaliger Popstars-Castingband-Sieger, kann davon ein Lied singen: Seit seinem Sieg im Dschungelcamp ist er – wie andere auch – dick im Geschäft.

Doch sich nur über die Pseudo-Stars lustig zu machen, wäre für Zietlow und Bach zu langweilig – sie schießen gegen alle und jeden. So sagte Zietlow: „Das war unsere teuerste Dschungelprüfung, die wir uns auch nur deswegen leisten konnten, weil uns ein befreundeter Unternehmer 50 000 Euro reingepumpt hat.“  Darauf Bach: „„Danke, lieber Herr Maschmeyer! Er hat wohl gedacht, ,Fahrstuhl zur Hölle‘ wäre das neue Buch vom Bundespräsidenten.“ Auch die miesen Quoten von Harald Schmidt werden veralbert, das ZDF und schlussendlich natürlich auch man selbst. Denn ohne Selbstironie kommen Bach und Zietlow nicht aus.

Offenheit und Ehrlichkeit

Nein, das Dschungelcamp ist nicht die Tagesschau, aber das soll sie auch gar nicht sein. Über die Sinnhaftigkeit eines solchen Promi-Zeltlagers darf gerne debattiert werden, Fakt aber ist: Es wird geschaut. Und nicht, weil die Prüfungen exorbitant ekelig, die Stars unglaublich spannend oder das Konzept innovativ ist – sondern, wie das Hamburger Abendblatt schreibt, die Show herrlich offen und ehrlich ist. Wenn Ex-Tic-Tac-Toe-Sängerin Jazzy sagt „Ich bringe gerade keine CD raus, ich drehe keinen Film, und trotzdem bin ich hier“ oder Vincent Raven, Sieger von The-next-Uri-Geller, nach dem Fall in eine Brühe aus toten Tieren von sich selbst angewidert ist und meint: „Ich bin nicht in Scheiße gefallen – ich bin Scheiße, verstehst Du?“ dann ist das einfach nur ehrlich. Wenn Momo-Darstellerin Radost Borkel mit Brigitte Nielsen darüber redet, wie sie an die falschen Männer geraten sind oder Vincent Raven sich weigert, „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ zu sagen, weil er sich nicht als Star sieht, dann ist das, genau: ehrlich. Und toll. Mit den Worten des Hamburger Abendblatts: „[D]as sollte mal einer wagen, der auf der „Wetten-dass“-Couch Platz nimmt.“

Richtig ist das. Und all jene, die sich als zu intellektuell und über den Voyeurismus erhoben sehen, den sei erneut mit den Worten des Hamburger Abendblatts gesagt:

Es gibt Gewinner, Verlierer und Opfer. Samuel Koch ist so eines, der sitzt jetzt querschnittsgelähmt im Rollstuhl. Wer das alles (als Zuschauer) unerträglich findet, sollte es trotzdem wissen, wenn er seinen Fernseher für die „gute“, für die unschuldige weil saubere Unterhaltung einschaltet.

Übrigens: Aktuelle Zahlen belegen, dass gerade bildungsaffine Menschen das Dschungelcamp schauen – teilweise sogar eher als die Tagesthemen.

Foto: flickr/WohinAuswandern (CC BY 2.0)